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Es kommt alles viel schlimmer – die Wachstumswette für 2010

Von 22. November 2009 um 18:58 Uhr

Ist der HERDENTRIEB jetzt erwachsen? Wie viele Prä-Internet-Jahre zählt eigentlich ein Jahr online? Fünf? Dann hätten wir es geschafft. Seit vier Jahren ist dieses Blog am Start. Und da alles mit der famosen Wachstumswette für 2006 begann, wird jeder Geburtstag wieder mit einer Wachstumswette aus meiner Feder gefeiert. Soviel Tradition muss sein, auch im schnelllebigen Netz. Aber zunächst mal Dank an Sie und Euch Kommentatoren und Leser! Was wäre der HERDENTRIEB ohne die ökonomischen Debatten, die in Deutschland ihresgleichen suchen.

Aber jetzt zur Wette: Ich bin pessimistisch, habe das verdammte Gefühl, dass zurzeit überall viel zu viel Optimismus herrscht. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass diese Krise sich so einfach in Wohlgefallen auflöst. Dafür ist das System zu sehr krank. Ich rechne noch mal mit einem ordentlichen Rückschlag bei Banken und am Kapitalmarkt. Woher soll das Wachstum in der Realwirtschaft kommen, außer von Konjunkturpaketen, die langsam auslaufen und noch nicht groß erneuert worden sind? Einzige Ausnahme ist wohl die „grande emprunt“ des Monsieur Sarkozy. Sensationell! Vive la France, kann ich da nur sagen.

Aber in Deutschland? Da wird zum Jahresbeginn lediglich die Steuerlast der Besserverdienenden gesenkt über die Absetzbarkeit der Krankenversicherungsbeiträge und vielleicht das Kindergeld erhöht. Doch damit wird das Wachstum nicht groß stimuliert. Meinen Pessimismus würde nur Folgendes verscheuchen: Ein weiteres Konjunkturprogramm mit zwei Komponenten, nämlich a) einem Ausbau der staatlichen Investitionen und b) einer Abwrackprämie für alte Heizkessel. Beides zusammen würde nicht nur die Binnennachfrage stimulieren, sondern durch die Abwrackprämie auch die Sparquote reduzieren.

Zwei Makro-Schocks lähmen die deutsche Wirtschaft 2010: Die andauernde Bankenkrise sowie die Anpassung der Weltwirtschaft an den Ausfall des US-Konsumenten als Wachstumstreiber. Solange Deutschland an seinem Exportmodell festhält, solange wird es hier langfristig nicht richtig aufwärts gehen können, fürchte ich. Haben wir von unserer tollen neuen Regierung darüber je ein Wörtchen gehört? Und bei den Banken ist erst die Hälfte der Bereinigung durch. Eine Kreditklemme dürfte 2010 sehr wahrscheinlich sein.

Deshalb tippe ich, dass der private Konsum 2010 negativ zu Buche schlagen wird. Die Arbeitslosigkeit wird steigen, die Lohnsumme fällt durch die Kurzarbeit bereits deutlich. Es ist einfach kein zusätzliches Geld zum konsumieren da. Und die Steuersenkungen/Kindergelderhöhungen, die zu Beginn 2010 greifen, dürften bestenfalls dafür sorgen, dass der Absturz des Konsums ausbleibt.

Die Exporte, die in der zweiten Hälfte dieses Jahres dank der Konjunkturprogramme in China und den USA sich wieder etwas berappelt haben, dürften 2010 keine echte Freude machen, da abgesehen von der grundsätzlich geringeren globalen Nachfrage der kräftige Anstieg des Euro die Exporte auch preislich dämpfen wird.

Die für das Wachstum zentralen Investitionen der Unternehmen sehe ich überhaupt nicht. Zum einen existieren nach wie vor riesige Überkapazitäten, zum anderen werden die Banken die wenigen investitionsfreundlichen Unternehmen ausbremsen. Denn die Banken haben Schwierigkeiten mit ihren Bilanzen und werden auch 2010 sehr restriktiv bei der Kreditvergabe bleiben, wie das folgende Chart zeigt, das stets die Wachstumswette begleitet.

Grafik: Bank Lending Survey - Kreditkonditionen - 09Q3

Auf den ersten Blick erfreulich ist zwar, dass die Banken nur noch leicht ihre Kreditstandards verschärfen. Das mag an dem weit verbreiteten Gefühl liegen, dass das Schlimmste hinter den Banken liegt. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Kreditstandards bislang weiter verschärft werden, es also für Firmen noch schwieriger wird an Kredite zu gelangen, weil entweder die Sicherheiten höher sein müssen, die Risikoaufschläge größer und ähnliches. Erst, wenn die Umfrage eine Lockerung verspricht, sollte das Konjunkturhoffnungen schüren.

