So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Die ultimative Dax-Wette

Von 10. Januar 2006 um 21:25 Uhr

Die Wahrheit will ich nicht verschweigen. Ich habe eine Dax-Wette gegen meinen Kollegen Marcus Rohwetter verloren. Er tippte vor einem Jahr den Dax zum Jahresende auf 4.900 Punkte, ich auf 4.700 Punkte. Das Schlimme daran: Wir wetten seit drei Jahren und ich habe das dritte Mal in Folge verloren.

Jedes Jahr war ich zu pessimistisch. Wie peinlich, der vermeintliche Börsenexperte und Kapitalismusversteher blamiert sich Jahr für Jahr gegen den Einzelhandelsexperten. Ja, Sie haben richtig gelesen. Marcus ist für so knallige Unternehmen wie KarstadtQuelle, Metro und Lidl verantwortlich, für Tiefkühlkost, Sonnencreme und Genfood. Er liest nie so spannende Studien über Liquiditätsflüsse, Bewertungen, Stimmungsindikatoren – und trotzdem schlägt er mich jedes Mal.

Meine ZEIT-Kollegen rufen schon längst nicht mehr in Frankfurt an, wenn sie wissen wollen, ob sie Aktien kaufen sollen oder lieber nicht. Mein einziger Trost: Die 37 Bankanalysten, die das Handelsblatt Dezember für Dezember befragt, lagen im Schnitt noch schlechter als ich. 4.558 Punkte lautetet ihre gemittelte Wette. Und dann denke ich an die schöne Geschichte in Amerika, wo die drei erfolgreichsten Fondsmanager des Jahres ihre drei besten Aktientipps für das folgende Jahr nennen sollten. Zum Vergleich ließ man einen Schimpansen, oder war es ein Gorilla, mit Dart-Pfeilen auf den Kursteil einer Zeitung werfen. In der Regel gewann der Affe mit seine zufällig durchstochenen Werten. Nein, Marcus ist kein Affe, aber seine Wetten sind affenstark.

Hier sein Tipp für Ende 2006: 6104 Zähler. Ich halte dagegen mit 5.789 Zählern. Der Einsatz wie jedes Jahr: eine Flasche Champagner.

Und hier seine Begründung: Dass der Dax sich im vergangenen Jahr auf knapp 5500 Punkte hochschleppt, also knapp 30 Prozent Plus macht, hat niemand vorhergesagt. Kein Würfel-Orakel, Tarot-Kartenleger und auch kein Ich-verdiene-an-einem-Tag-soviel- wie-Du-im-ganzen-Jahr-Goldman-Sachs-Chefanalyst.
Die praktische Frage aber lautet: Jetzt (noch) einsteigen? Hier hilft der Blick in die Sterne, auch wenn dieser aktuell durch Winterwolken leicht getrübt ist. Auch ohne astrologische oder ökonomische Grundausbildung lässt sich zweifelsfrei feststellen: In diesem Jahr können Fische über mangelnde Liquidität nicht klagen. Waagen bringen sich durch den gleichzeitigen Kauf von Put- und Call-Optionen um jede Gewinnchance. Im Zeichen des Geiers Geborene nutzen die Möglichkeit zum schnellen Profit, der Aszendent Heuschrecke sorgt bei ihnen für 25 Prozent Mindestrendite. Alle anderen können beruhigt sein, auch sie verdienen mit. Der Dax steigt bis Ende 2006 auf, sagen wir, 6104 Punkte. Performance ist kein Schicksal – die Sterne wollen es so.

Meine Begründung habe ich im letzten Eintrag gegeben: In den vergangenen Wochen wurde oft argumentiert, dass deutsche/europäische Aktien weiter gut laufen werden, weil sie noch immer günstig sind. Das Kursgewinnverhältnis (KGV) betrage für den MSCI Europe bei rund 15, was historisch betrachtet sogar etwas unterhalb der durchschnittlichen Bewertung liege. Was mich an dieser optimistischen Betrachtung stört: Aktien sind gut bezahlt, sie sind keine Schnäppchen mehr wie vor drei und vor eineinhalb Jahren. Ben Funell, der Stratege von Morgan Stanley, weist auf einen interessanten Punkt hin: Europäische Aktien seien nur dann günstig bewertet, wenn man den laufenden Return on Equity (ROE) beim KGV in den Nenner packe. Zur Zeit verdienen die großen europäischen Konzerne eine Eigenkapitalrendite von 16 Prozent (Wahnsinn). Historisch liegt dieser Wert dagegen bei 12 Prozent. Und mit 12 Prozent gerechnet beträgt das KGV 20. So hoch war es seit 1974 nur in den Jahren 1996 ff. Erinnern Sie sich noch, was der große Alan Greenspan 1996 zum Aktienkursniveau gebrummelt hat? „Irrationaler Überschwang“. Genau.

