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Liquiditätsalarm

 

Die Kreditkrise hat eine neue Dimension erreicht. Eine Dimension, die alles bisher Erlebte locker in den Schatten stellen kann. Dem Finanzkapitalismus droht die Kernschmelze. Wäre ich Notenbanker, ich hätte wohl das ganze Wochenende nicht geschlafen. Denn die Risikoaversion hat sich bis zu den Staatsanleihen durchgefressen.

Richtig gelesen. Selbst Staatsanleihen leiden seit Ende vergangener Woche unter dem Liquidierungswahn im System und der mangelnden Aufnahmebereitschaft der Gegenparteien. So weisen italienische Staatstitel mit knapp 70 Basispunkten den höchsten Renditeabstand gegenüber Bundesanleihen seit Einführung des Euro auf. Auch griechische und spanische gerieten unter die Räder. Selbst Frankreich muss inzwischen rund 20 über Bunds zahlen, wie es im Jargon genannt wird. Frankreich! Normalerweise rentieren französische Titel ein oder zwei Stellen über Bunds.

In normalen Zeiten wären die kräftigen Ausweitungen der Spreads im Eurosystem als untrügliches Zeichen für das Auseinanderfallen der Währungsunion gewertet worden. Nicht so im Moment. Zurzeit sprechen die Turbulenzen nur für eines: Panik unter den Banken.

Erst waren es die CDO’s und wie der Schrott sonst noch genannt wird, der keine Käufer mehr fand und mit Abschlägen von bis zu 90 Prozent gehandelt wird. Dann kamen die Unternehmensanleihen dran. Erst die wackeligen, Junkbonds genannt, dann die guter Qualität. Beide Indizes rennen Tag für Tag von einem Rekord zum nächsten. Und nun trifft es die Staatsanleihen. Auch Bundesanleihen werden nicht mehr auf einen Cent gestellt, wie bislang üblich. Auch hier hat sich der Abstand zwischen An- und Verkauf bei den Market Makern auf fast 10 Cent erhöht. 10 Cent! Bei Italienischen sollen es fast 40 Cent sein! Das ist das Ende des liquidesten Marktes, des Marktes für sichere Staatsanleihen. Staatstitel sind die Basis des Finanzkapitalismus, sie stellen die Messlatte für alle anderen riskanten Alternativen dar. Sie sind der letzte Puffer der Treasuryabteilungen in den Banken. Sie bringen zwar wenig Rendite, aber dafür sind sie immer liquidierbar, bzw. sollten es immer sein. Wenn jetzt Staatsanleihen nicht mehr als bedingungslos sicher gelten. Dann gute Nacht.

Was heißt das alles für die nähere Zukunft?

  1. Die Liquidität für andere Finanzkapitalisten mit den schönen Namen Hedgefonds oder Private Equity wird noch knapper. Einige dieser Buden werden uns um die Ohren fliegen. Ob sie Banken mitreißen werden? Schaun mer mal.
  2. Die Banken werden kräftige Verluste erleiden. Denn nichts passt mehr in einer Welt, die Staatsanleihen illiquide werden lässt. Kein Hedge, kein Swap, erst recht kein Credit Default Swap (CDS).
  3. Zinssenkungen und Extra-Liquidität der Notenbanken werden nicht ausreichen, um die Krise zu beheben. Gut möglich, dass das Deleveraging bald in der Realwirtschaft zu spüren sein wird. Unternehmen erhalten keine Kredite mehr, oder wenn, dann zu horrenden Konditionen und mit superkurzen Laufzeiten.
  4. Der Staat muss wohl ran, um die gesunden Nicht-Banken-Teile der Volkswirtschaft zu retten. Große Konjunkturprogramme werden schon bald vonnöten sein, sollte die Krise nicht bald halt machen.

Eine aufregende Woche!

39 Kommentare

  1.   EuroOptimist

    Stimmt, bei den Aktienmärkten sind wir bei den Januar-Tiefs angekommen, bei den Kreditmärkten unter dem Juli-Tief, aber die Pfeile im Köcher sind sehr viel weniger geworden.

  2.   Heinrich Kaspar

    Wenn die USA (und andere Teile der Welt, in denen das Finanzsystem US Assets haelt) in die Kreditklemme rutschen, dann muss Fiskalpolitik beim Kern des Problems ansetzen: der Rekapitalisierung des Finanzsytems. Konjunkturprogramme fuer Haushalte und Unternehmen — die nur deswegen nicht nachfragen weil sie kreditratoiniert sind — werkelt da an den Symptomen herum und ist ineffizient.

  3.   Thomas

    Der Staat muss sicher was tun, aber wie wäre es den mit Folgendem:
    DW hat vor einiger Zeit vorgeschlagen, die Euro-Staaten sollten ihre Staatsanleihen zusammenlegen. Bei den aktuellen Spreads sollte es für die Bundesrepublik auf jeden Fall ein gutes Geschäft sein, italienische und französische Anleihen zu kaufen. Das ist dann erstmal ein gutes Geschäft für Deutschland.
    Gleichzeitig hilft es aber auch den Banken, da ihre Staatsanleihen wieder leichter handelbar werden. Womit man dann eher an den Ursachen angreift.

