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Goldman Sachs, die “Bubble Machine”

 

Vor kurzem wurde ich auf einen Artikel über Goldman Sachs aufmerksam gemacht, der im Juli vergangenen Jahres auf der Website des Rolling Stone Magazine, also einer für Leute wie mich ziemlich obskuren Publikation, erschienen war. Hauptbotschaft: Die Goldmänner sind überall, vor allem da, wo in der Politik die finanziell relevanten Entscheidungen getroffen werden, sie haben entscheidend an allen amerikanischen Finanzblasen seit 1929 mitgewirkt, dabei unglaublich viel Geld verdient – und haben es nicht, anders als die Mehrheit der Bevölkerung, verloren, als die Blasen schließlich platzten.

Eine lesenswerte Polemik, mit Schaum vor dem Mund geschrieben, gespickt mit Verbalinjurien, wie alle Verschwörungstheorien stellenweise stark übertrieben und vereinfachend, natürlich auch einseitig, aber insgesamt gut informiert und schlüssig argumentiert. Für alle, die in Parlamenten, Notenbanken und Aufsichtsbehörden dabei sind, eine neue, weniger krisenanfällige Finanzarchitektur zu entwerfen, sollte die Lektüre von Matt Taibbis “The Great American Bubble Machine” Pflicht sein. Das Treiben der Investment Banken wird selten genauer unter die Lupe genommen, weil die Materie – anders etwa als Umweltzerstörung, die Formel 1 oder Hartz IV – nicht leicht zugänglich ist und ihre Vertreter stets äußerst seriös und kompetent auftreten. Taibbi will das ändern, denn “wenn Amerika ein Spülbecken ist, in dem sich das Wasser um den Abfluss dreht, dann ist Goldman Sachs der Abfluss.” Das ist natürlich ein unappetitliches Bild, wie einige andere auch, und es erleichtert nicht gerade die Akzeptanz seiner Botschaft bei den gebildeten Ständen.

Dennoch ist die Schlussfolgerung ernst zu nehmen: Wir haben es zu tun mit einer “bedauerlichen Lücke im demokratischen Kapitalismus westlicher Prägung, dessen zentrale Steuerungsparameter freie Märkte und freie Wahlen sind; niemand hatte je daran gedacht, dass organisierte Gier einer dezentralen Demokratie in finanziellen Angelegenheiten stets überlegen ist”, oder, um es in der Terminologie der Ökonomen auszudrücken, dass es im Finanzsektor regelmäßig und nicht nur zufällig zu sogenannten externen Effekten zulasten Dritter kommt. Nur durch strenge Regeln und Auflagen können diese Effekte verhindert oder zumindest gemildert werden – am besten international abgestimmt.

Goldman Sachs ist nicht gleichzusetzen mit dem Finanzsektor insgesamt, aber es ist die profitabelste, größte und “innovativste” Bank der Welt, und seit dem Ausscheiden und Schrumpfen wichtiger Konkurrenten ist sie einflussreicher denn je. Wer Wall Street sagt, hat vor allem Goldman Sachs im Sinn. Anderthalb Jahre, nachdem die Bank vom Staat vor dem Konkurs gerettet wurde, konnte sie schon wieder einen Jahresgewinn von 13,4 Milliarden Dollar sowie im Durchschnitt je Mitarbeiter Gehälter und Boni von fast 500.000 Dollar vermelden, kaum weniger als im Bubble-Jahr 2007 (diese Zahlen finden sich in Taibbis jüngstem Artikel “Wall Street’s Bailout Hustle“, der am 4. März in der amerikanischen Printausgabe von Rolling Stone erschien). Goldman Sachs ist der Primus inter pares der sechs amerikanischen Megabanken – die anderen sind Bank of America, JP Morgan Chase, Citigroup, Wells Fargo und Morgan Stanley.