Wenn man davon ausgeht, dass 16 Prozent Eigenkapitalrendite übertrieben hoch sind, 12 Prozent so schnell nicht drohen, weil „China, Globalisierung, Osteuropa“ die Löhne noch etwas in Schach halten werden, dann landen wir vielleicht bei 14 Prozent ROE. Dann sind die Aktien ordentlich bezahlt und die Kurssteigerungen nur noch im Einklang mit dem nominalen Wachstum der Volkswirtschaft zu erwarten – ganz im Sinne der Theorie.

Kategorien: Die Heusinger-Wetten
Leser-Kommentare
  1. 1.

    “… Waagen bringen sich durch den gleichzeitigen Kauf von Put- und Call-Optionen um jede Gewinnchance. …”

    Hmm, gleichzeitiger Kauf eines Puts und eines Calls nennt man Long Straddle und ist eine Strategie, mit der man auf eine starke (egal ob positive oder negative) Veränderung des Basiswerts spekuliert.

    Am besten Sie lassen sich das ganze mal vom Kollegen Rohwetter erklären.

    • 15. Januar 2006 um 16:52 Uhr
    • Vermeintliche-Börsenexperten-Basher
  2. 2.

    Herr von Heusinger,

    ich habe mal eine grundsätzliche Frage an Sie als Finanzmarktexperte und plaziere diese hier, da es um Kapitalmarktinvestitionen geht: Wieso ist ein Kapitalmarkt kurzfristig orientiert? Ich höre es immer wieder in Diskussionen, Zeitungsartikeln, Politikerreden und ähnlichem. Dabei kann ich mir keinen plausiblen Grund erdenken, der diese Behauptung erklären sollte.

    Schließlich ist ein Aktienkurs nur der Barwert der zukünftigen Auszahlungen. Will heißen, der Aktionär, der angeblich an kurzfristigen Gewinnen interessiert ist, wäre schön blöd, wenn das auf Kosten zukünftiger Gewinnerwartungen ginge, denn das würde den Kurs seiner Aktie senken! Er braucht schließlich einen Käufer für diese Aktie und der ist nur das bereit zu zahlen, was die Aktie in Zukunft abwerfen wird. Nur so ist zu erklären, dass defizitäre Internetunternehmen überhaupt etwas wert sind. Oder wenn man die Marktkapitalisierung von Google heranzieht (über 27 Mrd Euro) bei knapp 3000 (!) Beschäftigten etc.

    Ich wäre Ihnen wie immer für eine Antwort s e h r dankbar, da es eine Frage ist, die mich seit längerem umtreibt.

    Beste Grüße

    • 20. Januar 2006 um 16:07 Uhr
    • Die Fragen
  3. 3.

    Liebe Die Fragen,

    ich muss es mir mit der Antwort einfach machen, da ich die nächsten Tage unter Wasser bin. In einem Stück für die ZEIT habe ich mich mal dem Thema gewidmet. Der Artikel erfuhr sehr viel Zustimmung aus der Finanzszene, was mich darin bestärkt hat, nicht vollkommen an der Realität vorbei geschrieben zu haben. “Rettet den Kapitalismus” lautete der Titel und hier ist der Link: http://www.zeit.de/2004/45/GS-AUFMACHER

    Grüße

    • 20. Januar 2006 um 16:19 Uhr
    • Robert von Heusinger
  4. 4.

    Herr von Heusinger,

    auch auf die Gefahr hin, sie zu enttäuschen, meine ich genau Artikel wie diesen. Es steht viel von kurzfristigen Spekulanten und Enron drin, dem üblichen halt, aber es erklärt nicht den Grund, der dahinter stehen sollte. Wie kommen denn kurzfristige Aktienkurssprünge zu Stande? Die Leute (Spekulaten, Fachleute etc.) müssen ja schön blöd sein, wenn es sich nur um “künstlich hochgezüchtete Kurse in der Gegenwart” handelt. Wer kauft Aktien, die nur künstlich hochgezüchtet werden??? Natürlich, Blasen und ähnliches – ich weiß. Aber das kann nicht alles sein. Der Grund fehlt, finde ich. Mich überzeugt Ihr Artikel leider nicht. Wollen Sie es vielleicht anders versuchen?!? Wenn sie wieder aufgetaucht sind, meine ich.

    Vielen Dank aber für Ihren Hinweis. Beste Grüße

    • 20. Januar 2006 um 16:58 Uhr
    • Die Fragen
  5. 5.

