Und nochmal Mitleid für Gunnar Schupelius

Mensch, das könnt ja glatt eine Serie werden. Der pöse, pöse Herbst! Die pösen, pösen Plätter! Das pöse, pöse Laub. Doch lesen wir selbst:

In meiner Gegend […] liegen meterhohe Blätterberge. Seitdem das erste Blatt gefallen ist, hat hier noch niemand das Laub abgefahren. Wir rutschen hier auf den zu Brei getretenen Blättern herum und bleiben mit unseren Autos in Laubhaufen stecken, die am Straßenrand aufgetürmt worden sind. Diese Haufen nehmen uns Parkplätze weg.

Also diese Natur! Nimmt einfach den Autos die angestammten Parkplätze weg! Was für eine unfassbare Frechheit! Meterhohe Blätterberge, ein Wahnsinn! Dass die Blätter da gar nicht wegfliegen sondern aufgestapelt liegenbeiben! Und: mit welchen Autos man ernsthaft in Laubhaufen steckenbleibt(!), wüsste ich auch gerne. Oder fährt Gunnar S. des Abends heimlich mit dem Bobbycar? Na? Aber es kommt noch dicker:

Abends suche ich 10 bis 20 Minuten lang nach einem Parkplatz. Wenn ich dann endlich eine Lücke sehe und da liegt so ein Laubhaufen drin, dann könnte ich heulen.

Das schreibt er wirklich, das ist nicht erfunden. Man kann es noch den ganzen Tag lang hier nachlesen. Sagenhaft. Wenn das so weitergeht, dann müssen wir wirklich eine neue Bleibe für Gunnar finden. Erst die pöse Haltestelle, dann die pösen Laubhaufen, also wirklich, ich finde, Berlin soll sich mal zusammenreißen und strammstehen! Es wird doch wohl möglich sein, dass Herr Schupelius irrrrrrrgendwo einen Parrrrrrrkplatz kriegt?!

 

Dass…

…die Wartezeiten an der Kasse bei einer Vielzahl der Berliner „PLUS“-Filialen unerträglich lang sind, das ist ja schlimm genug. Dass die Waren dort dermaßen erratisch sortiert sind, dass man ein simples Kilo Zucker nur nach viertelstündlichem Suchen findet, geschenkt. Dass man vergangenen Freitag Mittag in der Filiale am Breslauer Platz keine zweite Kasse eröffnete, obwohl 15 Leute in der Schlange standen, nun ja, es sei. Dass sich dann aber ein Mitarbeiter seitlich vordrängelt, um an der Kasse seine Pausen-Atzung (1 Liter Cola, Schachtel Marlboro, Snickers) per Personalrabatt zu bezahlen, das ist dann schon weniger schön. Dass er dann aber dabei noch ein T-Shirt in blau-orange trägt, auf dem geschrieben steht: „PLUS – wir werden Sie begeistern“ – das hat nun wirklich eine ganz eigene Rasanz.

 

Abräumen!!

Dieses Steglitz ist schon ein bisschen wundersam. Da gibt es das Forum Steglitz und das gigantische neue Einkaufszentrum am Rathaus Steglitz. Als wenn das nicht genug wäre, hat man jetzt auch noch neben das Forum Steglitz ein drittes Einkaufszentrum hingepappt, nämlich das Schloss-Straßen-Center. Und dieses Schloss-Straßen-Center hat unten so einen italienischen Eisdielen-Pizzeria-Kombi-Laden. Da gibt es sehr appetitlich aussehendes Eis und sehr sehr appetitlich aussehende Pizzen. Gestern aß ich eine der Pizzen, die da direkt von Pizzameter (ein Freund des Hexameters!) abgesäbelt werden und trank einen Espresso. Als ich vom Tisch aufstand und meinem Fahrrad zustrebte, bellte mich vom Verkaufstresen aus der Pizzabäcker an: „Eh! Tisch abräumen!“ Ich war so verdutzt, dass ich es tat. Als ich ihm den Teller über den Tresen reichte, meinte er: „Wir haben hier halt keine Bedienung“. Ja, das stimmt.

 

Popkomm, Schmopkomm

Mit dem deprimierenden Claim „Plug in to success“ ist also nun die Popkomm über Berlin hereingebrochen. Zum Glück dauert sie nur knapp drei Tage. Ich habe die eine oder andere Popkomm in Köln erlebt, und für mich gehörte die Popkomm immer nach Köln. Sie wuchs nahtlos in die Stadt hinein, hier waren Musiker, Sprücheklopper und kölschselige Rheinländer ohne Berührungsängste auf unnachahmliche Weise miteinander verwoben.