In einem neuen Buch von Simon Johnson und James Kwak (der eine vom MIT, der andere ein ex-McKinsey-Mann) werden diese Institute als neue Oligarchen bezeichnet. Oligarchen schwächen die Demokratie und verhindern einen echten Wettbewerb: “… mit ihren guten Beziehungen und ihren Spenden sind sie in der Lage, Gesetze und Regulierungen in ihrem Sinne zu beeinflussen.” Da sie, wie selbst “Maestro” Alan Greenspan einsieht, inzwischen “too big to fail” sind, sollten sie in kleinere Einheiten zerlegt werden. Das Aufbrechen von Standard Oil im Jahre 1911 oder der IG Farben nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich im Nachhinein als sehr positiv erwiesen. (Das Buch heißt “13 Bankers: The Wall Street Takeover and the Next Financial Meltdown” und ist bei Pantheon erschienen.)

Ich hatte am 4. November einen Gastartikel in der Börsen-Zeitung geschrieben, der sich mit der Frage beschäftigte, warum insbesondere die amerikanischen Banken so außerordentlich profitabel sind, warum zeitweise etwa 40 Prozent aller Unternehmensgewinne in den USA auf den Finanzsektor entfielen (vgl. die beigefügte Graphik), warum der Wettbewerb nicht funktionierte, und zu welchen Fehlallokationen volkswirtschaftlicher Ressourcen es dadurch kam. Es handelt sich um ein gravierendes und im Grunde strukturelles Marktversagen an einer zentralen Stelle der Volkswirtschaft. “Die Banken müssen auf ihre Kernaufgaben zurückgestutzt werden und dürfen nie mehr die Steuerzahler oder die Wirtschaftspolitik in Geiselhaft nehmen.” Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Leider gibt es immer wieder, und fast zwangsläufig, die sogenannte regulatory capture, bei der die Aufseher und Gesetzgeber nach einer Weile auf einmal im Boot derjenigen sitzen, die sie beaufsichtigen sollen. Das passiert vor allem dann, wenn die Materie kompliziert ist – wie etwa bei derivativen Produkten.

Grafik: Gewinne des US-Finanzsektors - 1950-2009Q3

Zurück zu Matt Taibbi: Er schildert anhand der Geschichte von Goldman Sachs, wie durch die systematische Verquickung von Finanzen, Geldpolitik, Aufsicht und Gesetzgebung in großem Stile Geld verdient wird. Bislang ist es noch nicht gelungen nachzuweisen, dass die volkswirtschaftliche Produktivität durch neue Finanzprodukte nachhaltig verbessert werden kann. Nur dadurch ließen sich die exorbitanten Gewinne der Banken rechtfertigen. So aber haben wir es mit einem massiven Marktversagen zu tun, gepaart mit einer unfairen Einkommensverteilung.

Es ist eine lange Geschichte, und sie beginnt gegen Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit dem Bubble Nummer 1: Das heiße Finanzprodukt jener Zeit waren die Investment Trusts, an denen sich, befeuert durch kreditgetriebene Wertsteigerungen, immer breitere Schichten der Bevölkerung beteiligten. Alte Anleger wurden durch die Einzahlungen neuer Anleger, die Kursgewinne und Liquidität bedeuteten, in Sicherheit gewogen. Es kam zu einer gewaltigen Kreditpyramide und einer allgemeinen Euphorie, an deren Ende der Crash von 1929 stand. Real hatten die Aktienkurse laut Robert Shiller erst 1966 wieder das Niveau dieses Jahres erreicht, so lang und tief war die Depression, die auf den Crash folgte. Die Goldman Sachs Trading Corporation war ein Hauptakteur in diesem Geschäftsfeld. Gerechnet in heutigen Dollars beliefen sich ihre Verluste auf nicht weniger als 475 Milliarden Dollar, eine unvorstellbare Summe. Mir ist nicht klar, und Taibbi erklärt es auch nicht, warum Goldman Sachs dennoch überleben konnte. An der Stelle ist seine Analyse etwas dünn. So oder so, Goldman Sachs überlebte jedenfalls.

