So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Akerlofs und Shillers “Animal Spirits”

Von 23. März 2009 um 18:56 Uhr

Das rechte Buch zur rechten Zeit, möchte man denken, wenn man George Akerlofs und Robert Shillers neues Buch “Animal Spirits. How Human Psychology Drives the Economy, and Why it Matters for Global Capitalism” zu lesen beginnt. Der Nobelpreisträger aus Kalifornien und der Finanzprofessor aus Yale kritisieren in dem Buch die Grundlage der modernen ökonomischen Wissenschaft, nämlich die Annahme eines stetig rationalen Homo Oeconomicus.

Nimmt man an, dass Menschen ihre Entscheidungen nicht immer kalt und rational treffen, sondern auch auf ihr Bauchgefühl und vor allem auf soziale Konventionen hören, werden viele der Schlussfolgerungen obsolet, die Ökonomen in den letzten dreißig Jahren gezogen haben. Das lässt sich in der momentanen Finanzkrise besonders gut beobachten. Um es aber gleich vorweg zu sagen: So spannend das alles klingt, ein großer Wurf ist das Buch leider nicht geworden. Aber der Reihe nach.

Gleich mit dem Titel zeigen die Autoren, wo sie stehen. Der Titel ihres Buches, “Aninmal Spirits”, greift auf eine Wortschöpfung John Maynard Keynes aus seiner 1936 erschienen “General Theory of Employment, Interest and Money” zurück. Des Meisters bis heute leider wenig beachtete Hauptthese war, dass nicht der rationale Homo Oeconomicus die Wirtschaft treibt, sondern die tief liegenden Instinkte von Unternehmern und Konsumenten, die im einen Moment hoch euphorisch sind, um im nächsten Moment in tiefe Depression zu versinken.

Dieses Auf und Ab der Gefühle über die Möglichkeiten der Zukunft bewegen Unternehmer dazu zu investieren – oder eben nicht. Keynes argumentierte, dass Unternehmer keine kalten Rechner seien, die jedem möglichen zukünftigen Ereignis einen Wahrscheinlichkeitswert geben und nach ihrem gewünschten Risiko optimal entscheiden. Denn selbst wenn sie kalte Rechner wären, können sie zukünftigen Ereignissen gar keine Wahrscheinlichkeiten zuweisen. Und zwar aus einem einfachen Grund: Die Zukunft ist fundamental unsicher. Auch wenn wir mit einem gewissen Wahrscheinlichkeitsgrad das Wetter von morgen voraussagen können, was in einem, zwei oder drei Jahren geschehen wird, wissen wir schlicht nicht.

Alle Rechnungen, die sich auf die fernere Zukunft beziehen, sind Kaffeesatzleserei. Weil das die meisten Menschen (aber nur wenige Ökonomen) verstehen, hören sie lieber auf ihren Bauch oder handeln so, wie andere es machen, also nach sozialen Normen. Das ist es, was Keynes die “Animal Spirits” nennt – “a spontaneous urge to action rather than inaction” (GT, 161).

George Akerlof und Robert Shiller scheinen besonders dafür geeignet zu sein, schlaue Dinge über die “Animal Spirits” zu schreiben. Beide gehören einer Richtung an, die sich “Behavioral Economics” nennt, also Verhaltensökonomie. Diese Richtung der Wissenschaft arbeitet seit Jahren daran, Ansätze aus der Psychologie, der Soziologie oder der Politikwissenschaft in die Ökonomik zu holen.

Doch obwohl Shiller und Akerlof besonders viel über die Konsequenzen für die ökonomische Wissenschaft sagen könnten, die sich aus der genaueren Analyse der Animal Spirits ergeben, kratzen sie oft nur an der Oberfläche. Viele Argumente bleiben unvollständig und vor allem schlecht organisiert. Was die Autoren als große Theorie und praktische Anwendung dergleichen anpreisen, ist oft wenig zusammenhängend und bleibt Stückwerk.

Mit so unterschiedlichen Dingen wie Korruption in der Wirtschaft, dem Grad der gesellschaftlichen Zuversicht oder der Rolle von Geschichten, die man sich über die Wirtschaft erzählt, werden ebenso unterschiedliche Dinge wie Arbeitslosigkeit, das starke Schwanken der Vermögenspreise oder warum gerade Minderheiten oft arm sind, erklärt. Zu weit fassen die beiden, was sie unter Animal Spirits verstehen – nämlich so gut wie alles, womit sich die meisten Ökonomen in ihren Modellen nicht beschäftigen.