Ich frage mich, was soll eine Popkomm 2007 noch? Welchen Sinn macht eine Messe überhaupt noch? „Früher“, als es das Internet noch nicht gab, da brauchte man Messen. Da konnte man seine Produkte und Mitarbeiter vorstellen, auch mal dem Vertriebsleiter das Händchen schütteln. Heute kann man sich die Sachen im Internet anschauen oder -hören, und zwar genau dann, wann man dazu Lust hat. Man spart eine Menge Geld, Zeit und Nerven. Wer heute noch zu Messen fährt, ist in erster Linie Spesenritter mit dem dringenden Wunsch nach Abwechslung.

„Plug in to success“. Selten wurde unverhohlener im Wald gepfiffen. Die Branche pfeift, um bei der Metapher zu bleiben, aus dem letzten Loch. Konsumenten und Musiker finden einander online. Plattformen wie myspace versprechen Peer-to-Peer-Kontakt ohne störende Musikindustrie mit horrenden PR-Ausgaben. Was von der Popkomm bleibt, sind viele Konzerte in wenigen Tagen. Und lustige Menschen mit Daniel-Hechter-Anzug, Hornbrille und Turnschuhen. Na dann.

 

Einmal die Gammelfleischplatte

Nun also der „Dönerskandal“. Nun stürzen sich alle auf die Firma „Beysan“, die im dringenden Verdacht steht wissentlich oder unwissentlich Schrottfleisch zu Dönerspießen verarbeitet zu haben. „Mein“ Dönerladen hat gleich einen Zettel ins Fenster gehängt, dass er nicht von Beysan beliefert wurde. Das nützt aber gar nichts, denn es wird mit absoluter Sicherheit noch viele, viele Läden mehr geben, die Schrottfleisch verarbeiten.

Was ich an der Sache nicht verstehe ist folgendes: Es genügt, wie man bei den Kollegen vom „Stern“ nachlesen kann, wenn ein einziger Lieferfahrer aufpasst, und schon kommt der Skandal ans Tageslicht. Ein einziger Lieferfahrer. Warum merkt in den fleischverarbeitenden Betrieben niemand etwas? Es kann doch nicht sein, dass man beim Zusammenstellen eines Dönerspießes nichts bemerkt. Altes Fleisch riecht doch und sieht dementsprechend aus. Wenn ich in so einem Betrieb arbeiten würde – ich würde umgehend eine Probe des Fleischs in einer Kühltasche mitnehmen und durch ein Veterinäramt überprüfen lassen, zumindest was die Keimbelastung angeht: da wird schnell klar, woran man ist. Anders könnte ich in so einem Betrieb gar nicht arbeiten.

Daher, falls jemand aus der fleischverarbeitenden Industrie mitliest: wie kann das sein? Oder wird das Fleisch dermaßen brutal überwürzt, dass man eh nichts mehr riecht.

 

Neues Update: Vom Versuch bei FutonWorld ein Bett zu kaufen.

Dass es ein spannendes Unterfangen ist, bei der T-Com einen Neuanschluss zu bestellen, wurde ja hier schon unter Beweis gestellt. Wie schwer unmöglich es ist, bei Futon World ein im Voraus bezahltes Bett dann auch wirklich geliefert zu bekommen – bitteschön:

14.04.2007
Wir betreten das Ladengeschäft in der Chausseestraße und sind begeistert. So viele schöne Betten! Fantastisch! Und so eine nette Beratung! Selten so entspannt und freiwillig Möbelstücke betrachtet. Wir beschließen ein Bett zu kaufen. Das kostet inklusive Lieferung ungefähr 800 Euro. Man bittet um eine Anzahlung. Meine Frau meint, wir sollten doch gleich alles bezahlen. Ich halte wenig davon, weil ich grundsätzlich erst etwas voll bezahle, wenn es mir auch voll gehört. Aber weil ich einen „ach, egal“-Tag habe, willige ich ein. Man sichert uns mündlich eine Lieferzeit von 4-6 Wochen zu und verspricht uns kurz vor Lieferung zu benachrichtigen.

14.05.2007
Vier Wochen sind vergangen.

31.05.2007
Sechs Wochen sind vergangen.

01.06.2007
Ich frage telefonisch nach. Tja, da könne man noch nichts sagen. Das Bett werde in Polen hergestellt, und der Schreiner sei manchmal etwas gemütlich. Nun. Ich solle Montag nochmal anrufen.

