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Warum der Staat Schulden machen darf

 

Ich frage mich, wer dem Vorsitzenden der Ministerpräsidentenkonferenz die ökonomischen Argumente liefert. In der FAZ.NET wird Christian Wulff folgendermaßen zitiert: „… wäre ich sehr dafür, dass wir einen nationalen Entschuldungspakt abschließen, wo sich der Bund und die Länder verpflichten, in einem überschaubaren Zeitraum auf eine Verschuldung von Null zu kommen und dann zu beginnen, die Schulden abzutragen.“ Vermutlich denkt Herr Wulff, dass es nicht schlecht sein kann, wenn der Staat schuldenfrei ist, zuhause bei sich versucht er das ja auch hinzukriegen. Und die Volksmeinung dürfte diese Äußerung wohl auch widerspiegeln und damit eher Stimmen bringen als kosten. Es ist zum Haareraufen, dass, wenn es um die Schulden des Staats geht, immer wieder zu kurz gesprungen wird.

Politiker fast jeglicher Couleur weigern sich, den zentralen Aspekt der Schuldendiskussion zur Kenntnis zu nehmen: Wer investiert, darf sich, ja muss sich verschulden, denn nur so können diejenigen, die sparen, auch eine positive Rendite erwirtschaften. Keine Schulden mehr zu haben heißt, dass es keine Möglichkeit gibt, Geldersparnisse zu bilden! Das wäre auch das Ende der Marktwirtschaft. Was gut sein kann für den einzelnen Haushalt oder ein einzelnes Unternehmen, ist oft das Falsche für die öffentliche Hand.

Wenn der Staat in Höhe seiner Ausgaben für Sachkapital oder andere Zukunftsaufgaben, Bildung etwa, Schulden macht, verhält er sich nicht anders als der Unternehmenssektor, nur dass seine Ziele gesamtgesellschaftlich und nicht einzelwirtschaftlich sind. Was für beide gleich ist: Die Ausgaben sind heute zu leisten, die Erträge erstrecken sich dagegen über viele Jahre. Im Falle des Staatssektors sind es die erhöhten Steuereinnahmen, aus denen der Schuldendienst geleistet wird. Da sich die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft durch Infrastrukturausgaben aller Art verbessert, sollte das kein Problem darstellen.

Was vielleicht auch nicht immer klar ist: Weder die Unternehmen als Gruppe noch der Staat, noch im übrigen die Haushalte, die Wohneigentum schaffen oder kaufen, zahlen jemals die Schulden zurück. Natürlich werden die jeweiligen Kredite bedient, aber gleichzeitig werden ständig neue aufgenommen: für Investitionen in Projekte, die dazu dienen, noch mehr zu produzieren, oder die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, oder einfach um noch komfortabler zu wohnen, also besser zu leben.

Wer die Staatsschulden auf Null bringen will, plädiert indirekt dafür, den Markt für Bundesanleihen und andere staatliche Wertpapiere abzuschaffen. Die Grafik und die Tabelle zeigen die Dynamik des Prozesses. Ausgehend von einer geschätzten Schuldenstandsquote von 65 Prozent für Ende diesen Jahres werden für ein zukünftig jährliches nominales BIP Wachstum von vier Prozent und fünf Prozent zwei Szenarien simuliert. Bei einem jährlichen Defizit von drei Prozent würde sich die Schuldenquote bei 75 Prozent bzw. bei 60 Prozent stabilisieren. Aber schon wenn die Defizite auf 1,5% des jährlichen nominalen Bruttoinlandsprodukts beschränkt werden sollten, schrumpft der Markt relativ gesehen sehr rasch. Würden die Defizite ab 2007 gar auf Null zurückgefahren werden, würde er absolut gesehen auf dem heutigen Niveau stagniert und relativ in die Bedeutungslosigkeit versinken.

Szenarien zur Entwicklung der Schuldenquote

Szenarien zur Entwicklung der
Staatsschulden
1)

nom. BIP,
jährliche Wachstumsrate

jährliches Defizit
in
% des BIP

Staatsschulden
in % des BIP*

nach
10 Jahren

Konvergenzwert

4%

3%

68,4%

75%

1,5%

56,0%

37,5%

0%

43,6%

0%

 

5%

3%

63,1%

60%

1,5%

51,3%

30%

0%

39,5%

0%

* Eigene
Berechnungen
1) Ausgehend von einer Schuldenstandsquote von 65% in 2006.

