So funktioniert Kapitalismus

Akerlofs und Shillers “Animal Spirits”

Von 23. März 2009 um 18:56 Uhr

Das rechte Buch zur rechten Zeit, möchte man denken, wenn man George Akerlofs und Robert Shillers neues Buch “Animal Spirits. How Human Psychology Drives the Economy, and Why it Matters for Global Capitalism” zu lesen beginnt. Der Nobelpreisträger aus Kalifornien und der Finanzprofessor aus Yale kritisieren in dem Buch die Grundlage der modernen ökonomischen Wissenschaft, nämlich die Annahme eines stetig rationalen Homo Oeconomicus.

Nimmt man an, dass Menschen ihre Entscheidungen nicht immer kalt und rational treffen, sondern auch auf ihr Bauchgefühl und vor allem auf soziale Konventionen hören, werden viele der Schlussfolgerungen obsolet, die Ökonomen in den letzten dreißig Jahren gezogen haben. Das lässt sich in der momentanen Finanzkrise besonders gut beobachten. Um es aber gleich vorweg zu sagen: So spannend das alles klingt, ein großer Wurf ist das Buch leider nicht geworden. Aber der Reihe nach.

Gleich mit dem Titel zeigen die Autoren, wo sie stehen. Der Titel ihres Buches, “Aninmal Spirits”, greift auf eine Wortschöpfung John Maynard Keynes aus seiner 1936 erschienen “General Theory of Employment, Interest and Money” zurück. Des Meisters bis heute leider wenig beachtete Hauptthese war, dass nicht der rationale Homo Oeconomicus die Wirtschaft treibt, sondern die tief liegenden Instinkte von Unternehmern und Konsumenten, die im einen Moment hoch euphorisch sind, um im nächsten Moment in tiefe Depression zu versinken.

Dieses Auf und Ab der Gefühle über die Möglichkeiten der Zukunft bewegen Unternehmer dazu zu investieren – oder eben nicht. Keynes argumentierte, dass Unternehmer keine kalten Rechner seien, die jedem möglichen zukünftigen Ereignis einen Wahrscheinlichkeitswert geben und nach ihrem gewünschten Risiko optimal entscheiden. Denn selbst wenn sie kalte Rechner wären, können sie zukünftigen Ereignissen gar keine Wahrscheinlichkeiten zuweisen. Und zwar aus einem einfachen Grund: Die Zukunft ist fundamental unsicher. Auch wenn wir mit einem gewissen Wahrscheinlichkeitsgrad das Wetter von morgen voraussagen können, was in einem, zwei oder drei Jahren geschehen wird, wissen wir schlicht nicht.

Alle Rechnungen, die sich auf die fernere Zukunft beziehen, sind Kaffeesatzleserei. Weil das die meisten Menschen (aber nur wenige Ökonomen) verstehen, hören sie lieber auf ihren Bauch oder handeln so, wie andere es machen, also nach sozialen Normen. Das ist es, was Keynes die “Animal Spirits” nennt – “a spontaneous urge to action rather than inaction” (GT, 161).

George Akerlof und Robert Shiller scheinen besonders dafür geeignet zu sein, schlaue Dinge über die “Animal Spirits” zu schreiben. Beide gehören einer Richtung an, die sich “Behavioral Economics” nennt, also Verhaltensökonomie. Diese Richtung der Wissenschaft arbeitet seit Jahren daran, Ansätze aus der Psychologie, der Soziologie oder der Politikwissenschaft in die Ökonomik zu holen.

Doch obwohl Shiller und Akerlof besonders viel über die Konsequenzen für die ökonomische Wissenschaft sagen könnten, die sich aus der genaueren Analyse der Animal Spirits ergeben, kratzen sie oft nur an der Oberfläche. Viele Argumente bleiben unvollständig und vor allem schlecht organisiert. Was die Autoren als große Theorie und praktische Anwendung dergleichen anpreisen, ist oft wenig zusammenhängend und bleibt Stückwerk.

