So funktioniert Kapitalismus

Ich verkaufe der Oma ihr klein’ Häuschen

Von 11. März 2009 um 16:57 Uhr

Niemand kann mir vorwerfen, dass ich zu optimistisch bin, was die Konjunktur angeht. Aber die Zahlen für die deutschen Auftragseingänge im Januar, die am Mittwoch veröffentlicht wurden, haben mich doch umgehauen: real und saisonbereinigt lagen sie um sage und schreibe 35,2% unter ihrem Vorjahreswert. Dabei beschönigt das noch die Situation. Aus dem Vergleich Januar zu Juli ergibt sich eine Verlaufsrate, also eine von sechs Monaten auf ein Jahr hochgerechnete Veränderung, von –51,4%. Wenn das so weitergeht, kann bald die halbe Industrie zumachen.

Auftragseingang aus dem In- und Ausland - 0901

Die Industrieproduktion entwickelt sich fast immer im Gleichschritt mit den Auftragseingängen, so dass wir am Donnerstag mit einem weiteren Schocker rechnen müssen. Ich schätze mal, dass es gegenüber Dezember zu einem Rückgang von mindestens zwei Prozent gekommen ist, was im Vorjahresvergleich -14,6 Prozent bedeutet. Es könnte aber noch viel schlimmer kommen. Klar ist damit auch, dass das reale BIP im ersten Quartal dieses Jahres noch einmal um mindestens zwei Prozent gegenüber dem Vorquartal schrumpfen wird und damit um 5,1% unter dem Wert vom ersten Quartal 2008 liegen dürfte. Damit sind Prognosen von minus zweieinhalb bis minus drei Prozent für das Gesamtjahr ziemlich wirklichkeitsfremd: Wir sollten uns im Vorjahresvergleich auf einen Rückgang von mehr als fünf Prozent einrichten.

Es gibt noch kein Licht am Ende des Tunnels. Dabei hat der relativ schwache Euro Schlimmeres verhindert. Auch am Arbeitsmarkt sieht es eigentlich noch gut aus, will sagen, die Leute sind nicht sonderlich verunsichert.

So erstaunlich es klingt, Deutschland ist eine Art von Konjunkturlokomotive für den Rest der Welt, bisher jedenfalls, wenn auch nur in dem Sinne, dass die Importe weniger stark zurückgehen als die Exporte. Letztere lagen übrigens im Januar real um knapp 20 Prozent unter ihrem Vorjahreswert. Der Rückgang wird sich in den kommenden Monaten allerdings noch verstärken.

Eigentlich wollte ich in dieser Woche etwas zum bevorstehenden Londoner G 20-Treffen schreiben und mich vor allem auf die Pläne für eine verbesserte globale Finanzaufsicht konzentrieren. Der Larosière-Report enthält einige gute Reformvorschläge für Euroland, insbesondere mag ich die Konzentration der Kompetenzen bei einer zentralen Behörde, dem “European Systemic Risk Council”, die bei der EZB angesiedelt sein soll oder ihr unterstellt ist. Damit wären sowohl die funktionalen als auch die nationalen Aufsichtsorgane in eine klare Hierarchie eingebunden, so dass die Transparenz im Finanzsektor viel besser wäre als heute. Zu den Aufgaben einer Zentralbank gehört ja vor allem, dass sie die Funktionsfähigkeit des Geldwesens gewährleistet. Dazu braucht sie umfassende Informationen. Es wäre zu wünschen, dass die Vorschläge, so wie sie da stehen, umgesetzt werden, auch wenn sie aus der Feder eines Mannes, oder einer Gruppe von Männern, stammen, die bis vor kurzem vor allem für mehr Deregulierung argumentiert hatten. Warum soll aus einem Saulus nicht ein Paulus werden? Oder aus Saulussen Paulusse?

So oder so, in London wird das Hauptthema die aktuelle Konjunkturlage sein. Die neue Finanzarchitektur kann warten. Die heutigen Zahlen werden auch die deutsche Seite weicher machen und sie wird den Forderungen aus dem angelsächsischen Lager nach größeren Konjunkturprogrammen weniger Widerstand entgegensetzen. Gut für Opel!

Ich bin allerdings hin- und hergerissen. Die jetzige Krise wurde ja verursacht durch das Platzen von Immobilien- und Kreditblasen in den USA, die wiederum durch langjährige Ungleichgewichte entstanden waren: In Amerika waren die Zinsen lange sehr niedrig, der Konsum boomte, damit auch die Einfuhren, der Rest der Welt, vor allem die Schwellenländer, profitierte von einem Exportboom in die USA, der durch künstlich niedrig gehaltene Wechselkurse noch befeuert wurde.

