So funktioniert Kapitalismus

China muss nicht aufwerten

Von 27. Oktober 2009 um 12:39 Uhr

Paul Krugman hat vor ein paar Tagen in seiner New York Times-Kolumne darüber geklagt, dass Chinas schlechtes Benehmen für den Rest der Welt eine immer größere Bedrohung darstellt (“The Chinese Disconnect“). Im Ernst, er verwendet den Ausdruck “bad behavior”. Um was geht es? Wieder einmal um die zunehmend “bizarre” Strategie, den Yuan gegenüber dem Dollar stabil zu halten. China hat laut Krugman wegen der zeitweise unbegrenzten Dollarkäufe wesentlich zu der amerikanische Immobilienblase beigetragen und war daher für die globale Finanzkrise mitverantwortlich. Jetzt droht noch schlimmeres Ungemach: Weil die chinesische Regierung trotz der neuen Dollarschwäche, vor allem gegenüber dem Euro, weiterhin am bilateralen Wechselkurs von 6,83 Yuan pro Dollar festhält und die eigene Währung damit im Gleichschritt mit dem Dollar abwertet, nehme China anderen Ländern Nachfrage weg, obwohl die ohnehin überall “deeply depressed” ist. Es stiehlt anderen Ländern ihre Jobs. Amerika brauche eine schwache Währung, um endlich sein Defizit im Außenhandel abzubauen, aber China mit seinem gewaltigen Überschuss sowie Devisenreserven von $2.273 Mrd. brauche das nicht.

Yuan/Dollar-Wechselkurs

Was also tun gegen diese Art von “beggar-thy-neighbor”-Politik? Krugman weiß es auch nicht. Ihm ist klar, dass China nicht mehr gegängelt werden kann. Aber irgendwas solle schon unternommen werden.

Das Dilemma ist, dass die USA ihre Rolle als Emittent der wichtigsten Reservewährung nicht aufgeben wollen, also die Vorteile, die sich daraus ergeben, dass im Ausland rund 300 Mrd. Dollar als Bargeld umlaufen, die sich de facto nie in konkrete Ansprüche gegenüber den USA verwandeln und auf die keine Zinsen zu zahlen sind. Hinzu kommen die Bestände an Treasury Bills von noch einmal etwa 600 Mrd. Dollar sowie Treasury Bonds und Notes von 1.800 Mrd. Dollar, die sich bei anderen Zentralbanken und “offiziellen Stellen” befinden, plus deren Bestände an Anleihen der quasi-staatlichen Hypothekenfinanzierer FannieMae und FreddieMac. Solange der Dollar seinen Status als Reservewährung behält, brauchen diese entweder zinslosen oder im Vergleich zu alternativen Anlagen sehr niedrig verzinsten Kredite nicht in Form von Gütern, Dienstleistungen, Aktien und Immobilien zurückgezahlt zu werden. Ich habe einmal ausgerechnet, dass das Ausland den Amerikanern jährlich zwischen 0,1 und 0,2 Prozent ihres BIP “schenkt”.

Ich weiß, die Zahlen sind angreifbar, aber sie geben eine Vorstellung davon, warum es sich lohnt, Reservewährungsland zu sein – und warum die USA auch nicht im Traum daran denken, ihrerseits massiv andere Währungen gegen Dollar zu kaufen und ihn auf diese Weise zu entwerten.

Es wäre zudem wegen der chinesischen Kapitalverkehrskontrollen und des unterentwickelten Geldmarkts auch gar nicht möglich, Yuanbestände aufzubauen. Mit dem Euro, dem Yen oder dem Pfund ginge es, weil es da Anlagemöglichkeiten gibt. Wenn die Machthaber in Peking also nicht mitspielen und ihre Märkte nicht öffnen, haben die Amerikaner nichts in der Hand, mit dem sie eine Abwertung gegenüber dem Yuan bewerkstelligen könnten.