Mit so unterschiedlichen Dingen wie Korruption in der Wirtschaft, dem Grad der gesellschaftlichen Zuversicht oder der Rolle von Geschichten, die man sich über die Wirtschaft erzählt, werden ebenso unterschiedliche Dinge wie Arbeitslosigkeit, das starke Schwanken der Vermögenspreise oder warum gerade Minderheiten oft arm sind, erklärt. Zu weit fassen die beiden, was sie unter Animal Spirits verstehen – nämlich so gut wie alles, womit sich die meisten Ökonomen in ihren Modellen nicht beschäftigen.

Stark sind die beiden, wenn sie beschreiben, wie der Grad der allgemeinen Zuversicht die Wirtschaft treibt – so wie auch Keynes es gesehen hat. Sind die Menschen zuversichtlich, investieren sie, kaufen Aktien und Häuser, ob das nun fundamental gerechtfertigt ist oder nicht. Sehen sie, dass die Wirklichkeit mit den hohen Preisen der Vermögenswerte nichts mehr zu tun hat, verkaufen sie, wo es nur geht. Durch den Herdentrieb verstärken sich sowohl Boom als auch der folgende Bust – die Depression ist damit nicht nur bildlich der Wachstumseinbruch, sondern auch ganz wörtlich der psychologische Kollaps.

Getrieben wird die Herde im Aufschwung von den schönen Geschichten, die immer wieder neu erzählen, wie der jetzige Boom etwas ganz anderes als der letzte Boom ist und nicht aufhören kann. In Panik verfällt die Herde, wenn es bergab geht und neue Geschichten auftauchen von Korruption und Betrug – ob in den 30er Jahren die Broker, die durch die Banken gestützt merkwürdigen Aktien an Kleinanleger verkauft haben, oder heutige Hypothekenbroker, die fahrlässig Kredite vergeben haben und sich von noch fahrlässigeren Bänkern dieselben haben abkaufen lassen.

Schön ist auch ein Kapitel über das Sparen. Mainstreamökonomen gehen gerne davon aus, dass unheimlich rationale Homines Oeconomici ihr permanentes Einkommen nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung vorausberechnen und ihren Präferenzen entsprechend für die Rente sparen. Akerlof und Shiller zeigen aber, wie das Sparen realer Menschen davon abhängt, wie Familie, Bekannte oder Nachbarn sparen, und wie dann oft nicht optimal, sondern zu wenig oder zu viel gespart wird. Das heißt dann, dass ich einen Riester-Vertrag nicht aus rationaler Erwartung abschließe, weil ich mir jetzt schon ausrechne, wie viel Rente ich weniger im Jahr 2050 bekommen werde, sondern weil alle anderen es eben auch machen.

Doch andere Teile des Buches sind weniger gelungen. Etwa wenn die beiden Autoren Akerlofs Theorie der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit präsentieren. Danach ginge es Arbeitnehmern nicht allein um die Höhe ihres Lohnes, sondern auch um soziale Anerkennung durch den Arbeitgeber und darum, fair behandelt zu werden. Fair behandelt zu werden drückt sich aber in fairer Bezahlung aus. Und die sei, so Akerlof, meistens zu hoch. Deswegen gebe es unfreiwillige Arbeitslosigkeit. Dabei wird nicht ganz klar, warum gerade faire Löhne zu hohe Löhne sein müssen. Und warum man gerade eine Theorie von sozialer Anerkennung und Fairness braucht, um zu erklären, warum Menschen ein möglichst hohes Gehalt verdienen wollen.

Auch ihre Diskussion der Geldpolitik scheint etwas unausgegoren. Gleich in zwei Kapitel erklären Akerlof und Shiller, welche Konsequenzen die Animal Spirits für die Geldpolitik haben, und zwar für die Kreditversorgung der Wirtschaft und für den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation. Beides mal betonen sie zwar – im Gegensatz zu Verfechtern der reinen Lehre von den rationalen Erwartungen -, dass Geldpolitik reale Wirkungen auf Wachstum und Beschäftigung haben kann, nur finden sie keine einheitliche Erklärung dafür.

