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Bye, bye BIP oder: Wie misst man den sozialen Fortschritt?

Von 24. September 2009 um 17:21 Uhr

Im Fernsehduell um die deutsche Kanzlerschaft wollte Frank Plasberg von den beiden Kandidaten wissen, welche Note sie Deutschland in Sachen sozialer Gerechtigkeit geben würden. Die Kanzlerin wollte sich nicht festlegen – wie es so ihre Art ist. Herr Steinmeier ließ sich aber nicht lange bitten und meinte, Deutschland verdiene in Sachen sozialer Gerechtigkeit die Note zwei oder besser. Nur würde die dumme Wirtschaftskrise das Land jetzt zurückwerfen und vielleicht auf die Note drei drücken.

Klar, wenn man soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Fortschritt allein am Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) abliest, wäre des Kanzlerkandidaten Benotung vielleicht zutreffend. Nur muss das BIP nicht unbedingt ein guter Indikator für soziale Gerechtigkeit und noch nicht mal für wirtschaftlichen Fortschritt sein.

Messen Länder und ihre Regierungen ihre Leistung vor allem am BIP, messen sie wahrscheinlich am Wesentlichen vorbei: etwa an der Verteilung des Wohlstands, an den sozialen und ökologischen Folgen des Wirtschaftens und damit ganz wesentlich an der Lebensqualität ihrer Bevölkerung. Aber erst wenn man etwas über den Zustand dieser Dinge in der Gesellschaft weiß – also die richtige Statistik hat – können Regierungen gezielt an Wichtigerem als der Steigerung des BIP arbeiten.

Das sieht auch der französische Präsident Nicolas Sarkozy so. Deswegen hat er vor einem Jahr eine Expertenkommission mit fünf Nobelpreisträgern einberufen, die in Zusammenarbeit mit der OECD, der UN und dem französischen Statistikamt INSEE aufschreiben sollte, wie man den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt messen könnte. Letzte Woche haben die beiden Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen sowie der französische Wirtschaftsprofessor Jean-Paul Fitoussi der Öffentlichkeit den 300 Seiten starken Bericht vorgelegt.

Den Stein der Weisen in Form eines allumfassenden Indikators, der als Richtschur für den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt dienen kann, hat die Kommission nicht gefunden. Aber die Autoren haben zum ersten Mal systematisch aufgeschrieben, welche Daten wie erhoben werden müssten, damit eine Gesellschaft nicht nur ihre Produktion, sondern auch die Lebensqualität ihrer Mitglieder einschätzen kann. Dabei ging es um drei Punkte: Wie kann man die herkömmliche volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, die der Errechnung des BIP zugrunde liegt, verbessern? Wie kann man Lebensqualität messen? Und wie kann man messen, ob nachhaltig gewirtschaftet wird?

Das statistisch gemessene Wachstum der Summe aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr produziert werden – das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts – gibt nur bedingt darüber Aufschluss, ob es den Menschen besser geht, schreiben die Ökonomen – und ob sie ihren Wohlstand auch langfristig halten können.

Eines der Probleme mit dem BIP ist, dass es die Veränderung des Kapitalstocks nur unzureichend wiederspiegelt. Es wird zwar mit den Bruttoinvestitionen und den Abschreibungen das Kapital in Form von Maschinen erfasst, andere wichtige Bestände wie die natürlichen Ressourcen oder die Qualifikation der Menschen bleiben aber unberücksichtigt. Deren Veränderung müsste man aber kennen, um sich ein Bild von der Nachhaltigkeit der Produktion und damit von den Chancen und Lebensbedingungen zukünftiger Generationen machen zu können.

Aber die Messung dieser Bestände ist schwierig. Während der Maschinenbestand noch relativ gut zu erfassen ist, weil es für Maschinen Marktpreise gibt, die man zur Bewertung heranziehen kann, ist das zum Beispiel bei Naturressourcen viel schwieriger. Wie kann man etwa Biodiversität oder das arktische Packeis und deren Verfall bewerten? Obwohl es schon verschieden Indikatoren, etwa der Weltbank, dazu gibt, sehen die Ökonomen nach ihrer umfassenden Bestandsaufnahme noch einigen Forschungsbedarf.

Nicht nur die zukünftige Lebensqualität durch eine intakte Umwelt liegt den Forschern am Herzen, sondern auch der heutige soziale und wirtschaftliche Wohlstand. Wenn sie sich mit der klassischen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung beschäftigen, schlagen sie vor, sich mehr auf Konsum und Einkommen zu konzentrieren als auf das Bruttoinlandsprodukt. Diese Größen gäben nämlich eher das Wohlbefinden der Menschen wider als die Produktion des Landes.

