‹ Alle Einträge

Die Wachstumswette für 2007

 

Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. In diesem Fall war ich das blinde Huhn, als ich vor genau einem Jahr das Weblog HERDENTRIEB samt meiner Wachstumswette der Online-Öffentlichkeit vorgestellt habe.

„Zwei Prozent plus“ orakelte ich damals. Und ich schimpfte auf die tonangebenden deutschen Ökonomen, die anscheinend alle beim Pauken des Faches ‚Verkrustungstheorie und Globalisierungsuntauglichkeit‘ ihre eigentliche Aufgabe vernachlässigten, nämlich den Kapitalismus und seine Dynamik zu analysieren. Der Sachverständigenrat hatte ein paar Tage zuvor für 2006 ein Wachstum von 1,0 vorhergesagt und die Forschungsinstitute eines von 1,2 Prozent. Jetzt dürften es sogar fast drei Prozent werden, nach den Zahlen fürs dritte Quartal samt den Aufwärtsrevisionen der Vorquartale. Sensationell.

Aber Deutschland hatte auch Glück. Die neue Regierung hat zum ersten Mal seit Jahren weder gespart noch die Menschen mit neuen Abgaben malträtiert. Der Dollar ist nicht kollabiert, und die Weltwirtschaft war und ist unheimlich dynamisch. Auch deshalb konnte sich meine Kreditgeschichte voll entfalten.

Ja, ich habe den richtigen Riecher gehabt und noch mehr Glück. Ich habe den Wendepunkt richtig vorrausgesagt. Prognosen sind immer vertrackt, weil das Wirtschaftssystem einfach zu komplex ist. Aber mit dem richtigen Verständnis für das System kann auch ein blindes Huhn einmal ein Korn finden.

Ich habe jahrelang gelitten unter dem Schlechtreden und Schlechtschreiben des Standorts Deutschland. Das hat mich angespornt, die wahren Gründe für die deutsche Malaise zu suchen. Gründe, die ich vor allem in der Makro fand: Wiedervereinigung und Bausektor, Euro-Einführung und der zu hohe Wechselkurs der D-Mark beim Eintritt in den Euro, der Stabilitätspakt und das Herbeisparen der Krise, und last but not least die Bankenkrise samt Kreditverknappung. All diese Belastungsfaktoren, die Deutschland lange Zeit zum Schlusslicht verdammt hatten, gehörten Ende 2005 der Vergangenheit an, oder waren gerade dabei sich aufzulösen. Deshalb war ich so optimistisch.

Und nun meine Prognose für 2007 – zum ersten Geburtstag von HERDENTRIEB. Ohne Mehrwertsteuererhöhung würde ich locker 2,5 Prozent plus wetten. Doch der Entzug von 20 Milliarden Euro aus der Wirtschaft wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. Deshalb zwei Prozent plus/minus 0,5 Prozentpunkte. Feige? Von exakten Prognosen halte ich nichts, sie sind Scharlatanerie. Diesmal sagt der Sachverständigenrat fürs kommende Jahr 1,8 Prozent voraus und zählt damit zu den Optimisten. Das Gros der Prognosen liegt noch immer unter 1,5 Prozent.

Warum bin ich trotz Mehrwertsteuererhöhung optimistisch? Weil sich die deutsche Wirtschaft mitten im Aufschwung befindet. Und die Mär, dass dieses Land nur um 1,5 Prozent wachsen könne, wenn es gut läuft, glaube ich immer noch nicht. Die Auftragseingänge der Industrie sind beeindruckend. Die Investitionen im Inland legen deutlich zu. Neue Arbeitsplätze entstehen und der Bau hat die Schrumpfung hinter sich. Die jüngsten Ergebnisse des Bank Lending Survey für Deutschland zeigen, dass die Kreditklemme überwunden ist. Ich habe die Grafiken, mit denen ich im vergangenen Jahr den Aufschwung beschwor, mit den neusten Daten ergänzt. Alles deutet auf ein weiteres kräftiges Wachstum hin. Die Finanzierungsbedingungen sind fabelhaft.

Dt Ergebnisse Bank Lending Survey

Kredit an Unternehmen und Haushalte

Meine einzige große Sorge gilt der Lohnentwicklung in Deutschland. Sie ist das größte Risiko für meine Prognose. Die Löhne entwickeln sich noch immer viel zu schwach! Nicht nur die Unternehmen, auch die Menschen in diesem Land müssen den Aufschwung spüren. Eine durchschnittliche Lohnerhöhung um vier Prozent im nächsten Jahr sollte drin sein. Warum vier Prozent? Weil der Zuwachs der Arbeitsproduktivität im laufenden Jahr bei rund zwei Prozent gelegen hat, die von der Europäischen Zentralbank angestrebte Inflation bei 1,9 Prozent liegt. Zwei plus 1,9 macht 3,9. Eine solche Lohnerhöhung wäre verteilungsneutral, würde also an den Rekordgewinnen der Firmen nichts ändern.

Erst mit einer solchen angemessenen Lohnerhöhung gewinnt der Aufschwung an Breite, erst dann wird er tatsächlich selbsttragend. Nur mit dem Anziehen des privaten Verbrauchs, der den Investitionen der Unternehmen die Rendite bringt, die sie sich erhoffen, kann Deutschland seinen Beitrag zum Abbau der globalen Ungleichgewichte leisten. Nebenbei: Nur so kann sich Deutschland gegen eine globale Konjunkturabschwächung wappnen. Und mein cetrum censeo: Nur mit höheren Löhnen kann Deutschland den Abwertungswettlauf über die Lohnstückkosten in Euroland verhindern.