Stark sind die beiden, wenn sie beschreiben, wie der Grad der allgemeinen Zuversicht die Wirtschaft treibt – so wie auch Keynes es gesehen hat. Sind die Menschen zuversichtlich, investieren sie, kaufen Aktien und Häuser, ob das nun fundamental gerechtfertigt ist oder nicht. Sehen sie, dass die Wirklichkeit mit den hohen Preisen der Vermögenswerte nichts mehr zu tun hat, verkaufen sie, wo es nur geht. Durch den Herdentrieb verstärken sich sowohl Boom als auch der folgende Bust – die Depression ist damit nicht nur bildlich der Wachstumseinbruch, sondern auch ganz wörtlich der psychologische Kollaps.

Getrieben wird die Herde im Aufschwung von den schönen Geschichten, die immer wieder neu erzählen, wie der jetzige Boom etwas ganz anderes als der letzte Boom ist und nicht aufhören kann. In Panik verfällt die Herde, wenn es bergab geht und neue Geschichten auftauchen von Korruption und Betrug – ob in den 30er Jahren die Broker, die durch die Banken gestützt merkwürdigen Aktien an Kleinanleger verkauft haben, oder heutige Hypothekenbroker, die fahrlässig Kredite vergeben haben und sich von noch fahrlässigeren Bänkern dieselben haben abkaufen lassen.

Schön ist auch ein Kapitel über das Sparen. Mainstreamökonomen gehen gerne davon aus, dass unheimlich rationale Homines Oeconomici ihr permanentes Einkommen nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung vorausberechnen und ihren Präferenzen entsprechend für die Rente sparen. Akerlof und Shiller zeigen aber, wie das Sparen realer Menschen davon abhängt, wie Familie, Bekannte oder Nachbarn sparen, und wie dann oft nicht optimal, sondern zu wenig oder zu viel gespart wird. Das heißt dann, dass ich einen Riester-Vertrag nicht aus rationaler Erwartung abschließe, weil ich mir jetzt schon ausrechne, wie viel Rente ich weniger im Jahr 2050 bekommen werde, sondern weil alle anderen es eben auch machen.

Doch andere Teile des Buches sind weniger gelungen. Etwa wenn die beiden Autoren Akerlofs Theorie der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit präsentieren. Danach ginge es Arbeitnehmern nicht allein um die Höhe ihres Lohnes, sondern auch um soziale Anerkennung durch den Arbeitgeber und darum, fair behandelt zu werden. Fair behandelt zu werden drückt sich aber in fairer Bezahlung aus. Und die sei, so Akerlof, meistens zu hoch. Deswegen gebe es unfreiwillige Arbeitslosigkeit. Dabei wird nicht ganz klar, warum gerade faire Löhne zu hohe Löhne sein müssen. Und warum man gerade eine Theorie von sozialer Anerkennung und Fairness braucht, um zu erklären, warum Menschen ein möglichst hohes Gehalt verdienen wollen.

Auch ihre Diskussion der Geldpolitik scheint etwas unausgegoren. Gleich in zwei Kapitel erklären Akerlof und Shiller, welche Konsequenzen die Animal Spirits für die Geldpolitik haben, und zwar für die Kreditversorgung der Wirtschaft und für den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation. Beides mal betonen sie zwar – im Gegensatz zu Verfechtern der reinen Lehre von den rationalen Erwartungen -, dass Geldpolitik reale Wirkungen auf Wachstum und Beschäftigung haben kann, nur finden sie keine einheitliche Erklärung dafür.

Im einen Kapitel erklären sie, wie die Zentralbank durch ihren Zins die Kreditversorgung der Wirtschaft regelt und wie das nicht klappt, wenn Panik ausbricht und die Banken trotz Liquidität und niedriger Zinsen Konsumenten und Unternehmern einfach keine Kredite geben wollen. Im anderen Kapitel erklären sie, ohne die Rolle von Krediten auch nur zu erwähnen, wie eine etwas erhöhte Inflationsrate zu mehr Beschäftigung führen kann. Wenn Arbeitnehmer eine Lohnerhöhung nicht als Ausgleich für Inflation sehen, sondern als Anerkennung ihrer individuellen Leistungen, können die realen Löhne sinken. Wegen dieser Geldillusion kann die Zentralbank bei moderaten Inflationsraten mehr Beschäftigung schaffen.