Vor allem für Versicherungen, Pensionskassen und jeden, der im Alter ein verlässliches Zusatzeinkommen mit festen Zinszahlungen braucht, bedeutet das allmähliche Verschwinden des Marktes für Staatsschulden einen großen Verlust. Sie müssten auf riskantere inländische Anlagen oder aufs Ausland und die damit noch zusätzlich verbundenen Währungsrisiken ausweichen. 30-jährige Staatsanleihen, vielleicht die besten, weil billigsten und liquidesten Langfristpapiere würden als erste aussterben. So geschehen in den USA als die Regierung Ende der neunziger Jahre auf einmal auf jährliche Überschüsse zusteuerte, mit der Folge, dass es zu einem „Squeeze“ kam, der die Kurse dieser Anleihen stark in die Höhe trieb und damit die Rendite für die Anleger drastisch sank.

Ein Gesetz, das stets ausgeglichene Haushalte verlangt, engt zudem die Handlungsmöglichkeiten des Staates in gefährlicher Weise ein. Hätte die japanische Regierung nicht seit Mitte der neunziger Jahre durch die Hinnahme gewaltiger Defizite dafür gesorgt, dass zumindest ein wichtiger makroökonomischer Akteur seine Nachfrage aufrechterhielt, während die anderen durch das Platzen der Blasen am Aktienmarkt und später am Immobilienmarkt so geschockt waren, dass sie ein Jahrzehnt lang damit beschäftigt waren, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen, dann wäre das Land auch heute noch nicht aus der Deflationsfalle heraus.

Hierzulande ist das Deflationsrisiko nicht besonders hoch, schon weil es keine Blasen gibt, die platzen könnten. Aber stellen wir uns nur einmal vor, der Euro würde auf 1,80 Dollar steigen, weil alle Welt zu der „Erkenntnis“ kommt, dass einfach zu viele Greenbacks im Umlauf sind und daher nicht so viel wert wären. Das wäre ein Schock nicht nur für die Exportwirtschaft, sondern auch für alle Bereiche, die im Inland mit Anbietern aus dem Dollarbereich konkurrieren. Das schließt China und Indien ein. Wollen wir nicht, dass der Staat dann für eine Weile in die Bresche springt? Feste Regeln sind oft das Gegenteil von gesundem Menschenverstand und guter Wirtschaftspolitik.

Zuletzt noch ein Punkt, der in der Diskussion bisher überhaupt keine Rolle spielt, der aber trotzdem für den Wohlstand in Deutschland und im Euroraum von Bedeutung ist: die Rolle des Euro als Reservewährung. Das Schöne am Dollar, der wichtigsten Reservewährung, ist aus amerikanischer Sicht, dass Ausländer bereit sind, immer mehr Schuldverschreibungen der US-Regierung zu erwerben. Da diese darauf nur drei oder vier Prozent bezahlt, das nominale Sozialprodukt aber eher mit sechs oder sieben Prozent wächst, ist das ein gutes, wohlstandssteigerndes Geschäft. Es gibt fast noch etwas Tolleres: Die Dollarscheine, die in vielen Ländern als Parallelwährung umlaufen, brauchen überhaupt nicht verzinst zu werden. Viele von ihnen verschwinden gar völlig. Mit anderen Worten, es ist erstrebenswert, den Euro zu einer Reservewährung vom Rang des Dollars zu machen. Dazu braucht es aber einen Geld- und Kapitalmarkt, der sehr liquide ist und auf dem es Anlagemöglichkeiten gibt, deren Bonität nicht in Frage steht. Viele ausländische Notenbanken argumentieren, dass sie mehr in Europa investieren würden, wenn der Markt für Staatspapiere mehr Tiefe hätte. Auch von daher kann es nicht in unserem Interesse sein, die Staatsschulden absolut oder relativ gegen Null konvergieren zu lassen.

Der Mangel an ökonomischem Verständnis ist für mich eines der wichtigsten Strukturprobleme überhaupt. Wie kann man die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen setzen, wenn man gar nicht weiß, was sie im Einzelfall bewirken, ob sie zum Wachstum beitragen oder nicht. Man sollte allen Ministerpräsidenten ein Sabbatjahr am MIT spendieren, unter der Voraussetzung, dass sie alle Prüfungen, die zur Absolvierung von Economics 101 verlangt werden, auch ablegen und bestehen. Denn wir wollen von gut ausgebildeten Politikern regiert werden, die zwischen Stammtischthesen und seriösen Argumenten unterscheiden können.

