So funktioniert Kapitalismus

Mit weniger Arbeit große Wunder schaffen

Von 28. Juli 2010 um 13:08 Uhr

Wahrlich, man muss schon von einem großen Wunder sprechen, wenn man sich die Entwicklung der deutschen Beschäftigung in der größten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression der 1930er Jahre anschaut. Die meisten anderen OECD-Länder hatten einen geringeren Rückgang der realen Wirtschaftsleistung zu verzeichnen als Deutschland – aber sehr viel höhere Beschäftigungsverluste. Tatsächlich ist die Zahl der Beschäftigten in Deutschland seit dem Ausbruch der Krise relativ stabil geblieben. Wie kommt dieses Wunder zustande?

Waren es die Hartz-Reformen, die den Arbeitsmarkt flexibilisiert haben? Oder die Lohnzurückhaltung der letzten 15 Jahre? Oder war es die Kurzarbeit? Einiges davon – nicht alles – hat sicher geholfen. Zentral war aber die Verkürzung der Arbeitszeit insgesamt. Sie hat den meisten Beschäftigten den Job gerettet.

Grafik: Wirtschaftseinbruch und Beschäftigung in Deutschland

Die Hartz-Reformen haben ganz sicher kaum etwas mit dem Erfolg auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu tun. Denn bei den Reformen ging es vor allem darum, die sowieso schon Arbeitslosen besser zu vermitteln und sie mit “Anreizen”, nämlich Kürzungen ihrer Ansprüche an den Sozialstaat, zur Aufnahme eines Jobs zu animieren. Bloß können solche Reformen kaum erklären, dass viele Unternehmen ihre Leute erst gar nicht entlassen haben. Die reformierte Arbeitslosenverwaltung und -versicherung kann nicht einspringen, wenn sie nicht in Anspruch genommen wird. Unmittelbar haben die Reformen also sicher nicht zum Wunder geführt.

Vielleicht aber mittelbar. Ein explizites Ziel der Reformen war, die Löhne insgesamt zu drücken, besonders im unteren Bereich. Die Lohnstagnation der letzten Jahre hat ja dazu geführt, dass die Gewinne der Unternehmen im Aufschwung geradezu explodiert sind. So konnten sie Rücklagen bilden, auf die sie in der Krise zurückgreifen konnten, ohne ihre Kosten durch Massenentlassungen reduzieren zu müssen. Sonst hätte es sicher noch mehr prominente Pleitekandidaten als Karstadt und Opel gegeben. Mit den Ersparnissen konnten sie zum Teil die in der Krise stark gestiegenen Lohnstückkosten finanzieren.

Aber die Lohnzurückhaltung im Aufschwung ist sicher nicht ausreichend dafür, den Arbeitsmarkterfolg in der Krise zu erklären. Denn irgendwie müssen die Unternehmen ja gerochen haben, dass der größte Einbruch des Wachstums seit dem Zweiten Weltkrieg nur von kurzer Dauer ist. Trotz Weltfinanz- und Wirtschaftskrise scheinen die Unternehmer nicht geglaubt zu haben, dass die Welt in eine neue Große Depression geraten könnte, das Welt-Finanzsystem kollabieren oder die Eurozone auseinander brechen würde – obwohl diese Horror-Szenarien nicht völlig unrealistisch waren. Hätten die deutschen Unternehmen allen Kassandra-Rufen geglaubt, hätten sie auch trotz Lohnzurückhaltung ihre Leute entlassen. Wer nicht an den nächsten Aufschwung glaubt, entlässt. So einfach ist das.

Joachim Möller, der Direktor des Nürnberger IAB argumentiert, die Unternehmen hätten unbedingt ihre gut ausgebildeten Arbeitnehmer halten wollen. Aber auch das Argument greift natürlich nur, wenn die Unternehmen das zum einen finanzieren können und zum anderen an den schnellen Aufschwung glauben.

Dazu kommt, dass eine ständige Lohnzurückhaltung, bei der die Arbeitnehmer noch nicht mal vom Aufschwung profitieren, eine sehr teure Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ist. Zum einen verstärkt sich die Ungleichheit zwischen Arbeitseinkommensbeziehern und Kapitaleinkommensbeziehern; zum anderen hat die Lohnzurückhaltung zu einer Stagnation des Konsums und gleichzeitig zu einer massiven Verbilligung deutscher Exporte geführt. Das Resultat sind riesige Exportüberschüsse und entsprechende Defizite in Griechenland, Spanien und Co. – und damit zum Teil auch die momentane Eurokrise. Kurz, die Lohnzurückhaltung hat große Kollateralschäden hinterlassen.