Doch diese Ansätze bringen die beiden Autoren nicht zusammen. Sie erklären zwar, dass Kredite eine Rolle für die Realwirtschaft spielen und wie die Kreditversorgung auch in der Krise aufrechterhalten werden kann. Dann erklären sie aber nicht die fehlende Kreditvergabe als Ursache von Arbeitslosigkeit, sondern die Geldillusion und das Gefühl für Fairness, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben. Es mögen nur ein paar Sätze fehlen, beide Erklärungen zusammenzuführen – so stehen sie aber unverbunden nebeneinander.

Das Buch ist sicher dafür geeignet, in einem wichtigen Moment der Wirtschaftsgeschichte interessante und anregende Impulse zu geben, weil es aufzeigt, welchen Beitrag die Behavioral Economics zur besseren Erklärung wirtschaftlicher Zusammenhänge leisten kann. Nur leider haben sich Akerlof und Shiller nicht die Mühe gegeben, über einzelne Impulse hinauszugehen. Zu unzusammenhängend sind ihre Argumente oft. Das sollte den geneigten Leser aber nicht von der Lektüre von Akerlofs und Shillers “Animal Spirits” abhalten, einem Buch, das zeigt, wie die Entscheidungen von Menschen, die sich wie Menschen verhalten, die Ökonomie treiben.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich verstehe nicht, wie man diesen kalten Kaffee heiss finden kann. Der homo oeconomicus war von je her eine Modellannahme, praktisch bestenfalls dadurch gerechtfertigt, dass sich Abweichungen durch individuelle, d.h. nicht-ökonomische Präferenzen, statistisch gegeneinander ausmitteln, so dass das Gesamtverhalten so ausfällt, “als ob” homines oeconomici am Werke wären. Das ist nichts anderes als eine erweiterte “ceteris paribus” Klausel, die ebenfalls zeigt, dass es der theoretischen Ökonomie nur um ihre Modelle, keinesfalls aber um die Realität geht. Unter solchen Klauseln kann das Höhen lichter theoretischer Reinheit erreichen, wie bei Mises. Mit der Realität hat das aber gar nichts zu tun.
    Wie sehr dieser Charakter dieser Theorien verkannt wird, zeigt sich dann an Kleinigkeiten wie dieser:
    Sind die Menschen zuversichtlich, investieren sie, kaufen Aktien und Häuser, ob das nun fundamental gerechtfertigt ist oder nicht.
    Wenn man das Geschehen in diesen Theorien nämlich ernst nimmt, dann weiss man, dass die Bezeichnung “fundamental” (d.h. unabhängig von subjektiven Bewertungen) hier überhaupt keinen Sinn ergibt. Die VWL geht sozusagen an ihren eigenen Modellen zugrunde, nämlich anlässlich jeder Begegnung mit realen Abläufen. Die praktischen “spirits” (die nur aus einer falschen Modellperspektive als “animalisch” bezeichnet werden) sind niemals nur wirtschaftlich-rational, sondern sozial-relational.
    Offenbar werden die Geister hier schon am dem 1. Semester derart verbogen, dass jeder Kontakt mit dem kleinsten Fetzen Realität zur Sensation wird…

    • 23. März 2009 um 22:00 Uhr
    • lemming
  2. 2.