Die Frage ist außerdem, ob ein stärkerer Yuan tatsächlich wünschenswert ist. Aus deutscher Sicht ist bislang vor allem wichtig, dass China weiter kräftig wächst, und sei es mit Hilfe einer unterbewerteten Währung. In den sechs Monaten bis Juli 2009 sind unsere Warenexporte nach Asien mit einer annualisierten Rate von knapp 50 Prozent gestiegen, was angesichts des starken Euro eine geradezu sensationelle Zahl ist. Gegenüber China, dem dynamischsten und nach Japan größten Land der Region war die Zuwachsrate vermutlich noch viel höher. Für uns ist der Einkommenseffekt, also die Wachstumsdifferenz zwischen China und Europa, offenbar viel wichtiger als der Preiseffekt – der Nachteil durch die Aufwertung des Euro gegenüber dem Yuan – bisher jedenfalls. Nach wie vor sind deutsche Produkte glücklicherweise nicht sehr preiselastisch, wie Ökonomen das ausdrücken würden. Das gilt übrigens auch für Japan. China ist der Wachstumsmotor für die anderen Länder Asiens und für alle jene, die die richtigen Produkte im Angebot haben, seien es Kapitalgüter, Konsumgüter oder Rohstoffe.

Yuan/Euro-Wechselkurs

Ich plädiere dafür, dass China seine Wachstumsstrategie beibehält. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wird in diesem Jahr trotz des rasanten Wachstum nur bei etwa €2.360 liegen. Sowohl in den USA als auch in Deutschland dürften es beim heutigen Wechselkurs jeweils 12,4 mal mehr sein. Der Nachholbedarf ist also gewaltig, und wenn sich das Wachstum mit Raten von 8 Prozent (oder mehr) fortsetzt, wird sich das in immer höheren Einfuhren niederschlagen, was der übrigen Welt, die an mehr Jobs interessiert ist, in Form von Arbeitsplätze schaffenden Exporten zugute kommt. Warum muss allein der amerikanische Konsum der Wachstumsmotor der Welt sein? Er kann es wegen der Überschuldung der Haushalte ohnehin auf absehbare Zeit nicht mehr sein.

Das Argument, China müsse seine Inlandsnachfrage stärken, das Krugman und andere Amerikaner immer wieder vorbringen, klingt für mich ziemlich schief. Es ist richtig, dass der private Verbrauch nur einen Anteil von 35,3 Prozent am nominalen BIP hat (2008), halb so viel wie in den USA, er wächst aber etwa genauso rasch wie dieses – im vergangenen Jahr waren es im Vorjahresvergleich 16,2 Prozent. Noch rascher nehmen allerdings die Investitionsausgaben zu, und das bei einer Investitionsquote von 43,5 Prozent, was doppelt so hoch ist wie in den OECD-Ländern. Die Inlandsnachfrage leistet schon längst einen größeren Beitrag zum Wachstum als der Außenhandel.

China folgt bisher den Wachstumsmodellen Deutschlands und Japans nach dem Krieg: viel sparen, viel investieren, sich dem Weltmarkt öffnen, sich in der Wertschöpfungskette allmählich nach oben bewegen und dabei für ein paar Jahrzehnte durch Kapitalverkehrskontrollen und Interventionen am Devisenmarkt darauf achten, dass der Wechselkurs nicht überschießt. In Japan und Deutschland hat es funktioniert, ohne dass jemand zu Schaden gekommen wäre. In China ist das Potential angesichts einer Bevölkerung von 1,3 Mrd. und einem äußerst niedrigen Ausgangsniveau sogar noch viel besser.

Krugman beschäftigt sich im Grunde mit einem Problem, das selbst aus amerikanischer Sicht keines ist. Das amerikanische Handelsbilanzdefizit vermindert sich weiterhin rapide, trotz stabilem Wechselkurs des Dollars gegenüber dem Yuan, und könnte sich innerhalb der nächsten zwei Jahre sogar in einen Überschuss verwandeln, wenn es bei dem bisherigen Trend bleibt. Das ist vor allem eine Folge des international relativ schwachen amerikanischen Wachstums, das wiederum eine Folge der Entschuldungsprozesse ist, die im Haushaltssektor ablaufen. Die USA leben nicht mehr so sehr über ihren Verhältnissen wie früher – vielleicht leben sie demnächst sogar unter ihren Verhältnissen und entwickeln sich auf diese Weise zu Netto-Kapitalexporteuren, so wie man es vom reichsten Land der Welt eigentlich erwarten darf.

