So funktioniert Kapitalismus

Ohne neues Inflationsziel scheitert die EZB

Von 17. April 2008 um 11:34 Uhr

Ich gebe zu: Das niedrige und asymmetrische Inflationsziel der Europäischen Zentralbank ist mir seit 1998 ein Dorn im Auge und ich habe es schon oft kritisiert (hier, hier und hier). Doch nie war die Zeit günstiger! Niemals zuvor bin ich in Expertenkreisen damit auf solch offene Ohren gestoßen wie derzeit. Denn das Problem, manche nennen es Dilemma, der EZB ist offensichtlich. Die Globalisierung hat unverkennbar ihren Modus gewechselt: Von preisdämpfend zu inflationstreibend.

Die Hausse bei den Agrarrohstoffen ist nur der jüngste Beweis. Der Ölpreis ist schon seit 2005 kaum mehr zu halten. Und in China, der Quelle aller globalen Disinflation der vergangenen zehn Jahren, steigen nicht nur die Löhne rasant, auch der Wechselkurs zieht an.

In den vergangenen Tagen hatte ich mal wieder Tuchfühlung mit EZB- und Buba-Größen. Die Gespräche haben mich doch leicht verstört. Denn es scheint tatsächlich nicht gut auszusehen an der Inflationsfront. Die Inflationsprognosen der EZB, die im Juni herauskommen werden, kennen nur eine Richtung: up, up and away. Und selbst das Versprechen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet auf der vergangenen Pressekonferenz in Frankfurt, in 18 Monaten werde die Inflation in Euroland wieder unter die zwei Prozent abtauchen, scheint äußerst mutig zu sein.

Euroland - Headline und Core Inflation

Aber kann man mit Zinserhöhungen oder einer zu restriktiven Geldpolitik und deshalb aufwertenden Währung gegen die Rohstoffpreiserhöhungen ankämpfen? Wie schaut denn der Transmissionsmechanismus aus? Fragen, die wir in den nächsten Wochen Trichet und den anderen Zentralbankratsmitgliedern stellen müssen. Meine Antwort: Beim Ölpreis könnte eine Rezession in Euroland, ausgelöst durch eine zu restriktive Geldpolitik der EZB, Erfolge zeitigen. Wenn Amerika und Euroland gleichzeitig schrumpfen, müsste der Ölpreis abstürzen. Aber die Preise für Weizen, Reis, Fleisch und Milch? Arbeitslose Menschen müssen zumindest essen. Hier kann die Geldpolitik nichts, aber auch gar nichts ausrichten.

Wie kamen Otmar Issing, der gerade sein langweiliges Buch über die Geburt des Euro vorgestellt hat, und Konsorten im Sommer 1998 eigentlich auf das Inflationsziel „unter zwei Prozent“; das dann 2003 als Deflation drohte, auf „unter, aber nahe zwei Prozent“ leicht verbessert worden ist? Dazu gibt’s im Buch leider nichts Neues. Issing erzählte mir kurz vor seinem Ausscheiden im Frühjahr 2006, dass die Inflation damals bei einem Prozent lag und wollte sagen, dass er unheimlich mutig gewesen sei, mit zwei Prozent so deutlich über die damals vorherrschende Inflationsrate hinaus gegangen zu sein. Das aber zeigt nur, dass selbst Issing kein lupenreines Kriterium kennt, mit dem man auf die optimale Inflation kommt. Ich glaube, Issing findet eine Inflation von null am besten, eine Inflation, die in einem dynamischen kapitalistischen System einfach systemwidrig ist.

Warum lag denn 1998 die Inflation so niedrig? Na? Der Ölpreis war in den freien Fall übergegangen und schrammte an der Zehn-Dollar-Marke entlang! Und diesem Preissturz haben wir heute das viel zu enge Inflationsziel zu verdanken.

Die harte D-Mark hat es zwischen 1949 und 1999 auf eine durchschnittliche Inflation von 2,8 Prozent gebracht. Reicht doch, oder?

Deshalb mein ceterum censeo: Die EZB muss sich ein modernes Inflationsziel geben: 2,5 Prozent plus/minus einem Prozentpunkt. Besser heute als morgen.

Kategorien: Leitwährungswatch
Leser-Kommentare
  1. 9.

    @ Heusinger
    “Die Globalisierung hat unverkennbar ihren Modus gewechselt: Von preisdämpfend zu inflationstreibend.