BIP und verfügbares Einkommen müssen nicht unbedingt im Gleichschritt miteinander wachsen, wie die Fälle Irland und Deutschland zeigen. In beiden Ländern ist das BIP stärker als das verfügbare Einkommen (also das Einkommen aus Arbeit und Kapital sowie Sozialtransfers) gestiegen. Bei Irland liegt das daran, dass internationale Investoren, die von den geringen irischen Steuern angezogen wurden, einen Großteil ihrer Profite aus dem Land wieder abgezogen haben. Für die Iren blieb dann immer weniger übrig.

In Deutschland hat das verfügbare Einkommen besonders deswegen nicht mit dem Wachstum des BIP mitgehalten, weil die Löhne stagniert sind. Dadurch haben sich zwar die Exporte verbilligt, die Arbeiter konnten sich aber immer weniger importiere Waren leisten – die terms of trade Deutschlands haben sich verschlechtert. Wie in Irland, so in Deutschland: Viel Arbeit, wenig Lohn – welche Note gibt es jetzt für die soziale Gerechtigkeit, Herr Steinmeier?

Die Kommission hat auch Probleme bei der herkömmlichen Berechnung der verfügbaren Einkommen festgestellt. So monieren die Wissenschaftler, dass öffentliche Leistungen, die günstig oder sogar kostenlos sind – wie etwa öffentliche Krankenhäuser oder Schulen und Universitäten – das gemessene verfügbare Einkommen reduzieren können.

Warum das? Wie für direkte Geldtransfers, so muss der Staat auch für die Erbringung öffentlicher Dienstleistungen Steuern und Abgaben erheben. Wenn nur Geld umverteilt wird, bleibt das verfügbare Einkommen in einem Land gleich: den einen werden Steuern und Abgaben abgezogen, die den anderen als Transfers ausgezahlt werden.

Weil aber beispielsweise die Dienstleistungen öffentlicher Schulen den Haushalten nicht als Geld- sondern als Sachleistungen zufließen, tauchen sie nicht als zusätzliches Einkommen der Menschen in den Statistiken auf – die zur Finanzierung notwendigen Steuern werden aber vom Einkommen abgezogen – das ausgewiesene verfügbare Einkommen ist also niedriger als es tatsächlich der Fall ist. Deswegen – so die Kommission – müsste man die nicht-monetären öffentlichen Leistungen bewerten und als Einkommen in der Statistik berücksichtigen.

Beim Konsum als einem Maß der Lebensqualität verhält es sich ähnlich wie beim Einkommen. Wichtige Aspekte, die das Wohlbefinden der Menschen berühren, werden, nach Meinung der Kommission, bei der traditionellen statistischen Berechnung unzureichend erfasst. Etwa die Leistungen des Gesundheitssystems: Ist das Gesundheitssystem eines Landes größtenteils privat organisiert, gehen die Ausgaben für den Arzt und das Krankenhaus als Dienstleistungen in die Berechnung des Konsums ein. Je teurer Untersuchungen und Krankenhausaufenthalte dann werden, desto höher wäre auch der Konsum. Wenn aber der Staat das Gesundheitssystem betreibt und die Leistungen zu geringen Preisen oder sogar umsonst anbietet, steigt der Konsum in der Statistik nicht.

Ein weiteres Problem, auf das die Forscher hinweisen, betrifft die Erfassung der Qualität der Leistungen. So seien die Gesundheitsausgaben in den USA zwar explodiert, und haben beträchtlich zum Anstieg der Konsumausgaben beigetragen, die gesundheitliche Versorgung der Amerikaner hat sich dabei aber nicht verbessert. Die Frage der Qualitätsmessung stellt sich auch in anderen Bereichen, zum Beispiel der Bildung, und auch dort unabhängig davon, ob die Leistungen staatlich oder privat erbracht werden.

Darüber hinaus schlägt die Kommission vor, Ausgaben für das Pendeln zum Arbeitsplatz nicht länger dem Konsum zu zurechnen, weil diese Ausgaben nicht wirklich die Lebensqualität erhöhen. Auf der anderen Seite müssten Dienstleistungen, die nicht bezahlt werden – wie etwa die Erziehung von Kindern oder Arbeit im Haushalt – mit einbezogen werden. Auch Freizeit als Ausdruck einer erhöhten Lebensqualität müsste Eingang in einen neuen Konsumindikator finden.

