Spinnen die Griechen?
Das ist natürlich eine Hammer-Meldung. Die EU und Euroland, zu dessen Mitgliedern die “Wiege der Demokratie” gehört, lassen Athen am ausgestreckten Arm verhungern. Wollen endlich mal ein Exempel mit ihrer Non-Bailout-Klausel statuieren. Und drängen die tricksenden und täuschenden Griechen, sich in ihrer größten Haushaltsnot an den IWF zu wenden. Kann das im Sinne der Europäischen Union sein? Doch was machen die Griechen, bevor sie sich von den USA und ihrem IWF neoliberale Sparprogramme verordnen lassen? Sie machen es wie fast alle Emerging Economies: Sie fragen China, die Alternative zum IWF.
Kann das im Sinne Europas sein? Wer zahlt, schafft an, heißt es so schön. Und in Afrika, wo China den IWF verdrängt hat, lässt sich das Reich der Mitte mit Rohstoffen bezahlen. Welche Gegenleistung versprechen die Griechen?
Das Thema ist explosiv. Und was machen unsere Tageszeitungen daraus? Die ganz Großen verpennen oder verdrängen es. In der FAZ kein Wort dazu, in der Süddeutschen wird das Thema erwähnt, in einem Frage- Antwortspiel. Die Welt hats überhaupt nicht auf dem Schirm, das Handelsblatt als Marktbericht auf einer der letzten Seiten (immerhin hat sich der Renditeabstand griechischer Anleihen nach dem Dementi aus Athen auf ein Rekordniveau geweitet). Vorbildlich die FTD, die dem Thema die Seite eins und den wichtigsten Kommentarplatz (auf Seite eins) gibt. Vorbildlich auch die Börsen-Zeitung, der die unheilvolle Allianz auch der erste Kommentar auf Seite eins wert ist. Allerdings ist der Zungenschlag ein ganz anderer als bei der FTD und, hurra, hurra natürlich auch der Frankfurter Rundschau.
Kommen wir zur Beantwortung der Frage: Nein, die Griechen spinnen nicht. Wenn einer spinnt, dann ist es die EU. Wie kann man als – gemessen am BIP, mächtigste Wirtschaftsmacht ein Land in die Hände Chinas treiben?
Es ist höchste Zeit, dass wir verstehen, wie unzulänglich die Institutionen der Währungsunion sind. Der Stabilitätspakt war schon immer Schrott. Ist es Zufall, dass die Zeitungen, die Hausväterchen-Ökonomie predigen und den Stabilitätspakt stets verteidigen, das Thema verkehrt gewichtet haben? Wenn die EU nicht bald aufwacht, bricht sie auseinander, da hat Roubini Recht.
@ Th. Pittner
Dieses Mal umgekehrt
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@ topi 63; eclair 64
(“Die Wirkung auf die Bonität ist doch klar, sie steigt beim Weichwährungsland.”)
Warum hat man eigentlich gefühlte 100 Jahre von der Dollarisierung Lateinamerikas geschrieben? Weil die Pesos die Bonität gesteigert haben? Die Pesos hätten abgewertet werden können und was wäre passiert? Für die Dollarkontrakte: garnichts! Das wußte ja auch jeder. Und solange der Dollarstrom geflossen ist, wurde auch nicht darüber nachgedacht, irgendeinen Peso abzuwerten. Nun, dem hat der alte FED – Volcker irgendwann (aus einem anderen Grund) einen Riegel vorgeschoben. Der Ärger war: die Kredite lauteten noch immer auf Dollars!
Aber wir sind bei Griechenland: vielleicht erst eins mal vorweg: daß Griechenland fröhlich Kredite aufnehmen konnte (lassen wir mal den ganzen statistischen Betrug außer Acht) lag wohl eher daran, daß die deutsch-französische Stabilitätskonzeption des EURO so ähnlich gewirkt haben muß wie ein Rating irgendeiner (angloamerikanischen) Betrügeragentur. Man glaubt es halt mal eine Weile! Provokant gesagt hat die Schuldenorgie Griechenlands was damit zu tun, daß die EZB in Frankfurt/Main ihren Sitz hat und Griechenland als EURO-Mitglied eigentlich die Stabilitätskriterien hätte einhalten sollen. So gesehen ist der Fall Griechenland eher ein Desaster für die Reputation der EZB und die Stellung des EURO als Reservewährung. Da liegt nämlich der geostrategische Hase im Pfeffer.