71 Kommentare

  1.   Denis Tigör

    Schulden sind nicht der richtige Weg eines Staates. China mit einer Sparquote über 20% und großen Devisenreserven erreichen auch ohne Schulden Wachstum und Wohlstand und das sehr wahrscheinlich gerade deswegen! Statistiken sind in diesem Fall sehr schön aber spiegeln nicht die Realität wieder. 5 % BIP-Wachstum liegt schon über 15 Jahre zurück und im Durschnitt haben wir gerade einmal 2%. Es wäre nur fair , der Objektivität wegen ein Vergleich zu sehen! Sehr wahrscheinlich würden sich dann 0% Defizit sehr als notwendig erweisen.
    Zudem wird die Neuverschuldung zum großen Teil zur Tilgung der Zinslast eingesetzt! Oder warum waren die letztjährigen Haushalte verfassungswidrig? Wir befinden uns schon mitten in der Schuldenfalle und es kann nicht mehr als gut ermessen werden, Schulden zu machen.
    Im jetzigen konjunkturellen Aufschwung kann es nicht mehr als gut gesehen werden ein Defizit zu schreiben.
    Die nächste Depression wird kommen so wie der Lauf der Dinge ist und wird uns schwerer treffen wie der letzte. Die Zinslast wird die Neuverschuldung einholen und das System zum Kollabieren bringen.
    Ich möchte keine träumerischen Ideen zerstören aber die Realität spricht ihre eigene Sprache

  2.   Sven Greune

    @ Dieter Wermuth

    vielen Dank fuer diesen Beitrag; ich rege mich seit Jahren ueber den Schuldenfetischismus in Deutschland auf. Dabei teile ich noch nicht einmal alle Ihre Bedenken (Anleger koennten sicherlich auch andere zuverlaessige Anlagemoeglichkeiten finden); aber wie Sie schon sagen: unsere Politiker haben noch nicht einmal Economics 101 hinter sich. Als wenn die Staatsschulden die einzig signifikante makrooekonomische Groesse waere…
    Allerdings ist diese leidige Debatte nicht nur unseren Politikern anzulasten; bis dato habe ich naemlich keinen grossen Widerspruch seitens deutscher Oekonomen vernommen, in einer stagnativen (zeitweise sogar rezessiven) Phase fiskale Konsolidierung zu betreiben.

    @ Denis Tigör

    1) die Sparquote setzt sich Zusammen aus der Bilanz der oeffentlichen UND der privaten Haushalte. Laut dem Economist hatten die oeffentlichen Haushalte von 2000-2003 jeweils ein Defizit von ca. 3% / BIP (neuere Daten habe ich gerade nicht zur Hand). Sollte die Sparquote also tatsaechlich bei 20% liegen (was ich mir durchaus vorstellen kann; bin lediglich zu faul gerade nachzuschauen), dann aufgrund der Sparleistung der privaten Haushalte.
    Im uebrigen hat auch die deutsche Volkswirtschaft eine positive Sparquote, naemlich ungefaehr 8% (wenn ich mich nicht irre).

    2) Herr Wermuth spricht von *nominalem* Wachstum, nicht von realem Wachstum. Und ein nominales Wachstum von 4 bis 5% ist keinesfalls unrealistisch (falls man die heutigen Wirtschaftspolitiker wirklich mal ans MIT schickte). Grossbritannien hat seit 1997 ein *reales* Wachstum von durchschnittlich 2,8%. Dazu kommen ca. 2% Inflation (aka: eine Steuer auf Geldvermoegen), und sie haben fast 10 Jahre nominales Wachstum von fast 5%, genau wie im Beispiel von Herrn Wermuth.

    3) Wann soll eine Neuverschuldung von 0% Notwendig sein? Ich habe diesen Punkt nicht wirklich verstanden. In der Regel ist es allerdings sinnvoll, wenn die oeffentlichen Haushalte ’sparen‘ (und damit ist auch ein Abbau der Neuverschuldung gemeint), wenn die privaten Haushalte tendenziell weniger sparen. Meinen Sie etwa, die Sparrate der privaten Haushalte wuerde in den naechsten Jahren extrem sinken? Warum?