Bei der Verbesserung der Messung des individuellem Konsums und Einkommens bleibt die Kommission aber nicht stehen. Weil sie sozialen Fortschritt messen will, fragt sie auch nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt: Sind die Einkommen und der Reichtum krass ungleich verteilt? Wie viele soziale Bindungen haben die Menschen in einer Gesellschaft – in Vereinen, in der Familie oder in Parteien? Wie bringen sie sich in ihre Gemeinschaft und in die Demokratie ein?

Und sie fragt auch nach dem Wohlbefinden der Menschen jenseits des Materiellen: Wie hoch ist die körperliche und ökonomische Sicherheit in einem Land? Angst vor Gewalt, aber auch zunehmend unsichere Arbeitsverhältnisse und eine geringere Kompensation von Einkommen bei Arbeitslosigkeit erhöhen kaum die Lebensqualität, selbst wenn immer weniger Menschen arbeitslos sind. Das könnte ein Grund sein, warum nicht alle Deutschen Frank-Walter Steinmeiers Einschätzung in Sachen sozialer Gerechtigkeit teilen.

Viele Größen, mit denen der wirtschaftliche und soziale Fortschritt erfasst werden soll, werden bereits gemessen. Die Aufgabe der Kommission lag darin, diese Messungen zusammenzutragen und genauer Probleme und Chancen der Indikatoren zu bewerten. Die Empfehlungen der Kommission machen deutlich, dass es noch einiges zu tun gibt, um konzeptionelle Probleme und Probleme bei der Messung vieler relevanter Größen zu lösen.

Allein steht die Kommission dabei nicht: So betreibt die OECD ein Projekt zur Messung des gesellschaftlichen Fortschritts. Und die Statistiker Neu-Seelands haben 2008 einen Bericht vorgelegt, in dem sie die Nachhaltigkeit der Entwicklung der letzten 20 Jahre erfasst haben.

Man kann also hoffen, dass die Messung des sozialen und wirtschaftlichen Fortschritts von immer mehr statistischen Ämtern verbessert und auch offiziell betrieben wird – die Gesellschaft und die Regierungen hätte einen besseren Kompass für die Ziele und den Erfolg ihre Politik.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Es gibt meiner Erfahrung mit dem Alltagsleben in verschiedenen Weltregionen nach keine Region die Lebensqualität und materiellen Wohlstand so gut verbindet wie Westeuropa. Ja, auch das kleingejammerte Deutschland ist dadurch eines der reichsten Länder überhaupt. Dazu noch die natürlichen Lebensgrundlagen, der bundesdeutsche Pauschaltourist scheint ja ein im falschen Körper geborener Südländer zu sein, so sehr die bleichen Körper bei jeder Gelegenheit in die Sonne gelegt werden. Aber für die Vegetation, und damit die Landwirtschaft, ist nun mal unser gemäßigtes Klima vorteilhafter.
    Moden wie der Strandurlaub als Freizeitideal kommen und gehen, die Lebensgrundlage eines saftig-grünen Landes bleibt. Insofern ist Umweltschutz auch kein Wohlstandskiller sondern erhält diesen deutschen Reichtum. Bei einem verengten Blick auf’s (ohnehin schwer erfassbare) BIP fällt das alles unter den Tisch.
    Selbst wenn Südbayern nicht das reiche Fettauge der Bundesrepublik wäre lässt es sich dort wunderbar leben, ein richtiger Garten Eden ist das Land zwischen Starnberger See und Hochalpen. Und ähnlich ist es z.B. in Mecklenburg-Vorpommern, dem Spreewald, der Sächsischen Schweiz,…nach 2 Wochen in Oklahoma bin ich verrückt geworden, habe gemäßigtes Wetter vermisst (dort fällt die Temperatur innerhalb von 15 Minuten von 25 Grad Plus in 5 Grad Minus, mit entsprechenden Winden!), und das saftig-grüne Deutschland.
    Das Leben hier könnte so schön sein, wenn nur das Gejammer der Deutschen nicht wäre. Dabei sind die wirklich Weltmeister.

    • 24. September 2009 um 20:42 Uhr
    • Ric
  2. 2.

    Also mal ehrlich. Wozu soll diese “Kommission” denn jetzt gut gewesen sein? Damit “eine Gesellschaft nicht nur ihre Produktion, sondern auch die Lebensqualität ihrer Mitglieder einschätzen kann”? Das soll jetzt der Krümel sein, über den Haufen von “Experten” über ein Jahr lang gebrütet haben?