    Die Hausse bei den Agrarrohstoffen ist nur der jüngste Beweis. Der Ölpreis ist schon seit 2005 kaum mehr zu halten.”

    plumper geht es wohl kaum! Wo sollen denn die Hedgefunds hin mit ihrem Geld? nach subprimes sind nun Rohstoffe dran, Amaranth schon vergessen? Auf dieses Geschehen hat die EZB keinen Einfluss mehr, im Sinne der hier häufig verbreiteten Darstellungen, dass die FED das subprime desaster mit niedrigen Zinsen verursacht hat, würde die EZB mit niedrigen Zinsen den Rohstoffboom doch nur noch verstärken ;-)

    wird Zeit, dass auch Sie einmal das Buch “Geld arbeitet nicht” von Hauke Fürstenwerth lesen
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    • 17. April 2008 um 16:23 Uhr
    • equityshark
  2. 10.

    @f. lübberding

    Ich glaube nicht, dass das zutrifft, was Sie da schreiben. Meines Wissens gab es durchaus heftige Richtungsdiskussionen, nicht nur innerhalb der EZB sondern insbesondere auch zwischen EZB und FED. Etwa im Dezember, als die FED dann plötzlich ihre TAF aus dem Ärmel schüttelte.

    Ich empfinde eine Zentralbank, die vorwiegend “nichts” tut, als eine echte Wohltat. Inbesondere dann, wenn sie keine opportunistischen Haken nach aktueller Meinung des Zeitgeists schlägt, wie man das der FED leider zunehmend attestieren muss. Für Trichet wäre es in der Tat ein leichtes gewesen, den vielen Rufen aus dem Politlager der Eurozone zu folgen, insbesondere aus dem französischen. Dass er dem nun nicht nachgegeben hat, vermag ich beim besten Willen nicht als “Führungsschwäche” zu interpretieren, eher im Gegenteil. Und “Handlungsunfähigkeit”? Wie kommen Sie denn darauf, hat die EZB etwa nicht gehandelt, als es darum ging, die Bankenszene flüssig zu halten?

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  3. 11.

    Was soll die EZB denn nun tun?

    Für die Südländer müsste man wohl die Zinsen senken, um die dort drohende Deflation zu verhindern, Deflation sei hier als Rückgang von Kredit / Geldangebot definiert.

    Für Deutschland aber wäre eine Zinssenkung wohl kaum angebracht.

    Von Berlusconi hört man auch schon Gerüchte, Italien sollte wieder raus aus dem Euro, damit wie früher Produktivitätsrückstände bequem über Abwertung ausgleichen kann.

    Vielleicht ist ein Zinssatz für so unterschiedliche Volkswirtschaften doch keine so gute Idee?

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    • 17. April 2008 um 17:12 Uhr
    • fsiggi
  4. 12.

    @ Heusinger

    Ich stimme der Grundabsicht zu, nicht aber dem empfohlenen Zeitpunkt. Wenn die EZB das Inflationsziel zu einem Zeitpunkt heraufsetzt wo sie es gerade serienweise (nach oben) verpasst, dann wuerde das fraglos ihrer Glaubwuerdigkeit schaden — und nichts ist schlimmer fuer eine Zentralbank.

    Wenn Headline Inflation wieder bei rund 2 Prozent sollte man sowas machen.

    @ Luebberding

    Die EZB soll ihr Inflationsziel anpassen? Das setzt ja Handlungsfähigkeit voraus … . Nur was hat die EZB eigentlich seit dem Ausbruch der Krise im August vergangenen Jahres gemacht? Genau … bei den Zinsen gar nichts … .

    Vielleicht liegt das daran, dass man Liquiditaetsklemmen am besten mit Liquiditaetsspritzen bekaempft und nicht mit Leitzinsveraenderungen. Wenn bei ihnen der Wasserhahn klemmt reparieren sie ja vermutlich auch den Hahn, und nicht die Wasserpumpe.

    Und was Liquidtaetszufuhr angeht hat die EZB ihre Handlungsfaehigkeit nun ohne Zweifel unter Beweis gestellt.

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    • 17. April 2008 um 17:20 Uhr
    • Heinrich Kaspar
  5. 13.

    @v.Heusinger

    “Die Globalisierung hat unverkennbar ihren Modus gewechselt: Von preisdämpfend zu inflationstreibend.”

    =>Yep, und da stellt sich eigentlich erstmal die Frage:
    Wieso?
    Ist es nun soweit, dass die Chinesen nicht mehr nur produzieren (Stahl, Maschinen) sondern jetzt auch konsumieren (Öl, Lebensmittel)?
    Also wenn ich mir die Rohstoffe so ansehe, dann gehen die alle so ab 2006 erst richtig ab, irgendwie negativ korrelierend zu den US-Immobilien-preisen ;-) …gut, kann hazard sein… aber was ist da passiert, dass alles so plötzlich ansteigt?
    Ergo: Wieviel ist da Speculation? Und wenn es Spekulation ist, dann stellt sich die Frage, ob die EZB gegen Spekulanten spekulieren will;-)
    Und wenn die Chinesen jetzt alle konsumieren, dann wird die US-Nachfrage von der China-Nachfrage substituiert…also wenn das fundamental ist, diese Öl- und Lebensmittelboom-ich-wachse-mal-eben-um-30%-Kurve, ja und dann braucht sich die EZB auch keine Gedanken bezüglich des Wachstums machen.
    Und wenn alle Stricke reißen:
    Hedo-Faktor in den Warenkorb, so nen Bio-sprit-super-diesel-mischung ist doch sowas von Fortschritt, das muss man einfach berücksichtigen…dann klappts auch mit der Inflation…wie ich schon immer sage: Nur die Inflation inflationiert;-)