04.06.2007
Ich rufe Montag nochmal an, man verspricht mir mich zurückzurufen. Ich werde aber nicht zurückgerufen.

20.06.2007
Ich schreibe eine erste, verärgerte Mail. Wir warten inzwischen mehr als 8 Wochen. Ich bitte um kurzfristige Rückantwort per Mail oder Anruf. Keine Mail, kein Anruf.

22.06.2007
Ich rufe erneut an. Man verspricht mir einen umgehenden, ja nachgerade sofortigen Rückruf. Es kommt kein Rückruf.

23.06.2007
Ich rufe erneut an und frage, was mit dem umgehenden Rückruf geschehen sei. Man ist erstaunt, dass der Rückruf nicht erfolgte. Ich sage, dass ich von dem Kauf zurücktreten möchte. Man empfiehlt mir schriftlich eine Nachfrist zu setzen, falls diese verstreicht kann ich von dem Kauf zurücktreten. „Schreiben Sie mir das per E-Mail, Sie kriegen einen Bestätigungsrückruf!“ – ich schreibe eine E-Mail und erhalte keinen Bestätigungsrückruf.

26.06.2007
Man teilt mir telefonisch mit, dass die Lieferung voraussichtlich KW 27 stattfindet. Das wäre dreieinhalb Monate nach der Bestellung. Ich finde das doof und sage das auch. Man verspricht einen Rückruf.

27.06.2007
Eine briefliche Antwort auf die Beschwerde vom 20.06., in der ich ausdrücklich um eine Mail oder einen Rückruf bat, trifft ein. Man weist auf die AGB hin. Ich müsse eine angemessene Nachfrist stellen.

02.07.2007
Ich frage mehr so aus Langeweile per E-Mail nach.

06.07.2007
Eine sehr nette Mitarbeiterin ruft mich an und sagt, dass die Lieferung sich wohl noch weiter verzögere. Ich verlange direkt nach dem Angebot schriftlich einen deutlichen Rabatt oder die Rückgängigmachung meines Kaufvertrages.

09.07.2007
Ich erhalte ein Angebot, dass man mir die Lieferkosten erlassen will. Das ist ein Rabatt von unter 4%. Ich lehne ab und verlange 25%. Ich erhalte noch am selben tag eine E-Mail, dass man auf meinen Rabattwunsch von 25% eingeht. Ich antworte, dass ich um umgehende Überweisung bitte.

13.07.2007
Ich frage nach, wann mit der Überweisung zu rechnen ist. Nach der Lieferung frage ich schon gar nicht mehr. Wenig später erhalte ich einen Irrläufer, in der Antwortmail steht nämlich: „schreibt Ihr dem jetzt?“ Ich antworte für meinen Geschmack humorvoll und biete an, doch einfach mal am Telefon zu REDEN. Kein Rückruf, keine Antwort.

16.07.2007
Es kommt eine Mail: der Vertrag kann gar nicht erfüllt werden. Drei Monate nach Bestellung und Bezahlung erfahre ich, dass es mein Bett gar nicht gibt, zumindest nicht zu einem nennbaren Zeitpunkt. Ich soll mein Geld zurückbekommen. Man fragt nach meiner Bankverbindung. Ich teile, inzwischen zum dritten Mal, meine Bankverbindung mit. Werde ich mein Geld bekommen? Ich bin gespannt.

Update

22.07.2007
Es ist bisher kein Geld eingegangen. Auf meine E-Mail-Anfrage hieß es lapidar, die Buchhaltung sei aufgrund mehrerer Stornierung überlastet. Bedenkt man, dass ein Online-Buchungsvorgang schlimmstenfalls 5 Minuten dauert und die weitere zugehörige interne Buchführung auch nochmal 5 Minuten, dann muss man rechnerisch von einer dreistelligen Zahl von Stornierungen ausgehen.

Gestern waren wir bei einem anderen Geschäft namens Futon-Etage, um dort ein Bett zu kaufen. Dort teilte man uns mit, dass dort öfter verirrte Futonworld-Kunden anriefen, in unfreundlichsten Tönen, und die Herausgabe von Betten verlangten, auf die sie seit Ewigkeiten warten. Wir scheinen kein Einzelfall zu sein. Wir warten noch bis Donnerstag ab, wenn bis dahin das Geld nicht auf unserem Konto ist, gibt es eine letzte Zahlungsaufforderung, sodann geht das zum Anwalt bis zum gerichtlichen Mahnverfahren. Ich kann leider niemandem raten, mit der Firma Futon-World in Berlin eine wie auch immer geartete Geschäftsbeziehung einzugehen.