    Das Fazit, daß ein “allumfassender Indikator” für “wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt” nicht gefunden wurde ist natürlich sehr höflich ausgedrückt. Man kann es auch anders sagen: die normalen Albernheiten von Ökonomen bestehen darin zu postulieren, daß man für die Erreichung eines Ziels genau ein Instrument haben muß, für zwei Ziele zwei Instrumente usw. etc. p.p.! Und nun schließt man sofort messerscharf, daß die Messung unterschiedlicher Dinge auch unterschiedlicher Indikatoren bedarf. Das könnte nun heißen, daß man das BIP wie auch sonst für die Messung “der Summe aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr produziert werden” verwenden kann und die Aufgabe, ob die Glückseligkeit inzwischen in den Banlieus von Paris oder Berlin – Neukölln angekommen ist, durch andere Maßzahlen zu erfassen, die den regionalen Spezifika näher kommen als die offizielle Statistik.

    So gesehen hat man ein Jahr lang viel Rauch um nichts veranstaltet mit dem Ergebnis, daß man das, was man jetzt weiß auch schon vor 50 Jahren gewußt hat. Denn diese nobelpreisbelastete Korona hat doch auch nur abgeschrieben, was schon längst bekannt war (bis hin zur Erkenntnis, daß das BIP sinkt, wenn der Hausherr das Zimmermädchen heiratet) und dann das Ganze mit etwas statistischer Exotik garniert, damit es nicht ganz so verstaubt aussieht. Anscheinend gibt es aber immer wieder Leute, die glauben, daß etwas Wesentliches dahinter sein muß, wenn mal irgendwo eine mit Zahlen (igitt) gespickte Tabelle steht.

    Aber immerhin:
    “It has been recognized for long that most of the debates concerning long term environmental changes are not necessarily ideological ones but reflect different beliefs on probability distributions of future eco-environmental scenarios. There is no reason why sustainability assessment could have escaped such difficulties.” rapport_anglais.pdf S. 259 Nun weiß man ja inzwischen, daß die hochgelobte Risikoverschiebetheorie der Finanzmarkttheorie eine Kleinigkeit übersehen hatte, was mittlerweile die eine oder andere Billion EURONEN gekostet hat, aber Bildung und neue Erkenntnisse kosten ja schließlich auch was, von wegen Nulltarif! Dann kann man auch getrost versuchen Dinge zu messen, ohne hinterher zu wissen, was da gemessen wurde, oder ob man sich einfach mal (wieder) verschätzt hat.

    Soll heißen, wir haben wohl ab jetzt eine zweite IPPXYZ-Panel Commission auf dem Hals, die auf Jahrzehnte hinaus keine verläßlichen Ergebnisse hervorbringen wird, da ja die Zukunft noch weniger verläßlich zu erfassen ist als die Vergangenheit. Dafür wird sie aber wenigstens ihre offiziösen Erkenntnisse in den Dienst der politisch erwünschten Vorgaben einbringen! Schöne neue Welt. Herzlichen Glückwunsch!

    • 25. September 2009 um 03:26 Uhr
    • enigma
  3. 3.

    @enigma
    “Also mal ehrlich. Wozu soll diese “Kommission” denn jetzt gut gewesen sein?”
    Offensichtlich um einem sozialdemokratischem Verständnis von wirtschaftlichem Fortschritt ein wissenschaftliches Fundament zu konstruieren. Nach dem Motto: “Ihr jammert über eine stagnierende Wirtschaft, dabei wisst ihr gar nicht wie gut ihr es eigentlich habt!”.

    • 25. September 2009 um 09:32 Uhr
    • JMQ
  4. 4.

    Ja – wenn man genug ausserhalb (west)Europas gereist ist, dann freut man sich wirklich schon im Flugzeug, wenn die ersten (immer)grünen Landschaften Europas erstmals im Fenster auftauchen…
    Unterm Strich leben wir hier wirklich im Paradies.
    Und im Gegensatz zu vielen anderen Landstrichen – leben wir hier auch noch verdammt risikofrei (kein hauefigen Erdbeben,keine Hurricans etc.) – und das alles mit einer Infrastruktur, die wirklich super ist.

