So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Minsky und die Krisen des Kapitalismus

Von 22. August 2007 um 20:25 Uhr

Übertreibungen an den Märkten, Assetpreisblasen und Finanzkrisen waren das Element von Hyman Minsky. Der 1996 verstorbene Ökonom ist durch seine Krisentheorie berühmt geworden, stand aber immer am Rand des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams. Jetzt wird er wieder entdeckt. Nouriel Roubini schreibt etwa, dass die jetzige Krise an den Finanzmärkten ein richtiger Minsky-Moment sei – sie verlaufe genau nach Minskys Theorie der finanziellen Instabilität, die dieser schon in den 60er und 70er Jahren entwickelt hatte. Minskys Hauptthese ist, dass das Finanzsystem im Laufe eines Aufschwungs automatisch instabil wird. Kurz: Im Kapitalismus ist die Krise immer mit dabei.

Damit wendet sich Minsky gegen den Mainstream, nach dem die Ökonomie immer ins Gleichgewicht strebt. Abweichungen und Dynamiken kämen im Mainstream nur durch äußere Faktoren, wie Kriege, Katastrophen oder andere Störungen, die mit der Wirtschaft als solcher nichts zu tun haben. Wenn es dann doch Krisen gebe, seien die durch falsche institutionelle Anreize entstanden. Minsky setzt dem entgegen, dass Finanzkrisen zum kapitalistischen Wirtschaften gehören – also aus dem System selbst entstehen. Damit ist Minsky ein Ökonom des Ungleichgewichts.

Der zweite Pfeiler seiner Theorie ist die Rolle der fundamentalen Unsicherheit im Marktgeschehen. Während der Homo Oeconomicus des Mainstreams die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Ereignisse zu jeder Zeit auf der Grundlage aller verfügbaren Informationen ausrechnet, stehen bei Minsky die Rolle von Unsicherheit und Konventionen im Mittelpunkt. Weil Menschen nie genau wissen, welches ökonomische Modell wahr ist und welche Folgen ihre Handlungen haben, neigen sie dazu, sich den anderen anzupassen. Sie orientieren sich an Konventionen und treffen auf deren Grundlage Entscheidungen, ohne alle möglichen Optionen zu durchdenken, was letztlich auch unmöglich ist. Und so kann sich die ökonomische Realität ganz anders entwickeln als gedacht und den Leuten schnell um die Ohren fliegen: Die nächste Krise kommt bestimmt.

Wie kommt Minsky darauf? Er stellt die Finanzierung von Unternehmen, Haushalten und Banken in seiner Untersuchung in den Mittelpunkt. Dabei unterscheidet er zwischen drei verschiedenen Arten von Finanzierung. Neben der sicheren Finanzierungsform von Unternehmen, Haushalten und Banken, bei der die erwarteten Einnahmen ausreichen, um sowohl den Kredit als auch die Zinsen zurückzuzahlen, unterscheidet Minsky noch zwischen der spekulativen- und der Ponzi-Finanzierung. Bei der spekulativen Finanzierung reichen die Einnahmen nur dafür aus, die Zinsen zu bedienen, aber nicht den Kredit selbst zurück zu zahlen. Der muss deswegen immer wieder verlängert werden und die Spekulanten sind damit auf liquide Finanzmärkte angewiesen. So finanzieren sich vor allem Banken und andere Finanzinstitutionen. Ponzi-Finanzierer können dagegen weder ihre Schulden bedienen noch zurückzahlen. Sie spekulieren darauf, dass die Preise ihrer Assets steigen, um später durch deren Erlös die Schulden zu tilgen. Klar, dass ein Finanzsystem umso instabiler wird, je weniger Akteure sich sicher finanzieren und je mehr zu spekulativen – oder Ponzi-Finanzierern werden.

Genau das geschieht aber im Aufschwung. Mit steigender Wirtschaftskraft steigen auch die Gewinnerwartungen und damit die Vermögenspreise. Mit der Aussicht auf höherer Gewinne verschulden sich die Akteure stärker, um sich neues Kapital, ein Häuschen oder Aktien zu kaufen. Wenn sich die Gewinne dann auch verwirklichen, steigt die Erwartung auf noch höhere zukünftige Gewinne: Wenn jetzt schon so viel drin ist, muss noch mehr gehen, sagen sich viele. Schnell finden sich Theorien, warum das Wachstum nicht mehr aufhören kann und die Wirtschaft sich auf einem ganz neuen Pfad bewegt, auf dem Rezessionen der Vergangenheit angehören.

