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Die US-Rezession wird lang und hart

Von 22. Januar 2008 um 12:16 Uhr

Wer nicht aus der Geschichte lernt, ist gezwungen, sie zu wiederholen. Oder: Die Rezession in den USA wird mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Zuckerschlecken. Zumindest, wenn man die Banken- und Finanzkrisen der Vergangenheit als Maß anlegt. Kenneth Rogoff, ehemals Chefökonom des IWF, und die angesehene Finanzmarktexpertin Carmen Reinhardt beschäftigen sich seit Jahren mit solchen Krisen. In einem aktuellen Forschungspapier vergleichen sie die US-Subprime Krise, die zur Zeit die Weltwirtschaft in Atem hält, mit vergangenen Krisen und finden unschöne Parallelen. Denn in der Vergangenheit hatten Finanzkrisen regelmäßig zu langen Wachstumseinbrüchen geführt. Es wäre schon ein ungewöhnlicher Glücksfall, wenn sich die USA dem entziehen könnten.

An wohl klingenden Argumenten, warum die schnell steigenden US-Vermögenspreise in letzter Zeit fundamental gerechtfertigt und nicht wie in der Vergangenheit Folge irrationalen Überschwangs seien, hatte es nicht gefehlt. “Dieses Mal ist alles anders” haben sich Investoren und Ökonomen gesagt – keine Blasen, sondern wohl fundierte Aussichten auf stetig steigende Gewinne würden die Anlagepreise treiben. So haben sie den Anstieg der Häuserpreise dadurch erklärt, dass die innovativen US-Finanzmärkte tolle neue Finanzprodukte entwickelt hätten, die es erlauben würden, eine höhere Verschuldung ohne höhere Risiken zu verkraften. Diese Finanzinnovationen haben die US Finanzmärkte noch liquider und attraktiver für Investoren gemacht und Anlagekapital vor allem aus Asien und den Erdöl-exportierenden Ländern angelockt.

Das starke Produktivitätswachstum, so wurde argumentiert, rechtfertige die Erwartung auf dauerhaft höhere Renditen und damit den starken Anstieg der Aktienpreise. Auch das Risiko größerer Konjunkturausschläge schien für die USA gebannt zu sein. Das nannten Ökonomen “The Great Moderation” – die große Mäßigung. In dieser besten aller Welten sei auch das Rekordleistungsbilanzdefizit fundamental begründet. Internationalisierte Finanzmärkte sorgen eben dafür, dass ausländische Investoren ihr Geld da anlegen, wo es die höchste Rendite bei geringem Risiko gebe – in den USA. Vermögenspreisblase? Iwo – die “Fundamentals” sind in Ordnung!

Der Fall der Immobilienpreise im Sommer 2007 hat all diese schönen Wirtschaftswundermärchen zerschlagen. Und er hat den USA gezeigt, dass dieses Mal doch nicht alles anders ist. Die Kreditmärkte befinden sich in der Krise, Banken müssen Abschreibungen in Milliardenhöhe vornehmen und ihre Kredite für Unternehmensinvestitionen verknappen. Konsumenten, die sich wegen steigender Häuserpreise reicher gefühlt hatten und viel konsumiert, aber nur wenig, wenn überhaupt, gespart hatten, müssen jetzt auf die Konsumbremse treten. Überlegene Finanzmärkte hin, tolles Produktivitätswachstum her.

Rogoff und Reinhardt zeigen, dass die sich abzeichnende Krise einem Muster folgt. Darauf kommen die beiden Wissenschaftler nach einer Untersuchung von 18 Finanz- und Bankenkrisen in Industrieländern. Sie fanden heraus, dass das Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum in Folge einer Krise um durchschnittlich zwei Prozent gefallen war. Erst nach etwa zwei Jahren hatten sich die Länder wieder erholt. Besonders hart hatte es Spanien in den späten Siebzigern, Norwegen in den späten 80ern und Finnland, Schweden und Japan in den frühen 90ern erwischt. Dort war das Wirtschaftswachstum im Durchschnitt sogar um fünf Prozent eingebrochen, und eine wirkliche Erholung war auch nach drei Jahren noch nicht zu verzeichnen. Das sei die Spanne an Wachstumsminus, so Rogoff und Reinhart, mit der wohl auch in den USA in den nächsten Jahren zu rechnen sei.

Das Schema war in allen Krisen gleich: Die Häuser- und Aktienpreise stiegen stark, die privaten und öffentlichen Schulden ebenfalls und weil auch ausländische Investoren mitspielen wollten, kam es zu hohen Leistungsbilanzdefiziten. Fielen plötzlich die Vermögenspreise, folgte früher oder später der Wachstumseinbruch. Im Fall der USA ist besonders der Anstieg der Häuserpreise und das Leistungsbilanzdefizit ausgeprägter als in früheren Krisen, was nichts Gutes bedeutet. Bis vor kurzem hatten sich die Aktienpreise zwar noch wacker gehalten. Rogoff und Reinhart glauben aber, dass das mit den raschen und umfangreichen Liquiditätsspritzen der Fed zu tun hatte. Jetzt scheint auch das nichts mehr zu nützen. Allein in der vergangenen Woche fiel der wichtige US Aktienindex S&P 500 um 5,4 Prozent.

