So funktioniert Kapitalismus

Wachstum beschleunigt sich

Von 8. Oktober 2009 um 13:55 Uhr

Die Zahlen für die Auftragseingänge und die Industrieproduktion, die gestern und heute veröffentlicht wurden, bestärken unsere Sicht, dass das reale Sozialprodukt im gerade abgelaufenen dritten Quartal mit einer annualisierten Rate von rund 5 Prozent zugenommen haben dürfte.

Das Volumen der Aufträge an die deutsche Industrie ist saisonbereinigt bis zum August sechsmal in Folge gestiegen, wenn auch von einem äußerst niedrigen Niveau aus. Für die Zeit seit Februar errechnet sich eine auf’s Jahr hochgerechnete Rate von +37,2 Prozent. Das sieht eindrucksvoll aus, trotzdem liegt das Niveau der realen Aufträge immer noch um 27,2 Prozent unter dem zyklischen Höhepunkt von November 2007. Trotz der starken Aufwertung des Euro sind die Auslandsorders in den vergangenen sechs Monaten sogar etwas kräftiger gestiegen (+19,1 Prozent) als die Inlandsorders (+15 Prozent). Der Welthandel expandiert offenbar wieder sehr rasch, getrieben von den asiatischen Schwellenländern und den neuerdings wieder sehr flüssigen Ölproduzenten, obwohl auch hier gilt, dass es noch ein weiter Weg ist bis zu den alten Höchstständen. Die Frachtraten für Hochseeschiffe hatten sich seit dem Tief im Dezember etwas gefangen, sind aber in den letzten Monaten tendenziell wieder abgebröckelt und befinden sich zur Zeit immer noch um 78,4 Prozent unter dem Rekordwert von Mai 2008 (gemessen am Baltic Dry Index).

Grafik: Auftragseingang in der Industrie - 0908

Die Industrieproduktion ist erst später in die Gänge gekommen. Hier markiert der April 2009 den zyklischen Tiefpunkt – seitdem hat sie mit einer Verlaufsrate von 20,2 Prozent zugelegt, befindet sich aber trotzdem noch um 18,4 Prozent unter ihrem Höchststand von Februar 2008. Da gibt es noch eine Menge aufzuholen. Die freien Kapazitäten sind nach wie vor gewaltig. Zusammen mit den Effekten des aufwertenden Euro bedeutet das, dass die Deflationsrisiken nicht geringer geworden sind.

Grafik: Auftragseingang und Produktion in der Industrie - 0908

Immerhin übertrifft das durchschnittlich Niveau der Produktion im Produzierenden Gewerbe im Juli und August den Mittelwert des zweiten Quartals um 2,0 Prozent, was einer Verlaufsrate von 8,1 Prozent entspricht. Wenn ich mir die Auftragseingänge und die positiven Zahlen vom Arbeitsmarkt ansehe, vermute ich, dass es im September erneut eine hohe Zuwachsrate gegeben haben dürfte, so dass bei der Produktion für das Quartal insgesamt gegenüber dem zweiten Quartal eine Zunahme von 2,7 Prozent herauskommen könnte, was sich wiederum in eine Verlaufsrate von 11,2 Prozent übersetzen lässt. So gesehen ist eine BIP-Prognose von +5 Prozent nicht so kühn, wie es auf den ersten Blick scheint. Es ist nicht ungewöhnlich, dass nach einem starken Einbruch für eine Weile ohne Weiteres sehr hohe positive Zuwachsraten erzielt werden.

Ob das so weitergehen kann, steht auf einem anderen Blatt. Bisher speist sich der Aufschwung aus drei Quellen: dem Aufstocken der Lagerbestände, die im ersten Halbjahr fast panikartig auf ein absolutes Minimum heruntergefahren worden waren, der extrem expansiven Wirtschaftspolitik sowie dem neuen Aufschwung im Ausland. Deutschland hatte mehr als fast alle anderen Länder unter der Weltrezession gelitten, profitiert jetzt aber auch überproportional von der konjunkturellen Wende. Ob sich global schon ein sich selbst tragender Aufschwung entwickelt hat, ist nicht sicher, da die Wirkungen der Liquiditätsschwemme, der niedrigen Zinsen und der Konjunkturprogramme irgendwann nachlassen. Zu hoffen ist, dass die private Nachfrage auch ohne diese Unterstützung genügend Kraft entwickelt. Die Kreditnachfrage ist in den Industrieländern allerdings nach wie vor rückläufig, was kein so gutes Omen ist.