Die Leute werden immer unvorsichtiger – sie unterschätzen die Risiken und überschätzen die Gewinn- und Renditeerwartungen; gleichzeitig steigt die Verschuldung und immer mehr Akteure wechseln von der sicheren zur spekulativen und von der spekulativen zur Ponzi-Finanzierung. Dann braucht es nur eine kleine Erschütterung, und das System stürzt in sich zusammen. Bleiben die Gewinne plötzlich hinter den immer höheren Erwartungen zurück, fallen die Vermögenspreise und die Ponzi-Finanzierer gehen reihenweise Pleite. Dann bekommen auch die Banken Angst und verweigern Kredite. Die Liquidität versiegt und bringt die Spekulanten in Bedrängnis. Am Ende steht ein Verfall der Vermögenspreise, Massenpleiten, ein Rückgang der Investitionen und die Deflation. Das instabile Finanzierungssystem reißt die reale Wirtschaft mit in den Abgrund – von wegen Trennung zwischen monetärer und realer Sphäre!

Nouriel Roubini hat das Modell Minskys auf die US-Immobilienkrise und ihre Weitungen in das internationale Finanzsystem übertragen. Unter die Ponzispieler zählt er vor allem die US-Haushalte im Subprimemarkt – denn die endgültige Schuldenlast liegt bei vielen Haushalten klar über dem verfügbaren Einkommen. Das zieht sich aber nicht nur durch den Immobilienmarkt, sondern betrifft auch Kreditkartenschulden und andere Konsumkredite. Viele Haushalte haben sich auch spekulativ finanziert in der Hoffnung darauf, ihre Hypotheken refinanzieren zu können. Dass Banken spekulativ vorgehen, ist kein Wunder. Wie viele Ponzispieler darunter waren, weiß man bis jetzt nicht – was ja auch ein Hauptgrund für die versiegende Liquidität ist. Die IKB und die SachsenLB waren auf jeden Fall dabei. Mal schauen, welche Banken noch folgen werden.

Hedge Funds und Private Equity haben in Roubinis Augen das Finanzsystem besonders destabilisiert. Diese beiden Investorengruppen seien treibende Kräfte in der Minskykrise gewesen: Durch schuldenfinanzierte Übernahmen und dadurch, dass man Unternehmen von der Börse genommen hat, und durch Aktienrückkäufe haben sie die Eigenkapitalbasis der betroffenen Unternehmen geschwächt und stattdessen höhere Schulden aufgenommen – was das Finanzsystem noch anfälliger gemacht hat. In der jetzigen Krise stimmt alleine optimistisch, dass viele Unternehmen durch ihre hohen Profite weiterhin auf sicheren Beinen stehen. Trotz der Krise am Kreditmarkt können sie wegen ihres hohen Cash Flows weiter investieren.

Minsky hat mit seiner Theorie die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus erklärt, aber es ging ihm vor allem auch darum, dass “es” nicht noch einmal passieren sollte, nämlich eine Deflation wie nach der Weltwirtschaftskrise 1929. Wichtig waren ihm deswegen starke öffentliche Institutionen, die helfen die Wirtschaft zu stabilisieren. Die Zentralbank sollte das immer komplexer werdende Finanzsystem überwachen und die Entwicklung neuer Finanzstrukturen steuern. Im Fall der Krise ist ihre Rolle die des Lender of Last Resort, d.h. des Kreditgebers der letzten Instanz, der für ausreichend Liquidität sorgt. Das Budget des Staates sollte sich mindestens in der Größenordung der Investitionen bewegen, um in der Krise durch entsprechende Defizite den Rückgang der Investitionsausgaben ausgleichen zu können. Hierdurch werden nicht nur die Profite der Unternehmen stabilisiert, sondern das Finanzsystem wird zusätzlich mit sicheren öffentlichen Wertpapieren versorgt

Ben Bernanke, der Chef der Fed, scheint letzten Freitag seinen Minsky-Moment gehabt zu haben: Minsky betonte die Wichtigkeit des Diskontfensters im Gegensatz zur Offenmarktpolitik. Mit niedrigeren Diskontsätzen könne man verantwortungsvollen Banken Liquidität zu besseren Kondition geben.