65 Jahre später war die Bank, die inzwischen den Ruf hatte, die klügsten Köpfe der Branche an sich zu binden, stärker denn je und hatte ein neues lukratives Geschäftsfeld entdeckt, die IPOs, die Initial Public Offerings, also die Börseneinführung von jungen Unternehmen. Goldmans früherer Co-Chairman Robert Rubin war zusammen mit Larry Summers und Alan Greenspan zum wichtigsten Wirtschaftsberater von Bill Clinton geworden. Unter seiner Ägide wurden die Regeln der Börseneinführung entscheidend zugunsten der Banken geändert: Seit den dreißiger Jahren galt, dass nur solche Unternehmen an die Börse gebracht werden durften, die mindestens fünf Jahre im Geschäft waren und in drei aufeinander folgenden Jahren Gewinne gemacht hatten.

Es gelang den Akteuren an der Wall Street, diese Regeln aufzuweichen. Auf einmal war es möglich, Unternehmen an die Börse zu bringen, die noch nicht einmal in absehbarer Zukunft profitabel sein würden. Der Weg für den Bubble Nummer 2 war frei. Goldman Sachs war der König der IPOs und verdiente bei jeder Börseneinführung, für die die Firma die Führungsrolle innehatte, sechs Prozent oder mehr der Emissionssumme.

Eine entscheidende Strategie bestand daran, durch sogenanntes laddering den starken Kursanstieg junger Aktien in den Wochen nach ihrer Platzierung praktisch zu garantieren, was wiederum den Verkauf weiterer Papiere erleichterte. Goldman Sachs bot seinen besten Kunden die Aktien zum niedrigen Emissionspreis an, und zwar unter der Bedingung, dass sie später am offenen Markt weitere Aktien kaufen mussten. Wer also früh einstieg, konnte mit satten Gewinnen rechnen. An Nachfrage fehlte es anfangs ja nicht.

Eine andere beliebte Strategie (“spinning“) bestand laut Taibbi darin, den Vorständen der jungen Unternehmen Aktien zu sehr niedrigen Einstandskursen zu überlassen, gegen die Zusicherung, dass die Bank auch bei künftigen Kapitalmaßnahmen eine Führungsrolle spielen würde. De facto handelte es sich um ein Geschäft zulasten Dritter, nämlich der nichtsahnenden außenstehenden Aktionäre.

Am Ende, als die Internet-Blase platzte, wurden allein an der NASDAQ Buchgewinne von etwa 5.000 Milliarden Dollar vernichtet, mehr als ein Drittel des amerikanische Sozialprodukts. Goldman Sachs aber hatte seinen Mitarbeitern von 1999 bis 2002 28,5 Milliarden Dollar an Gehältern und Boni gezahlt, 350.000 Dollar pro Mitarbeiter und Jahr. Zwar kam es zu einigen Klagen seitens übervorteilter Aktionäre, aber die Strafen, die die Aufsichtsbehörde SEC verhängte, waren geradezu lächerlich gering im Vergleich zu den Einnahmen der Mitarbeiter. Sie hatten ihre Schäfchen rechtzeitig ins Trockene gebracht.

Bubble Nummer 3 folgte auf dem Fuße: der amerikanische Immobilienboom. Er zeichnete sich dadurch aus, dass es auf einmal für jedermann möglich war, sich ein Haus auf Pump zu kaufen, und zwar selbst dann, wenn keinerlei Eigenkapital vorhanden war. Oft war noch nicht einmal der Nachweis erforderlich, dass Schuldner einer regelmäßigen Arbeit nachgingen oder ein regelmäßiges Einkommen hatten. Den “Finanzingenieuren” von Goldman Sachs und anderen gelang es, unter freundlicher Mithilfe der Rating Agenturen aus Müll Gold zu machen, wie sich Taibbi ausdrückt. Die im Grunde wertlosen Hypotheken wurden zu neuen Wertpapieren gebündelt und an gutgläubige Investoren verscherbelt – nicht zuletzt an die Landesbanken, aber auch an Pensionskassen und Versicherungen in der ganzen Welt: Bei gegebenem Rating wiesen die Papiere eine überdurchschnittliche Rendite auf, was sie aus Anlegersicht unwiderstehlich machte.

