Griechenland kann es alleine schaffen
Was würde eigentlich passieren, wenn Griechenland einfach sich selbst überlassen bliebe? Bis Ende Mai müssen offenbar Staatsanleihen in Höhe von 20,5 Mrd. Euro am Markt untergebracht werden, was etwa 8 1/2 Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Die jüngste 10-jährige Anleihe, mit einem Kupon von 6 1/4 Prozent, war fast dreifach überzeichnet, was zeigt, dass es bislang keine Probleme gibt. Wenn die Griechen genug zahlen – genauer: versprechen zu zahlen -, werden sie auch in der Zukunft Abnehmer für ihre Schulden finden. Nur tut es natürlich weh, wenn die Zinsbelastung fast doppelt so hoch ist wie in Deutschland (zehnjährige Bundesanleihen haben zur Zeit eine Rendite von 3,18 Prozent).
Griechenland ist kein besonders armes Land: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf war 2009 nur rund 27 Prozent niedriger als das deutsche. Die durchschnittlichen Wachstumsraten waren im vergangenen Jahrzehnt nicht weniger als drei Prozentpunkte höher als in Deutschland (3,5 Prozent verglichen mit 0,5 Prozent), und die Arbeitslosigkeit liegt bei “nur” 10,6 Prozent. Auch wenn von nun an mit aller Macht gespart werden muss, bedeutet das keine existenzielle Bedrohung. Allein der Übergang von der exzessiven Schuldenwirtschaft zu geordneteren Verhältnissen wird sehr weh tun. Es wird vor allem dann einen deflationären Schock geben, den die Gesellschaft möglicherweise nicht verkraftet, wenn, wie geplant, versucht wird, das staatliche Defizit innerhalb von drei Jahren von zuletzt 13 Prozent auf etwa 3 Prozent des BIP herunter zu fahren. Was spricht dagegen, sich dafür zwei oder drei Jahre mehr Zeit zu nehmen? Für die Anleger kommt es nur darauf an, dass das Sparprogramm glaubhaft ist, was vor allem heißt, dass es von der Bevölkerung mitgetragen wird. Wenn durch eine Streckung Straßenkämpfe und Generalstreiks vermieden werden können, wird sich das positiv auf die Höhe der Zinsen und den Schuldendienst auswirken.
Ich denke, dass Griechenland zum Einen weiterhin Zugang zum Kapitalmarkt haben wird, und zweitens schon aus Eigeninteresse seinen Gürtel enger schnallen wird, also in der Tat keine Hilfe von außen braucht, abgesehen davon, dass der Artikel 125(1) des Vertrags von Lissabon das verbietet. Eine kreative Auslegung des Vertragstextes ist sicher denkbar und vermutlich auch bereits im Gange, ich halte das aber für überflüssig. Zudem könnte es einen gefährlichen Präzedenzfall geben, der Spanien, Portugal und vielleicht sogar Italien ermutigen könnte, es auch einmal zu versuchen.
Die Schulden lassen sich im jetzigen System für ein einzelnes Land nicht weginflationieren und sind daher für die kommenden Generationen eine schwere reale Last. Keine Regierung wird es sich leisten können, sie weiter ausufern zu lassen. Da es nicht möglich ist, gegenüber den anderen Ländern in der Währungsunion, also den Hauptgläubigern, abzuwerten, wird die Neuverschuldung gegenüber dem Ausland dadurch zurückgehen müssen, dass das inländische Kostenniveau gesenkt wird: Auf diese Weise werden weniger Waren und Dienstleistungen importiert und gleichzeitig mehr exportiert. Das vermindert automatisch die Nettokapitalimporte und macht das Land kreditwürdiger. Im Jahr 2009 hatten diese Kapitalimporte ebenfalls rund 13 Prozent des BIP erreicht; die Bruttoschuldenquote des Staates nähert sich mit Riesenschritten der 100 Prozent-Marke.
Wie kann das Kostenniveau gesenkt werden? Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass die Kapitalkosten zunächst erst einmal steigen (schwacher Aktienmarkt, höhere Zinsen auf Fremdkapital). Auch bei den relativen Importkosten lässt sich wegen des festen Wechselkurses innerhalb der Währungsunion nichts machen. Es führt daher kein Weg daran vorbei, dass die Lohnstückkosten, der bei weitem wichtigste volkswirtschaftliche Kostenblock, deutlich sinken müssen. Idealerweise kann das durch eine kräftige Zunahme der Produktivität erreicht werden, ist aber im Fall Griechenland eher unwahrscheinlich. Das erfordert nämlich entweder eine bessere Auslastung der Kapazitäten oder einen neuen Investitionsboom, wonach es wegen des unvermeidlichen Einbruchs der Inlandsnachfrage überhaupt nicht aussieht.
