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Sparen ist eine schlechte Idee

Von 19. Mai 2010 um 15:05 Uhr

Spanien, Portugal und erst recht Griechenland sollen jetzt sparen bis zum Umfallen, sonst würden sich die Finanzmärkte gar nicht mehr beruhigen. Und nicht nur die Problembären der Eurozone sollen sparen, auch der Rest, Deutschland und Frankreich voran. Sarkozy und Merkel haben das schon mal angemerkt. Es ist richtig, dass die öffentlichen Haushalte durch die Krise (Bankenrettung und Konjunkturhilfen) arg gebeutelt wurden, und dass man in der mittleren Frist die Schulden auch wieder abbauen muss.

Dabei gibt es nur einige Fragen. Erstens, wenn die Staaten der Eurozone jetzt sparen, machen sie da nicht das zarte Pflänzchen Konjunktur, das jetzt anfängt zu sprießen, gleich wieder kaputt? Und zweitens, wenn dem so sein sollte (was sehr wahrscheinlich ist), was passiert dann mit den Einnahmen aus Steuern und Abgaben? Richtig, sie werden weiter sinken, und damit die Sparabsicht der Regierungen durchkreuzen. Wenn der Staat zu viel spart, reißt er die ganze Wirtschaft mit sich – und die Defizite werden dann genauso hoch, wenn nicht sogar höher sein als vorher. Das Bundesfinanzministerium oder die Forschungsinstitute sollten das doch mal ausrechnen: Welcher Effekt des Sparens wird denn überwiegen in nächster Zukunft?

Wie ich schon an anderer Stelle ausgeführt habe, ist das Sparen in der momentanen weltwirtschaftlichen Situation besonders schlecht, weil außer vom Staat von nirgendwo anders die Nachfrage kommt. Was die europäischen Regierungen jetzt trotzdem zur Verkündung verstärkter Sparanstrengungen treibt, ist der Griechenland-Schock – die Angst vor den Finanzmärkten, an denen sich plötzlich der Glaube an Staatspleiten breit macht und eine Panik auslösen kann. Aber sollte man Angst vor der Angst der Finanzmärkte haben? Schon der ehemalige US-Präsident Roosevelt wusste: “The only thing we have to fear is fear itself” – bevor er den amerikanischen Finanzsektor ordentlich an die Regulierungskandare nahm, um das unkontrollierte Auf und Ab an den Märkten zu erschweren.

Wie wirtschaftlich kontraproduktiv extrem restriktive Maßnahmen zur Beruhigung der Finanzmärkten sind, hat das unabhängige Evaluierungsbüro des IWF (IEO) schon vor einiger Zeit aufgeschrieben. In einem heute wieder hoch aktuellen Report aus dem Jahr 2003 analysieren die Ökonomen die IWF-Politikempfehlungen zur Fiskalpolitik in den Finanzkrisen der 90er Jahre, besonders in den Schwellenländern. Interessantes ist da zu lesen.

Zum Beispiel hat das IEO herausgefunden, dass der IWF oft viel zu ambitionierte Ziele für die Senkung der fiskalischen Defizite ausgegeben hatte. Eine Begründung für die harschen – und unrealistischen – Konsolidierungsvorgaben an die Staatsfinanzen war deren Signalwirkung an die Finanzmärkte. Der Mangel an Glaubwürdigkeit der Regierungen, so der IWF, müsse dadurch überkompensiert werden, indem die Staaten mehr konsolidieren als wirtschaftlich vernünftig wäre. Um es etwas anders zu sagen: Die Märkte müssen daran glauben, dass ein Land alles tut, um seine Schulden zu bezahlen. Das Problem dabei ist nur, dass das zu sehr hoher Arbeitslosigkeit führen kann, die mit klassischen keynesianischen Nachfrageprogrammen oft hätte vermieden werden können.

Was beim Konsolidieren im Hauruckverfahren passieren kann, haben besonders zwei viel gelobte Länder seit der Krise erfahren – Lettland und Estland. Die Finanzmärkte haben die Konsolidierungsbemühungen zwar damit belohnt, dass sie ihr Geld in den Ländern gelassen haben, und diese damit ihre Parität gegenüber dem Euro halten konnten. Der Preis dafür war bloß, dass beide Ökonomien jetzt an die zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit verzeichnen und die Wirtschaftsleistung um 20 und 25 Prozent gefallen ist. Glückwunsch, die Märkte glauben den Regierungen, wenn sie ihr Volk dermaßen bluten lassen, und lassen ihr Geld im Land. Das erinnert etwas an Ceausescu, den rumänischen Diktator, der sein Volk verhungern ließ, um für die Ehre des Vaterlandes jeden Dollar Auslandsverschuldung zurückzuzahlen.