Als dann seit 2006 die Erträge ausblieben, die Hypotheken nicht mehr bedient werden konnten, weil ein Überangebot an Häusern auf den Markt drückte, kam es zum Crash, der bis heute noch nicht ausgestanden ist. Viele Millionen amerikanische Haushalte und tausende kleine Banken sind nach wie vor finanziell unter Wasser und müssen ihre Bilanzen wieder in Ordnung bringen. Vorher können sie nicht daran denken, mehr zu konsumieren oder zusätzliche Kredite zu vergeben. Zur Zeit werden nur ein Drittel so viele Häuser gebaut wie zu den Spitzenzeiten in der Mitte des Jahrzehnts. Goldman Sachs aber war in der Lage, seinen Mitarbeitern im Jahr 2006 im Durchschnitt 622.000 Dollar zu zahlen.

Als nächste Goldgrube erwies sich für Goldman Sachs der Ölpreisboom: Die Preise waren von Anfang 2002 bis Mitte 2008 von 20 auf 145 Dollar je Fass geklettert, und die Analysten der Bank hatten sogar 200 Dollar als Zielmarke ausgegeben. Als sehr profitabel erwiesen sich in jüngster Zeit zudem die politischen Manöver im Verlauf der staatlichen Rettungsaktionen für den amerikanischen Bankensektor. Kurzzeitig war Goldman Sachs offenbar am Rande des Untergangs, am Ende aber stand die Bank wieder kerngesund da und konnte seine Mitarbeiter so fürstlich belohnen wie eh und je. Ich will hier nicht näher auf die Details eingehen, schon weil es ein ziemlich technischer Text würde. Ich empfehle Taibbi.

Der Widerwille, sich mit solchen Details zu beschäftigen, ist einer der Hauptgründe, weshalb diejenigen, die davor keine Scheu haben, so viel Geld verdienen können. Es fällt übrigens auch den meisten Ökonomen nicht auf, wie der Markt im Finanzsektor immer wieder auf’s Neue ausgehebelt wird. Ihnen ist vielfach nicht klar, dass der Bankenmarkt eine viel größere Bedeutung für unseren Wohlstand hat als die übrigen Märkte für Güter und Dienstleistungen, und dass ihm mit einfachen Modellen nicht beizukommen ist.

Taibbi meint, dass der Handel mit Emissionsrechten die nächste große Blase werden könnte. Die Banken und ihre Händler, Goldman vorneweg, stürzen sich zur Zeit auf das Geschäftsfeld. Er fragt, meiner Ansicht nach zu Recht, warum die Umwelt nur auf diese Weise gerettet werden kann, warum nicht einfach, und ohne gut verdienende Mittelsleute, durch Auflagen und Steuern. Das reicht, wie wir gelernt haben, bei externen Effekten allemal. Den Steuerzahler würde es freuen. Der Emissionshandel ist schon wieder so eine komplizierte Materie, mit der sich weder das Publikum noch die Politiker gern beschäftigen!

58 Kommentare

  1.   keiner

    “Leider gibt es immer wieder, und fast zwangsläufig, die sogenannte regulatory capture, bei der die Aufseher und Gesetzgeber nach einer Weile auf einmal im Boot derjenigen sitzen, die sie beaufsichtigen sollen.”

    Und warum funktioniert das im Bereich der Arzneimittelzulassung ziemlich einwandfrei?

  2.   egghat

    Danke für die sehr schöne Zusammenfassung des (der) Artikel und für die Anmerkungen.