    Ergänzend zum letzten Satz meines Vorgängers: Die Polarität wirtschaftlich-rational und sozial-relational, ist zulässig, doch nicht punktgenau. Der klarere Gegenpol wäre logisch-rational und situativ vernunftgemäß, ersteres auf logischen Schlussfolgerungen beruhend, letzteres mehr bedacht auf sozial-systemische Wirkungen. Nun vergißt man zumeist auf die Wahrnehmung als Grundlage aller Entscheidungsfindung, und diese ist selektiv. Sie kann mehr an Sinneswahrnehmung orientiert sein, dazu gehören die Zahlen, die Gegenwärtigkeit, das sinnlich real Ausmachbare. Zuviele Möglichkeiten sind für diesen Wahrnehmungstypen nachrangig, ja zu phantastisch und die Metabene zu haltlos. Anders die intuitive Wahrnehmung, die grundsätzlich das Mögliche ins Blickfeld rückt, also aus dem Reich der Möglichkeiten heraus und hinein arbeitet. Das materialisiert und gedachte Reale ist für diesen Wahrnehmungstypen nur dann interessant, wenn es Möglichkeiten für einen zukünftigen Entwurf enthält. Die unterschiedliche Wahrnehmung und Urteilsfindung prägt das Geschehen. Dieses Buch vermischt mangels dieser Grundlagenschau die Begriffe und deren Zuordnung. Der Versuch muss notgedrungen holprig bleiben und widersprüchlich, ist diese typologische Verflechtung doch äußerst komplex und nur in seiner Komplexität erklärungsfähig.
    Nur ein Beispiel aus dem Artikel: “Alle Rechnungen, die sich auf die fernere Zukunft beziehen, sind Kaffeesatzleserei. Weil das die meisten Menschen (aber nur wenige Ökonomen) verstehen, hören sie lieber auf ihren Bauch oder handeln so, wie andere es machen, also nach sozialen Normen.” Zu diesem Absatz könnte ich seitenlange Erklärungen und Entflechtungen nachliefern.
    mit besten Grüßen an die Leser

  3. 3.

    Viele der scheinbaren Widersprüche zwischen Rationalität und realem Verhalten lösen sich auf wenn man die Annahme der perfekten Information fallen lässt. In einer Welt der asymmetrischen, kostspieligen und begrenzten Information werden oft Entscheidungen getroffen, die bei perfekter Information nicht rational wären. Durch den Preis der Beschaffung von Information und die Kosten sie zu verarbeiten ist es oft wirtschaftlicher, weniger Information und weniger verlässliche Information zur Entscheidungsfindung heranzuziehen, als nach vollständiger Information zu streben. Das ist absolut rational.

    Ebenso ist die Verkürzung des Nutzens für eine Person auf geldwerte Vorteile unzulässig. Auch mit der Brille des Mammon scheinbar unsinnige Tauschhandel wie der Akt des Schenkens ohne Aussicht auf Reziprozität sind durch wirtschaftliche Theorien unter Annahme von Rationalität abbildbar.

    Das heißt nicht, das alles menschliche wirtschaftliche Handel rational ist. Experimente, vorzugsweise nicht mit Studenten der Wirtschaftswissenschaften, zeigen erstaunliche Quoten von irrationalem Verhalten. Bei Unternehmen können Verhaltensweisen wie Gruppendenken zu irrationalen Entscheidungen führen wenn Informationen durch soziale Mechanismen bewusst ausgegrenzt und entwertet werden.

    Die im Artikel genannten Beispiele sind aber alle noch im Rahmen üblicher Informations-Ökonomie. “Herdentrieb”, “Informations-Kaskade” oder “subjektive Information” gehören zum Handwerkszeug von Ökonomen. Die Konsequenz zur Verhinderung von Blasen ist mehr und bessere Information. Eine wesentliche Ursache für den Sub-Prime Crash ist die Bildung immer komplexerer Derivate die deren Risiken von den Rating-Agenturen, wissentlich oder unwissentlich sei mal dahingestellt, vollkommen verkannt wurde. Die Information über die Risiken der Kredite war im Produkt nicht mehr vorhanden, die Käufer ersetzen sie durch das Renommee der Rating-Agenturen, was vollkommen rational ist, und wurden schwer enttäuscht.

    Irrational ist es jedoch immer wieder auf offensichtliche Blasen zu setzen und dafür faktische Information zu ignorieren. Es scheint für für diese Zockerei keine persönlichen Konsequenzen zu geben. Das ist aber kein Problem der Ökonomie, sonder der Gesellschaft.

    • 24. März 2009 um 12:33 Uhr
    • Shismar
  4. 4.

    @Fabian Lindner

    Teile Ihre Ansichten hinsichtlich des Buches. Hatte mir insbesondere von Akerloff mehr erwartet, bin aber regelrecht enttäuscht: was das Buch liefert ist keine Abrechnung mit dem Mainstream, sondern lediglich der Ersatz einzelner Mainstream-Fragmente durch andere. Die Efficiency-Lohnhypothese von Phelps wird man ja nun anno 2009 nicht gerade als “revolutionär” betrachten dürfen.