Im einen Kapitel erklären sie, wie die Zentralbank durch ihren Zins die Kreditversorgung der Wirtschaft regelt und wie das nicht klappt, wenn Panik ausbricht und die Banken trotz Liquidität und niedriger Zinsen Konsumenten und Unternehmern einfach keine Kredite geben wollen. Im anderen Kapitel erklären sie, ohne die Rolle von Krediten auch nur zu erwähnen, wie eine etwas erhöhte Inflationsrate zu mehr Beschäftigung führen kann. Wenn Arbeitnehmer eine Lohnerhöhung nicht als Ausgleich für Inflation sehen, sondern als Anerkennung ihrer individuellen Leistungen, können die realen Löhne sinken. Wegen dieser Geldillusion kann die Zentralbank bei moderaten Inflationsraten mehr Beschäftigung schaffen.

Doch diese Ansätze bringen die beiden Autoren nicht zusammen. Sie erklären zwar, dass Kredite eine Rolle für die Realwirtschaft spielen und wie die Kreditversorgung auch in der Krise aufrechterhalten werden kann. Dann erklären sie aber nicht die fehlende Kreditvergabe als Ursache von Arbeitslosigkeit, sondern die Geldillusion und das Gefühl für Fairness, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben. Es mögen nur ein paar Sätze fehlen, beide Erklärungen zusammenzuführen – so stehen sie aber unverbunden nebeneinander.

Das Buch ist sicher dafür geeignet, in einem wichtigen Moment der Wirtschaftsgeschichte interessante und anregende Impulse zu geben, weil es aufzeigt, welchen Beitrag die Behavioral Economics zur besseren Erklärung wirtschaftlicher Zusammenhänge leisten kann. Nur leider haben sich Akerlof und Shiller nicht die Mühe gegeben, über einzelne Impulse hinauszugehen. Zu unzusammenhängend sind ihre Argumente oft. Das sollte den geneigten Leser aber nicht von der Lektüre von Akerlofs und Shillers “Animal Spirits” abhalten, einem Buch, das zeigt, wie die Entscheidungen von Menschen, die sich wie Menschen verhalten, die Ökonomie treiben.

Leser-Kommentare
  1. 9.

    @ Daniel Steinert # 7

    Insgesamt sollte nicht unterschlagen werden, wie nützlich der Homo Oeconomicus für den Erkenntisgewinn und die Mathematisierung der Ökonomie war. Er ist das einzige formale Menschenbild, dass jemals existierte und wird seine Bedeutung niemals ganz einbüßen: er ist schlicht der Idealtyp des ökonomischen Menschen.

    Das interessiert mich – welcher Erkenntnisgewinn war denn mit dem homo oeconomicus verbunden? Kann man das irgendwie konkretisieren?

    Und wieso war der der Besagte ein “Idealtyp”? Ideal mit Bezug auf was?

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    • 24. März 2009 um 18:33 Uhr
    • Hermann Keske
  2. 10.

    @keske
    Nun seinse ma nicht so:
    Bei:
    Insgesamt sollte nicht unterschlagen werden, wie nützlich der Homo Oeconomicus für den Erkenntisgewinn und die Mathematisierung der Ökonomie war.
    ist der “Erkenntnisgewinn” nur der Schönheit halber zugefügt. Es geht um die Optionen zur Mathematisierung. Die haben akademische Karrieren möglich gemacht, die vielleicht auch unserem Co-Kommentator so vorschweben mögen…
    Das schleicht sich halt so ein, so wie mein “bestenfalls gerechtfertigt durch”. Natürlich gibt es auch diese ausgleichende Mittelung nicht, die ein “AlsOb” zuließe. Statt dessen gibt es den Herdentrieb, den Irrationalitätsverstärker, der eben vom Mittel wegstrebt, nicht zum Ausgleich über “die große Zahl”.

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    • 24. März 2009 um 19:43 Uhr
    • lemming
  3. 11.

    Da schwant mir aber nichts Gutes, wenn jetzt wieder der “homo oeconomicus” verhandelt werden soll.

