So funktioniert Kapitalismus

Schlechte Notenbanktaktik

Von 22. Januar 2008 um 17:41 Uhr

Beachtlich – diese Zinssenkung um ¾ Punkte, nur ein paar Tage vor der regulären Sitzung der US-Notenbank. Das riecht nicht nur nach Panik. Das ist Panik. Ben Bernanke und seine Leute haben Angst, nach dem Abgang des großen Meisters Alan Greenspan als Versager dazustehen. Ich vermute, dass sie es gerade deshalb taktisch falsch machen.

Meistens reagiert der Aktienmarkt auf lockere Geldpolitik oder auf Ankündigungen derselben mit Jubel. Gegen die Fed soll man nicht wetten, heißt es dann, und, die Zentralbank lässt Wall Street nicht im Stich. Heute war die Reaktion der Börse (zunächst) erschreckend rational. Die Aktienkurse in New York gaben kräftig nach. Die Abschläge waren zwar geringer als einen Tag zuvor in Europa und Asien. Das war aber nicht die freudige Begrüßung lockerer Geldpolitik, wie man sie bei der Fed erhofft hat. Das war nicht besser als am Freitag, als Präsident George W. Bush sein dem Inhalt nach vages, aber dem Umfang nach präzises fiskalisches Konjunkturprogramm der Öffentlichkeit vorgestellt hatte.

Warum die Fed die Zinsen drastisch senkt, leuchtet unmittelbar ein. Die USA stehen kurz vor einer Rezession oder die Rezession hat bereits begonnen. Vielleicht wissen die Notenbanker das etwas genauer. Jedenfalls ist es da sinnvoll und angemessen, auf der Finanzierungsseite die Lage der Unternehmen und Konsumenten zu erleichtern. Warum aber die Hektik? Hätte das Offenmarktkomitee nicht in Ruhe eine Woche warten können, um dann die Zinsen zu senken? Anscheinend nicht. Warum nicht? Die Frage macht ein wenig Angst.

Würde in den nächsten Tagen eine große Bank umkippen, wenn Tagesgeld wie bisher 4,25 Prozent statt 3,5 Prozent kosten würde? Vielleicht eine der zweiten Reihe, die nicht satte Kapitalspritzen von den neureichen Chinesen, Singapurianer oder Anrainern des Persischen Golfes akquirieren kann? Das ist kaum glaubhaft. Wenn die Fed konkrete Angst um eine Bank oder auch eine Schattenbank hätte, würde sie nicht zögern, sie mit gezielten Aktionen zu stützen. Dazu braucht sie keine Leitzinssenkung.

Wahrscheinlicher ist es, dass es den Notenbankern tatsächlich weniger um die Erleichterung der Finanzierungsbedingungen eine Woche früher als geplant ankommt als um den Ankündigungseffekt. Dieser Ankündigungseffekt wirkt, wenn überhaupt bekanntlich an der Börse. Die Börse verarbeitet Informationen, während die Realwirtschaft später langsam auf die gesunkenen Zinsen reagiert. Die Fed hat auf die Baisse von gestern reagiert. Ihr Ziel war es, die Baisse zu beenden und Aktien teuer zu lassen.

Letzteres dürfte schon seit langer Zeit eines der impliziten Ziele der Notenbank sein. Selten zuvor hat sie das durch ihr taktisches Handeln so deutlich gemacht. Mir scheint das schlechte Taktik. An der Börse wird jetzt schon eine weitere Zinssenkung um ½ Punkt in der nächsten Woche vermutet oder verlangt. Der Ankündigungseffekt nützt sich auf diese Weise ab.

Wir werden sehen. Der Großteil der Anfangsverluste an Wall Street ist schon wieder aufgeholt. Selbst wenn bis zum Abend in New York die Kurse kräftig zulegen, bleibe ich bei meinem Urteil: Diese Zinssenkung war im Prinzip richtig, taktisch aber stümperhaft ausgeführt.

Kategorien: Leitwährungswatch
Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Ihr Ziel war es, die Baisse zu beenden und Aktien teuer zu lassen.”
    Den Finanzmärkten wird gelegentlich eine Rolle als Seismographen der Wirtschaft zugeschrieben. Wie können sie dieser Erwartung gerecht werden, wenn es das ZIEL der Wirtschaftspolitik ist, die Kurse hoch zu halten? Was ist ein Seismograph wert, dessen Nadel auf Entwarnung gehalten wird?
    Die Finanzmärkte scheinen mir eher die heiligen Kühe (und die Achillesferse) eines Machtgefüges zu sein.

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    • 22. Januar 2008 um 18:22 Uhr
    • EuroOptimist
  2. 2.

    Mit diesen Pflastern wird das Leiden des Patienten nur verlängert. Dafür wird der Absturz umso größer, wenn die Zinsen nicht mehr gesenkt werden können und die Inflation gallopiert. Was wir hier erleben ist der Anfang einer Inflation auf Anlagegüter.

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    • 22. Januar 2008 um 19:22 Uhr
    • Das Ende ist nah
  3. 3.

    nicht die schwächeren aktienkurse sollten uns angst machen,
    sondern genau diese panikreaktionen der fed. wer sich so verhält, sieht auch noch schlimmeres kommen….
    wie eurooptimist schreibt: die finanzmärkte sind die achillesferse der weltwirtschaft und zwar solange , wie wir den angelsächsischen kasinokapitalismus zulassen, gewinne privatisieren und verluste sozialisieren. der kapitalmarkt (schwanz) wackelt mit der realwirtschaft (hund). das geht nicht mehr ewig gut.

    gruß jz

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    • 22. Januar 2008 um 19:28 Uhr
    • jörg zehrfeld
  4. 4.