Leser-Kommentare
  1. 17.

    @ kurtbayer

    Es handelt sich nicht nur um eine konjunkturelle Verbesserung der US-Leistungsbilanz. Da die amerikanischen Haushalte überschuldet sind, mehr als sonst jedenfalls, wird die Sparquote dauerhaft zu steigen haben, wodurch sich auch eine strukturelle Verbesserung ergibt. Der schwache Dollar wird ein Übriges tun (wenn es sich um einen längeren Trend handelt) – die terms of trade verschlechtern sich und mindern das verfügbare Einkommen. Auch dadurch vermindert sich das LB-Defizit gewissermaßen strukturell.

    Gruß, DW

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    • 28. Oktober 2009 um 19:18 Uhr
    • Dieter Wermuth
  2. 18.

    @ inti

    Zu Punkt b: Wie Sie der Grafik entnehmen können, befindet sich der reale Yuan-Wechselkurs seit ewigen Zeiten im Aufwärtstrend – China verfolgt also keine systematische Abwertungspolitik auf dem Rücken der anderen – nur in den letzten Monaten wurde dieser Trend unterbrochen.

    Effektiver Wechselkurs des Yuan

    Zu Punkt c: Wenn man eine Reservewährung wie den Dollar emittiert, darf man keine Kontrolle über ihren Außenwert anstreben. Dass die amerikanische Kreditvergabe trotz der explosionsartigen Ausweitung der Geldbasis (der Bilanzsumme der Fed) nicht anspringen will, kommt daher, dass der Schuldenabbau nach wie vor im Vordergrund steht. Nennt man liquidity trap.

    Gruß, DW

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    • 28. Oktober 2009 um 18:38 Uhr
    • Dieter Wermuth
  3. 19.

    Es scheint einigen Kommentatoren entgangen zu sein, dass der Renminbi dank Koppelung an den Dollar bereits de facto Welt-Leitwährung ist. Wenn der neuen G-2 USA-China also nicht an dieser Koppelung läge, hätte man sie zweifellos längst aufgegeben. Doch hat sie mancherlei Vorteile für beide Länder (d.i. Nachteile für alle übrigen). Wie Obama schon auf dem G2-Gipfel diesbezüglich andeutete, wird sich die Welt an der neuen Konstellation orientieren müssen.

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  4. 20.

    Wir diskutieren hier zu wenig die quantitative und qualitative Entwicklung der Warenströme.

    China entwickelt sich langsam aber sicher zum Fabrikanten von mittel-bis-hochtechnologischen (wenn nicht gleich spitzentechnologischen) Produkten, die typischerweise höhere Preise einbringen, aber auch höhere Investitionen erfordern. Gleichzeitig verringert sich der Exportmarkt für wenig-technologie-intensive Produkte (v.a. USA).
    Wenn der Trend zur Produktion besserer Produkte nicht einbrechen soll, müssen chinesische Produzenten die nötigen Technologien in Form von Expertise und Investitionsgütern einkaufen; das kostet massig Geld.
    Die nötigen Technologien kommen hauptsächlich (ausser aus Japan und der EU) aus den USA. Man kann bei einer starken Währung natürlich mehr im Ausland einkaufen. Daher ist es für die zukünftige Entwicklung Chinas sehr nützlich die Dollarbindung aufzugeben und den Renminbi aufwerten zu lassen.

    Der Trade-Off besteht zur Entwicklung der in Auslandswährung erworbenen Wertpapiere und Devisenreserven (die dann abwerten würden), sowie des sehr-stark exportorientierten Niedrigtechnologie-Sektors (der hauptsächlich vom Preisvorteil lebt, welcher sich verkleinert).

    Die Frage ist also insgesamt, ob man den Status Quo der internationalen Arbeitsteilung beibehalten will, oder die Chancen für die Entwicklung hin zum Technologiestandort wahrnehmen will. Da ist China freilich selbst gefragt und nicht wir.

    Persönlich aber würde ich – im Sinne der internationalen Fairness und der mit der chinesischen Entwicklung verbundenen Chancen – durchaus sagen: China muss aufwerten!