    Tja, die Macht der Investmentbanker. Was wäre es schön, wenn man diese brechen könnte. Normalerweise sollten sie Dienstleister für den Rest der Wirtschaft (also den realen Teil) sein und dementsprechende Margen haben. Aber nein, sie erfüllen ihre volkswirtschaftliche Funktion nur eingeschränkt und bekommen im Gegenzug für dieses (teilweise) Nichtfunktionieren noch unverschämte Margen.

    Nicht einmal der Börsengang von Google, der damals einfach in einem Versteigerungsverfahren festgelegt wurde (ohne die großen Magier bei den Investmentbanken zu fragen), hat zu einem Bruch dieses Tradition geführt. Heute macht das alles wieder ein Investmentbanker (plus Team), der damit wieder eine Menge Geld verdient. Dabei kann doch daran nicht so viel so Magisches sein … Das ist doch alles schon Zigtausendmak gemacht worden.

    Ist das eine Geschäftsidee? Discount-IPOs?

  3.   Michael

    Nun gut, die Goldmänner scheinen so ihre Besonderheiten zu haben, die zu Verschwörungstheorien und -wahrheiten durchaus einladen. Aber die Investmentbanken haben mit höchster Wahrscheinlichkeit doch Einiges mit den Bilanzierungsregeln in ganz tiefen Tresorkellern verbuddelt, was das Licht der Öffentlichkeit scheut. Seien wir froh, das es das Finanzsystem nicht völlig zerlegt hat. Da haben wir genug Zeit über ein neues Geldsystem nachzudenken und es ohne Panik einzuführen. Denn den nächsten crash überlebt das jetzige nicht mehr. Genaugenommen ist das heutige im Koma. Wir brauchen uns über solche Plattheiten, wie Griechenland nicht mehr ereifern, die Schulden sind weltweit aus dem Ruder gelaufen. Die Goldmänner haben ganz gewiß nicht “Gottes Werk” getan, andere aber auch nicht. Hätte niemand anders gemacht. Macht nix. Lassen wir die Schuldner noch etwas zappeln, die Deflation rafft noch einige dahin. Die Zahlen Q1/10 werden ganz ohne Goldmänner für die “besser als erwartet” Spielenden anspruchsvoll, ja, ja, immerhin man kann noch mal den morschen “General Winter” ausgraben, aber in Q2/10 wird es dann richtig peinlich. Die Fehler sind bekannt und das sind hier zu Lande an erster Stelle Probleme der Einkommensverteilung und Billiglöhne im Vergleich zu den Preisentwicklungen. Und das hat nun mal Ursachen, die nicht über Nacht entstanden sein können.

  4.   Ted Kug

    Und sollte eines Tages wieder eine Revolution gegen diese Herren kommen, dann wird man sich noch wundern, woher der Zorn plötzlich kommt.

  5.   politz

    Die Grafik zum Anteil des US-Finanzsektors an den Unternehmensgewinnen ist zwar interessant, aber in Teilen auch irreführend. Was uns interessiert und für Finanzblasen und den nachfolgenden Crash verantwortlich ist, sind die Gewinne der Investmentbanken (oder der Investmentabteilungen der Geschäftsbanken). In den Statistiken tauchen aber auch die normalen Geschäftsbanken auf, die derzeit rezessionsbedingt hohe Verluste erleiden. Also haben die US-Investmentbanken höchstwahrscheinlich mittlerweile einen so hohen Anteil an den Unternehmensgewinnen wie noch nie – kann das gut enden?

    Das ganze wird um so grotesker, als nun der “dritte Teil der Finanzkrise” ausgerufen wird, gleichzeitig aber die Börsen von einem Hoch zum nächsten schreiten und die Investmentbanken sich eine goldene Nase verdienen – an steigenden Aktienkursen, an steigenden Rohstoffpreisen und neuerlich auch (krisenbedingt!) an taumelnden Staaten und deren Schulden.

