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So buchstabiert man Erfolg

 

Über die Jahre (56): Mit ihrem Album „Hysteria“ zeigten die Hardrocker von Def Leppard, was Studiotechnik 1987 leisten konnte. Es verkaufte sich weltweit 18 Millionen Mal


Cover
 
Def Leppard – Rocket
 
Von dem Album: Hysteria Mercury/Universal 1987
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Robert Lange ist ein seltsamer Kerl. Es heißt, er sei Vegetarier, lebe ein strikt durchgeplantes Leben in der Schweiz und meditiere gerne. Interviews gibt er keine. Seine Freunde nennen ihn Mutt, die Promenadenmischung – wohl weil er im heutigen Sambia geboren wurde, seine Mutter aus Deutschland kommt und sein Vater aus Südafrika.

Robert Lange ist Produzent. Einer, der aus den Studiogerätschaften alles rausholt. Ende der Siebziger feilt er solange am Klang der australischen Rocker AC/DC, bis dieser in die Hitparaden passt. Kurz darauf bügelt er die Band Foreigner noch glatter, als sie ohnehin schon ist. Er arbeitet mit den Boomtown Rats, den Cars, Loverboy – kurz: die Liste der von ihm produzierten Musik gleicht dem Tagesprogramm von NDR 2. Alles bombastisch, alles seicht, alles konsumierbar. Seine Markenzeichen: Hall, Hall und Hall.

Anfang der Achtziger trifft Mutt Lange die Band Def Leppard und nimmt mit ihr drei Alben auf – Minus mal Minus wird Plus: Fünf schmierige Möchtegernrocker aus der Arbeiterstadt Sheffield, die von Iron-Maiden-Fans bei Festivals mit Müll beworfen werden, treffen auf den Mainstream-Produzenten schlechthin. Was zu einer ästhetischen Katastrophe hätte geraten können, mündet in zwei fantastische Rockalben, Pyromania und Hysteria.

Pyromania klingt im Jahr 1983 noch ein bisschen rumpelig, ungeschliffen – Hysteria dann ist der letztgültige Ausdruck dessen, was Studiotechnik anno 1987 leisten kann. Jedes Tönchen sitzt, jeder Effekt passt. Dieser unbedingte Wille zum Bombastischen, die wimmernden Männerchöre, verhallte Alleingänge des Schlagzeugs, gezwungen kreischende Gitarre – die Konsequenz, mit der Mutt Lange Def Leppards Rock toupiert ist beeindruckend. Beeindruckend auch, wie gut deren mehrheitlich soliden Kompositionen die Fönwelle steht.

Heute klingt der Gestus auf Hysteria naiv, fast ein bisschen schmerzhaft. Def Leppard? Schmunzeln. Und dann, immernoch: Rocket hat einen großartigen Refrain, Love Bites stellt jede andere Powerballade in den Schatten. Und Pour Some Sugar On Me ist großmäulig, beinahe hilflos sexistisch. Welchen Blödsinn Joe Elliot da schmachtet: „Sometime, anytime, sugar me sweet, little miss innocent sugar me. / I’m hot, sticky sweet, from my head to my feet.“ Ähm, yeah!

Doch so buchstabiert man E R F O L G: Pyromania wird sechs Millionen Mal verkauft. Beinahe erreicht das Album die Spitze der US-Hitparade – nur Michael Jacksons Thriller steht ihm im Weg. In ihrer Heimat England kommen Def Leppard nicht so gut an. 18 Millionen Mal geht Hysteria weltweit über den Ladentisch und bleibt drei Jahre lang in der US-Hitparade, sieben der zwölf Lieder kommen außerdem als Singles in die US Hot 100. Bei den American Music Awards 1989 werden das erste und einzige Mal Preise in den Kategorien Favorite Heavy Metal Artist und Favorite Heavy Metal Album verliehen, beide an Def Leppard.

Erfreuen kann sich die Band daran immer nur kurze Zeit. Jeder Platte folgt ein Schicksalsschlag. Am Silvesterabend des Jahres 1984 rast der Schlagzeuger Rick Allen mit seiner Corvette in eine Steinmauer und verliert seinen linken Arm. Er lässt sich ein Schlagzeug bauen, das ihm ermöglicht, den Arm mit Hilfe zusätzlicher Beinarbeit zu ersetzen. Im Januar 1991 stirbt der Gitarrist Steve Clark an einer Mischung aus Alkohol und Medikamenten gegen seinen Alkoholismus. Und nach Def Leppards nächstem Album Adrenalize ist die New Wave Of British Heavy Metal plötzlich verebbt und Grunge das neue Ding.

Mutt Lange hat sich nach Hysteria auf dem Höhepunkt seines Erfolgs mit Def Leppard verabschiedet und bringt nun andere Künstler zum Hallen. Bryan Adams‘ Waking Up The Neighbours klingt, als habe Def Leppard einen neuen Sänger. Die Nachbarn schlafen ob dieses Geseiers eher ein. Und dann: Michael Bolton, The Corrs, Nickelback, Backstreet Boys, Celine Dion. Mutt Lange kennt keine Skrupel. In den letzten Jahren arbeitet er meist mit Shania Twain, von ihr wird er im Jahr 2008 nach 14 Ehejahren geschieden.

Mit wem er in Zukunft zusammenarbeitet? Der Dudelfunk wird’s uns verraten.

„Hysteria“ von Def Leppard ist 1987 bei Phonogram erschienen. Zum zwanzigjährigen Jubiläum erschien eine Deluxe-Edition mit einer Bonus-CD bei Mercury/Universal.

Alle bisherigen Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE finden Sie hier »

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