    Nur muss man sich auch bewusst machen, dass all diese Sachen wenig mit der P’litik zu tun haben – sondern eher kompletter Zufall sind – dass es so ist.
    Der einzige Beitrag der P’litik ist, dass sie es bisher(!) (noch) nicht kaputt gemacht hat…

    • 25. September 2009 um 09:49 Uhr
    • hirni
  5. 5.

    enigma hat Recht. Das Problem, Wohlstand zu messen, trägt schon eine ziemlich dicke Staubschicht. Die Wohlfahrtsökonomie hat sich damit herumgeschlagen und konnte es dennoch nie lösen.

    Ich bin ja nun nicht ideologisch vorbelastet und gewiss kein Neoliberaler, aber Hayek hatte – neben dem grundsätzlichen Problem der Messung qualitativer Faktoren u.a. – mit seiner Kritik an diesem Zauber um die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt wohl Recht: Wohlfahrt lässt sich nur individuell bestimmen, denn jeder stellt sich etwas anderes darunter vor. Viel wichtiger und damit das eigentliche Problem der Gegenwart ist es, in der Wirtschaft, auf Märkten und in der Gesellschaft die Voraussetzungen zu schaffen, damit jeder dieselben Chancen hat, seine individuellen Ziele bzw. Wohlfahrtsziele zu verwirklichen – was, zumindest so lange fairer Wettbewerb existiert, nicht heißt, dass ihm das auch gelingen muss. Und natürlich gibt es einen Ordnungsrahmen, der die Grenzen des Möglichen abstecken sollte.

    Wenn man sich jedoch die Märkte gegenwärtig anschaut und das gilt insbesondere auch für den Finanzmarkt, dann sind wir davon meilenweit entfernt. Mehr noch haben ja mittlerweile nicht einmal mehr Regierungen die Möglichkeit, ihre Rolle als Schiedsrichter effektiv auszuüben – Pittsburgh ist, seitdem der Gipfel in London „überstanden“ ist, eher eine Lachnummer für Finanzmarktteilnehmer.

    Diese Probleme werden wir durch neue, mit Nobelpreisträgern angereicherte Forschungsprojekte zur Frage, wie man Wohlstand am besten misst, wohl nicht lösen.

    Es ist gewiss richtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass nicht nur das, was auf Märkten gehandelt werden kann, gesellschaftlich und ökonomisch wichtig ist und Wachstum nicht die beste politische Bezugs- bzw. Zielgröße ist. Denn genau das ist Teil des Problems, das die Krise mitverursacht hat.

    Insofern geht es aber nicht ums „Messen“, sondern – die Debatte um „Ahnungslose Ökonomen“ belegt es – in erster Linie darum, dies in der ökonomischen Theorie besser zu berücksichtigen, um das, was auf Märkten geschieht, auch besser erklären zu können. Allerdings wäre dafür wohl ein Paradigmenwechsel nötig, eine Abkehr von der Mainstream-Ökonomie. Doch das ist ja nun gar nicht gewollt.

    Ein Projekt aufzulegen mit dem Ziel, Wohlstand besser zu messen, damit die Politik endlich weiß, was sie tun muss, das halte ich vor diesem Hintergrund und vor allem angesichts des desolaten Zustands der Märkte für ein Ablenkungsmanöver.

    Gruß
    SLE

  6. 6.

    @ Eichner, enigma

    Stimme zu, dass die Wohlfahrtsmessung ein alter Hut ist. Trotzdem – das wird beim Lesen des Berichts deutlich – sind zwar sehr viele interessante Ansätze da, aber nicht besonders weiter geführt worden. Da setzt der Bericht an.

    Ich habe vielleicht etwas zu viel zur Berechnung des BIP und des Konsums etc. geschrieben – das liegt auch daran, dass wir ja hier in einem Wirtschaftsblog sind und es auch mal nichts schadet, das BIP kritisch unter die Lupe zu nehmen (beschäftigen sich ja nicht alle mit).

    Der ganze zweite Teil des Berichts geht aber explizit auf die individuelle Wohlfahrt ein und wie sie sozial konstituiert ist. Und diese Aspekte sind auch immer besser zu messen.(es lohnt sich, das zu lesen)

    Ungeachtet dessen mag es vielleicht schon eine alte Diskussion geben zur Wohlfahrtsmessung geben. Das meiner Meinung nach Beachtliche an dem Report ist, dass es diese Diskussion jetzt aus dem Akademischen ins Offizielle hebt und damit auch offizielle Statistik-Ämter aufgerufen sind, sich der Diskussion zu stellen.

    Ich glaube, wenn wir einige der Indikatoren, die die Kommission diskutiert, früher an prominenterer Stellung gehabt hätten, wäre diese ganze Sozialstaatsdiskussion, die wir hatten, anders verlaufen.