23.07.2007
Ich rufe mal wieder dort an. Erfahre, dass die Buchhaltung komplett in Urlaub ist und der Geschäftsführer auch, das könne also noch etwas dauern. Interessante Personalplanung.

Auf mehrmaliges, zart bohrendes Nachfragen heißt es, dass das Geld in zwei Wochen auf meinem Konto ist.

Update: 03.08.2008 mittags
Natürlich ist das Geld nicht auf meinem Konto eingegangen. In der Filiale Chausseestr. geht vorsichtshalber schon niemand mehr ans Telefon. In der Zentrale erreiche ich nur einen Assistenten, der bekannt gibt, dass Geschäftsführung und Buchhaltung im Urlaub sind und dass es inzwischen sogar einen von Futonworld beauftragten Anwalt gibt, der sich um die Schäfchen kümmert, welche Geld zurückwollen. This smells strange. Schön, dass man in Berlin online Mahnanträge stellen kann. Jetzt geht das ganze also den gerichtlichen Weg. Bin gespannt. Ich habe irgendwie das dumme Gefühl, das Geld ist weg.

Das hier ist übrigens auch sehr interessant.

Update 03.08.2007 abends
Ich dachte, „mach doch einfach mal einen Spaziergang in die Chausseestraße und zeige mal ein wenig Präsenz“. Im Ladengeschäft angekommen, sitzt mir der Verkäufer gegenüber, der mit das ursprüngliche, äh, Bett verkauft hat. Ich stelle mich vor, sein Gesicht hellt sich auf; „ah, der Internetschreiber, sehr schön, ja, schön dass Sie das alles aufgeschrieben haben. Das interessiert die Leute“. Ich versuche, so höflich es mir möglich ist, meinen Unmut zu erklären, er nimmt das sehr gelassen hin und antwortet auf meine Frage, ob denn Futonworld Zahlungsschwierigkeiten habe, dass der Laden wunderbar laufe, die Auftragsbücher seien voll, man habe sogar auf meine Postingserie hier explizit einen neuen Kunden hinzugewonnen. Es gelingt dem jungen Mann auch jetzt nicht, sich irgendein Bedauern, geschweige denn eine Entschuldigung abzuringen. Sagenhaft. Dass die Geschäfte gut laufen freut mich riesig und ich schlage daher vor, man könne mich ja bei einer derart blendenden Geschäftslage einfach jetzt sofort bar auszahlen, ich würde dann auch gleich den angefertigten gerichtlichen Mahnbescheidsantrag vor seinen Augen vernichten.

Das geht natürlich nicht. Und der Chef ist in Urlaub. So bis ungefähr 17. August. Eine hinzu gekommene Kollegin ist etwas hilfsbereiter, versucht zu erklären wie das denn nun alles gekommen sei; da das in den Privatbereich des Möbelschreiners fällt, werde ich das hier nicht ausbreiten, jedenfalls rät sie mir, es ab dem 18. August wieder zu versuchen, denn sicherlich habe der Chef dann erst mal sehr viel Post auf dem Tisch.

Das glaube ich inzwischen auch. Und deswegen verabschiede ich mich und bringe den Antrag für den gerichtlichen Mahnbescheid zur Post. Wenn der Chef schon so einen großen Poststapel auf dem Tisch hat, dann soll meine Post wenigstens schön weit oben liegen. Und persönlich vom Gerichtsboten übergeben werden. Man weiß ja nie.

Und jetzt: Urlaub.

UPDATE 27.08.2007
Der gerichtliche Mahnbescheid scheint gewirkt zu haben. Heute kam die Rücküberweisung meiner 780 Euro aufs Konto getröpfelt. Ich habe mein Geld wieder. Zwar habe ich die 23 Euro Gerichtsgebühren auf diese Art und Weise verloren, aber damit kann ich leben.