    Liebe Die Fragen,

    schaut ganz so aus, als hätten Sie noch nie in ihrem Leben spekuliert! Sie denken viel zu theoretisch. Die erste Regel lautet: The trend is your friend. Die gesamte professionelle Händlerschar, die jeden Tag Billionen Euro und Dollar bewegt, handelt nicht aufgrund von fundamentalen Faktoren und Daten sondern aufgrund der Signale, die die Trendfolgemodelle liefern. Die Fonds schlagen ihre Portefeuilles im Schnitt einmal pro Jahr um, die Hedgefunds drei, vier mal. Da ist nichts mit Langfristigkeit. Besuchen Sie mal Fondsmanager, besuchen Sie Handelsabteilungen von Banken. Reden Sie mit diesen Leuten und lesen Sie die Literatur der Behavioural Finance.
    Ich wette, Sie schreiben danach andere Kommentare.

    Beste Grüße

    • 20. Januar 2006 um 18:41 Uhr
    • Robert von Heusinger
  6. 6.

    Oh, doch! Ich habe Telekomaktien gekauft, während des Booms gedacht, dass hier was nicht stimmen kann und sie für 83 Euro verkauft. Ich bedaure immer noch denjenigen, der sie mir abgekauft hat. Waren Sie das vielleicht?!?

    Nein, Spaß beiseite, ich kenne Teile der Behavioral Finance und lese das durchaus mit Interesse. Aber den Shareholder Value derart zu verdammen finde ich übertrieben – und lässt sich so auch nicht aus den von Ihnen zitierten Theorien herleiten. Warum gehen dann nicht alle Firmen, die sich auf diese Unternehmensführung eingelassen haben, pleite? Und bitte verweisen Sie jetzt nicht auf Daimler oder auf die bessere Performance von Familienunternehmen…

    Außerdem hat doch der Umschlag nichts damit zu tun! Es ist völlig egal, wie oft ich mein Portfolio umschlage. Ich muss jemanden finden, der bereit ist, mir den von mir gewünschten Betrag zu zahlen. Und warum sollte derjenige das tun? Weil er glaubt, es ist mehr wert oder er findet jemanden, der in einem Monat bereit ist, noch mehr zu zahlen. Und warum tut der es? usw. usw.

    Beste Grüße

    • 20. Januar 2006 um 19:41 Uhr
    • Die Fragen
  7. 7.

    Warum heißt dieses Weblog im Untertitel eigentlich: “So funktioniert Kapitalismus”?
    Denn bisher habe ich hier nur beschreibende, aber nie erklärende Texte gelesen.
    Oder ist das eben gerad, wie Kapitalismus funktioniert: Immer hübsch auf der Oberfläche, und bloß nicht weiter drüber nachdenken …? Hm, wenn ich so drüber nachdenke … aber darf ich das, oder bin ich dann gleich ewiggestriger Kommunist?

    • 10. Februar 2006 um 23:05 Uhr
    • Astlochgucker
  8. 8.

    Hallo Herr Heusinger,

    die Wette für 2006 sollten Sie gewinnen.
    Der Dax wird unterhalb von 5700 Punkten schließen (meine Meinung).
    Auch mit der Betrachtung der KGVs haben Sie recht.
    Langfristig wird auf das Eigenkapital eine Rendite von 10 – 12 % erziehlt. Werden die tatsächlichen Gewinne aus 2004 und 2005 (Mittelwert) zugrunde gelegt sind wir bei einem KGv von rund 19!
    Und dies unter dem Hintergrund einer hervorragenden Eigenkapitalverzinsung. Sollte in Zukunft wieder eine Eigenkapitalverzinsung von 12% möglich sein so liegt das KGV bei 25!

    Was heist ein KGV von 19?
    Dies entspricht einer Gewinnrendite von 5,26%.

    Ein KGV von 25 entspricht einer Gewinnrendite von 4%.

    Fazit es lohnt sich nicht mehr Risiken am Aktienmarkt einzugehen.
    Das Change / Risiko Verhältnis ist ungünstig.

    Was allerdings für einen Hochpunkt fehlt sind folgende Punkte:
    Neuer Höchstand für den DAX (MDAX hat einen neuen Höchstand)
    Kaufrausch der Anleger (ohne zu fragen was Sie kaufen)
    Werbetrommeln der Banken.
    Fahnenstangenbildung (durch stark steigende Kurse)

    Weshalb ich dennoch vorsichtig bin?
    Mein Bauch sagt mir das etwas in der Luft liegt.
    Und auch wenn wir 2007 einen Daxstand von mehr als 7000 Punkte haben. Ich warte die Korrektur ab!

    Viele reden vom platzen der Spekulationsblase an den Technologiemärkten (Neuer Markt / Nasdaq) und übersehen das der Dow viel zu hoch bewertet ist.
    Wir haben eienn neuen Notenbankpräsidenten in USA (Nachfolger von Bubble Alan).
    Warten wir doch erst einmal ab wie er sich verhält.
    Bei den letzten beiden Notenbankwechsel gab es immer stark fallende Aktienkurse.

    Gruß
    Volker

    • 2. März 2006 um 14:52 Uhr
    • Volker
  9. Kommentar zum Thema

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