Heißt das, dass Griechenland sich jetzt munter weiter Geld leihen sollte, um es auszugeben? Natürlich nicht. Es heißt aber, dass es wenig Sinn macht, überambitioniert zu sparen, weil damit die griechische Wirtschaft stärker belastet wird als nötig. Das hatte vor den Finanzmarkteskapaden um Griechenland auch die OECD so gesehen, wie Thomas Fricke recherchiert hat. Das große Sparen ist aber ganz sicher nicht für Spanien geeignet, dessen öffentliche Schulden zu Beginn der Krise sehr gering waren – 2007 lag die Schuldenstandsquote bei 36,2 Prozent des BIP. Spanien hatte nämlich im Gegensatz zu Griechenland seit der Euroeinführung keine nennenswerte Haushaltsdefizite und von 2005 bis 2007 sogar beträchtliche Überschüsse (zwischen einem und zwei Prozent des BIP).

Wer unbedingt weiter Geld ausgeben muss, sind Deutschland und Frankreich. Sie müssen damit ihre eigene Arbeitslosigkeit gering, ihre Wirtschaft am laufen und die Eurozone am wachsen halten. Jede Angst vor den Finanzmärkten wäre verfehlt, denn die lassen Länder auch fallen, wenn es kein Wachstum gibt.

Allerdings bleibt bei allen Fragen um die Fiskalpolitik das Problem der Wettbewerbsunterschiede im Euroraum unbeantwortet. Ob man Deutschland für seine reale Abwertung der letzten Jahre verantwortlich macht oder die Südländer für ihre Aufwertung, es bleibt, dass die realen Wechselkurse ein riesiges Problem für die Währungsunion sind.

Denn auch wenn die Löhne in Deutschland stark ansteigen würden (sehr unwahrscheinlich) und die Löhne in den südlichen Ländern nominal sinken würden (noch unwahrscheinlicher): Das könnte die großen Unterschiede schwer ausgleichen. Paul Krugman hat ausgerechnet, dass die Löhne der Defizitländer um zwanzig bis dreißig Prozent relativ zu Deutschland fallen müssten, um die realen Wechselkurse anzupassen. Lettlands riesenhafte Arbeitslosigkeit hat die Lohnkosten nur um fünf Prozent gedrückt, so Krugman. Wie viel Wachstum müsste in Deutschland entstehen, um nach der Lohnstagnation der letzten 15 Jahre die Lohnkosten schnell um zehn Prozent steigen zu lassen? Um wie viel mehr müsste die ohnehin schon hohe Arbeitslosigkeit der Südländer steigen, um die Lohnkosten um zehn Prozent oder mehr zu senken? Schon Keynes wusste in seiner General Theory, dass Lohnsenkungen dieser Größenordnung eigentlich nur in Diktaturen möglich wären. Krugman hat Recht, wir müssen uns sehr ernsthaft darüber Gedanken machen, wie es mit dem Euro weitergehen kann.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich bin gespannt wann das Prinzip des “paradox of thrift” (pimco.com/LeftNav/Featured+Market+Commentary/…) endlich ins Bewusstsein unserer Eliten einsickert.

    Aber selbst wenn man kapiert hat, dass es keine gute Idee ist, wenn alle sparen, dann muss man immer noch kapieren, dass man eigentlich kaum wirklich sparen kann. Was kann man denn schon in der Realität wirklich aufheben um es später zu verwenden also sparen, außer haltbaren commdities (Weizen, Zucker, Erdöl) und Gold?

    Wenn Geld sparen nicht heisst, dass wir es unter die Matratze stopfen, dann ist die wirkliche Frage was machen wir damit, also wem geben wir es d.h. in was investieren wir es.

    ‘Sparen’ d.h. Abbau der Staatsverschuldung heisst ja auch nur, den Gläubigern ihr Geld zurückzugeben (ohne es gleich wieder in Form neuer Schulden zurückzunehmen), d.h. die müssen ja auch irgendwas damit tun.

    Die Kardinalfrage ist also nicht ob, wo oder wieviel wir Sparen sollen, sondern wohin wir die produktiven Kräfte der Menschen und der Wirtschaft lenken sollen, also die Frage der ressource allocation.

    Hier ist bis auf den Ausbau der erneuerbaren Energien und Investionen in die Köpfe der Menschen leider in der öffentlichen Diskussion ein großes Defizit.

    Die zweite Frage ist dann WER das machen soll, Staat oder Markt (beide haben mittlerweile einen grässlich schlechten track record bezüglich der ressource allocation), d.h. ganz grob vereinfacht, ob der Staat die Steuern senken oder erhöhen soll.

    Wir sollten also nicht übers Sparen reden sondern übers investieren d.d. die ressource allocation.

    • 19. Mai 2010 um 15:38 Uhr
    • BMMayr
  2. 2.

    Um hier mal den Alt OB von Stuttgart Rommel zu zitieren: Sparen heißt, was man hat nicht auszugeben, nicht das was man nicht hat nicht auszugeben. Vor diesem Hintergrund erübrigen sich alle “wissenschaftlichen” Diskussionen über die Sinnhaftigkeit der “Sparmaßnahmen”.

    • 19. Mai 2010 um 16:19 Uhr
    • Christian Wagner
  3. 3.

    @BMWMayer: Wollte gerade schreiben: ERklären Sie das mal der schwäbische Hausfrau, und ZACK: Da kommt die doch schon um die Ecke…8-)

    • 19. Mai 2010 um 16:42 Uhr
    • keiner
  4. 4.