Leser-Kommentare
  1. 49.

    @ f.lübberding

    Die durchaus kontroversen Kommentare zum Greenberg-Blog, nicht nur im Hinblick auf die Interpretation des FED-Rundschreibens für besorgte Senatoren, offenbaren sehr anschaulich die komplette Verwirrung auf den Zuschauerrängen – ehemalige Banker fordern eine Zinserhöhung und biedere Eigenheimbesitzer Bernanke’s Kopf… :-)
    Ist schon klar, neue Papiere im Sinne von Finanzinstrumenten sollen hier nicht hervorgezaubert werden – eher geht es darum die Zitronen von den Orangen zu trennen, ihnen einen neuen Anstrich zu verpassen, und sie in eine Kiste mit der Aufschrift “Vorsicht frische Zitronen” zu packen.

    Dann findet sich vielleicht auch wieder ein Käufer, der sich die Risikovitaminrendite schnappen will – z.B. die Chinesen, die haben ja letzte Woche schon damit gedroht erstmal alle Obstkisten gründlich zu durchleuchten bevor diese aufs Festland gebracht werden dürfen..
    …und die Franzosen wollen jetzt schon einen internationales, respektive globales Zitronengehaltskontrollorgan mit jeder Menge Transparenz.. autsch

    Das schmeckt den Amerikanischen natürlich gar nicht, womöglich werden ihre tapferen englischen Verbündeten auch noch abtrünnig wenn die Schockwellen aus Bubbletown zu stark werden…
    Da hilft nur eins: rasche und unaufällige Schadensbegrenzung und vor allem -> Stärke zeigen !! (möglichst gleichzeitig)
    Mein Tipp: Keine Leitzinssenkung in den nächsten drei Wochen !

    • 31. August 2007 um 09:57 Uhr
    • Dummschwätzer
  2. 50.

    @dummschätzer

    Klasse Kommentar von Ihnen! Besonders nett fand ich den ersten Eintrag bei Greenberg, der vorgeschlagen hat, Greenberg solle den Brief noch einmal lesen – aber ganz langsam.

    Ansonsten ist die Idee mit den “frischen Zitronen” wirklich spannend. Genauso wie die Vorstellung diese Zitronen dann an die Chinesen zu verkaufen.

    Nur gibt es ein Problem: Die Trennung der alten Zitronen von den Orangen. In Wirklichkeit hat man diese – etwa bei den CDOs -untrennbar miteinander verbunden. Dort sind eben auch Kreditkarten, Autokredite etc. drin. Deshalb halte ich diesen Markt ja auch für unrettbar tot. Es ist mit keiner Alchemie mehr möglich, dem Lebensgeister einzuhauchen. Und genau hier liegt jetzt die Chance – zugunsten einer Reregulierung.

    Bush hat ja heute in einer Art koordinierten Aktion eine Rede angekündigt – nach Bernanke. Seine Vorschläge, soweit sie bekannt sind, stehen ohne die FED auf einem Bein. Man könnte nun vermuten, dass er den Vorschlag von Bill Gross umzusetzen gedenkt. Aber der bezog sich eben nicht nur auf die Hilfe für den ins Trudeln gekommenen Hausbesitzer. Sondern wesentlicher war seine Einschätzung vom Tod eines Teils des Derivatenmarktes -”basically history”. Das wirde bei uns nur nicht wahr genommen.

    Die Politik wird auf einem Bein umkippen, wenn Bernanke nichts macht. Meine These ist ja die Verbindung zwischen Finanzmarkt und Immobilienmarkt wiederherzustellen. Das kann er nur, wenn es einen bail-out zugunsten der Märkte gibt. Das ist geradezu zwingend – ansonsten wird sich diese Krise nicht regulieren lassen. Mit Marx gesprochen, fängt sonst die Zirkulationssphäre mit der Realwirtschaft an zu tanzen.