    Ich verstehe auch nicht, warum ein Konjunkturprogramm helfen sollten, wenn das Problem die Kreditversorgung ist. Mit dem Konjunkturprogramm würde der Staat doch lediglich eine Renditeerhöhung bei den Unternehmen bewirken, so dass diese sich die teueren Bankkredite leisten können. Dann kann der Staat das Geld aber auch gleich den Banken geben, so dass diese weiter genug Eigenkapital für billige Kredite in ausreichender Anzahl haben.

  4.   Huck

    Wenn die Regierungen der Eurozone wirklich allein für ihre Staatsanleihen haften würden, dann müßte zum Beispiel der Spread Bunds-Griechenland noch größer sein.

    Griechenland hat sich bekanntlich nur mit staatlich gefälschten Statistiken in den Euro gemogelt. Die Märkte gehen gegenwärtig noch von einer unausgesprochenen Garantie der anderen Regierungen aus.

  5.   f.lübberding

    Ich habe mich zwar an diesem Wochenende mit der Kernschmelze der SPD beschäftigt und mich darüber gewundert, dass sich diese nicht für diese eigentlich doch viel interessantere Kernschmelze im Finanzkapitalismus interessiert. Denn das würde einige der Debatten über den zukünftigen politischen Kurs überflüssig machen. Aber weil Sozialdemokraten offensichtlich davon nichts verstehen, müssen sie sich halt im Berliner Saftladen um die letzte Pulle Limo streiten. So sind sie halt, die Sozialdemokraten … . Aber das nur als Anmerkung.

    Ansonsten immer locker bleiben. Wer ist denn von uns über diese Probleme verwundert? Niemand. Das alles passiert ja nun mit sechsmonatiger Ansage. Also wollen wir heute morgen einmal über das Positive berichten anstatt nur Panik zu verbreiten.

    1. Warum sollen jetzt Banken Pleite gehen? Die sind doch schon lange Pleite … Das ist ja nun wirklich keine neue Erkenntnis. Die FED und die EZB bieten den Banken genügend Möglichkeiten, ihren Kreditmüll bei ihnen unterzubringen. Das heißt, die Banken können sich dort refinanzieren und damit ihren Geschäftsverkehr aufrecht erhalten. Wenn die bisherigen Massnahmen der Offenmarktpolitik noch nicht ausreichen sollten, muss halt entsprechend nachgebessert werden. Hier kann also das Problem gar nicht liegen. Was wollen die Banken mehr als jeden Müll als sogenannte Sicherheit hinterlegen zu können und dafür dann von den ZBs entsprechend Kredite zu bekommen?

    2. Das Problem ist also nicht die kurzfristige Liquiditätsssicherung, sondern – Insolvenzkrise ! – bilanzieller Art. Der Subprime Kreditmüll hat in einem rezessiven Umkehreffekt des früheren Booms andere Sektoren des Kreditmarktes angesteckt. Brauche ich hier nicht zu nennen, kennen wir ja alle. Diskutieren wir seit August. Das trifft die Banken natürlich in einem denkbar ungünstigen Umfeld. Denn sie können gar nicht das Geld verdienen, um die illiquide gewordenen Assets und den Abschreibungsbedarf durch immer neuer Ausfälle ausgleichen zu können. Genau das ist jetzt das Problem, wenn ich die Meldungen der letzten Tage richtig verstehe. Die Banken können die Realwirtschaft wegen bilanzieller Überschuldung nicht mehr mit den entsprechenden Finanzmitteln ausstatten – sie werden also funktionsunfähig. Und deshalb jetzt die gewaltigen Spreads im Anleihemarkt. Zuerst zeigte sich das ja schon vor drei Wochen bei den amerikanischen Kommunalanleihen. Die Probleme von Private Equity und Hedgefonds wären dann nur die logische Folge dieser Entwicklung. Denn ohne Kredite bricht ihr Geschäftsmodell zusammen. Wem es ein Trost ist: Beide sind nicht die Ursache der Krise.

    3. Was tun? Kaspar hat das doch formuliert. Rekapitalisierung des Finanzsystems. Mit einer Stützung der Realwirtschaft wird man das Problem nicht lösen können. Da scheint mir Kaspar recht zu haben. Wenn Heusingers Analyse stimmt, wird man es jetzt nicht mehr vermeiden können, die de facto bankrotten Banken auch tatsächlich Pleite gehen zu lassen. Aus einem schlichten Grund: Liquiditätshilfen und Geldpolitik reichen in dieser Situation nicht mehr. Und eine Kernschmelze bedeutete der Zusammenbruch der Geldversorgung in der Realwirtschaft. Das wäre unsinnig und dazu noch völlig überflüssig. Nur darf dieser Vorgang eben nicht völlig chaotisch ablaufen. Etwa weil Zentralbanker die Nerven verlieren – und in der Kernschmelze Inflationsprobleme thematisieren … . Rekapitalisierung wird nicht über die ausländischen Staatsfonds funktionieren. Also müssen die einzelnen Staaten jeweils für ihre am schlimmsten betroffenen Banken – und koordiniert – diese Rekapitalisierung im Zuge eines geordneten Insolvenzverfahrens durchführen. In den USA ist es Chapter 11. Dann kann man zuerst einmal den schlimmsten Müll aus der Bilanz nehmen – und den Banken danach via Verstaatlichung neue Mittel zur Verfügung stellen. Notfalls kann man auf Zentralbankkredite zurückgreifen. Ist zwar nicht sehr schön – und ordnungs- oder sonstwiepolitisch wollen wir das lieber nicht diskutieren -, aber die Zeit seit dem berühmten 9. August spricht nun einmal nicht für Schönheit. Zur Kompensation kann man ja Gedichte lesen … ist auch sehr schön.