Vereinfacht gesagt, finanzierten die chinesischen Wanderarbeiter die Kreditexzesse der amerikanischen Verbraucher. Dabei schienen alle zu gewinnen: Die einen hatten Arbeit, die anderen konnten deutlich mehr konsumieren als sie produzieren mussten. China und die anderen konnten durch diese Strategie immerhin eine moderne Infrastruktur aufbauen und hunderte von Millionen von unterbeschäftigten Landarbeitern in die Weltwirtschaft integrieren. Der allgemeine Wohlstand war seit Menschengedenken nicht mehr so stark und so lange gestiegen wie seit etwa 2002

Nachdem dieses System nunmehr kollabiert, geht es darum, eine neue und belastbare Struktur der globalen Wirtschaft zu schaffen. Als erstes müsste es darum gehen, dass die Amerikaner mehr sparen, also ihre Konsumquote senken und mehr exportieren. Der Dollar hätte abzuwerten. Die Überschussländer dagegen sollten dafür sorgen, dass sie weniger sparen und exportieren, dass sie ihre Währungen aufwerten lassen und aufhören, durch den Kauf von US-Staatspapieren die amerikanischen Steuerzahler und Verbraucher zu subventionieren. Deutschland ähnelt wegen seines exportgetriebenen Wachstums den Schwellenländern und wird in der aktuellen Diskussion daher nicht zu Unrecht mit China und Japan in einen Topf geworfen.

Kurz, eigentlich müssten wir eines der größten Konjunkturpakete der Welt auf den Weg bringen; der Euro müsste sich kräftig aufwerten, und die USA müssten durch hohe Realzinsen und einen Überschuss im Staatshaushalt das Sparen fördern.

Es geht aber genau in die andere Richtung: In Amerika wird die Binnennachfrage durch Nullzinsen und ein Haushaltsdefizit von mehr als 12% des BIP angekurbelt, dass einem Hören und Sehen vergeht – dabei ist der Dollar bombenfest! -, während hierzulande der Euro abwertet, jedenfalls gegenüber dem Dollar, die EZB sich mit der Lockerung Zeit lässt und die Finanzminister aus Angst vor zu hohen Defiziten sehr vorsichtig zu Werke gehen. Immerhin scheinen die Chinesen das zu tun, was von ihnen aus makroökonomischer und globaler Sicht verlangt wird. Aber China ist immer noch de facto ein kleines Land und kann die Welt nicht retten.

Sollte Herr Steinbrück also nach London reisen und von Herrn Obama verlangen, dass seine Regierung das gigantische Konjunkturpaket rückgängig machen und die Fed die Zinsen erhöhen soll, damit wir nicht von neuem in globale Ungleichgewichte der alten Art schlittern? Das ginge schon deshalb nicht, weil dann der Dollar noch fester würde. Es wäre auch nur dann für die USA eine halbwegs akzeptable Strategie, wenn die deutsche Seite ankündigen könnte, dass sie in Zusammenarbeit mit den anderen Überschussländern Europas Staatsdefizite in der Größenordnung von 15% ins Auge fasst.

Nein, es wird so nicht laufen. Alle Regierungen und Notenbanken werden ihre nationalen Prioritäten haben und tun, was ihnen kurzfristig und aus wahltaktischen Gründen nützt, auch wenn die Welt daran zugrunde geht. Richten wir uns auf eine lange Rezession ein, und auf Deflation! Ich habe noch ein paar goldene Armbänder meiner Oma – die werde ich endlich mal verkaufen und mir dafür die eine oder andere Bundesanleihe besorgen. Leider hat mir die Oma kein Häuschen vererbt – das würde ich jetzt auch verkaufen.

Leser-Kommentare
  1. 105.

    @100 Herr Braun, in aller Höflichkeit. Warum sind denn die “Zockerbuden” in Schieflage ? Weil sie wohl gewissen Künstlern etwas finanziert haben, was die sich zu dem Preis niemals leisten konnten ? Das ist doch nicht mal die halbe Wahrheit.

    Die “Zockerbuden” bekamen Probleme, weil es der Konkurrenz beliebte, nicht mehr zu vertrauen, um Konkurrenten so auszuschalten. Schönes Beispiel Lehman Brothers, von JPMorgen regelrecht geschlachtet. Es ging und geht letztendlich um eine Umstrukturierung und Konsolidierung der Finanzwirtschaft. Die realen Kreditausfälle 2008 lagen bei 4 %, doppelt so viel, wie normal. Das ist kein wirklich existenzgefährdendes Problem.