    Es gibt da einen Satz: Wenn etwas nicht weitergehen kann, wird es aufhören. Viel Raum für eine noch weitere Steigerung der Gewinne und der Boni gibt es garnicht mehr, ohne die Naturgesetze außer Kraft zu setzen oder sonstiges Unheil anzurichten. Jeder Politiker, der jetzt mit komplizierten Regulierungsvorschlägen aufwartet, kommt definitiv zu spät. Es hat Jahrzehnte gedauert, das Finanzsystem zu deregulieren – es wird mehr als ein paar Monate dauern, es wieder zu regulieren.


  6. @keiner

    Ist das so? …. spiegel.de/spiegel/…

    @DW

    Klasse Aufsatz! Wer kann da eigentlich noch behaupten, wir hätten funktionierende Märkte? Denn: In vielen anderen (vor allem global bedeutsamen) Sektoren, die ebenfalls nur von ein paar großen Konzernen dominiert werden, läuft es ja im Grunde durchaus sehr ähnlich: Der Einfluss von Lobbyisten auf die Politik (Rahmenbedingungen, Fördermittel und staatliche Auftragsvergabe), Kartelle und Wettbewerbsbeschränkungen (z.B. Microsoft, Intel), Fantasiepreise (z.B. bei Strom, Gas, Medikamenten), der großflächige Einsatz von Schmiergeld (z.B. Siemens, MAN, Daimler), Schubladenpatente etc. – die ganze Klaviatur wird genutzt.

    Wirklich ein Witz ist es allerdings, dass die Ökonomen oligopolistische Märkte mit einer geringen Anzahl großer Spieler nach wie vor ( und schon seit den späten 1930er Jahren) als ideal für funktionierende Märkte respektive funktionierenden Wettbewerb betrachten, das heißt, sowohl für gesamtwirtschaftliche Effizienz als vor allem auch für Innovation und Wachstum.’

    Nichts davon haben wir zurzeit!

    Vor diesem Hintergrund ist es ja in der Tat naheliegend zu fragen, ob die Ökonomen überhaupt wissen, unter welchen Voraussetzungen Märkte tatsächlich so funktionieren wie man es erwartet? Den Lobbyismus zurückdrängen und die Regeln ändern – beides Aufgaben, an denen die Politiker bisher schon scheiterten – reicht nicht aus. Wir haben hier massive marktstrukturelle Probleme vorliegen, die man intelligent wird lösen müssen.


  7. So sehr man die Wut vonn Matt Taibbi nachvollziehen kann, so muss man wohl doch konstatieren, dass die USA als ganzes von dem “System Goldman Sachs” noch profitierten. Die Erträge aus Unternehmensteuern, Einkommenssteuern der Boni-Bezieher konnten jahrelang überdecken, dass die Erträge aus den “klassischen Industrien” immer weniger wurden. Letztlich hing ein Großteil des Status als Supermacht an den Erträgen aus dem Finanzsektor, welcher als gigantisches Förderband für Geld aus aller Welt diente. Welches Interesse sollte also die amerikanische Regierung ernsthaft haben diesen Goldesel zu schlachten!?
    Die Frage dürfte also sein, wie lange spielt der Rest der Welt dieses Spiel noch mit. Denn würde es sich auf ein “Nullsummenspiel” für die USA alleine reduzieren, gäbe es dort sicherlich genügend Druck um dem Treiben der “Blasenbauer” Einhalt zu gebieten.

  8.   Harry Haller

    Vielen Dank für den interessanten Artikel und Hinweis.
    Wenn das mit den Emissionsrechten wirklich so wird wie vermutet, würde ich mich sehr freuen. Die Kritik an diesem System (und dessen Umsetzung) ist alt und fundiert, wenn es mithilfe von GS letztlich zu Fall gebracht wird, taugen sie ja doch was. 😉

    Grüße

  9.   Fabio

    Dafür, daß der Artikel ja so polemisch ist, eine “Verschwörungstheorie” (the dumme Ausrede of last resort) darstellt und in einer irgendwie “unseriöseren” Zeitschrift erschien, ist die inhaltliche Kritik ja recht dünn. Stattdessen übersetzt der Autor von der großen großen ZEIT brav, was Taibbi schreibt und findet inhaltlich nicht wirklich ein Haar in der Suppe.
    Wie sagte Taibbi so schön: “It’s pathetic that the real reporting has been left to a music magazine and some independent bloggers.”