Die guten Konjunkturzahlen aus Deutschland lassen vermuten, dass es mit der Wirtschaft von Euroland insgesamt ebenfalls bergauf geht, vorläufig jedenfalls. Wenn es ein paar Monate so weitergeht, wird es der EZB schon bald in den Fingern jucken. Ich wäre nicht überrascht, wenn sie bald begänne, laut über Zinserhöhungen nachzudenken. Es muss sie ärgern, dass die Regierungen der 16 Mitgliedsländer bislang keine Ausstiegsstrategien vorgelegt haben, also keine Pläne, wie den ausufernden Haushaltsdefiziten beizukommen ist. Sarkozy hat sogar mehr oder weniger klar zum Ausdruck gebracht, dass Maastricht auf absehbare Zeit irrelevant für ihn sei. Eine solche Missachtung des konstituierenden Vertrags der Währungsunion dürfte vor allem Herrn Trichet reizen und zu einem “gerade jetzt” herausfordern, nach dem bekannten Bundesbankmodell.

Eine andere Argumentationslinie könnte folgendermaßen verlaufen: Die Zentralbanken haben gelernt, dass die Zinsen erhöht werden müssen, wenn die Gefahr neuer Vemögensblasen besteht, und zwar auch dann, wenn es keine Inflationsrisiken gibt. Da solche Blasen immer platzen, gefolgt von jahrelanger Unterbeschäftigung, sei es besser, heute eine Rezession hinzunehmen, die vermutlich kurz und flach ausfallen dürfte, als in eine Depression à la dreißiger Jahre und Japan zu schlittern. “Leaning against the wind” nennt man so etwas.

Ich halte ein Anziehen der monetären Zügel von der Sachlage her nicht für richtig. Ich würde warten, bis die Konjunktur genügend Eigendynamik entwickelt hat, und würde das festmachen an der Entwicklung der Kredite an den privaten Sektor, einer Trendwende bei den Löhnen und der Beschäftigung. Wenn die Zinsen heute erhöht würden und die Amerikaner nicht mitmachten, wäre der Euro in kürzester Zeit bei 1,60 Dollar oder mehr. Welche Aufwertung hält die Währungsunion realistischerweise aus, auch politisch? Eile ist bei den Zinsen bislang nicht geboten, auch wenn die Aktienmärkte schon wieder sehr fest sind. Die Immobilienmärkte befinden sich im Übrigen noch im Rückwärtsgang. Die EZB kann den Finanzpolitikern zwar mit Konsequenzen drohen, aber ernst machen sollte sie noch nicht.

Leser-Kommentare
  1. 17.

    Ich weiß gar nicht, warum es so schwer ist, die eigentliche Ursache der Finanzkrise zu verstehen.

    Hätten die US-Banken die Risiken der von ihnen vergebenen Kredite in ihren Bilanzen halten müssen, wären viele Kredite niemals vergeben worden. Die Krise wäre ausgeblieben.
    Niemand kennt die Risiken besser als derjenige der den Kredit an den Kreditnehmer vergibt. Er ist am nächsten dran und kann seine Pappenheimer am besten beurteilen.

    Der Chef der deutschen Bank, Ackermann, sprach kürzlich etwa so:
    Es sei notzwendig, die kreditvergebenden Banken auch von den Speisen kosten zu lassen, die sie anrichteten.
    Das könne der Qualität der von den Banken zubereiteten Speisen nur dienlich sein.