    Akerloff ist mit den “Asymmetrien” im Kapitalismus groß geworden, mir ein Rätsel, warum er diesen Gedanken nicht wesentlich stärker ins Buch einfließen hat lassen: die Asymmetrien zwischen Unternehmern und Arbeitern einerseits und Schuldnern und Gläubigern andererseits erklären 90% unseres wirtschaftlichen Geschehens recht gut, und treffen en passant ins Herz jedes Equilibrium-Freaks. Hätte er Minsky nicht nur für die Krisentheorie herangezogen, das Buch hätte einen größeren Mehrwert gehabt (aber gut: dann wäre es kein Akerloff/Shiller-Buch geworden)

    Insgesamt sehr schade, eine verpaßte Gelegenheit.

    Heinsohn/Steigers “Eigentum, Zins und Geld” bleibt damit das Maß aller Dinge.

  5. 5.

    @shismar
    Guter Kommentar, spricht mir aus der Seele, auch wenn ichs nicht so flüssig hätte formulieren können.

    • 24. März 2009 um 13:36 Uhr
    • Jens
  6. 6.

    Wie Shismar schon schreibt, sind viele Faktoren irrational erscheinenden Handelns bei genauerem Hinsehen garnicht so unvernünftig. Deshalb wundert es mich, dass Presse und Politik nicht versuchen, die Krise zur Umgestaltung von Rahmenbedingungen zu nutzen.

    Wieviel günstiger und vollständiger würde Information (aller potentieller Marktteilnehmer), wenn der Staat eine generelle Plattform mit standardisierten Angaben zu allen börslich handelbaren Produkten kostenfrei (bei Erhebung z. B. einer Tobin-Steuer) zur Verfügung stellen würde. Und andere Produkte schlicht nicht zum organisierten Handel zugelassen würden. Das schränkt zwar Innovation und Margen ein, schafft aber ein Maß an Transparenz und Sicherheit, dass es dem Anleger (privat und institutionell) erlaubt, gemäß seiner Risikopräferenzen anzulegen – auf Grundlage objektivierter Information.

    In dieser Hinsicht erfüllte der Staat einfach seine Aufgabe als rahmengebende Institution eines Marktes nicht – die Gewährleistung von Transparenz (Shismars Beispiel geratete Kreditderivate lässt sich beliebig ergänzen z. B. durch das Zulassen von Qualitätsunterschieden und “krummen” Packungsgrößen bei äußerlich gleichen Lebensmitteln durch den Staat oder durch Rechtsetzung die es erlaubt, dass Firmen ihren Mitarbeitern untersagen ihr Gehalt zu verraten anstelle einer verpflichtenden Offenlegung zur Schaffung von Vergleichbarkeit, um nur zwei zu nennen).

    Die von Shismar irrational genannte Zockerei an den Finanzmärkten ist dies nur solange, wie man nicht die persönlichen Risikopositionen der Handelnden berücksichtigt: Was sie verlieren gehört anderen, vom Gewinn kassieren sie aber persönlich ihren Anteil. Angesichts der assymetrischen Risikoverteilung der Bankangestellten ist das Handeln an sich wieder rational.

    Auch diesen Punkt müssen Staat und Investoren zukünftig so gestalten, dass die Handelnden auch im Sinne der Allgemeinheit (Staat) bzw. Vermögenden (Investoren) rational handeln, dass also egoistisch-rational und allgemein-rational deckungsgleich sind.

    Doch m. E. wird all das nicht passieren und die Krise wird einfach weginflationiert werden. Am Ende werden die heute noch reichen Nationen wahrscheinlich in einer ähnlichen Situation sein, wie heute z. B. Argentinien, einstmals eines der reichsten Länder der Welt: Reiche Elite, arme Mehrheit.

    Sie werden schlau genug sein, diesen Prozess schleichend stattfinden zu lassen – sonst gibt es Aufruhr und Krieg à la 1930 ff

    • 24. März 2009 um 15:37 Uhr
    • sb.78
  7. 7.

    Ein bisschen zu kurz kommt im Kommentar die Tatsache, dass graduell rationales Verhalten fast nicht modellierbar ist. Ich halte auch nichts vom absoluten Rationalitätspostulat, aber mir ist keine Möglichkeit bekannt, ein ökonomisches Modell an einem, sagen wir, empirisch gemessenen Irrationalitätsmaß zu eichen.

