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Funkraketen mit Rucolaantrieb

 

Damon Albarn kann nicht still sitzen: Rocket Juice & The Moon heißt seine neue Allstarband. Tony Allen, Flea, Erykah Badu und viele andere jammen mit ihm um die Wette.

Damon Albarn, Tony Allen und Michael Flea Balzary (© Tom Sheehan)

Wie sich die Zeiten ändern: Mit Blur und den Gorillaz soll es bald vorbei sein, dafür ist Damon Albarn jetzt mit seinem einstigen Erzrivalen Noel Gallagher befreundet. Für Abwechslung ist der 44-jährige Engländer immer zu haben. Das beweisen zig Gastauftritte, Remixe, Soundtracks, Opern und das Projekt The Good, The Bad & The Queen. Unlängst hat Albarn sogar das neue Album des großen Soulmanns Bobby Womack produziert.

Seit gut zehn Jahren ist Afrika eine weitere Leidenschaft des Londoners, in Mali und Kongo hat er bereits Alben mit lokalen Musikern eingespielt. Nun ist der Afrobeat dran. Zusammen mit Flea, sonst Bassist der Red Hot Chili Peppers, dem nigerianischen Schlagzeuger Tony Allen und mehr als einem Dutzend Gästen hat er ein groovendes Funk-Monster geschaffen, das eigentlich gar kein Album ist. Vielmehr eine kunterbunte Jamsession, die sich über achtzehn Tracks erstreckt.

Tony Allen, der gemeinsam mit Fela Kuti den Afrobeat und später allein den Afrofunk erfand, sorgt für das polyrhythmische Fundament. Ohne großes Getue beweist er, dass er auch mit Anfang Siebzig noch zu den genialsten Schlagzeugern der Welt zählt. Und dass in Flea auch der Name Fela steckt, kann kein Zufall sein. Was für eine virtuose Rhythmusgruppe, über die Albarn seine Stimme, Keyboards und Gitarren legen darf.

I wish you well on your journey to the sun„, singt die Neo-Soulkönigin Erykah Badu in Hey, Shooter und die Füße wollen einfach nicht stillstehen. Flea slappt, jemand klatscht in die Hände, Tony Allen spielt trockene Breakbeats und obendrüber bläst das neunköpfige Hypnotic Brass Ensemble. Zu den Gastmusikern zählt auch die wunderbare malische Sängerin Fatou Diawara. Mit samtweichem Ausdruck singt sie auf Bambara, M.anifest aus Ghana rappt dazu auf Englisch über iPads und Malaria. Ein Auto gibt Vollgas, die Synthesizer piepsen und das Ride-Becken schwingt.

In Poison steht Albarns Gesang so sehr im Vordergrund, dass der Song fast von Blur sein könnte. Tony Allen und Flea schalten zwei Gänge runter und im Keyboard sind die Batterien so gut wie leer. Woanders liefern sich Albarn und Cheick Tidiane Seck ein minutenlanges Synthie-Battle, mal mit, mal ohne Talkbox. Einmal geht es sogar Richtung Dub, supertiefer Basslauf inklusive. Mehr als die Hälfte der Tracks sind kürzer als drei Minuten, wirken mehr wie Ausschnitte aus längeren Jams. Das ist aber nur dann ein Problem, wenn man sich klassische Songstrukturen wünscht.

Albarn hält sich meist zurück, bleibt hinter seinen Keyboards, die er mal orientalisch, dann wieder mehr nach Jamiroquai oder Kraftwerk klingen lässt. In Fatherless erinnern sie an eine Kreissäge, während die Gitarre den Hip-Hop-Klassiker La Di Da Di zitiert. Am Ende gipfelt alles in einer Mischung aus Bläsern, Krautrock und psychedelischen Space-Age-Klängen.

Wer sich jetzt fragt, was das Ganze überhaupt soll, für den ist Rocket Juice & The Moon sicher nichts. Allen anderen sei die verrückte Reise durch diesen westafrikanischen Funk-Jam-Kosmos wärmstens empfohlen. Das bevorstehende Ende von Blur und den Gorillaz hat auch sein Gutes: Damon Albarn hat jetzt mehr Zeit für Projekte wie dieses.

„Rocket Juice & The Moon“ ist erschienen bei Honest Jon’s/Indigo.

 

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