    Bye bye old media.

  10.   GeorgT

    Vielen Dank fuer diesen Artikel. Ich spuere einen “Wind of Change”.
    Zur Sache. Wenn ich die Anomietheorie von Robert K. Merton heranziehe stellt sich die Sache wie folgt da.

    Das alles dominierende kulturelle Ziel in unserer Gesellschaft ist Dank neoliberaler Indoktrination seit fast 30 Jahren auf allen Ebenen: “Geld machen”

    Nach Robert K. Merton ergeben sich 5 Optionen

    Aus Wikipedia
    Zitat
    1) Konformität: Kulturelle Ziele werden akzeptiert, die legalen Mittel zur Erreichung sind vorhanden.
    2) Innovation: Kulturelle Ziele werden akzeptiert, die Mittel zur Erreichung sind nicht vorhanden und werden durch illegale Mittel ersetzt.
    3)Ritualismus: Kulturelle Ziele werden akzeptiert aber individuelle reduziert damit die legalen Mittel zu ihrer Erreichung genügen.
    4)Rückzug: Kulturelle Ziele wie auch legale Mittel werden abgelehnt (Folge: Selbst- oder Fremdexklusion).
    5)Rebellion: Kulturelle Ziele und legale Mittel werden aufgegeben und sollen durch neue ersetzt werden.
    Zitatende
    Da nur noch einer sog. Elite der Weg der Konformitaet offen steht, sehen wir ein Ausweichen der Mehrheit auf die verbleibenden 4 Optionen.

    Wenn der Gesetzgeber dies vermeiden will, bleibt nichts anderes als per Gesetz die Sozialpflichtigkeit des Eigentums nach grundgesetz Artikel 14,2 durchzusetzen. D.h. Beschraenkung der exklusiven Eigentumsrechte zur Vermeidung von Kapital- und Machtakkumulation.

    Krux an der Geschichte ist, dass die Indoktrination der neoliberalen Ideologien seit 30 Jahren auf allen Ebenen so einen Gedankengang dogmatisch ausgeschlossen hat. Durchgesetz wird dieses Dogma mit Hilfe einer fuenften Gewalt = Banken too big to fail, die mit Kapitalentzug droht.
    Desweiteren wird behauptet soetwas wuerde die Wettbewerbsfaehigkeit mit Volkswirtschaften, die keine reale Sozialpflichtigkeit des Eigentums etablieren, schmaelern. Dazu kann ich nur sagen, ich wuerde gerne auf den einen oder anderen Weltmeistertitel verzichten, wenn damit der Vernunft und der Menschlichkeit der Weg bereitet wuerde. Denn wenn nichts geschieht um das strukturelle Problem, dessen Verursacher Sie hier sehr zutreffend illustrieren, aufzuloesen, konvergiert es auf Option 5 zu. Dann ergeht es dem Neofeudalismus wie dem Feudalismus.
    Ich will keine Gewalt, aber wenn das neoliberale Dogma nicht aufgegeben wird, ist ihre Entstehung logisch zwingend
    vorgegeben. Dann wiederholt sich die Geschichte solange, bis
    das notwendige Verstaendnis hergestellt ist oder Mangels Menschheit nicht nicht mehr benoetigt wird.
    Und nun denken Sie bitte mal in diesem Zusammenhang ueber die Begriffe Finanzinnovationen (=Option2) und Fremdexklusion = Hartz4 (welche Ironie = Option4) nach.

    Sapere Aude!

    Georg Trappe