    @keiner

    Wenn Sie glauben ich vertrete den Standpunkt der schwäbischen Hausfrau, dann haben Sie mich falsch verstanden, oder ich mich falsch ausgedrückt. Nichts läge mir ferner als das zu vertreten, was Frau Merkel mit diesem Ausspruch nahelegen wollte.

    Fast jede schwäbische Hausfrau macht in Ihrem Leben mehr Schulden (oder ihr Equivalent) als Griechenland als Ganzes jetzt hat. Man nennt es nur nicht so. Kein Mensch kann Geld ausgeben, das er nicht hat. In Wirklichkeit bekommt man das Geld (oder ein anderes [Wirtschafts]Gut) sofort und geht dafür eine [Zahlungs]Verpflichtung für die Zukunft ein.

    Das tun alle Eltern auf der Welt auch die schwäbische Hausfrau. Der Unterschied ist nur, dass dieser Vorgang unterm Strich eine sinnvolle Investition darstellt.

    • 19. Mai 2010 um 18:55 Uhr
    • BMMayr
  5. 5.

    NEEEIIIN! Falsch verstanden, der Schwabe NACH ihnen war gemeint ;-)

    • 19. Mai 2010 um 18:59 Uhr
    • keiner
  6. 6.

    Das Hauptproblem mit dem Sparen ist doch, dass es mittelfristig immer eine gute Idee ist, kurzfristig aber nie :-)

    • 19. Mai 2010 um 20:36 Uhr
    • EuroOptimist
  7. 7.

    Ich finde gut, dass Sie vor einem einseitigen drakonischen Sparkurs warnen.

    Ich finde es auch erstaunlich, wie reflexhaft die Forderungen der Finanzmärkte immer wieder überaus ernst genommen und zudem noch als völlig alternativlos hingenommen werden.

    Ist es nicht erstaunlich, dass die Art, wie bezüglich Griechenland oder besser gesagt des Euros an den Finanzmärkten systematisch Druck aufgebaut wurde – mit Hilfe u. a. der Ratingagenturen -, um die Regierungen zu den angesprochenen drakonischen Sparmaßnahmen zu bewegen, sehr an die Dubai-Krise Ende vergangenen Jahres erinnert?
    Vielleicht ging es dort auch nicht nur um die Schuldenproblematik, sondern ebenso um die Währungsunion, die in den Golfstaaten immer mehr Gestalt annimmt und die das Ziel hat, die Abhängigkeit vom Dollar zu verringern – allerdings wurde das kaum beachtet.

    Drakonische Sparkonzepte, wie sie jetzt in Griechenland umgesetzt werden müssen, haben soweit ich es überschauen kann, noch nie einen Staat wieder nach vorn gebracht. Das hat sich schon in der Weimarer Republik gezeigt und immer wieder in verschuldeten Entwicklungsländern, in denen solche, vom IWF geforderten “Sanierungskonzepte” umgesetzt wurden. Ich kann gar nicht nachvollziehen, dass irgendjemand ernsthaft annehmen kann, dass ausgerechnet solche drakonischen (die Bezeichnung ist angebracht) Sparkonzepte jetzt in Griechenland, Spanien oder Portugal anders sein sollte! Davon profitiert niemand – außer vielleicht den Banken, die sich ihre Leistungen fürstlich honorieren lassen und mit staatlichen Garantien vom Risiko befreit werden.

    Ich persönlich denke, was wirklich nötig ist, ist ein neues Wachstumskonzept. Denn unsere wichtigsten Märkte weisen seit Jahren Sättigungskennzeichen auf und das ist das zentrale Wachstumsproblem.

    Aber da gibt es sicher unterschiedliche Auffassungen.

    Das letzte was wir allerdings jetzt gebrauchen können, ist, dass wir das Ziel des Erhalts, der Stabilität und der Stärke der Europäischen Währungsunion vor lauter nationaler und sonstiger Egoismen und Interessen oder auch schlicht vor lauter Angst aus den Augen verlieren.

    “Divide et impera!” ist kein hohler Spruch. Und was an den Finanzmärkten mit Blick auf den Euro geschieht, läuft genau darauf hinaus!

    Viele Grüße
    SLE

  8. 8.

    @ Fabian Lindner

    Wenn Sparen eine schlechte und in der momentanen weltwirtschaftlichen Situation eine besonders schlechte Idee ist, was ist dann eine gute?

    Benennen Sie das oder die Probleme, schlagen Sie Lösungen vor und begründen Sie, warum gerade diese unter den herrschenden Umständen anzustreben sind.

    Sorry, aber bis dahin erübrigt sich für mich die Diskussion über Ihren Beitrag.

    Als Beispiel dafür, was meiner Ansicht nach eine der Problemlage angemessene Analyse mit konkreten Lösungsvorschlägen ist, das Essay vom Jean Pisani-Ferry vom Think-Tank Bruegel in Brüssel:

    handelsblatt.com/meinung/essays/griechenland-krise
    -geordnete-insolvenz-soll-den-euro-retten

    • 19. Mai 2010 um 23:52 Uhr
    • Dietmar Tischer
  9. Kommentar zum Thema

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