    Nur eine kurze Anmerkung zu “nicht operationalisierbar” (D.S.,#8). Erinnert mich an das Abschlusskolloquium meines PoWi-Studiums, da präsentierten wir die Konzepte für die Dipl.- und MA-Arbeiten (ja, das waren noch Zeiten!), gelegentlich aber unterbrach der Professor mit schneidiger Stimme: “Moment mal, wie operationalisieren Sie das?” Ist ja auch richtig, so ist uns ein bißchen analytisches Arbeiten beigebogen worden, hat sicher nicht geschadet. Die Operationalisierbarkeit aber als zentrale Forderung an alle Begriffe zu stellen, mit der wir soziale Realität beschreiben – das hieße dann doch wohl, der Methode ein Primat über die Ontologie einzuräumen. Kann man das wollen?

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    • 25. März 2009 um 02:04 Uhr
    • Peter JK
  4. 12.

    @daniel steinert (“freier Wille”):

    Interessante Beiträge. Besonders bemerkenswert in diesem Zusammenhang finde ich das Libet-Experiment (“der freie Unwille”), siehe z.B. de.wikipedia.org/wiki/Libet-Experiment

    @lemming, keske:

    Wenn Sie sich mit der Materie beschäftigen, würden Sie feststellen, das Philosophen, Hirnforscher, … auch (noch) keine ultimativen Lösungen (zu Willensfreiheit, Handlungsentscheidung, …) anbieten können. Macht also wenig Sinn, immer nur die Ungenauigkeit einer Theorie oder Methode zu polemisieren (das ist im übrigen erst recht keine präzise Methode), solange man keine bessere, präzisere anbieten kann.

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    • 25. März 2009 um 08:09 Uhr
    • rawe64
  5. 13.

    @ 7 Steinert @Christa Baumgartner

    Habt ihr den schönen Beitrag von Buttlar in der Financial Times Deutschland gelesen?
    Lebendigkeit ist keine Frage der A-Synchronizität ( gutes theoretisches Niveau der Beiträge!) sondern der Synchronizität, bzw. dem Streben danach. Dies beinhaltet eine starke Bedeutung der sozialen Relationen, allerdings unter der Vorgabe, Verschiedenes soll gleichzeitig werden.
    Da gibt es so manchen Irrtum oder wie man sagt, da war dann der Wunsch der “Vater” des Gedankens. Aber auch so ein Irrtum ist nur möglich, weil es eine Synchronizität gibt, bzw. weil sich alles innerhalb dieser abspielt.
    Ich erinnere an eine Auseinandersetzung, bzw. Kritik von Genazino an Habermas , den Unangepassten betreffend.
    Der habe das Recht darauf, nicht zum Kommunikationszusammenhang zu gehören. Ein Pochen darauf führe zu einer Art “Gewalt”, weshalb Habermas seine Idee der gewaltlosen Kommunikation überdenken müsse. Vor Jahrzehnten in der Frankfurter Rundschau.
    Untermauert wird das sicher von Adornos Negativen Dialektik, die phanthastisch ausgearbeitet ist, aber nicht zwingend ist.
    Synchronizität heißt wohl nicht gleichförmig, läßt aber eine Stromlinienförmigkeit zu, einen Herdentrieb, auch ohne LeithammelIn.
    Je nach Menschenbild kommt man da zu ganz anderen Einschätzungen des Marktes. Vertraut man auf diese Kraft der Synchronizität bzw. prinzipieller Möglichkeit zur Kommunikation, d.h. auch zum Ausgleich, dann liebt man Märkte und erkennt einen funktionierenden Staat als dessen lebendige Weiterführung. Deshalb mag ich nicht das Mehrheitswahlrecht, sondern bevorzuge das Verhältniswahlrecht.
    Was wollte ich sagen? Einfach so einen starken Staat will ich nicht, ich will einen lebendigen, funktionstüchtigen……
    Warum gehe ich von einer prinzipiellen Synchronizität aus? Weil die DIFFERENZ von Mann und Frau alle chaotischen Abenteuer der Vernunft locker trägt.
    Und wo kann man nachlesen, dass nicht etwa Chaos das große Andere zur Vernunft ist, sondern eine lebendige Strategie ihrer Verwirklichung? Bei Nietzsche “Also sprach Zarathustra”. Ich denke, dass er gemerkt haben muß, dass dieses Buch als eine Anleitung zu einer neuen Kritik der Vernunft gelesen werden möchte, in der Tradition von Kant .
    Wer hat diesen anarchischen – ohne Herrschaft, aber nicht ohne Ordnung – Faden aufgenommen? Ich denke Habermas, Sloterdijk, die DifferenzdenkerInnen, ich also auch:)
    Und warum? Weil mich zu meinen Studienzeiten das Buch von Michel Foucault “Die Ordnung der Dinge” fasziniert hat, Foucault, ein ebenfalls wegweisender Vernunfttheoretiker.
    Wenn also die Ökonomie von einem Menschenbild ausgeht, sollte sie die Diskussion mit den anderen Humanwissenschaften nicht scheuen.
    Und an dieser Stelle nocheinmal: Viele Kinder sind weder grundsätzlich ein Zeichen von Überbevölkerung, noch viele Jungen ein Zeichen von Man-weiß-nicht-wohin-mit-ihnen-also-machen-wir-Krieg.
    @weissgarnix, kam von dir der Hinweis auf Heinsohn?