Auch bei den Ursachen für die Krise sehen die beiden Ökonomen Parallelen zur Vergangenheit. Rogoff und Reinhart betonen, dass den meisten Krisen eine Liberalisierung der Finanzmärkte vorausging. Zwar gab es in den USA in den letzten Jahren keine rechtliche Liberalisierung, sehr wohl aber eine faktische. Man muss nur an die vielen neuen Finanzprodukte denken, die Abkürzungen wie die Roboter aus Krieg der Sterne tragen und den Großbanken heute beträchtliche Probleme bereiten. Oder an unregulierte Konstrukte, wie die sogenannten “Special Investment Vehicles” (SIV).

Wie stark der Einbruch der US-Wirtschaft tatsächlich sein wird – ob er eher bei minus zwei Prozent oder minus fünf Prozent liegen wird – lässt sich nicht sagen. Aber dass er sich nicht so einfach verhindern lässt, scheint die Geschichte gelehrt zu haben.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Komisch. Vor 6 Monaten war ich der einsame Rezessionswarner in der Wüste … Jetzt wissen schon alle, wie lange und wie tief die Rezession wird.

    So schnell können sich die Meinungen ändern.

    Da die Fed bereits etwa ein halbes Jahr vor Beginn der Rezession die Zinsen gesenkt hat und auch die Geldmenge weiter kräftig steigt, rechne ich nicht mit einer besonders schlimmen Rezession. Zwei, drei Quartale, die zusammen vielleicht 1,5% nach unten gehen und dann ist das wieder vorbei.

    Die richtige Quittung dafür bekommen wir später … Auf der steht dann Inflation.

    Bye egghat

    • 22. Januar 2008 um 13:46 Uhr
    • egghat
  2. 2.

    Wiederholung der Geschichte? Ist das nicht ein bisschen zu kurz gesprungen? Das Leben als ewge Wiederholung oder doch “Entwicklung”. Immer abhängig davon, was man beobachtet: die Krisen oder den “long run”.
    D.h. Gerade am ewigen Hinfallen kann man den Hang zum aufrechten Gang erkennen…siehe Kleinkinder;-)
    D.h. die USA von 2008 ist nicht mehr die USA aus 1973!
    Nein, the difference ist nicht der Verstand, sondern die Veränderung im Laufe des wesentlichen Trends der Moderne: Der funktionalen Differenzierung (vulgo: Arbeitsteilung bzw. vulgo-vulgo: Spezialisierung).
    Das Finanzwesen in den USA ist heute sehr viel schneller als in den 70er Jahren (denken wir an 1987!) und internationaler (Globalisierung) und erheblich mehr clevere Ivy-League-Jungs operieren dort an folglich höchst effektiven “Killer-Application”. Um es kurz zu fassen: Professionalisierung!
    Und nicht nur das Finanzwesen, sondern das ganze Land vollzieht eine Spezialisierung: Weg von Stahl und Automobilproduktion hin zu: Finanzen! So weit, dass sogar Aktien (90er) und Hypotheken (2003-dato) die Rolle des Arbeitseinkommens langsam aber sicher ablösen.
    Ergo: Die USA ist durchgehend spezialisiert aufs Finanzwesen.
    Was ist der Preis von Spezialisierung? Alle sitzen im gleichen Boot… und daher darf das Boot nicht untergehen.
    Greenspan ahnte dies wohl 2001 und spielte das Spiel weiter…komme was wolle. Denn was ist die Alternative?
    Alles raus aus den Finanzen? Weg mit der Professionalisierung? Verstaatlichung der Banken? Zurück in die 70er Jahre und “small blocks” bauen? USA reloaded?
    Strukturwandel?…nur wohin? Zurück ins 20. Jahrhundert.
    Nein, es kann nur ein “Weitermachen” geben!
    Weil: Einen solchen radikalen Wandel wird die USA nicht überstehen bzw. dann ist sie keine Weltmacht mehr!
    Der Preis ist zu hoch, failure is no option.
    Und auch jeder Versuch, die Krise zu erlauben, um gewisse Reinigungsprozesse im Markt zu ermöglichen kann absolut tödlich enden. Wegen Bifurkation, d.h. spezilisierte Systeme brechen spät, aber dann vollständig.
    Mögen die FED-Jungs cleverer sein als ihre Politiker nach 9.11! Aber Ben ist nicht der richtige Junge dafür…daher: God bless america!
    Und wenn die USA fällt, dann fallen auch wir, da auch zwischen den Nationen Arbeitsteilung bzw. Spezialisierung bezüglich Konsum und Produktion herrscht…und damit absolute Abhängigkeit! Aber das ist ein anderes Thema…eigentlich…

    • 22. Januar 2008 um 14:31 Uhr
    • goodnight
  3. 3.