    Genau hier ist also mit Spannung Bernankes Rede zu erwarten. Eine Zinssenkung wäre Kosmetik, da stimme ich Ihnen zu, weil sie an diesem Grundproblem nichts ändert. Sie ist aber nicht auszuschließen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Also etwa die EZB in gleicher Weise senkt – und die Chinesen mitspielen und den Yuan aufwerten. Ich habe zwar bisher immer gegen eine Zinssenkung argumentiert, aber weil sich die Bedingungen täglich verändern, muß man auch seine Analysen entsprechend anpassen. Wie sagte Keynes: “Ich ändere meine Meinung. Sie etwa nicht?” Aber das ist nur eine neue These. Aber das ist nur eine neue These, die natürlich in wenigen Stunden schon widerlegt sein kann. Sicherlich gibt es gute Gegenargumente. Wir versuchen ja hier die Akteure zu verstehen, ohne deren Überlegungen aber zu kennen.

    Ich habe auch Vorstellungen darüber, was Bernanke zum Thema bail-out sagen könnte. Die sind aber so abenteuerlich, dass ich darüber erst noch einmal nachdenken will.

    Ansonsten ist der von Ihnen beschriebene Abwehrkampf der Wall Street gegen eine Reregulierung nicht zu unterschätzen. Nur stehen die mit dem Rücken zur Wand. Und die ist nur aus Pappe. Umfall droht.

    Selbst das American Enterprise Instiute, ein wirklich einflußreicher konservativer Thinktank, hat sich vorgestern zum Thema geäußert. Wollte ich nicht posten, weil ich sowieso schon soviel in den Thread stelle. Aber die Links könnten Sie vielleicht interessieren. Einer der Autoren ist Desmond Lachman – und der hat die Spekulationsblase schon lange kritisiert. Und die Wall Street. Hier der Link:

    http://www.aei.org/... Desmond Lachman

    Lesen Sie auch einmal seinen Beitrag zum Thema Kongreß und die Immo-Krise. Dort sieht man schon den Versuch, Zeit zu gewinnen, damit nicht die Finanzbranche komplett unter die Räder kommt. Das Ganze entwickelt schließlich eine enorme Eigendynamik.

    • 31. August 2007 um 11:53 Uhr
    • f.lübberding
  3. 51.

    Lieber Herr Lübberding,

    an dieser Stelle erst einmal ein Dankeschön für Ihre ausführlichen und fundierten Komments (dies gilt natürlich auch für das Gros der Kommentatoren in diesem Blog, und ihrer guten Hirten (!) ) – ich fühle mich davon keineswegs belästigt :-)

    Nun kommte er also doch: der Bail-out der Subprimer (handverlesen versteht sich) , federal backed mortgage mutiert zum tax backed mortgage – und die Gemeinde der Steuerzahler spuckt Feuer…
    Die heilige Nikolaus-Strategie von President Bush ist also danebengegangen – oder war dies gar nicht seine Absicht ?

    Was zu erwarten war:
    Heli-Ben läßt sich auf nichts festnageln, wozu auch ? Ja gut – hier und da noch ein paar Risiken aber die Verluste stehen ja nicht in seinen Büchern, also immer locker bleiben.

    Was bedeuted nun dieses Mimenspiel ?

    Meine Vermutung:
    Der Crash läuft nach Plan, der Dollar stabil, und die Opfer werden heimlich hinter der Bühne verscharrt – denn eins muß in jedem Fall sichergestellt sein:
    Der florierende Handel amerikanischer Finanzprodukte ins Ausland darf keinen Schaden nehmen, und soll auch weiterhin möglichst unbeeinflußt von international generierten Kontrollorganen ablaufen.

    Wenn dieser Markt zusammenbricht gehen in den USA alle Lichter aus – die Folgen sind nicht auszudenken…

    Das alles nur unter dem Vorbehalt, daß nicht doch noch ein Asteroid einschlägt !

    • 1. September 2007 um 03:55 Uhr
    • Dummschwätzer
  4. 52.

    Könnte man nicht auch sagen, dass es ein klassischer Mises-Moment ist. Die Fed hat mit künstlich niedrigen Zinsen zu Fehlinvestitionen ermutigt und als die Zinsschraube wieder angezogen wurden merkten Viele, dass ihre Pläne zu ambitioniert waren und nichts mit der Realwirtschaft zu tun hatten.

    • 2. September 2007 um 04:15 Uhr
    • fpk
  5. 53.

    [...] Minsky Aus irgendeinen Grund ist Minskys Spekulationstheorie wieder in den Nachrichten. Der Kapitalismus als Pyramidensystem Sind Pyramidensysteme eigentlich gesetzlich verboten? Gäbe es so ein Gesetz, könnte man dann in Karsruhe klagen? [...]

  6. Kommentar zum Thema

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