 

Sommerbad am Insulaner – jenseits der Ekelgrenze

Wenn mal als Kleinfamilie das Sommerbad am Insulaner benutzt, latzt man 13 Euro. Das ist nicht wenig Geld. Was einem dort jedoch an sanitären Einrichtungen geboten wird, ist atemberaubend schlecht. Die Toiletten sehen durch die Bank aus, als wären dort kurz zuvor Pferde gestorben. In den Kabinen gibt es gar kein Klopapier, sondern der Klopapierspender hängt draußen im Waschraum. Das führt dazu, dass man sich vor dem Unbeschreiblichen etwa zwölf Meter Klopapier abrollt und als Riesentrumm mit in die Kabine nehmen muss. Es gibt nur kaltes Wasser und keine Seife. Die Herrenduschen bestehen aus acht Plätzen, von denen vier nur kaltes Wasser bieten, zwei sind defekt und zwei liefern maximal lauwarmes Wasser. Auch sie sind hoffnungslos veraltet und dreckig. Kann jemand ein besseres Bad empfehlen?

 

Mein erster und letzter Besuch im IKEA Tempelhof

Ich saß auf dem Fahrrad und pedalte leicht, wie eine heliumgefülte Elfe, durch Berlin. Da klong mein mobiles Telefon. Ich stieg vom Rad und nahm das Gespräch an. Es war die Frau: „Mann aller Männer, besäßest du die unermessliche Güte, bei Ikea vorbeizufahren, um dort einen Küchenkatalog zu besorgen?“ – „Muss ich?“, murrte ich, denn ich vertrage den speziellen Geruch, den Ikea-Filialen verströmen ganz schlecht, eine Mischung aus Holzstaub, lösungsmittelhaltigen Pressspanbindemittel, Kleinkinderbrochenem und Hot Dogs. Außerdem will man einen Katalog nicht einfach so ansehen, das Katalogblättern löst Kaufreize und somit Wiederholungsbesuche aus.

„Ja, du musst“, flötete die Dame. Dafür bekommst du heute abend einen dreifachen Gin Fizz, ich habe eine neue Flasche Bombay Sapphire gekauft.“ Das war natürlich gut. Ich hechtete, ja hocht auf das Fahrrad und fuhr den Sachsendamm hoch. Der Sachsendamm, der Tempelhof und Schöneberg miteinander verbindet. Der Sachsendamm, die Straße der Verdammten, eine stumme Prozession von Menschen schritt einher, sie schleppten schweigend flache, hohe Pakete, wie Pilger sahen sie aus, den Blick in die Ferne gerichtet. Gelb-blau leuchteten vier Buchstaben am Horizont.

Ich parkte das Velo, betrat den Ikea, ging zum Informationsstand und wartete. Vor mir stand eine Großfamilie aus Mazedonien, die einen Bollerwagen leihen wollte. Man kann bei Ikea Bollerwagen leihen, weil der kürzeste Weg durch die Verkaufsausstellung bis hin zur Kasse mehr als sechs Kilometer lang und daher von Kleinkindern nicht zu bewältigen ist. Selbst wenn man nur eine Steckdosenleiste kaufen will, muss man die sechs Kilometer gehen. Es ergaben sich Schwierigkeiten, weil zum Entleihen eines Bollerwagens der Personalausweis abgegeben werden muss, es war aber nur ein mazedonischer Personalausweis vorhanden und es musste daher in umfangreichen Telefonaten mit der Filialleitung geklärt werden, ob das erlaubt sei oder nicht. Nach einigen Minuten war das Problem gelöst und ich sagte: „Ich hätte gerne einen Katalog“. „Da müssen Sie ganz nach hinten, zur Warenausgabe.“

Da musste ich also ganz nach hinten zur Warenausgabe. Ich marschierte 150 Meter weiter, an einem Selbstbedienungscafé vorbei, an einem schwedischen Lebensmittelmarkt vorbei, am Reklamationsschalter vorbei, bis zur Warenausgabe. Dort stellte ich mich an.

Als ich an der Reihe war, sagte ich: „Einen Katalog bitte.“ „Den normalen oder den Küchenkatalog?“ – „Den Küchenkatalog“. „Den gibt es nur oben, in der Einrichtungswelt, bei den Küchen“. Ich erhielt ungefragt einen hektografierten Zettel in Din A3, der dem Stadtplan einer mazedonischen Großstadt ähnelte und mit einem roten Punkt versehen war.