Grafik: Bank Lending Survey - Kreditnachfrage der Unternehmen - 09Q3

Diese Grafik passt nicht ins Bild und irgendwie auch nicht zu den harten Daten. Dass die deutschen Unternehmen (und es sind in Euroland nur die deutschen) deutlich mehr Kredite nachfragen, ist sonderbar. Es gibt eigentlich nur zwei Erklärungen: Entweder existiert in Deutschland eine ausgewachsene Kreditklemme, die bislang von Bundesbank und Bankenverbänden strikt geleugnet wird. Die Nachfrage ist hoch und steigend, die tatsächlich ausgereichten Unternehmenskredite aber schrumpfen. Dann wäre der Absturz diesen Jahres fast ausschließlich auf die Banken zurückzuführen. Die Unternehmen hätten ja investieren wollen, aber nicht dürfen. Oder an der Umfrage in Deutschland stimmt etwas nicht. Dafür spricht die Plausibilität: Dass die deutschen Unternehmen im vierten Quartal 2008 und ersten Vierteljahr 2009, als die Weltwirtschaft in Schockstarre verfallen war, mehr Kredite nachgefragt haben sollen, halte ich für sehr abwegig. Deshalb ändert diese an sich positive Grafik meinen Pessimismus nicht.

Als letzte Komponente bleiben noch die Ausgaben des Staates. Sie dürften die Konjunktur stützen, wenngleich nichts richtig reißen.

Summa summarum erwarte ich bestenfalls Stillstand und bin deshalb pessimistischer als Sachverständigenrat (plus 1,6 Prozent) sowie das Herbstgutachten der Forschungsinstitute (plus 1,2 Prozent). Ich tippe auf 0,8 Prozent und weniger.

Warum überhaupt Wachstum, wenn ich doch bestenfalls Stillstand erwarte? Ha, das sind die statistischen Geheimnisse der volkswirtschaftlichen Wachstumszahlen. Sie verbergen sich hinter dem schnörkellosen Wort Überhang. Was das ist? Das ist sehr schön im Wirtschaftswunder erklärt: „Es ist ähnlich wie beim Bergsteigen: Wenn ein Wanderer am ersten Tag 1000 Höhenmeter macht und am zweiten Tag eine Ebene durchwandert, ist er an diesem zweiten Tag zu jedem Zeitpunkt natürlich dennoch höher als am Vortag: im Schnitt um 500 Meter. Er beginnt den zweiten Tag quasi mit einem statistischen „Vorsprung“ von 500 Metern. So ist das auch beim Wirtschaftswachstum, da hier de facto die durchschnittliche Leistung eines Jahres mit der des Vorjahres verglichen wird. Wenn jetzt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Jahr Quartal für Quartal gestiegen ist, wird es – reine Arithmetik – zum Ende dieses Jahres bereits deutlich über dem Schnitt des Jahres liegen und mit entsprechendem Vorsprung oder Überhang ins neue Jahr starten. Das ist der statistische Überhang: Bleibt das BIP von da an unverändert, liegt es im Schnitt des neuen Jahres dennoch höher als im alten.”

Unter der Annahme, dass das Wachstum im vierten, gerade laufenden, Quartal 0,4 Prozent nach 0,7 Prozent im dritten beträgt, ergibt sich nämlich ein Überhang von rund 0,8 Prozent. Mehr wird es bestimmt nicht, wetten?

PS: Die Wachstumswette des vergangenen Jahres lautete: Die deutsche Wirtschaft schrumpft 2009 um mindestens 1,5 Prozent, was damals deutlich pessimistischer war als die Prognose des Sachverständigenrates, der auf ein Nullwachstum getippt hatte. Wie wird’s ausgehen? Es werden deutlich mehr als minus 1,5 Prozent, wohl um die minus fünf Prozent!