Die Nominallöhne und die Einkommen insgesamt werden also fallen. Für die anderen Länder des Euroraums bedeutet diese extrem pro-zyklische Politik einen Rückgang ihrer Exportüberschüsse gegenüber Griechenland und damit tendenziell Einbußen bei der Beschäftigung. Glücklicherweise ist Griechenland aber nur ein kleines Land, dessen Sparprogramm von den anderen kaum bemerkt werden dürfte. Per Saldo ist die Krise Griechenlands eine Art Konjunkturprogramm für die Währungsunion, weil sie hauptverantwortlich ist für die jüngste Abwertung des Euro gegenüber Dollar, Yen und Renminbi.
Die deutschen Auftragseingänge aus dem Nicht-EWU-Raum sind beispielsweise in den drei Monaten bis Januar real mit einer Jahresrate von 20,0 Prozent gestiegen und lagen damit um nicht weniger als 30,4 Prozent über ihrem Vorjahreswert. Auch wenn das nicht allein auf die Abwertung des Euro zurückzuführen ist, hat sie jedenfalls nicht geschadet.

Überhaupt wäre es das Beste für Griechenland und seine Gläubiger, wenn die Konjunktur in den finanziell relativ gesunden Ländern der Währungsunion Fahrt aufnähme. Das würde Griechenland den notwendigen Strukturwandel in Richtung Auslandsnachfrage erheblich erleichtern, vor allem im Hinblick auf den Arbeitsmarkt. Nach den deutschen Auftragseingängen der letzten Woche, den Zahlen vom Montag zur Industrieproduktion sowie den diversen Umfrageindices für die Währungsunion insgesamt scheinen wir mindestens auf Sicht von zwei Quartalen vor einem recht dynamischem Aufschwung zu stehen. Griechenland ist vielleicht weniger als befürchtet auf Hilfspakete der europäischen Partner angewiesen.

Ich will nicht naiv erscheinen. Wir müssen damit rechnen, dass auch die übrigen Länder der Währungsunion, ebenso wie andere große Industrieländer, daran gehen werden, ihre Finanzen zu “konsolidieren”, sobald Anzeichen für einen sich selbst tragenden Aufschwung zu sehen sind. Große Staatsdefizite gelten vielfach als Regierungsversagen und nicht als notwendige, wenn auch nur vorübergehende Kompensation für den Ausfall der privaten Nachfrage. Das Paradebeispiel dafür, wie man es nicht machen sollte, sind die restriktiven Maßnahmen Japans im Jahr 1997: Kaum hatte der Aufschwung begonnen, wurde er schon wieder abgewürgt. Die Geschichte könnte sich wiederholen.
Was die Währungsunion und den Euro angeht, kann ich nur hoffen, dass es nicht dazu kommt. Denn dann gerieten schon bald andere Länder ins Schussfeld der Anleger. Sie haben ein Gewicht, das mehr als zehn mal größer ist als das von Griechenland. Wenn die alle ihre Gürtel genau so eng schnallen würden, wäre das Ende des Euro nicht mehr fern.
Das Gute an der jetzigen Krise ist, dass sie die Konstruktionsmängel der Währungsunion erbarmungslos offen gelegt hat. Die Maastricht-Kriterien sind, da de facto unverbindlich, nicht dasselbe wie eine gemeinsame Finanzpolitik mit Biss. Und die ist nicht möglich ohne den Willen der Euroländer, weiter in Richtung politischer Union voran zu gehen. Die Währungsunion gleicht einem Radfahrer: Wenn er aufhört zu strampeln, fällt er um.
@Fabian Lindner
Danke, dass Sie darauf hinweisen, dass man die gegenwärtige wirtschaftliche Lage aus unterschiedlichen theoretischen Welten heraus betrachten kann.
Ich denke, wir müssen vielleicht noch eine Welt hinzufügen: Die von Schumpeter, der neben die Kreislaufwirtschaft (Neoklassik) eine sich entwickelnde, exakter gesagt eine umbrechende Wirtschaft stellte.
@Fabian Lindner & Georg Trappe
@Henry Kaspar
Ich denke, Ihre aufeinander bezogenen Beiträge berühren genau diesen Punkt. Man könnte vielleicht sagen, Schumpeters vergessene Welt. Denn schließlich wurde die Idee der „Entwicklung“ seit der in den 50er Jahren aufkommenden neoklassischen Wachstumstheorie vollkommen verdrängt. Zwar gab es noch einzelne Versuche, Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung weiter zu entwickeln (z. B. Ernst Heuß und Helmut Arndt). Das war es dann aber auch.