    4) Weltuntergangsszenarien a la „Die Zinslast wird die Neuverschuldung einholen und das System zum Kollabieren bringen.“ kann ich nun wirklich nicht mehr hoeren. Japan hat eine Verschuldung von ueber 160% / BIP; Italien von ueber 100%; Belgien von ueber 90%, und Deutschland gerade einmal ca. 70%. Der EU Durchschnitt liegt bei 64%. Bisher ist keines dieser Laender „kollabiert“ oder im Meer versunken, oder aehnliches.

    5) Schulden fuehlen sich nicht toll an, sind aber manchmal notwendig. Meine Frau hat ueber $20,000 in Ihre Ausbildung gesteckt; stattdessen haette Sie auch bei McDonald’s Burger flippen koennen. Fuehlt sich nicht toll an, in jungem Alter $20,000 Schulden zu haben; aber nicht zuletzt aufgrund der sinnvollen Investition ist unsere Verschuldung schon wieder sehr ueberschaubar.

    Gruesse aus Ithaca, NY

  3.   Sven Greune

    PS: In Punkt 1) meinte ich die oeffentlichen Haushalte *Chinas*, welche ein Defizit von 3% hatten.

  4.   greenjg

    Ich habe den Beitrag genossen. Und er ist wohl im Grossen und Ganzen sehr richtig. Probleme habe ich wieder mal mit dem Lob für den Dollar und seine tolle Funktion als Kapitalanlage … momentan zweifelt man sehr an diese Funktion … und irgendwann macht es Bums. Die Ersparnisse der USA sind negativ und finanzieren tun wir es … und genau das Geld fehlt genau hier .. das Problem ist aber auch .. dort wird der Konsum finanziert (Krieg) und keine Investitionen!

    Die akademische Diskussion ist mir etwas zu „einfach“ … die Theorie ist vollkommen richtig .. aber entscheidend ist die Qualität der Investition, die die Schulden decken und dessen Rendite, die die Zinsen bedienen. Und hier fallen mir 3 Grundprobleme ein die es zu lösen gibt:

    1) Die Qualtität der Schulden. Schulden finanzieren Investitionen die die Deckung der Bedürfnisse befriedigen. Die Ermittlung, ob die Investitionen rentable sind .. bemisst man nach der Rentabiliät (Rendite). Der Staat vertretten von Politiker bedienen sich jedoch Investitionen zur „Profilierung“ und als plumpe Wahlkampagnen … dabei gerät die Frage der Finanzierbarkeit oft im hintertreffen und wenn dann falsch interpretiert. Man tut so als ob etwas finanzierbar ist, weil Geld da ist. Desweiteren finanzieren wir über Schulden oft Konsum .. siehe verfassungswidrige Haushalte und den Aufbauost! Viel wichtiger ist aber ob der Nutzen den Kosten tatsächlich übersteigt. Die Ermittlung wird jedoch nie gemacht und wenn dann auch noch manipuliert und auch noch als Farce! Desweiteren werden Tilgungen nie oder selten eingerechnet! Die wiederum Kapital für andere Aufgaben freigeben.

    2) Transparenz! Die Subventionen und Steuerausnahmetatbestände haben inzwischen die Ermittlung der Rentabilität einer Investition für die Realwirtschaft vollkommen unmöglich gemacht. Sie können heutzutage sogar Investitionen über Schulden finanzieren, die in die Steinkohle fliessen. Dabei ist diese Technik in Deutschland in Nähere Zunkunft unnötig und dient zunächst vielleicht nur dem Export. Aber warum finanzieren wir über schulden unseren Export, dessen Einnahmen der finanzierende Staat kaum zu sehen bekommt (Mwst). Viel klüger wäre es die Bergarbeiter umzuschulen entweder zu Schlossern, Mechanikern, Ingenieueren und Universitäten und Hochschulen bauen im Bereich Geothermie, die mit der Technik des Bergbaus aufbauen kann und später eine günstige Energie liefern kann, die wiederum die Produktivität der hiesigen Industrie stützt und Wettbewerbsfähig hält und Wohlstand schafft! Um es auf den Punkt zu bringen: Wir sind blind!