Vor diesem (inzwischen veränderten) Hintergrund war doch die griechische Schuldenorgie der perfekte Ausweis effizienter Märkte, soll heißen, da haben sich keine Ungleichgewichte aufgebaut, sondern es haben völlig legitime Marktreaktionen stattgefunden. Diese sind allerdings inzwischen an einem kritischen Punkt angelangt. Was passiert denn, wenn dem Kreditgeber das Finanzgebaren des Schuldners nicht mehr gefällt? Schon mal probiert mit null Sicherheiten einen Kredit zu bekommen? Das geht nicht! Null! Nada! Folge: man muß bei der Gleichung
Geldvermögen = Kasse + Forderungen – Verbindlichkeiten
zusehen, wie man seine Verpflichtungen bezahlen kann… oder auch nicht! Ergebnis bei letzterem ist dann immer wieder, daß der Verbindlichkeitsbestand nur noch aufgrund der Zinslasten steigt, aber nicht mehr aufgrund neuer Kredite. (Umschuldung ist nur ein Verschiebebahnhof!) Dann gibt´s die Lateinamerikakrise auch hier in Europa. Aber es ist ja bekannt, wie Volcker das gemacht hat, um existenzgefährdende Abschreibungen bei den US-Banken zu vermeiden: “hold to maturity”! Das Resultat in Griechenland heißt dann: Austeritätspolitik! Das Ergebnis wäre auch bei chinesischen Stützungskrediten so, die sind ja nicht bescheuert, es sei denn, sie wissen wirklich nicht mehr, was sie mit ihren Dollars anfangen sollen.
Was auch immer bei der Behandlung der Frage griechischer Schulden am Ende herauskommt:
Den “…griechischen Firmen, die auch in Zukunft in Euro kalkulieren und sich im Wettbewerb behaupten müssen…” hilft das natürlich garnichts. Verhandlungen über Bestände sind davon geprägt, daß es um Besitzstandswahrung geht und eben nicht um die Frage, wie der Schuldner wieder auf die Füße kommt! Da dominieren halt die Stocks über die Flows! Kennt man von jeder Bank, die genau dann, wenn Liquidität gebraucht würde, eben mal so fällig stellt…
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@ enigma
Ja.
Aber woher kommt der Dissenz?
Diese Währungsunion ist Schrott. Von Anfang an.
Dafür liefern sie Argumente am laufenden Band.
Griechenland fällt als erstes auf, andere werden folgen.
Oder meinen sie, die Einhaltung der Maastricht-Kriterien machte die derzeitigen Entwicklungen unmöglich?
Sie liefern doch viele Belege dagegen.
M fragenden G
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@ topi 67
Ich denke mal, daß die Irritationen daher rühren, daß die Frage, ob das Abwertungsinstrument allein schon zu einer Gleichgewichtslage der griechischen Finanzen führt, von der Wirtschaftstheorie hauptsächlich als preistheoretisches Problem behandelt wird. In dieser Version wird postuliert, daß die Nachfrage nach Auslandswährung durch eine Preiskorrektur auf ein Gleichgewichtsniveau zurückgeführt werden kann. Das ist eine Argumentation über Flows. Auf der anderen Seite kann man aber Ausgabenüberschüsse, solange sie nicht über Kasse gedeckt werden dann realisieren, wenn Kreditlinien verfügbar sind. Diese richten sich aber nach der Bonität, die wiederum auf nationaler Ebene mit der Möglichkeit der Devisenproduktivität einhergehen. Inwieweit diese gegeben ist, läßt sich an der Leistungsbilanz ablesen. Diese war im Fall der lateinamerikanischen Länder irgenwann nicht mehr gegeben, da die Zinslasten durch Devisenproduktivität nicht mehr gestemmt werden konnten. Wenn man so will, korrespondiert dieser Fall genau mit einem Staatsschuldgleichgewicht, in dem die Nettoneuverschuldung gerade für die Bedienung der Zinslasten ausreicht (Domar 1944). Der Umstand, daß die lateinamerikanischen Schwachwährungsländer externe Kredite natürlich in Dollar aufgenommen hatten (und das auch so wollten), machte konsequenterweise die Frage nach einer Abwertung (auch wenn der IWF das immer so wollte) hinfällig, zumindest hinsichtlich des Problems Schuldendienst. Abwertungen haben nämlich immer einen internen Einkommenseffekt, dessen politische Rückwirkungen für die meisten Regierungen nur notgedrungenermaßen hinnehmbar waren. Der Knackpunkt für eine Abwertung war m.E. nie die Einsicht in eine höhere Notwendigkeit, sondern die schlichte Tatsache, daß mangels Kasse eine Verteidigung eines “überbewerteten” Wechselkurses nicht mehr möglich war.