    Wenn ich behaupten würde, über die Zeit ergäbe sich ein Verhältnis von rationalem zu irrationalem Handeln in etwa dem Goldenen Schnitt gemäß (also in Zahlen ausgedrückt), hätte ich eine schöne Sache entdeckt und könnte dennoch kaum konkretes Verhalten vorhersagen.

    Eine interessante Richtung der Psychologie/Neurobiologie befasst sich mit Verhaltensdeterminismus. Anhand einiger Experimente gehen manche Forscher davon aus, dass es keinen freien Willen gibt und damit auch kein bewusst gesteuertes Verhalten (wobei gemessen wurde, dass der “willkürlichen” Bewegung der Hand ein Potential im entspr. Areal des Gehirns um bis zu 9 sek vorausgeht). Die Idee spinnt sich von selbst soweit, dass bei meiner Geburt schon klar war, dass ich jetzt diesen Beitrag schreibe. Zu strenge Sicht. Andere bauen nicht-lineare Brüche in die Erklärungen ein und setzen damit dem Verhalten situative Grenzen. Ich kann nicht frei entscheiden, aber nicht alle meine “Entscheidungen” hängen miteinander zusammen.

    Diese Erkenntnisse im Kopf wird man einsehen müssen, dass das Rationalitätspostulat dann aus systematischen Gründen erst recht gilt. Allerdings muss die Schlussfolgerung beseitigt werden, dass Rationalität automatisch zu ökonomischer Effizienz führt. Das ist der wirkliche Pferdefuß der Diskussion.

    Defacto muss man davon ausgehen, dass die Wirtschaft aus interagierenden Agentensystemen (Menschen …) besteht, welche fundamental asynchron sind. Es ist demnach nur unter größten Anstrengungen möglich, durch Kontrakte die Synchronisation des Handelns zu erreichen. Dazu existieren Regeln und Muster. Je weiter von ursrpünglichen Plänen abgewichen wird, desto ineffizienter das Ergebnis. Das Wettbewerbsdogma führt dazu, dass Pläne bewusst nicht eingehalten werden und neue Asynchronizizät entsteht. Das ist mein Standpunkt, den ich aber auch kaum mathematisch fassen kann. Außerdem nichts Neues, bis auf den systematischen Ansatz.

    Insgesamt sollte nicht unterschlagen werden, wie nützlich der Homo Oeconomicus für den Erkenntisgewinn und die Mathematisierung der Ökonomie war. Er ist das einzige formale Menschenbild, dass jemals existierte und wird seine Bedeutung niemals ganz einbüßen: er ist schlicht der Idealtyp des ökonomischen Menschen.

    • 24. März 2009 um 15:45 Uhr
    • Daniel Steinert
  8. 8.

    Um mich zu ergänzen: die Annahme, dass ein bestimmtes System rational sei, ist OK. Die Annahme, dass Interaktion zwischen derartigen Systemen auch rationalen Charakter hat, ist unbewiesen. Hierbei handelt es sich um einen platten physikalischen Determinismus. Wer jedoch soziologische Erklärungen bevorzugt, wird schnell einsehen, dass damit keine Prognose machbar ist. Wir sehen gerade in der Makroökonomie, wie aus polarisationstheoretischen Ansätzen, die nicht operationalisierbar waren, wieder eine recht schlichte quasi-deterministische Theorie geworden ist.

    Das liegt daran, dass wir als Menschen nicht in der Lage sind, anders zu denken. Ein Gehirn, dass Information einer Aktion der Ausführung selbiger vorzöge, hätte schnell keinen Wirt mehr. Was die “perfekte information” angeht – die ist also durch Wettbewerb ausgeschlossen, denn zur vollständigen Informiertheit gehört das Wissen um die anderen Wettbewerber, was den Zeitpunkt seines Handelns einschließt. Man kommt dann wie Keynes bei “spontaneous urge to action rather than inaction” an.

    Das funktioniert nur, wenn man von völlig gleichartigen Agenten ausgeht und dann landet man wieder bei Rationalität.

    • 24. März 2009 um 16:07 Uhr
    • Daniel Steinert
  9. Kommentar zum Thema

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