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    • 25. März 2009 um 10:13 Uhr
    • beese
  6. 14.

    Mich wundert, dass Akerlof/Schiller offenbar fordern, dass die Wirtschaftswissenschaft irrationaler werden muss (bzw. mehr auf Irrationalität eingehen muss); das Gegenteil ist doch der Fall: die Wirtschaftswissenschaft muss rationaler werden.

    Die Aussage der homo oeconomicus handele ‘rational’ ist schon immer ein Sophismus gewesen; tatsächlich fehlt ihm für ein rationales Handeln das nötige Prinzip, aus dem er (rational richtig) folgern kann: die ‘Nutzenfunktion’, folglich das ‘Nutzenmaximierungsverhalten’ sind unbeweisbare, spekulative Postulate, keineswegs aber (logisch gültig schließbare) Prinzipien. [Die offensichtliche Unmöglichkeit von vollständiger Information etc., kann man an dieser Stelle einmal aussen vor lassen.]

    Es ist aber genau die Annahme dieser (Schein-) ‘Rationalität’, welche zu dem Verhalten führt, welches Keynes als ‘animal spirits’ bezeichnet; nämlich das spontane, reflexartige Handeln gerade unter Ermangelung der Identifizierung geeigneterer Handlungen.
    Keynes hat genau das und die zugrunde liegenden Annahmen gegeißelt und gerade deswegen ja auch zu seiner Zeit einen solchen Aufruhr verursacht – solange jedenfalls bis M. Friedman meinte wieder hinter Keynes zurückgehen zu müssen: die Konsequenzen dessen bekommen wir durch die Krise zu spüren und es ist nicht ohne Grund, dass Keynes gerade jetzt wieder Konjunktur hat.

    Wenn Akerlof/Schiller also meinen durch die Verhaltensökonomik an die Tradition von Keynes anschliessen zu können, dann täuschen die beiden sich.

    Antworten

    • 25. März 2009 um 17:33 Uhr
    • Antizipationspartizipator
  7. 15.

    @ Antizipationspartizipator

    Weder Keynes noch Shiller/Akerlof gehen wirklich davon aus, dass die Leute irrational sind in dem Sinne, dass sie vielleicht gegen ihre Interessen handeln.

    Die Frage ist, was tun rationale Menschen (die tatsächlich versuchen, ihren Nutzen zu maximieren, nehmen wir mal beim Unternehmer Profitmaximierung an), wenn sie nicht in die Zukunft schauen können, wenn sie wissen, dass die Zukunft fundamental unsicher ist.

    Das ist der entscheidende Punkt, bei dem Keynes ansetzt (Shiller und Akerlof leider weniger, das macht das Buch auch so schwach): Weil ich nicht die Konsequenzen meines Handelns kenne oder genau abschätzen kann, ich aber dennoch handeln muss, orientiere ich mich an meinem Bauchgefühl oder an dem, was die anderen so tun.

    Das ist der fundamentale Unterschied zu einem Großteil der Ökonomie der letzten dreißig Jahre, die davon ausgegangen ist, dass die Zukunft vielleicht nicht vollkommen sicher ist, aber dass man zukünftigen Ergeignissen grundsätzlich eine Wahrscheinlichkeit zuweisen kann (das nennt sich Risiko im Gegensatz zu fundamentaler Unsicherheit).