    3) Es gibt eine Veschuldung die nie durch Investitionen gedeckt wurde: Die Rente! Die Zinsen lasten auf den Faktor „Arbeit“ und schicken die Menschen in die Armut und Arbeitslosigkeit. Der Zins ist gewaltig, aber die Investition ist nie getätigt worden!!!!! Der muss weg! Wenn die Arbeitskosten von ca. 23€/Stunde auf 13 €/Stunde fallen, dann wird die Wirtschaft brummen wie sie noch nicht gebrummt hat. Sonst ist es nur über Inflation zu lösen. Deshalb mein Vorschlag alle küftigen Einstellungen ohne Erhebung der Zusatzkosten bis zur Vollbeschäftigung durchzuführen. Davon profitieren alle! Damit sinkt der Druck auf die Arbeitskosten und man kann sich auf die Wertschöpfung konzentrieren!

    Über eine Antwort würde ich mich freuen!

    mfg,

    greenjg

    P.S.: Trotz alles Kritik und Probleme, der Ifo-Index ist wieder kräftig gestiegen … der Konjunkur brummt und brummt … ob wir id die 2,5% knacken!? Lach

  5.   EuroOptimist

    Ich stimme dem Beitrag grundsätzlich zu, aber das Konzept „Die Ausgaben sind heute zu leisten, die Erträge erstrecken sich dagegen über viele Jahre.“ setzt natürlich RENTABLE Investitionen voraus. Am Ende einer falsch verstandenen Sparpolitik ist es glücklicherweise noch leicht, solche in Schulen, Universitäten und in der Infrastruktur zu finden. Wenn diese Denkweise aber erst einmal wieder die Oberhand gewinnt, werden unrentable Ausgaben wieder zunehmen. Faule Bürger und Unternehmer werden nach mehr Geld vom Staat rufen, um es in einem sinnlosen „Weiter so“ zu verschwenden. Wie gesagt, heute haben wir andere Probleme, und eine moderate Ausgabenpolitik kann (muss) helfen, sie zu lösen. Trotzdem erfordert auch eine andere Politik Wachsamkeit.

  6.   Eclair

    Vielen Dank, Herr Wermuth, für die erneute Klarstellung. Manchmal fragt man sich, wie oft man es noch klarstellen muss, bevor irgendwann auch einmal etwas hängen bleibt… Fairerweise sollte allerdings hinzugefügt werden, dass auch in den USA in periodischen Abständen immer wieder Politiker fordern, ein „balanced budget“-Gebot in der Verfassung zu verankern (das es in einer Reihe von Einzelstaaten meines Wissens bereits gibt). Bislang siegte stets die ökonomische Vernunft. Mit Blick auf Deutschland meldet Sven Greune hier unter Verweis auf die offensichtliche Fixierung der Ökonomen auf Haushaltskonsolidierung Zweifel an. Ich denke aber, dass sich auch hierzulande die Mehrheit gegen ein Schuldenverbot aussprechen würde. Nicht notwendigerweise, weil sie es besser wissen (müsste), sondern weil sowohl die Wifo-Institute als auch die Universitäten auf staatliche Geldgeber angewiesen sind, und niemand gerne den Ast absägt, auf dem er sitzt.

    Grüße

  7.   MS 6950

    Worauf man sich verlassen kann

    Es ist alles wieder im Lot, zum Glück. Der heute Vormittag veröffentlichte ifo-Geschäftsklimaindex ist nicht einfach nur so mal eben gestiegen, wie es letzte Woche der ZEW-Index frech tat, der die Experten allerdings mit einer negativen Steigung üb…

  8.   Thomas

    Der Beitrag ist wirklich sehr gut. Vor allem weil er die recht leicht einsichtige Aussage, das bei einer stabilen Neuverschuldung relativ zum BIP, die Schulden relativ zum BIP nicht unbedingt ins unendliche Wachsen, grafisch sehr schön untermalt.

    Mit einem Punkt bin ich allerdings nicht einverstanden. Der Markt für Bundesanleihen muss bei einer reduzierten Neuverschldung nicht austrocknen. Wenn der Staat freies Geld in einem Treuhandfonds ähnlich dem norwegischen anlegt und diesen z.T. mit neuen Bundesanleihen finanziert, kann man ein wachsendes Bundesvermögen bei gleichzeitig vorhanden Bundesanleihen erreichen.
    So ein Fonds macht natürlich erst dann sind, wenn die Rendite in Infrastrukturprojekte oder Bildung im Inland kleiner ist, als die Rendite bei Geldanlagen in ausländische Firmen oder Staatsanleihen. Dieser Punkt sollte bei Deutschland lange noch nicht erreicht sein.

  9.   Jörg

    TJa, da hat wohl irgendwer noch immer nicht begriffen, dass Keynes Wirtschaftstheorie nicht so ganz funktioniert!