Kategorien: Die Heusinger-Wetten
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Es ist schon ominös, so sehr die deutsche Durchschnittsbevölkerung von tiefer “Amerikaskepsis”, bin hin zu agressivem Antiamerikanismus, geprägt scheint so werden die USA von vielen Wirtschaftsleuten vergöttert. Nur so kann ich mir erklären dass die Lehren der Neocons in der Bundesrepublik sogar ernster als in den USA selbst genommen werden. Wo man ja in dieser Krise alle “ordnungspolitischen Grundsätze” (wie das hierzulande heißt, auf Englisch wäre mir ein vergleichbarer Begriff gar nicht bekannt) fallen gelassen hat und schon unter President Bush anfing das Staatsgeld mit beiden Händen aus dem Helikopter zu werfen. Obama hat nicht nur Ben Bernanke übernommen sondern auch diese Politik. Was richtig und wichtig war. Die Realität passt halt nicht immer in die schönen Theorien und diese Flexibilität bringen die pragmatischen Amerikaner mit: also, wenn schon die USA verherrlichen, dann bitte auch vollumfänglich; inklusive Patriotismus (amerikanische Investoren verlieren ihr Geld lieber in den USA, wenn sie es schon verlieren müssen), Pragmatismus und Optimismus.

    Es ist nun ja so, man kann “in Schönheit sterben” oder man kann sich dem Herdentrieb anschließen. Die Mehrheit der Industriestaaten hat nun einmal “Schulden”, die man später weginflationiert, als Ausweg gewählt. Man kann das nun “aus Prinzip” in der Bundesrepublik falsch finden aber man wird die Inflation in der Weltwirtschaft – zumal in der gemeinsamen Eurozone – trotzdem nicht vermeiden können. Also nehmen wir lieber mit was wir kriegen können, sonst tun es andere. Diese resignierende Maxime ist wohl alles was uns übrig bleibt. Auf zur nächsten Währungsreform.

  2. 2.

    Eine mutige Wette, aber mit ganz guten Chancen, richtig zu liegen. Nullwachstum nach einem 5% Absturz dürfte sich auf den Arbeitsmarkt und die Investitionen ziemlich verheerend auswirken. Wie aber wird es sich an den jetzt fast euphorischen Börsen anfühlen? Grrrr! Da bin ich mal gespannt auf die DAX-Wette im Januar – und natürlich vorher noch auf die Jahresend-Rally:-)

    • 23. November 2009 um 09:11 Uhr
    • EuroOptimist
  3. 3.

    Vielleicht ist der Anstieg der Kreditnachfrage durch die Unternehmen dann kein Widerspruch zur konjunkturellen Situation, wenn man sich folgendes überlegt:

    Viele Unternehmen benötigen das zusätzliche Kreditvolumen nicht, um zu investieren oder gar zu expandieren, sondern sie benötigen vorhandene oder gar zusätzliche Kreditlinien, weil ihnen der selbst erwirtschaftete cash flow wegbricht. Das geht dann so lange gut, bis die Banken die Notbremse ziehen; der Schwarze Peter wird dann nicht unbedingt bei den Banken liegen, sondern bei der krisenbedingt schwindenden Kreditwürdigkeit von immer mehr Unternehmen.

    • 23. November 2009 um 14:59 Uhr
    • Zykliker
  4. 4.

    Den Konsum halte ich insgesamt für weniger entscheidend – womöglich ginge ein Rückgang ohnehin primär zu Lasten der Importe. Ein freiwilliges “Heizkessel”-Programm hielte ich allerdings für genauso hoffnungslos. Die simple Wahrheit lautet glaube ich, dass die Regierung so gut wie gar nichts machen kann, außer steigende Staatsdefizite in Kauf zu nehmen, indem etwa Kurzarbeitergeld u.ä. weiter verlängert werden.Das Problem ist ja nicht alleine die Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft, sondern die Exportabhängigkeit von Investitions- und langlebigen Konsumgütern. Deren Nachfrage hängt aber nicht von gegenwärtigen Konjunkturmaßnahmen ausländischer Regierungen ab, sondern primär von Zukunftserwartungen ausländischer Unternehmer und Konsumenten. Mit Ausnahme der Chinesen natürlich, die diesbezüglich nicht kapitalistisch “ticken”, sondern nach politischen Vorgaben investieren. Ein Treppenwitz daher – nebenbei bemerkt -, dass die Marktwirtschaft derzeit ausschließlich durch Prinzipien zentraler Lenkung am Leben erhalten wird.

    Aber wie dem auch sei: Ich halte diese Wachstums-Wette für absolut realistisch, womöglich sogar eher optimistisch.

  5. 5.

    Der Story für das kommende Jahr stimme ich im Großen und Ganzen zu – auch wenn ich glaube, dass es eher ein paar Zehntel Wachstum im Durchschnitt der Quartale geben wird. Ich denke aber, dass man auf Basis der derzeitigen Frühindikatoren sehen kann, dass für das laufende vierte Quartal mehr als die von RvH geschätzten 0,4 Prozent in der Pipeline sind. Schon der Überhang wäre dann entsprechend höher. Deswegen denke ich, dass schon eine 1 vor dem Komma stehen wird!