    Grüße,

    Fabian Lindner

    • 25. September 2009 um 11:22 Uhr
    • Fabian Lindner
  7. 7.

    Es stimme der These zu, daß objektive Wohlfahrtsmessungen (schon gar, wenn man sie ernsthaft über eine ganze Volkswirtschaft hinweg auf eine einzige Zahl verdichten will) schon wegen der bereits thematisierten Unmöglichkeit intersubjektiver Präferenzvergleiche sinnlos ist.

    Mit welchen Gründen wird zB der Staatsverbrauch ins BIP einbezogen? Erhöhen Staatsausgaben etwa immer und überall die Wohlfahrt? Dann möge man mir doch bitte erklären, wie ein Monopolanbieter öffentlicher Güter mit exklusivem Abnahmezwang die Wohlfahrt erhöhen können soll.

    Eigentlich sollte man den Staatsverbrauch aus dem BIP herausrechnen—das wäre mal ein erster Schritt.

    • 25. September 2009 um 14:23 Uhr
    • j-ap
  8. 8.

    @SLE

    “Ein Projekt aufzulegen mit dem Ziel, Wohlstand besser zu messen, damit die Politik endlich weiß, was sie tun muss, das halte ich vor diesem Hintergrund und vor allem angesichts des desolaten Zustands der Märkte für ein Ablenkungsmanöver.”

    Das dürfte den Nagel auf den Kopf treffen. Irgendwie scheint diese von Sarko hektisch vorgetragene, auf einmal brandaktuelle Notwendigkeit nicht daher zu rühren, daß es wirklich darauf ankäme, die Wirtschaftsdaten zu einem verläßlichen Glückseligkeitsindikator zu machen. Politischer Aktionismus hat meistens andere Gründe als diejenigen, die zur Rechtfertigung vorgetragen werden, so dringlich sich diese Rechtfertigungsgründe auch anhören mögen.

    Mir fällt da ein:

    1. Das BIP ist so eine blöde Maßzahl, die sich nicht darum kümmert, daß alle 4-5 Jahre eine Wahl stattfindet und damit nicht in Linie mit den (Wieder-) Wahlbestrebungen der aktuellen Amtsinhaber korreliert (kooperiert). Da wäre es doch besser, wenn statt eines BIP, das von Statistikern eifersüchtig verteidigt wird, eine “neue” Kennziffer ins Leben gerufen würde, die je nach Lust und Konjunkturlaune mal den Schwerpunkt auf der traditionellen wirtschaftlichen Seite hat, oder der Schwerpunkt auf das Glückseligkeitsnirvana gelegt wird, um so AUF JEDEN FALL eine erfolgreiche Politikära darstellen zu können. Solch ein wachsweicher Indikator kommt den natürlichen Selbstdarstellungsgelüsten erfolgloser Politiker in hervorragendem Maße entgegen. Und wenn man weiß, daß sich mit ein bißchen Parametermassage fast jedes beliebige Ergebnis erzeugen läßt, kann man Erwartungen an die Verläßlichkeit eines derartigen Indikators getrost in die Abteilung Wunschdenken einordnen.

    2. Man muß ja nicht auf die Hopi – Indianer (oder die Cree, oder Häuptling Seattle) zurückgehen, um zu wissen, daß die Sache mit der nachhaltigen Lebensweise nicht so furchtbar brandneu ist. Was man sich allerdings klar machen könnte ist, daß die ernsthafte Neuauflage der Nachhaltigkeitsdiskussion seitens des Club of Rome im Grunde genommen (fast) ohne französische Beteiligung erfolgt ist. Vielleicht ist jemandem aufgefallen, daß die aktuelle Liste der “national associations” eine Leerstelle aufweist, nämlich Frankreich. Scheint so, als hätte die offizielle “grande nation” einen wesentlichen Zeittrend schlichtweg verschlafen und möchte nun – nobelpreisgestützt – im Handstreich die Meinungsführerschaft in einem gegenwartsrelevanten Thema übernehmen. Daß man dann natürlich nicht extra darauf hinweist, daß es doch schon etliche fortgeschrittene Konzepte gibt, versteht sich von selbst. Die passende Selbstbeweihräucherung gibt es natürlich gratis als Zugabe.

    Denke mal, die Liste ist nicht vollständig…

    Gruß

    • 25. September 2009 um 16:09 Uhr
    • enigma
  9. Kommentar zum Thema

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