  10.   Dieter Wermuth

    @ greenjg

    Wenn wir gegenüber den USA einen Leistungsbilanzüberschuss haben, exportieren wir in dieser Höhe netto Kapital in die USA und helfen damit, die Lücke zwischen (niedriger) Ersparnis und (höheren) Investitionen zu schließen. Wir ermöglichen den Amerikanern also eine höhere Konsumquote, als sie sie bei einer gegebenen Investitionssumme sonst hätten. Genauso kann man aber sagen, wir ermöglichen den USA eine höhere Investitionsquote, als sie sie angesichts der mickrigen inländischen Ersparnis sonst hätten. Wir sammeln dadurch zwar Forderungen gegenüber den USA an, die Erträge abwerfen – was beispielsweise eine Art Rentenversicherung für uns ist – verzichten aber auf ein höheres Investitionsvolumen im Inland – und damit auf Produktivitätsgewinne und Wachstum. Auf was ich hinauswill: man kann nicht so klar sagen, dass wir den US-Konsum einschließlich diverser Kriege finanzieren, wir finanzieren auch das Wachstum des Kapitalstocks.

    Punkt 1: Staatliche Investitionen und Ausgaben allgemein lassen sich meist nicht nach Rentabilitätsgesichtspunkten beurteilen. Der Staat erfüllt Aufgaben, die die Privaten nicht finanzieren würden. Denken Sie an die Gerichtsbarkeit, die Polizei, Militär, statistische Ämter, Außenpolitik, mit Einschränkungen auch Straßen, Schulen, Krankenhäuser, Universitäten, Regulierung monopolistischer Märkte, Sozialhilfe. Was rentabel unter Wettbewerbsbedingungen produziert oder angeboten werden kann, sollte in der Tat möglichst der Privatwirtschaft überlassen bleiben. Was ist die Rendite der Bundeswehr? Sehr schwer, da die richtigen Anreize zu setzen.

    Punkt 2: Stimme Ihnen zu. Man muss alle paar Jahre diesen Dschungel durchforsten und rauswerfen, was nicht mehr zeitgemäß ist. Da sind sich alle einig, es ist wegen der vielen Interessengruppen ein höllisches Stück Arbeit. Je älter eine Demokratie ist, desto mehr hat sich da angesammelt. Frau Thatcher und Ronald Reagan, die ich in anderer Hinsicht für ziemlich schlimm halte, haben sich an diese Aufgabe gemacht – und haben aufgrund ihrer Sturheit am Ende Erfolg gehabt. Unsere Konservativen können davon was lernen, tun sie aber nicht, weil sie selbst bei zu vielen Interessengruppen im Wort stehen.

    Punkt 3: Die Rente wird immer aus dem jeweils aktuellen Sozialprodukt bezahlt: diejenigen, die arbeiten, unterstützen diejenigen, die nicht arbeiten, aber trotzdem einen Anspruch auf Unterhalt haben: Kinder, Kranke, Rentner, Arbeitslose, aber auch Hausfrauen und Hausmänner. Je mehr man in den Kapitalstock investiert hat, desto leichter fallen dem aktiven Teil der Bevölkerung diese Leistungen. Das kann gar nicht oft genug wiederholt werden: gespart wird letztlich nur in Form eines Aufbaus des Kapitalstocks (einschließlich Humankapital), also durch investieren. Bei den Arbeitskosten bedenken Sie bitte, dass Löhne sowohl Kosten als auch Einkommen sind – wenn sie zu stark gesenkt werden, nehmen der Konsum und damit das Wachstum und die Beschäftigung ab. In einer offenen Wirtschaft würde einfach die Währung abwerten, wenn die Löhne zu hoch sind. In Deutschland geht das seit dem Euro nur noch bedingt, aber die Wettbewerbsfähigkeit sowie die Gewinnlage der deutschen Wirtschaft sind trotz der hohen Löhne ausgezeichnet. Nicht nur das, sie bessern sich ständig. Ich plädiere für effizienteres Produzieren, mehr Wettbewerb, Marktöffnung in möglichst vielen Bereichen, vor allem eine überlegene Ausbildung der Menschen. Das sind Gemeinplätze, ich weiß, aber wenn Sie sich die Struktur der Staatsausgaben ansehen, erkennen Sie nicht, dass das unsere Prioritäten wären.

    Danke für Ihre Kommentare. DW