„Warum, o Bediensteter, gibt es diesen Katalog nicht auch hier unten? Bei der Warenausgabe?“ „Weiß ich auch nicht, wird von Kunden öfter gestellt die Frage“, war die dermaßen entwaffnende Antwort, dass ich schulterzuckend die 150 Meter zurückmarschierte, zum Infostand, gleichzeitig Startpunkt der Ikea-Rallye. Neben dem Infostand gibt es nämlich eine Rolltreppe und einen Fahrstuhl. Beide führen in die erste Etage, das Haupt-Einrichtungsland. Das Küchenland ist innerhalb des Einrichtungslandes, etwa 300 Meter vom oberen Ende der Rolltreppe entfernt. Ich bekam dort überraschend schnell einen Küchenkatalog und fragte, „wie komme ich hier so schnell wie möglich wieder heraus?“ „Sie müssen leider durch die ganze Ausstellung, am Ende der Ausstellung geht eine Treppe nach unten, dann müssen Sie noch durch das gesamte untere Geschoss mit den Mitnahmewaren bis zur Kasse. Ich weiß, ist lästig.“

„Kann ich nicht einfach die dreihundert Meter zur Rolltreppe zurück gehen, so wie ich gerade hergekommen bin?“ „Nein, die Rolltreppe geht nur aufwärts.“ „Aber da gibt es doch einen Fahrstuhl“. „Das ist nicht gestattet“. „Ah“, sagte ich, entfernte mich und ging natürlich trotzdem die dreihundert Meter zurück zum Fahrstuhl.

Unglücklicherweise hatte man bei IKEA soweit mitgedacht. Es gab am oberen Ende des Fahrstuhls, da wo ich stand, keinen Knopf um den Fahrstuhl zu rufen. Das ärgerte mich, weil es vom unteren Ende des Fahrstuhls nur wenige Meter bis zum Ausgang waren. Ich wollte erst kapitulieren, hatte dann aber eine gute Idee. Ich musste einfach warten, bis jemand von unten hochfahren würde, der Aufzug würde oben ankommen, die Türen würden sich öffnen, ich würde die anderen aussteigen lassen, selbst einsteigen und dann mit dem Aufzug herunterfahren. Ich würde einfach etwas warten müssen. Ich stellte mich also oben hin und wartete. Es kamen sehr, sehr lange keine Menschen. Ich sah auf die Uhr. Ich wartete genau zwölf MInuten, dann wurde ich sauer. Ich erwog kurz in einer amoklaufartigen Attacke die Rolltreppe gegen die Fahrtrichtung abwärts zu benutzen, das war aber völlig unmöglich, weil sie randvoll mit nach oben fahrenden Menschen war und der Strom der nachrückenden Menschen keinerlei Lücken ließ. Meinen Plan umzusetzen hieß wahllos Menschen zu verletzen. Ich habe nicht grundsätzlich ein Problem damit Menschen wahllos zu verletzen, aber nicht für einen Ikea-Küchenkatalog, das Kosten-Nutzen-Verhältnis erschien mir unwuchtig.

Da! Eine Familie mit Kinderwagen! Hurra! Ich sah von oben, wie sie sich dem Aufzug näherte. Einstieg. Hochfuhr. Die Fahrstuhltür öffnete sich, ich ließ die Familie aussteigen, stieg selbst ein, die Türen schlossen sich, der Aufzug stand. Ich suchte einen Knopf fürs Erdgeschoss, aber es gab keinen. Da, wo mal dieser Knopf war, war ein Schlüsselloch. Ich wurde ausgesprochen ärgerlich. Ich würde erneut warten müssen, bis jemand den Aufzug von unten rief. Ich setzte mich auf den Boden und spielte mit meinem Handy ein wenig Minesweeper. Das half nichts, es vergingen geschlagene fünfzehn Minuten, bis ich den TÜR AUF-Knopf drückte und den Aufzug wieder verließ. Mit höchster Wut durchmaß ich die sechs Kilometer Fußweg im Stechschritt, wüste Beschimpfungen ausstoßend. Wer immer sich mir in den Weg stellte, wurde mit einem gezischten, „verpiss dich, du verfickter Ficker“ beiseite gestoßen, wäre mir auch nur ein Mensch dumm gekommen, ich hätte ihn mit meinen bloßen Händen getötet.

Am Fahrrad angekommen zog ich mit zitternden Händen meinen ipod hervor, legte das Lied „Blindness“ von THE FALL auf Dauerschleife, fuhr mit einer ausschließlich durch Muskelkraft erreichten Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h nach Hause, warf den Katalog fluchend in eine Ecke, machte mich über den Bombay Sapphire her und ließ mir von meiner Frau schriftlich geben, dass ich lebenslänglich von weiteren IKEA-Besuchen freigestellt werde. Danach ging es mir wieder ein kleines bisschen besser.