Die Wette gilt: Zwei Prozent Wachstum für 2007 (plus/minus 0,5 Prozentpunkte).

46 Kommentare

  1.   Maennel

    Gratulation!
    Die Helden aller Hirten haben ein hervorragendes Jahr hingelegt.
    Weiter so!

  2.   Martin

    Dem Vorkommentar schließe ich mich gerne an: Glückwunsch zum Einjährigen – und zur gewonnenen Wachstumswette natürlich! Auf dass das zweite Jahr eine gleichbleibend anregende und instruktive Lektüre bieten möge!

  3.   Die Fragen

    Hallo Herr von Heusinger,

    herzlichen Glückwunsch zum Einjährigen!

    Und auch zum Einjährigen bekommen Sie von mir Fragen über Fragen – zum Ausruhen haben wir ja schließlich keine Zeit. Nein, genauer gesagt eine Frage:

    Produktivitätswachstum. Es ist doch eine wichtige Frage, woher das Wachstum stammt. Wenn es eine echte Steigerung ist, dann gerne. Aber es gibt doch auch folgenden Fall: Die Löhne sind relativ hoch oder die Nachfrage zu gering, wie auch immer, auf jeden Fall lohnt sich ein Teil der Arbeitskräfte für den Unternehmer nicht mehr. Er entlässt ein paar oder besetzt Stellen nicht neu. Wenn sich die Produktivität der anderen dadurch erhöht, wächst also auch die von Ihnen beschriebene Arbeitsproduktivität. Ist die Schlussfolgerung nun, die Löhne zu erhöhen?!?

    Was wäre die Folge? Wieder lohnen sich ein paar Arbeitskräfte nicht mehr, es werden ein paar entlassen, wieder steigt die Produktivität. Und was verschreibt Dr. von Heusinger?!? Höhere Löhne?

    Also einer von uns beiden liegt wohl falsch, oder? Warum liege ich falsch?

    Beste Grüße

  4.   Robert von Heusinger

    Liebe Die Fragen,

    es gibt Produktivitätssteigerung aufgrund Entlassungen, keine Frage und es gibt ganz viele Modelle, die diese Kennziffer berechnen wollen. Aber warum Sie falsch liegen: In Deutschland entstehen gerade Jobs und trotzdem steigt die Produktivität.

    Außerdem, wenn man stringent mit Ihrem Argument daherkäme, müssten die Löhne überall auf der Welt noch Hungerlöhne sein. Denn Produktivitätszuwachs bedeutet permanent weniger Arbeitskräfteeinsatz für die gleiche Produktionsmenge. Stellen Sie sich mal vor, wieviele Menschen heute nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten können, weil sie zu teuer sind. Wollen wir zurück in den Agrarstaat?

    fragt ausnahmsweise mal

    Ihr Robert Heusinger

  5.   ManM

    @Die Fragen: Vereinfacht gesagt: Solange die Produktivität der Arbeitskräfte in Ihrem Beispiel (mindestens) mit ihren Löhnen übereinstimmt, wird der Unternehmer sie nicht entlassen. Sinkt die Produktivität gemessen am Wert der hergestellten Produkte (beispielsweise durch einen Preisverfall) und kommt es daraufhin zu Entlassungen, stimmt die Produktivität der übrigen Arbeitnehmer wieder mit ihren Löhnen überein, wenn sie die Entlassungen durch Mehrarbeit bei gleichem Lohn auffangen. Liegt die Produktivität der übrigen Arbeitnehmer danach über ihren Löhnen, gibt es Raum für Lohnsteigerungen.

  6.   greenjg

    @Robert von Heusinger,

    „Denn Produktivitätszuwachs bedeutet permanent weniger Arbeitskräfteeinsatz für die gleiche Produktionsmenge.“

    Oder höhere Produktion bei konstanter Arbeitskraft oder noch höhere Produktion bei noch höhere Arbeitskraft.

    Oder wir machen einfach neue Sachen, die es bis dato nicht gab! 😉

    Innovation!

    mfg,

    greenjg

  7.   EuroOptimist

    Glückwunsch zur gewonnenen Wette für 2006 – und den Mut, sie einzugehen gegen die Mehrheit des geballten „Fachwissens“. Die 2 für 2007 finde ich noch mutiger. Mit dem Fehlerbalken allerdings schon weniger: 1.5% sollten drin sein. Auch ein scharfer Abschwung in anderen Regionen der Welt käme wohl zu spät, um das Wachstum für 2007 insgesamt unter diese Marke zu drücken.


  8. Hallo Hr. Heusinger,

    Glückwunsch zum einjährigen Jubiläum des gern gelesenen Herdentrieb.
    Und natürlich Glückwunsch zur gewonnenen Wette. Um so schöner ist es , daß Sie sie gegen die veröffentlichte Meinung der Sinns, Miegels und Walters dieser Republik mit ihrer lukrativen Schwarzmalerei gewonnen haben. Daß Sie ( und auch Ihre Kollegen von der ftd) hier tapfer Widerstand geleistet haben , auch dafür Dank.

  9.   barney

    Glückwunsch und danke für den Widerstand gegen die Dauerpessimisten. Seit der Wette vor einem Jahr bin ich Dauerleser und Herdentrieb ist mein „Leitmedium“ für Wachstumsfragen geworden.
    Gruß
    barney

  10.   ceebee

    Warum spielt in der Betrachtung Produktivität/Lohnhöhe der
    aktuelle Bestand an Arbeitslosen keine Rolle, etwa in dem Sinn
    „erstmal Löhne so lassen bis die Arbeitslosen weg sind“ ?