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Neues aus Gaboristan

 

Kennen Sie Gaboristan? Nein? In diesem kleinen Paradies zwischen Berlin und Washington, gibt es keine Schulden und die Bevölkerung ist stets bereit und willig, für den eigenen Wohlstand zu kämpfen. Dort herrscht König Gabor Steingart, im Nebenberuf Leiter des Spiegel-Büros in Washington und ein harter Hund, wenn es um Schulden und Chinesen geht.

In einem aktuellen Artikel für Spiegel-Online zieht er die ganz großen polit-ökonomischen Vergleiche, und zwar zwischen George Bushs Irak-Krieg und Barack Obamas Schuldenmacherei. Beides sei gleich gefährlich und würde nicht allein die Weltmachtstellung der USA, sondern auch die Sicherheit der ganzen Welt gefährden.

Den Wirtschaftsberater Obamas, den ehemaligen Präsidenten der Harvard-Universität Larry Summers, vergleicht König Steingart gleich mit dem Gehirn hinter dem Irak-Krieg, dem ehemaligen Industriekapitän und Vizepräsidenten Dick Cheney. Bush wie Obama hätten zu sehr ihren jeweiligen Einflüsterern gelauscht – und zu wenig den Weisheiten deutscher BundeskanzlerInnen. Denn wie Angela Merkel nun bewundert von Steingart den „Irrweg des Schuldenpräsidenten“ – sprich dessen Konjunkturpakete – kritisiert, so hatte sich schon Gerhard Schröder gegen den Irak-Krieg gestellt. Genäse doch die Welt am deutschen Wesen oder noch besser am gaborischen – ökonomische und kriegerische Katastrophen blieben uns erspart!

Schlau wie Gabor Steingart ist, kann er die Irrtümer des Schuldenpräsidenten auch konkret benennen. Er findet heraus, dass die US-Regierung ihre Neuschuldenaufnahme verharmlost. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Schuldenbelastung viel größer als heute gewesen, hieße es. Im Vergleich zum zweiten Weltkrieg aber, der inflationsbereinigt nur drei Billionen Dollar gekostet habe, werde die Bekämpfung der Krise ganze neun Billionen Dollar kosten – drei mal so viel! Unerhört, wie da die US-Regierung mit Zahlen, Daten, Fakten umgeht!

Manch Kleingeist mag dem entgegenhalten, dass sich zwischen dem Weltkrieg und unseren Tagen die Wirtschaftsleistung der USA in etwa versiebenfacht hat – und damit mehr Schulden aus noch mehr Einkommen bedient werden können. Und dass es für eine nüchterne Analyse vielleicht sinnvoller ist, Schulden nicht absolut, sondern im Verhältnis zum Einkommen zu sehen.

Aber beim Vorwurf der Zahlenmanipulation lässt Steingart es nicht bewenden. Gleich danach weist er messerscharf darauf hin, dass die neu aufgenommenen Schulden gar nicht in die gebeutelte Wirtschaft flössen, sondern nur in den „normalen“ Staatshaushalt. Die Weisheit König Gabors ist unermesslich – in Gaboristan scheint der staatliche Haushalt vollkommen von der echten Wirtschaft abgekoppelt. Dort scheint man nämlich aus dem staatlichen Haushalt keine Infrastrukturausgaben, Löhne von Staatsangehörigen oder Schulen zu finanzieren; dort fließt alles dem König selber zu und bleibt auch dort.

Auch die fiesen Tricks der Notenbank zur Finanzierung der Schulden deckt Steingart auf. Denn es sei niemand mehr mit echtem Geld bereit, die amerikanischen Schulden zu finanzieren. Das zusätzliche Geld komme gar nicht aus hart und ehrlich Erspartem, sondern werde einfach von der Notenbank gedruckt. Als Beweis gilt Steingart die Verdopplung der Notenbank-Bilanz seit 2007. Nur leider unterschlägt er, dass diese Verdopplung wenig damit zu tun hat, dass die Notenbank dem Staat Schuldverschreibungen abkauft. Vielmehr kauft sie den Privaten solche Dinge ab – weil die Banken nicht mehr willens oder in der Lage dazu sind. Verschweigen tut er auch, dass bei den hohen Risiken privater Schuldverschreibungen sowohl Banken als auch Anleger nichts dagegen haben, einigermaßen sichere Staatsanleihen zu halten.

All das führt natürlich zu größter Inflationsgefahr, weiß Steingart, denn wie jedem VWL-Buch zu entnehmen ist, führt mehr Geld automatisch zu höherer Inflation. Vielleicht nicht heute, aber morgen, ganz bestimmt. Dass die Zentralbank Liquidität, die sie geschaffen hat, auch zurücknehmen kann, verschweigt Steingart, vielleicht ist es ihm auch gar nicht wichtig.

Weil Gabor Steingart so viel weiß, sollte man ihm vielleicht in der Tradition des Diktatorenamts der römischen Republik ein Jahr die ökonomische Herrschaft über die USA geben. Würde Rex Gabor dann regieren, hieße das: Keine Schulden, kein neues Geld! Die hoch verschuldeten Haushalte müssten ihre Schulden bei schrumpfendem Einkommen abbezahlen, die Unternehmen bekämen kein Geld mehr von den Banken, weil auch diese ihre Schulden zurückzahlen müssten. Kurz: Es wäre das, was Japan in den 90ern oder den USA und Deutschland in den 30ern passiert ist, nur noch sehr viel schlimmer.

Was Gabor Steingart in seinem Artikel zeichnet, ist ein bedauerliches Bild aus dem finsteren ökonomischen Mittelalter: Diesen Begriff hat Nobelpreisträger Paul Krugman verwendet – als er darauf hinwies, dass einige Kommentatoren die Erkenntnisse der Ökonomie von vor siebzig Jahren scheinbar einfach nicht zur Kenntnis genommen haben. Ganz so, wie man die Erkenntnisse der Antike im Mittelalter einfach ignoriert hat, obwohl sie doch da waren. Aber wer geistig im ökonomischen Mittelalter lebt, läuft Gefahr, auch schnell materiell im selben zu landen. Zum Glückt brauchen wir uns darüber so lange keine Sorgen zu machen, wie das ökonomische Mittelalter allein in Gaboristan herrscht.