    Das Problem war der “Vertrauensverlust” und da hat Frau Kanzlerin ausgesprochen effizient und richtig reagiert. Es kann aber nicht darum gehen, multinationale Konzerne mit Staatsknete zu stützen, wenn die in Schieflage geraten, gelber Kuckuck, das war es. Wer hier keine den Gewinnen angemessene Steuern gezahlt hat, ist für den Staat brutal formuliert wertlos.

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    • 28. März 2009 um 18:29 Uhr
    • Michael
  2. 106.

    @ Dietmar Tischer

    Wenn das Eigentum der Eigentümer der Banken bereits gegen 0 tendiert, dann sollte dies von den Eigentümer auch hingenommen werden und der Staat sich nicht mir Übernahmeangeboten in der Höhe von €3/Aktie erpressen lassen.
    Systemrelevanz hin oder her, bei Erpressung oder Gefahr in Verzug gibts Enteignung des wertlosen Eigentums.

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    • 30. März 2009 um 14:31 Uhr
    • mylli
  3. 107.

    Wg. 105:

    Leider kann ich bei den Inner-Finanzbourgeoisie-Gemetzeln nicht mitreden. Von Professor Otto Most ( Gründer der dt. Verkehrswissenschaft) meine ich erinnern zu können, dass ” … zum Wesen des Wettbewerbs die Schädigung des Konkurrenten gehört …” Wenn die in Rede stehenden Institute gegenseitig zum Wetten auf Bretterbuden, Reis und Mineralöl sich aufheizen, verursachen sie dreierlei: Das mit den Buden bringt sie selber um. Mit der Spekulation auf Reis brachten sie vermutlich zehntausende Kinder in Niedriglohnländern um und mit dem Öl zehntausende mittelständische Betriebe, die so kurzfristig die Mehrausgaben für den Fusel am Markt nicht verdienen konnten. Solche Akteure brauchen wir in der Marktwirtschaft nicht, die können ersatzlos wegfallen. Dann wird von Bankster-Seite gebrüllt, man sei schließlich “systemisch” und die Wirtschaft befinde sich in einer “Schockstarre”. Das ist auch grober Unfug, denn damit wird unterstellt, das Bankster-System sei in der Lage, selbige – unterstellte – Schockstarre zu beheben. Sie können es aber nicht, weil die Strukturen der Realwirtschaft ihnen schon lange fremd geworden sind – sie wollten es ja in ihrem 25 %-Rendite-Zoo so haben. In der Realwirtschaft haben wir übrigens auch genügend Verrückte: In der Folge von Tages-Charterraten bis 30.000 $ pro Containerschiff vor noch einem Jahr haben die Reeder weltweit 140 Schiffe bestellt oberhalb der 8.000 TEU (1 TEU= 1 x 6-Meter/20 ft. -ISO-Container) bestellt. Das würde die vorhandene Kapazitat innerhalb der nächsten fünf Jahren um 50 Prozent erhöhen. Hatten wir mit so einer Expansion der Weltwirtschaft zu rechnen? – Natürlich nicht. Jeder weiß, dass die kurzfristigen Zyklen bei fünf Jahren liegen. Und gerade die deutsche Wirtschaft hätte aus 1993 lernen müssen, dass ein kreditfinanzierter Boom alle spätestens nach fünf Jahren zur kollektiven Landung auf der Schnauze führt. Haben wir daraus gelernt? – Nee. Warum lernen wir nichts? – Weil der Abschwung 2000 – 2003 zu schwach war und dann ging es ja grandios nach oben. Wir haben die Neu-EU-Länder samt der nicht-assoziierten MEU-Staaten mit Krediten gefüttert, damit die uns unsere Kapazitäts- und Produktivitätszuwächse abkaufen. Und jetzt? – Sind die im Osten pleite, im Westen läuft wegen der Banken-Vermickerung auch nichts und zuhause ist alles müde, weil nach einem Jahrzehnt Reallohnstagnation (wenn nicht Absenkung) nur eine “Abwackprämie” so – sage und schreibe – 2,5 Kiloeuro die Leute dazu verleitet, sich ein halbwegs neues Auto zu kaufen. Anders gesagt: sonst wäre die Investition im bundesdeutschen Normalhaushalt nicht mehr drin. Bitteschön: runtergerechnet auf einen Baby-Benz 190 D von 1984 war man mit umgerechnet 15.000 Euro dabei. Heute ist das Ding unter 35.000 kaum zu haben und selbst der Ober-Benz (Doctor-Z) kann nicht behaupten, dass der durchschnittliche Metall-Tariflohn (nicht seine Haus-Tarifverträge) entsprechend gestiegen wäre. Armes Deutschland. Präziser ausgedrückt: Der Slogan von Helmut Kohl: “Leistung muss sich wieder lohnen” hätte besser ersetzt werden müssen durch “die Leistung der anderen muss sich für mich lohnen”. Das ist ja auch gelungen. Deshalb dürften die Auswirkungen der gegenwärtigen Milliarden-Versenkungen in die Banken-Gräber auf die Wahlentscheidungen in diesem Jahr nicht uninteressant sein. Denn bei allen denen, die den Laden hier am Laufen halten, ist seit zweieinhalb Jahrzehnten vom Zuwachs des gesellschaftlichen Reichtums nichts angekommen.