    @Zykliker:
    Ich denke Ihre Erklärung geht in die richtige Richtung. Dafür spricht auch, dass vor allem das Volumen der kurzfristigen während der gesamten Rezession geradezu explodiert ist, während das Volumen der langfristigen Kredite nur leicht expandierte und seit Anfang des Jahres zurück geht.

  6. 6.

    Vielleicht wäre es der Sachlage angemessen, sich von einer Binnenkonjunktur insgesamt zu verabschieden. Denn schließlich haben wir schon mindestens ein Jahrzehnt keine Reallohn-Steigerungen. Mit anderen Worten: die “workforce” kann nichts mehr sparen, baut deswegen keine Eigenheime mehr und bekommt auch keine Kinder. Es wird also nichts mehr investiert wegen der unsicheren Erwartungen in der Zukunft. Dazu kommt der Drei-Kilo-Euro-Batzen, den die politischen Akteure der Gesamtverschuldung pro Nase aufgesattelt haben, weil ja irgendwelche Kasper-Pleitiers sich zu “systemischen” (schlage das Wort zum Unwort des Jahres vor) Einrichtungen aufschwingen konnten. Bleibt nur noch die Hoffnung, dass unsere Nachbarn uns von unserem Klüngel mehr abkaufen, vor allem die restlos überkandidelten Automobile. Und die Obbels natürlich.

  7. 7.

    Woher soll das Wachstum kommen? Das ist genau die Frage und der entscheidende Punkt.

    Die Regierungen haben im Prinzip bisher nur die globalen Märkte, das Geschäft der Großen, gestützt und das zunächst auch nur vorübergehend. Die strukturellen Probleme sind indes bestehen geblieben. Im anderen, nicht von globalen Konzernen geprägten Bereich der Wirtschaft sieht es indes mittlerweile ziemlich düster aus – was nicht so sehr im Blickpunkt steht und möglicherweise zu wenig in die Schätzungen einfließt. Darauf hat gestern Nouriel Roubini einmal sehr anschaulich hingewiesen (handelsblatt.com/meinung/gastbeitaege/gastkommentar-
    us-wirtschaftsdaten-taeuschen-zu-positives-bild-vor
    ).

    Wenn das staatliche Strohfeuer vorbei ist und sich der dadurch erzeugte Rauch verzogen hat, dann wird sich vermutlich zeigen, dass es noch schlechter aussieht als vorher. Ich tippe deswegen darauf, dass wir 2010 wieder ein Minus-Wachstum bekommen.

  8. 8.

    Auf den ersten Blick erfreulich ist zwar, dass die Banken nur noch leicht ihre Kreditstandards verschärfen”,

    Ich würde die Grafik anders interpretieren,
    nämlich so, die Zahl der Banken, die ihre Kreditstandards verschärfen ist drastisch gesunken. Schreibt man die Grafik fort, werden im nächsten Jahree die Banken ihre Kreditstandards zunehmend lockern.
    Zur zweiten Grafik,
    wenn der Absatz drastisch einbricht, dann wundert es mich nicht, dass die Unternehmen verschärft nach Kredit fragen, sie benötigen Cash in der Kasse.
    Wenn dann die Wirtschaft wieder anzieht, wird auch die eine oder andere Investition getan werden, dafür benötigt man auch oft Kredit.
    Beide Effekte könnten sich derzeit überlagern.
    Dass die Banken aber den Unternehmen, die sich in Schwierigkeiten befinden, nur ungern Kredite geben, ist nachvollziehbar.

    Ich bin für 2010 eher optimistisch als pessimistisch. Viel hängt natürlich auch vom Verhalten auch der Notenabnken ab,
    Zinserhöhungen in der jetzigen Konjunkturlage wäre der Tod allen Wirtschaftswachstums.

    Wenn Sie Herr Heusinger mit ihrer Wette genauso richtigig liegen wie mit Ihrer Wette auf den Stand des DAX am 31.12.2009, dann verlieren Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Ihre Wette.
    Aber noch können Sie auch noch die Wette auf den DAX gewinnen.
    Katastrophen passieren oft dann, wenn man gar nicht damit rechnet,
    solche eine Katastrophe könnte sein z.B. ein Angriff der Israelis auf den Iran.

    • 24. November 2009 um 12:50 Uhr
    • WIHE
  9. Kommentar zum Thema

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