    Man koennte, wie Krugman auch folgendermassen und informierter (?) argumentieren:

    Krugman
    Preemptive easing

    Wow. First the markets, now the Fed’s reaction.

    What you probably should know is that Ben Bernanke, in his capacity as a professional economist, spent a lot of time worrying about Japan’s experience in the 1990s. (So did I.) What was so disturbing about Japan was the way monetary policy became ineffective; by the later 1990s the short-term interest rate was up against the ZLB — the “zero lower bound.” This is alternatively known as the “liquidity trap.” And once you’re there, conventional monetary policy can do no more, because interest rates can’t go below zero.

    There was a lot of discussion of various unconventional monetary things you could do. But the best answer was not to get there in the first place. A 2004 paper co-authored by Bernanke argued that the ZLB could and should be avoided by “maintaining a sufficient inflation buffer and easing preemptively as necessary”.

    And here we go.

    web.mit.edu/krugman/www/jpage.html

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    • 22. Januar 2008 um 19:45 Uhr
    • Martin
  5. 5.

    Ursache dieser kleinen Krise ist doch, das bei den grossen amerikanischen Banken eine ganze Menge Leute offenbar nicht mit Geld umgehen können. Ob die FED gut beraten ist diesen Leuten mehr billiges Geld zu geben wage ich zu bezweifeln.
    Fraglich ist vor allem, ob diese Banken das neue und günstige Geld besser anlegen als jenes Geld, was sie schon am Immobilienmarkt verspielt haben. Schaffen die Banken das nicht, verschiebt und vergrößert die FED die Krise durch ihr Verhalten. Ein Ende mit Schrecken wäre hier vielleicht besser als Schrecken ohne Ende.

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    • 22. Januar 2008 um 20:20 Uhr
    • Heiner Kiekebusch
  6. 6.

    Panik oder kluge Politik, das ist hier die Frage.
    Sämtliche Weltmärkte brachen am Montag ein, nur Wall Street nicht, weil dort zufällig Feiertag war. Für den folgenden Morgen stand somit ein Kurssturz bevor. Die Spekulanten hofften auf Fed-Aktion erst am Nachmittag, denn so hätten sie erst vom Kurssturz, dann nochmals von der Markterholung profitiert. Die Fed kam ihnen jedoch zuvor, indem sie schon früh vor Eröffnung der Börse senkte, denn wie Bernanke immer wieder betont, liegt der Fed nichts daran, den Spekulanten zu helfen.

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    • 22. Januar 2008 um 20:33 Uhr
    • Bodo
  7. 7.

    Diese Zinssenkung in den USA ist nicht übereilt, sondern im Gegenteil viel zu spät. Man sollte nicht vergessen, dass die Finanzkrise konkret eine Zinskrise ist; denn die Ursache war der Anstieg der Zinsen und in ihrer Folge die Zahlungsunfähigkeit der Kreditnehmer, die ihre gestiegenen Zinsen nicht mehr abbezahlen konnten.

    Konsequenz aus dieser Krise muss sein, die völlig abwegigen und irrationalen Kreditgeschäfte zu unterbinden. Wie kann es möglich sein, dass eine Bank mit einem Kreditnehmer hohe Kreditverträge abschließt, ohne sicherzustellen, dass diese Verträge auch langfristig eingehalten werden können. Die subprime Kredite sind doch nichts anderes als quasi “Tagesgeld-Kredite”, bei denen abzusehen war, dass der Zusammenbruch kommt, sobald die Zinsen steigen. Welch eine Idiotie, bei der man wirklich an der Zurechnungsfähigkeit der Finanzwelt-Vertreter zweifeln muss, geblendet von einer maßlosen Gier, die einfach nur ankotzt. Hier gehört ein knallharter Riegel vorgeschoben und zwar mit strengen Regeln, die so etwas unmöglich machen.

    Eine weitere Einsicht sollte aus dieser Krise auch erwachsen. Die Grenze der Renditefähigkeit von Kapital. In einer immer mehr polarisierten globalen Wirtschaft, mit einer immer drastischeren Ungleichverteilung von Kapital, kann eben dieses Kapital keine hohen Renditen mehr abwerfen; denn wer soll diese Renditen letztlich bezahlen. Die immer breitere Masse derer, die zu Billiglöhnen arbeiten müssen? In was soll investiert werden, wenn die Nachfrage weiter fällt. In den Industrienationen ist aufgrund von Einkommenseinbussen breiter Bevölkerungsschichten letztlich ein realer Rückgang der Nachfrage zu erwarten und spätestens dann wird auch der Boom in den Schwellenländern zusammenbrechen, die ihren Aufschwung durch einen hohen Exportüberschuss in die Industrienationen bezahlen.

    Alles in allem keine guten Aussichten für den Kapitalismus, der gar nicht mehr versucht, wie seinerzeit in der sozialen Marktwirtschaft, die Umverteilungsproblematik von unten nach oben in den Griff zu bekommen, sondern gar glaubt, dass er an der umgekehrten Krankheit leidet, einer zu starken Verteilung von oben nach unten. Quasi der Diabetiker, der denkt an Insulinüberversorgung zu leiden, und immer mehr Zucker frisst. Es ist zu hoffen, dass der Diabetiker seine Fehleinschätzung erkennt, ansonsten kann es unangenehm enden…

    einen schönen Gruß

    paradoxus

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    • 22. Januar 2008 um 20:51 Uhr
    • paradoxus
  8. 8.

    Was ist das für eine Logik, eine Taktik bereits als “stümperhaft” abzutun, über die man zu diesem Zeitpunkt nur mutmaßen kann?

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    • 22. Januar 2008 um 21:00 Uhr
    • Hagen
  9. Kommentar zum Thema

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