Also: seit der lateinamerikanischen Schuldenfalle weiß man, daß Binnenwachstum mit (Dollar)-Krediten nur solange funktioniert, wie die Dollars auch fließen. Gibt es keinen Kredit mehr, hört auch das (Primär-) Schuldenwachstum auf – leider gibt es aus der Zinsfalle auch kein Entkommen mehr. Aber irgendwie hat man das Rezept ganz klasse gefunden und halb Süd/Osteuropa die Kredite fast schon aufgedrängelt. Für EURO-Länder gab´s die Kredite (natürlich) in EURO, für andere (natürlich) auch in EURO! Wann stockt die Geschichte? Eben, wenn es Zweifel an der Bonität des Schuldners gibt!
Interessanterweise wird diese Vorstellung von der entwicklungpolitischen Bedeutung des (externen) Schuldenzyklus auch davon genährt, daß ja angeblich für Deutschland der Kreditrahmen des Marshall-Plan Taufpate für das “deutsche Wirtschaftswunder” gestanden haben soll. Auch das wird ja gelegentlich als tolle Sache von Zeit zu Zeit aus der Mottenkiste geholt. Entscheidend für den deutschen Konjunkturboom war jedoch der Umstand, daß im Zuge der Zahlungsbilanzkrise 50/51 eine restriktive Bundesbankpolitik im Verein mit einer massiven Protektionspolitik im Außenhandel einsetzte, die seitens der anderen Länder nicht mit Gegenmaßnahmen beantwortet wurde! (Ja eben, da war der kalte Krieg schon im Anmarsch und West-Deutschland wurde als Puffer für die Alliierten gebraucht.)
Würde sich nun für Griechenland etwas ändern, wenn die Drachme noch Nationalwährung wäre? Nicht wirklich, denn dann hätten Kredite an Griechenland eben auf eine (aus griechischer Perspektive) ausländische Währung EURO gelautet, mit dem Ergebnis, daß die Situation genauso wäre wie heute. (Na gut, vielleicht wären diese Kredite etwas teurer gewesen.) Aber auch in diesem Fall hätte eine Abwertung nichts genützt, da die Devisenproduktivität nicht dazu da ist, Kredite in Drachmen zu bedienen, sondern Kredite in EURO. Und daher wird eine höhere Konkurrenzfähigkeit über eine Abwertung mit einer realen Einkommenseinbuße der eigenen Bevölkerung bitter erkauft, ohne daß damit automatisch garantiert wäre, daß die Bedienung der Schulden in EURO gesichert ist. In einer Situation, in der ein Leistungsbilanzüberschuß erzielt werden muß um (nur) die Zinslast zu bedienen gibt es eben nur die Möglichkeit die (internen) Preise heraufzusetzen, um die notwendigen Einkommenskürzungen zu erzielen. (Eine Abwertung hat genau diesen Effekt.) Und genau das, nur mit anderen Vorzeichen, wird in den nächsten Monaten passieren.
Es führt kein Weg daran vorbei, daß eine (nationale) Schuldenkrise ein Problem einer notwendigen Einkommensreduktion darstellt, weil nur so eine Devisenproduktivität erzielbar ist. Ist doch in Deutschland nichts anderes. Ob einheitliche Währung oder nicht: es geht schlichtweg kein Weg daran vorbei zu akzeptieren, daß für Griechenland jetzt die Zeit der Konsolidierung kommt. Konsolidierung heißt, Kreditverhältnisse, die den höher werdenden Bonitätsanforderungen nicht entsprechen entweder langfristig umzuschulden, oder zu beenden. Nur geht das leider nie ohne Ärger und den korrespondieren Beschäftigungseinbußen ab. Dieser Anpassungsprozeß bleibt mit und ohne eigene Währung derselbe, der Grund dafür sind die Stocks, der Schuldenstand – und gegen den hilft nun mal keine Abwertung.
Die Weichen in diese Richtung sind schon gestellt…
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Bei der Sorge der internationalen Finanzwelt gegenüber dem Euro geht es natürlich nicht um die Schuldner Griechenland etc, sondern um deren Gläubiger wie Deutschland, Frankreich etc, bei denen sie 380 Milliarden Euro Schulden aufgehäuft haben. Deshalb verliert der Euro an Wert.
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@enigma
Schade, dass Sie Ihre tief eindringenden, die öffentliche Debatte demystifizierenden Texten nicht irgendwo auf einer eigenen Webseite oder in einem eigenen Blog ins Netz stellen: da könnte man sie in eigenen Texten, z. B. ich in meinem Blog, leichter referenzieren. Wenn ich dagegen schreiben soll “enigma hat im Kommentar Nr. 68 in Sachen Griechenland-Bailout gesagt …” dann entmutigt mich das etwas, weil ich nicht direkt dorthin verlinken kann (oder übersehe ich etwas?)
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