Die Wachstumstheorie ist das herrschende Denkschema für die Erklärung von Wachstum oder anders ausgedrückt, eine spezifische Auffassung der „Entwicklung“ der Wirtschaft.
Ich weiß, für Ökonomen ist es schwer, das zu sehen. Ihnen, Herr Trappe, fällt es wiederum überhaupt nicht schwer, weil Sie sich nicht, wie die meisten Ökonomen, bereits seit vielen Jahren mit nahezu schlaffwandlerischer Sicherheit und ohne noch darüber nachdenken zu müssen im neoklassischen oder keynesianischen „Haus“ bewegen. Aber ich denke, dass genau darin begründet liegt, wie die gegenwärtige Situation und Lösungen dafür definiert werden.
Ich will Sie nicht langweilen. Aber ich habe einmal versucht, diese Unterschiede in der Sichtweise auf die gegenwärtigen Probleme – das heißt, aus entwicklungstheoretischer Sicht (Schumpeter 1912) und aus wachstumstheoretischer Sicht – mit einfachen Worten und Beispielen zu verdeutlichen. Wenn Sie mögen und nachvollziehen möchten, was ich meine, lesen Sie einmal einen entsprechenden kurzen Aufsatz von mir (stefanleichnersblog.blogspot.com/2009/07/die-krise-bewaltigen-das-dilemma-von.html), der freilich und zugegebenermaßen etwas provokant gehalten ist.
@Henry Kaspar
Ich kann vor diesem Hintergrund sehr gut verstehen, dass Sie zu einer praktisch entgegengesetzten Einschätzung gelangen. Das habe ich schon öfter zu hören bekommen. Georg Trappe ist kein Ökonom und geht unvoreingenommen an die Problematik heran. Wir, als Ökonomen, tun es nicht. Und genau das ist eigentlich riskant. Denn weder ich noch Sie können den Beweis erbringen, mit der eigenen Interpretation wirklich recht zu haben. Seit Beginn der Finanzmarktkrise, spätestens aber seit Beginn der Weltwirtschaftskrise sind die anerkannten „Wahrheiten“ des – ich sage einfach mal – „ökonomischen Mainstreams“ ins Wanken geraten. Was davon ist noch etwas wert? Wie hilfreich ist dieses Gedankengebäude bei der Erklärung der aktuellen Situation und ihrer Ursachen.
das sollte eigentlich kein philosophischer Ausflug werden. Aber ich hoffe, ich habe Ihnen verdeutlichen können, was ich meine.
Viele Grüße und Ihnen allen ein schönes Wochenende
SLE
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..wenn die Griechen im Schnitt 1600 Euro fuer Bestechungsgelder ausgegeben haben, kann jeder Erwachsene 2000 Euro griech. Staatsanleihen zeichnen und der Kittel ist erstmal geflickt
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@Stefan L. Eichner
Danke das Sie Schumpeter ins Spiel bringen. Evolution, kreative Zerstoerung, Koevolution alles Merkmale dissipativer Strukturen.
Das ist die Richtung in der es wahrscheinlich nur so von Loesungen
wimmelt. Kreativitaet eben. Und bitte nicht so bescheiden. Ihre Aufsaetze sind wohltuend.
Da Sie zum Denken anregen und so den Schlachtruf der
Aufklaerung implizit wiederholen. Habt den Mut Euch eures Verstandes zu bedienen. Seit kreativ. Denkt in Loesungen. Stellt gute Fragen,
die auf Loesungen zielen. Versteht das Problem als Provokation, das Euch herausfordert, das zu tun was Spass macht . Kreative Losungsfindung. Ihr muesst Eure alten Denkgewohnheiten hinter Euch lassen, wenn ihr neue und bessere Loesungen entdecken wollt.
Dieser Tenor im Zusammenhang mit der ebenfalls spuerbaren empathischen Besorgtheit, die erkennen laesst, das bei Ihnen die Menschen als Menschen und nicht als Produktionsfaktor oder gar Kostenfaktor im Mittelpunkt stehen, machen ihre Aufsaetze sehr lesenswert.
@Fabian Lindner
Ich verfolge auch die Kommentare zu Ihrem Artikel “Griechenlands echte Probleme”. Die Diskussion dort folgt dem ueblichen Kreismuster was bei
einer Problemstellung die Zirkelkausalitaeten beinhaltet nicht wundert.