    Das ist ganz genau so passiert bei den Versicherern und Banken – sie haben eine bestimmte Wahrscheinlichkeit etwa für den Ausfall von Krediten angenommen. Nur ist die Zukunft eben fundamental unsicher, mit welcher Wahrscheinlichkeit was passiert, weiß man nicht. Die Strukturen und das Verhalten der Menschen ändert sich dauernd.

    Deswegen waren diese Modelle, die zukünftigen Ereignissen (auf Grundlage der Vergangenheit) Wahrscheinlichkeiten zugeordnet haben, schlicht soziale Konventionen – alle sind davon ausgegangen, dass das schon so ok ist. Danach haben sie also ihr Handeln ausgerichtet, weil die Zukunft eben fundamental unsicher ist.

    Kurz: Man muss die Leute nicht für irrational halten, wenn sie sich der Herde anschließen – im Gegenteil, weil man beim Mitspekulieren ja eine ganze Menge Geld verdienen kann. Es reicht, wenn man feststellt, dass die Zukunft unsicher ist.

    Grüße,

    Fabian Lindner

    Antworten

    • 25. März 2009 um 18:51 Uhr
    • Fabian Lindner
  8. 16.

    @ Daniel Steinert # 7

    >Anhand einiger Experimente gehen manche Forscher davon aus, dass es keinen freien Willen gibt und damit auch kein bewusst gesteuertes Verhalten (wobei gemessen wurde, dass der “willkürlichen” Bewegung der Hand ein Potential im entspr. Areal des Gehirns um bis zu 9 sek vorausgeht). Die Idee spinnt sich von selbst soweit, dass bei meiner Geburt schon klar war, dass ich jetzt diesen Beitrag schreibe>

    Das ist so nicht richtig.

    Forscher (Neurobiologen) können zwar experimentell Vorgänge aufzeigen, die einer bewussten Willensentscheidung voraus gehen und diese determinieren. Sie können aber qua Neurobiologie-Forschung nicht darüber befinden, ob es einen freien Willen gibt oder nicht gibt. Denn das ist nicht ausschließlich eine Frage empirischer Forschung.

    Aus der Tatsache, dass Ihr Verhalten determiniert ist, lässt sich nicht schließen, dass schon bei Ihrer Geburt klar war, was Sie jetzt tun.

    Freiheit und Determinismus sind kein Widerspruch.

    Falls Sie ernsthaft in das Thema einsteigen wollen, empfehle ich das Büchlein

    „Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit“ von M. Pauen (Professor für Philosophie in Berlin) und G. Roth (Professor für Verhaltensphysiologie und Neurobiologie in Bremen).

    Es ist in der edition unseld erschienen.

    Der Charm des Bändchens liegt darin, dass die beiden Autoren nicht aneinander vorbei reden, sondern empirische Forschung und philosophische Überlegungen in Einklang miteinander bringen. Es besitzt eine angemessen hohe argumentative Qualität, kann meiner Einschätzung nach aber auch von Laien verstanden werden. Auf das Libet-Experiment und Nachfolgeexperimente wird eingegangen.

    Das alles ist weniger für die Wirtschaftswissenschaften, sondern mehr für das Strafrecht von Bedeutung.

    Weiter gefasst wird die Neurobiologie allerdings dadurch interessant, dass wir ihr zufolge zwar annehmen müssen, dass Autonomie hirnphysiologisch eine Illusion ist, wir uns andererseits jedoch bewusst sind, eine personalen Wirklichkeit mit freiem Willen zu haben.

    Damit verbunden stellt sich die faszinierende Frage: Sind Illusionen die Bedingung für unsere soziokulturelle Entwicklung, d. h. müssen wir uns immanent täuschen, um auf dem erreichten soziokulturellen Niveau überleben und uns weiterentwickeln zu können?

    Darüber nachzudenken, ist lohnender als endlose und unfruchtbare Debatten über den homo oeconomicus zu führen.

    Antworten

    • 25. März 2009 um 22:14 Uhr
    • Dietmar Tischer
  9. Kommentar zum Thema

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