    @egghat,

    Na Na … so einsam waren Sie auch nicht! ;-) Wir waren mindestens 3.

    • 22. Januar 2008 um 14:35 Uhr
    • HeliBen
  4. 4.

    @F. Linder:
    Ich verstehe nicht ganz, wie Sie den Einbruch messen. Heißt Minus 5%, dass das BIP um 5% zurück geht? Oder heißt es nur, dass das BIP im übernächsten Jahr 5% unter dem Wert liegt, den es erreicht hätte, wenn es durchschnittlich weiter gewachsen wäre?

    @all: Schade eigentlich, dass die FED die Zinsen im vorletzten Jahr nicht stärker erhöht hat, dann hätte sie jetzt mehr Spielraum für Zinssenkung um mit Zentralbank-Puts die Aktienbesitzer von Schaden freizukämpfen.

    • 22. Januar 2008 um 15:49 Uhr
    • Thomas
  5. 5.

    @ goodnight

    “… Ergo: Die USA ist durchgehend spezialisiert aufs Finanzwesen.
    Was ist der Preis von Spezialisierung? Alle sitzen im gleichen Boot… und daher darf das Boot nicht untergehen.”

    -> … die Alte Garde stirbt! … aber sie ergibt sich nicht !

    • 22. Januar 2008 um 16:05 Uhr
    • Wi-Ing-030
  6. 6.

    An egghat:
    Siehe Artikel von A.P. Schmidt auf heise/telepolis:

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19151/1.html

    Das war am 5. Januar vor drei Jahren – und da war das Problem längst hinreichend klar.

    Das Desaster steckte hier natürlich darin, dass die Verantwortlichen – insbesondere in den USA – dem schönen Schein nur zu gerne glaubten, u.a. um den Irak-Krieg zu finanzieren.

    Ich bin mal sehr gespannt, was nun in Zeiten einer amerikanischen Rezession bzgl. deren militärischen Aktivitäten geschieht.

    Eins dürfte aber klar sein:
    So wie die USA – aus eigenem Verschulden – in diese Kriese geschliddert ist, wird sie nicht wieder dort heraus kommen. Wenn diese Volkswirtschaft wieder oben ist, dann wird das Kräfteverhältnis zu China, Indien, Russland und auch Europa ein anderes sein. Ob sie es sich dann den Status der “einzig verbliebenen (militärischen) Supermacht” überhaupt noch leisten können wage ich zu bezweifeln..

    F. Mayer

    • 22. Januar 2008 um 16:18 Uhr
    • Frank
  7. 7.

    Nachtrag:
    Als ich gerade nochmal im Telepolis-Archiv blätterte stieß ich auf folgenden Artikel:

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24355/1.html

    in dem eine Studie zitiert wird, nach der 2.2 Mio Menschen ihre Immobilienkredite nicht zurück zahlen können werden.

    JEDEM halbwegs intelligenten Menschen war es mindestens seit einem Jahr klar, dass es “knallen” muss – und eben das passiert jetzt. Dazwischen gab es noch ein paar gekaufte Schönredner und man brauchte die Naivität eines Neunjährigen diesen Schmarren auch zu glauben.

    Denn seien wir ehrlich: Wenn letztes Jahr in amerikanischen RAP-Songs(!) irgendwelche Angeber nicht mehr mit Dollar- sondern EURO-Scheinen protzen, sich Pop-Musiker ihre Gagen in Euros auszahlen lassen und auch seriöse Amerikaner in Vorträgen scherzen “.. that costs 5.000 US$ – ehh, 30 Euros you know – ..”, dann wusste man, wie es um den Dollar bestellt war/ist ..

    F. Mayer

    • 22. Januar 2008 um 16:44 Uhr
    • Frank
  8. 8.

    @Frank,
    “Ich bin mal sehr gespannt, was nun in Zeiten einer amerikanischen Rezession bzgl. deren militärischen Aktivitäten geschieht.”

    Das ist vermutlich eine der bedeutendsten Fragen überhaupt. Wenn es wirklich um die “nationale Sicherheit” geht, dann sollten finanzielle Fragen keinen großen Einfluss auf die Entscheidungen haben, denn Krieg ist zwar teuer, aber mehr als 200-300 Mrd. werden sich da kurzfristig nicht einsparen lassen.
    Das macht man im Zweifel auf Pump, wenn man wirklich glaubt, dass Leben und Tod davon abhängen. Die einzigen empirischen Untersuchungen, die unabhängiger wissenschaftlicher Begutachtung standhalten mussten, vermelden für den Irak deutlich > 1 Mio Tote. Wenn man einen solchen Krieg mit der Begründung abbricht, man habe kein Geld mehr, muss man sich wohl ernsthaft Gedanken machen, ob nicht ein paar Leute vor ein Kriegsverbrechertribunal gehören.

    • 22. Januar 2008 um 16:48 Uhr
    • Martin Heck
  9. Kommentar zum Thema

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