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    • 30. März 2009 um 20:28 Uhr
    • Folkher Braun
  4. 108.

    @ mylli

    Erstens:

    Was als Erpressung angesehen wird, ist nicht immer Erpressung. So ist es z. B. nicht Erpressung, wenn jemand einen aus seiner Sicht angemessenen Preis für sein (Rest)-Eigentum verlangt, der Staat diesen Preis jedoch nur deshalb nicht bezahlen will, weil er höher ist als der, den ihn eine Enteignung kostet.

    Zweitens:

    Hin oder her, bei … gibt’s… Damit geben Sie ein Prinzip auf, bei dem Handeln an objektiv feststellbaren Voraussetzungen gemessen wird und ersetzen es durch ein anderes, bei dem subjektive Erwägungen (Erpressung, Gefahr) die entscheidende Rolle spielen. Das können Sie ja wollen. Sie müssen sich jedoch über die Konsequenzen im Klaren sein: Wenn subjektive Erwägungen für gerechtfertigtes Handeln in den Vordergrund rücken, dann geht die Rechtssicherheit verloren. Das kann den Weg für individuelle und gesellschaftliche Katastrophen ebnen.

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    • 31. März 2009 um 12:24 Uhr
    • Dietmar Tischer
  5. 109.

    Zur Zeit würde ich, selbst wenn ich ein Haus hätte nicht verkaufen. Gold und Immobilien sind immer eine sichere Wertinvestition. Alles spricht von Wertpapieren? Was sind Wertpapiere? Der Wert für Altpapier ist im Keller! Papier hat kein Wert, bzw. nur ein Temporären und bekanntlich soll Mann sein temporären Ordner löschen. Das haben die Industriestaaten auch gemacht, hat leider aber Milliarden gekostet. Schade um die schönen Bäume.

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    • 15. April 2009 um 11:04 Uhr
    • Kudret Ucuk
  6. 110.

    @ Kudret Ucuk

    “Was sind Wertpapiere?”

    Gewiss ist es letztlich nur eine gesellschaftliche Konvention, die uns dazu bringt, einem bedruckten Stück Papier einen Wert zuzuerkennen. Das gleiche gilt aber auch für Gold. So richtig viele nützliche Dinge lassen sich aus Gold meines Wissens nicht herstellen, ganz im Gegensatz etwa zu Stahl oder Aluminium.

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    • 15. April 2009 um 13:04 Uhr
    • Peter JK
  7. 111.

    @ Kudret Ucuk
    “Zur Zeit würde ich, selbst wenn ich ein Haus hätte nicht verkaufen. ”
    Gut zu hören! Ich würde nämlich gerne verkaufen. Können wir ins Geschäft kommen?

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    • 15. April 2009 um 15:02 Uhr
    • EuroOptimist
  8. 112.

    @ Michael # 105
    “Das Problem war der “Vertrauensverlust” und da hat Frau Kanzlerin ausgesprochen effizient und richtig reagiert. ”

    Halleluja! Haben Sie eigentlich begriffen, dass die Dame Milliarden versenkt, die sie sich bei den Banken leihen muss und für die wir Steuerzahler gerade zu stehen haben? Was Sie als “Vertrauensverlust” umschreiben ist nichts anderes als Geiselnahme der Steuerzahler mit tatkräftiger Unterstützung durch die Kanzlerin. Lesen Sie mal das hier:
    geld-arbeitet-nicht.jimdo.com/systemische-erpressung/

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    • 15. April 2009 um 17:56 Uhr
    • equityshark
  9. Kommentar zum Thema

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