    Recht hat er. Ob die Zinsen hoch sind oder niedrig, die Banken wollen vor allem eines, das verliehene Geld irgendwann zurückgezahlt zu bekommen und dies mit Gewinn.

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    • 14. Oktober 2009 um 14:22 Uhr
    • WIHE
  2. 18.

    Trotz aller Kurven, mir verschließt sich die Möglichkeit von “beschleunigtem Wachstum” bei stark abnehmenden Krediten ((ABSTÜRZEND) auch M2, M3) vollkommen.

    Zu welchen Konditionen sollen Banken mit Eigekapitalproblemen und erhöhter Risikovorsorge wg. bevorstehend erhöhter Ausfallrate (von weiteren Hypotheken und) Unternehmenskrediten neue Kredite vergeben können ? Sowas gab es ja schon mal zur Japan Krise. Die Unternehmen mußten sich zu junk bond Konditionen verschulden, mit den daraus zu erwartenden Konsequenzen. Ohne Kredit keine Anlageinvestition und somit kein Wachstum. Das, was jetzt abgelaufen ist, war kein “organisches” Wachstum, und das scheint mir bis Ende 2010 bestenfalls in homöopathischen Dosen in Sicht zu sein. Außerdem erscheinen die Ergebnisse der staatlichen Maßnahmen regelrecht mickrig, weil sie auf “Bankenrettung” fokussiert waren. Eine Bank retten, ist irgendwie dasselbe, wie Geld in ein Faß ohne Boden kippen. Das haben wir doch mit 10 Jahren oder mehr Japan – Krise erlebt. Danach mußten dann, bis zum heutigen Tag, japanische Unternehmen auf Staatskosten gerettet werden. An den Finanzmärkten spielte man “carry trade”, die Kredite flossen dahin, wo sie völlig deplaziert waren. Genau dasselbe erleben wir doch jetzt auch gerade.

    Wir können doch irgendwelche Wetten auf “Wertpapiere” nicht mit Wirtschaft gleich setzten. Und bei negativen Zinsen der Taylor – Kurve spricht alles für die private Hortung von Bargeld oder Gold, minimal an den gezeigten Kurven bis Mitte 2010. Wie es bisher die aktuellen Goldpreise auch beeindruckend zeigen. Warten wir es ab.

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    • 18. Oktober 2009 um 15:01 Uhr
    • Michael
  3. 19.

    @ Michael
    >>Trotz aller Kurven, mir verschließt sich die Möglichkeit von “beschleunigtem Wachstum” bei stark abnehmenden Krediten ((ABSTÜRZEND) auch M2, M3) vollkommen. <<

    Na das ist doch theoretisch sehr einfach: der "Absturz" von Mx muss von Geldabflüssen aus der Liquiditätsfalle (per saldo) überkompensiert werden. :)

    Aber lassen wir das. Sie schreiben doch selbst von "irgendwelchen Wetten"; also am absoluten Geldmangel scheints wohl nicht zu liegen.

    stürzt eigentlich Mx ab oder nur der Anstieg von Mx?

    Und die Gleichsetzung der Hortung von Geld und Gold als Anlageempfehlung scheint mir etwas undifferenziert. Oder steigt/stieg die Goldmenge auch so locker flockig?

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  4. 20.

    Geld macht uns so viele Schwierigkeiten.

    Wir brauchen eine Währung, um Waren und Dienstleistungen zu tauschen.

    Wieso akzeptieren wir, dass die Währung selbst solche Forderungen stellt?

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  5. 21.

    @ Katja Herr

    Geld ist nicht nur da, um Waren und Dienstleistungen leichter tauschen zu können – man kann es auch als Wertaufbewahrungsmittel nutzen, und sich später was dafür kaufen. Es stellt eine “Forderung” im betriebswirtschaftlichen Sinne dar, nämlich auf das, was man mit ihm erwerben kann. Das Geld selbst fordert natürlich nichts. Ist Slang, gewissermaßen.

    Gruß, DW

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    • 28. Oktober 2009 um 17:31 Uhr
    • Dieter Wermuth
  6. Kommentar zum Thema

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