Sie koennen sich in diesen Kreisen endlos bewegen und denken, das Ergebnis wird mehr vonm Gleichen sein. Nicht gerade das was man unter
Kreativitaet versteht. Um da heraus zu kommen, ist es notwendig das gewohnte Gedankengebaeude zu verlassen. Ich habe 26 Jahre als R&D Manager in einem hoch inovativen Unternehmen gearbeitet. Mein Team und ich sind regelmaessig in Situationen geraten, wo wir mit unserer Ausbildung und dem aktuellen Stand der Wissenschaft nicht weiter kamen.
Wir waren als Unternehmen bereits investiert, z.T. mit mehreren Millionen. Die Loesung war immer den Menschen Kreativitaet zu ermoeglichen. Die Loesung war nie:”Wir sind mit Millionen investiert und Zinsen dafuer und Eure Gehaelter tuermen einen angsterregenden Schuldenberg auf, den wir jetzt zur Steigerung Eurer Motivation
mit 25% p.a. (a la JoeA) inflationieren.”
Kreativitaet koennen Sie nicht erzwingen. Sie koennen Sie foerdern, indem Sie moeglichst angstfreie Raeume zur Verfuegung stellen in denen sich die Menschen entfallten koennen. Sie koennen sich und Andere dazu anhalten einen “kreativen Flow” zu ermoeglichen aber Sie koennen ihn nicht erzwingen. Und das ist die Krux. Endlos akkumulierende Schuldtitel sind expansiv angsterzeugend. Wenn sie ueber Renditen exponentiell wachsen graben sie so dem in der Neoklassik postulierten
endlosen techn. Fortschritt und den dadurch staendig positiven Grenzertraegen der Ertragskurve das Wasser ab. Das unterminiert kreative Loesungsfindung. Das korrumpiert die Vernunft. Ich habe das selber miterleben muessen. Denn was einst ein sehr gut gefuehrtes wirklich innovatives Unternehmen war, hat sich vor etwas mehr als 10 Jahren leider auch die Zwangsjacke der neoliberalen Ideologien angelegt, anlegen lassen. Lesen Sie mal Packards HP Way. kein grosses wissenschaftliches Werk aber versuchen Sie den Geist zu erfassen.
Und dann lesen Sie bitte hier, was das Fettaugensyndrom im Namen der Neoklassik daraus gemacht hat.
http://www.paloaltoonline.com/weekly/morgue/2002/2002_04_10.hpway10.html
Evolution bedeutet Anpassungsfaehigkeit.
Alle bemuehen sich bis aufs aeusserste darum. Nur das Kapital und seine daran gekoppelten Renditeerwartungen passen sich nicht an. Es waechst endlos exponentiell. Und soetwas sortiert die Evolution frueher oder spaeter aus. Die Aufklaerung hat den Feudalismus aussortiert. Tragischerweise ist er ausgerechnet in der Nation, die in Folge der Aufklaerung die erste moderne demokratische Verfassung fuer sich etablierte durch die fuenfte Macht (=Banken to big to fail) und die neoliberalen Ideologien als Neofeudalismus reetabliert worden.
Die Neoklassik war die theoretische Grundlage zu dieser fatalen Entwicklung, die vor unseren Augen stattgefunden hat und noch stattfindet. An der wir uns beteiligt haben, weil wir nicht unseren Verstand benutzt haben und die Dinge nicht zu Ende gedacht haben.
Zirkelkausalitateten verleiten zur Resignation = Denkfaulheit. Die Theorie komplexer Systeme eroeffnet einen Weg aus dieser Resignation.
Sie eroeffnet einen Blickwinkel der Kreativitaet beinhaltet aber eben auch die Unvorhersagbarkeit. Kreditvertraege mit einer Festschreibung der Zinsen auf zig Jahre sind nicht realitaetskonform. Der Markt kann das zum teil durch Bewertung ausgleichen. Wenn aber dieses Instrument ueberdehnt wird, bricht vertrauen zusammen.
Lesen Sie Klaus Mainzer, lesen Sie Ilya Prigogine.
Prof. David Colander daemmert es auch schon.
Prof. Didier Sornette ist ganz nah dran mit seinen log periodic power laws
Prof. Thomas Lux richt den Braten wohl auch schon.
Prof. Shimaoka Koishi beschreibt es in seinem Tagebuch
und nicht zu letzt Prof. Stefan L. Eichner der Evolution als ein Prinzip wirtschaftlicher Entwicklung erkennt und in Bezug auf Wettbewerb anmahnt.
Mit freundlichen Gruessen,
Georg Trappe
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