    4. Ich nehme einmal an, dass sich die Zentralbanken auf diese Situation eingestellt haben. Sie hatten seit August genug Zeit, um sich auf so ein Szenario einzustellen. Und bekanntlich konnte man es nicht ausschließen. Da sind wir uns ja hier einig. Technisch – von der Abgabe einer Staatsgarantie zur Aufrechterhaltung der Geld- und Kreditversorgung bis zum geregelten Insolvenzverfahren bei den Banken – dürfte das also kein Problem sein. Politisch hat der Staat auch genügend ordnungspolitische Instrumente, um eine Panik im Kern zu ersticken. Eher ist wohl folgendes Problem zu diskutieren: Ist man bereit, die politischen Konsequenzen eines eingestandenen Bankrotts wesentlicher Teile des Banken- und Finanzsystems hinzunehmen? Denn politisch wird damit der deregulierte Finanzkapitalismus für die nächsten Jahrzehnte erledigt sein. Also sind nun die politisch Verantwortlichen bereit, auch eigene Irrtümer in die Selbststeuerungsfähigkeit kapitalistischer Marktwirtschaften einzugestehen? Nun – und dafür spricht sehr viel – es wird ihnen wohl nichts anderes übrig bleiben. Meiner Meinung nach ist das Problem also durchaus zu managen. Zwar wird es gewaltig ruckeln, aber eine Kernschmelze wäre das eben nicht.

    Das wäre übrigens auch ein Thema für die SPD. Aber die streiten sich ja im Saftladen um die Limo … .

  6.   egghat

    Ich befürchte, es wird nicht bei einer interessanten Woche bleiben.

    Ich bin auch überrascht, wie lange die Krise braucht, um sich von einer nur auf das Finanzsystem begrenzten Krise zu einer allgemeinen Krise auszuwachsen. Das geht doch viel langsamer als ich dachte. Wir sehen eigentlich noch immer die klaren Einschläge im Finanzsystem.

    Wieso die EZB auf der Bremse stehen bleibt, verstehe ich langsam auch nicht mehr. Die Bremswirkung auf die Euro-Wirtschaft über den steigenden Euro, die steigenden Rohstoffpreise, die explodierenden Risikoaufschläge für Schuldner und die deutlich nach unten kippenden Sentimentindikatoren dürfte größer sein, als die Wirkung, die die (eigentlich geplante) Zinserhöhung der EZB gehabt hätte.

    Ich habe manchmal das Gefühl, die Notenbanken überschätzen die Macht „ihres“ Leitzinses. Die müssten mal hingehen und einen „gefühlten“ Leitzins errechnen, in den z.B. oben genannte Effekte eingehen.

  7.   HeliBen

    „Der Staat muss wohl ran, um die gesunden Nicht-Banken-Teile der Volkswirtschaft zu retten. Große Konjunkturprogramme werden schon bald vonnöten sein, sollte die Krise nicht bald halt machen.“

    Keynes lässt Grüssen. Schade dass wir nicht vor Jahren auf von Mieses nicht gehört haben! Wie schon seit Jahren gesagt: Keynes ist nur ein Bandaid!

    HeliBen


  8. […] kann nicht so schnell — aber da ist erstmal Herr von Heusinger: Liquiditätsalarm. Oh, düster, düster. Aber die Gefahr ist da! Kein Spaß. Die Liquidität ist das […]

  9.   I.I.Oblomow

    „Staatsbankrott? Bankenkrisen? Darauf gibt es nur eine Antwort: Viel Lärm um nichts!“
    Andre Kostolany

  10.   dve

    juhu endlich eine untergangswarnung ohne jede hoffnung!!! Staatsanleihnen sind nicht mehr sicher! geil!

    die frage die ich mir immer stelle, wann rät einem jeder bloss raus aus den aktien, unternehmensanleihen etc., denn dann handelt es sich nur noch um übertreibungen und wir haben den perfekten zeitpukt zum einstieg … (ich hoffe ich mache den nicht gerade mit meinem kommentar kapput)..

    ich jedenfalls warte noch zwei drei solcher artikel im spiegel oder der bild und zack es geht nur noch berg auf! und zwa so wie die börse ist : verdammt schnell!