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    • 28. Oktober 2009 um 23:15 Uhr
    • Antizipationspartizipator
  5. 21.

    Die quantiative Entwicklung der chinesischen Exporte ist anders, als men bei uns glaubt. Mehr als 60% bleiben in Asien, knapp 20% gehen in die USA and etwas mehr als 20% in den Rest der Welt.

    Antworten

  6. 22.

    @ DW

    mit b.) wollte ich nichts zum aussenwert der währung sagen … wir sehen ja an deutschland, dass man durch geeignete anreize durch das steuersystem ebenfalls den export auf kosten der binnennachfrage stützen kann (unternehmens- und einkommenssteuer runter, mehrwertssteuer hoch). sondern nur, dass wachstumsbeiträge innerhalb eines landes durch leistungsbilanzüberschüsse, durch wachstumseinbussen anderer länder durch leistungsbilanzdefizite bezahlt werden müssen

    c. langfristig hat der aussenwert aber eine beziehung zum innenwert und den kontrolliert die fed sehr wohl, kämpft aber mit china um die kontrolle … fed strebt inflation an, china kauft (entweder um den wert der reserven zu erhalten, was komisch ist, da sich da durch die abhängigkeit verstärkt, oder um die exporte nicht schlagartig einbrechen zu lassen und zeit für die umstellung zu geinnen) dollar auf die nicht als nachfrage auftreten, sondern in vermögenswerte gesteckt werden und andererseits auf der angebotsseite billige produkte in den markt drücken. theoretisch sollten die usa also relativ viel investieren durch das zur verfügung gestellte kapital, tun sie aber nicht …

    liquiditätsfalle: genau zu der tragen die chinesen bei … sie halten beliebig viele dollar ohne sie auszugeben ;) … china fängt damit erst an, wenn ihnen klar gemacht wird: “wir machen inflation und ihr chinesen werdet es nicht verhindern können, wenn ihr euren staatsschatz retten wollt, kauft besser jetzt damit ein” -> inflation+ null zins ->guter weg aus der liqiditätsfalle=>wer heute leiht und kauft und morgen zurück zahlt macht seinen schnitt und zack sind wir weg von der lower zero bound und die fed kann den wagen wieder mit dem zinslenkrad steuern (netter vergleich, liquiditytrap=aquaplaning von volkswirtschaften, die studenten werden sich freuen)

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    • 29. Oktober 2009 um 13:49 Uhr
    • inti
  7. 23.

    Das Szenario eines notwenigen Gesundschrumpfens der US-Wirtschaft würde viele vielleicht als gerechte Strafe für Konszmexzesse verstehen, ist aber leider ein extrem (neoklassischer) Fehlschluss!
    Das von Keynesianern (insbesondere Krugman!) immer wieder beschworene Sparparadoxon sollte auch hier in Rechnung gestellt werden. Eine Entschuldung der USA-Haushalte wird es nur über Wachstum geben und nicht über eine erzwungene Erhöhung der Sparquote. Wachstum kann und soll in der Krise der Staat generieren (so beten wir alle). Ein steigender Export (Außenbeitrag) gegenüber Europa und Asien wäre hier eine Stütze für die Volkswirtschaft, die mindestens in den letzten 2o Jahren die Konjunkturlokomotive bildete. Wenn China dies durch “beggar tha neighbour” das verhindert, wird Europa und auch bald China bluten.
    Krugman hat recht! Solche Disbalancen haben die Krise mitbewirkt und müssen in und nach der Krise verschwinden!

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    • 29. Oktober 2009 um 19:33 Uhr
    • Klaus Schaper
  8. 24.

    @ dunnhaupt

    Falsch! Die Leitwährung ist der Dollar, und die Chinesen haben ihre Geldpolitik de facto der Fed übertragen. Wer eine Leitwährung emittiert, interveniert nicht – China interveniert! Keine Frage allerdings, dass dieses Arrangement für beide Seiten Vorteile hat. Man sollte dabei allerdings zwischen kurzer und langer Frist unterscheiden.

    Gruß, DW

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    • 30. Oktober 2009 um 11:03 Uhr
    • Dieter Wermuth
  9. Kommentar zum Thema

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