    “There are only two possible explanations: either no one told me, or no one knows. ”
    Neo (matrix)

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    • 17. April 2008 um 17:23 Uhr
    • goodnight
  6. 14.

    @ Stoetzel

    Danke und nochmals danke, ich verzweifel allmählich an der EZB. Die aktuelle Zinspolitik unterstellt doch immer noch die gleichen Transmissionmechanismen wie vor 25 Jahren. Mit welchem Zinssatz wollen die Notenbanker denn den Ölpreis oder die Nahrungsmittelhausse stoppen? Welche Zweitrunden-Effekte mag die EZB denn unterstellen, wenn neben Energie- und Lebensmittelpreissteigerungen den privaten Haushalten jetzt auch noch die administrativen Gebühren um die Ohren fliegen.

    Sie liefern die Antwort doch gleich mit. Natuerlich kann und sollte die EZB nicht versuchen, den Oelpreis zu kontrolliernen. Aber sie muss verhindern, dass die Inflation der Oelimportpreise auf das allgemeine Preis- und Lohnniveau durchschlaegt.

    Ein Oelpreisschock ist ein realer Transfer von Import- zu Exportlaendern, d.h. er ist ein (negativer) Angebotsschock. Ihn zu alimentieren als waere er ein Nachfrageschock macht keinen Sinn und erzeugt lediglich allgemeine Inflation. Das ist die Hauptlehre aus den 1970er Jahren.

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    • 17. April 2008 um 17:26 Uhr
    • Heinrich Kaspar
  7. 15.

    @ mylli:

    -> … hier sehen Sie’s wieder: Erneut ein Beitrag, in dem die INDEXWÄHRUNG propagiert wird … also eine Orientierung der Geldpolitik an einem PREISINDEX eines Warenkorbes. SIE wissen ja mittlerweile, dass das FALSCH ist! … KONZEPTIONELL FALSCH !

    -> … ich habe es Ihnen ja versprochen, wenn Sie das verstehen, dass die Indexwährung (und natürlich das darauf basierende “Inflation Targeting”) totaler Murks ist, dann haben Sie volkswirtschaftslehremässig mehr drauf als 95% der diplomierten, promovierten und sogar habilitierten Volkswirte.

    Retroliberalen Gruss,
    Wi-Ing-030

    PS:

    -> Sie erinnern sich ja sicherlich, die Indexwährung ist deshalb konzeptioneller Murks, weil in einem Preisindex beliebig Äpfel (monetäre Preiseinflüsse) mit Birnen (realwirtschaftliche Preiseinflüsse) verrechnet werden …

    -> … Dabei kommt natürlich nur eines heraus … feinpürriertes Obst-Kompott! … aber mit absoluter Sicherheit KEIN Indikator, der geeignet wäre, der Zentralbank anzuzeigen, ob die von ihr praktizierte Geldversorgung neutral, inflationär oder – seit Brüning in D nicht mehr vorgekommen- deflationär ist.

    Antworten

    • 17. April 2008 um 17:32 Uhr
    • Wi-Ing-030
  8. 16.

    @Kaspar

    Zustimmung von Dir. Das ist ja der Hammer! Zeigt aber, dass das Umdenken eingesetzt hat. Natürlich ist jetzt ein ganz dämlicher Zeitpunkt, wenn Glaubwürdigkeit so wichtig ist, wie immer getan wird.

    Ich schätze das Glaubwürdigkeitsproblem geringer ein. Und habe Sorge, dass die EZB beim Versuch, ihr Gesicht zu wahren der Realwirtschaft ordentlich Schaden zufügen könnte.

    Ziemlich riskant waren die Aussagen von Trichet, die EZB werde Zweitrundeneffekte “pre-emptiv” bekämpfen.

    Wenn ich Trichet wäre, würde ich jetzt mal ne hochrangige wissenschaftliche Kommission einsetzen.

    herzliche Grüße
    Robert

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    • 17. April 2008 um 17:49 Uhr
    • Robert von Heusinger
  9. Kommentar zum Thema

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