Wirklich zentral für den Erhalt von Arbeitsplätzen war die Verkürzung der Arbeitszeit. Sie hat es erlaubt, die Beschäftigten zu halten. Das zeigen Studien von Joachim Möller vom IAB und von Alexander Herzog-Stein und Hartmut Seifert vom WSI der Hans-Böckler-Stiftung. Die Flexibilität, im Aufschwung mehr und im Abschwung weniger zu arbeiten, wurde in vielen Betrieben schon vor der Krise vereinbart – insbesondere in den Wirtschaftszweigen, die vor allem für den Export produzieren, etwa in der Metallindustrie. Und gerade den Export hat die Krise am heftigsten getroffen. Hinzu kommt die von der Regierung subventionierte Kurzarbeit, die einen wichtigen aber eben nicht den alleinigen Beitrag zur Arbeitszeitverkürzung geleistet hat. Viele Unternehmen haben auch ohne Kurzarbeit ihre Mitarbeiter weniger arbeiten lassen. Eine Umfrage unter Betriebsräten, die das WSI durchgeführt hat, hat ergeben, dass dreißig Prozent der Unternehmen auf flexible Arbeitszeitregelungen gesetzt haben – die Kurzarbeit haben zwanzig Prozent genutzt.

Das hat zu einem erstaunlichen Effekt geführt: Obwohl das deutsche BIP so stark eingebrochen ist wie in keiner anderen Rezession seit den 70er Jahren, ist die Beschäftigung sogar leicht gestiegen – während sie in den anderen Rezessionen meist klar gefallen ist. (siehe Herzog-Stein und Seifert) Die Unternehmen haben in diesem Abschwung vor allem auf “interne Flexibilität” gesetzt, wie Arbeitsmarktökonomen das etwas sperrig nennen. “Interne Flexibilität” bedeutet, dass die Anpassung an den Markt und die Konjunktur nicht über Entlassungen stattfindet, sondern über flexiblere Arbeitszeiten und Löhne innerhalb der Unternehmen. Passt man sich so an die Konjunktur an, müssen Mitarbeiter nicht entlassen und in die ökonomische Unsicherheit gestoßen werden.

Auch das weist darauf hin, dass die Arbeitsmarkt-Reformen wenig mit dem Beschäftigungserhalt in der Krise zu tun hatten. Denn viele dieser Reformen – etwa der Leiharbeit, Minijobs etc. – zielten darauf ab, Arbeitnehmer leichter entlassen zu können, nicht darauf, sie flexibler weiter zu beschäftigen, wenn es mal schlecht läuft. Das deutsche Arbeitsmarktwunder spricht dafür, dass es wenig Sinn hat, den Arbeitsmarkt weiter von außen zu flexibilisieren, etwa indem der Kündigungsschutz gelockert wird. Die Sozialpartner in den Unternehmen haben gezeigt, wie sie Beschäftigung erhalten können. Die Mechanismen, die so etwas möglich gemacht haben, sollten daher eher gestärkt werden anstatt Tarifverträge oder den Kündigungsschutz auszuhöhlen.

Unternehmen in anderen Ländern – wie den USA, Spanien oder Irland – entlassen schneller ihre Leute. Dementsprechend ist dort ist die Arbeitslosigkeit trotz vergleichbarer oder sogar geringerer Wachstumseinbußen viel stärker als in Deutschland gestiegen. Auf diesen von so vielen deutschen Ökonomen herbeigesehnten Hire-and-Fire-Arbeitsmärkten sind die sozialen Folgen der Krise viel schlimmer als in Deutschland. In den USA lag die Arbeitslosigkeit im Mai bei knapp zehn Prozent, in Irland bei über 13 Prozent und in Spanien gar bei zwanzig Prozent (siehe OECD Factblog).

Übrigens wäre Arbeitszeitverkürzung vielleicht auch mittelfristig eine gute Idee für den Beschäftigungserhalt und -aufbau. Noch ist die Konjunkturkrise nicht ausgestanden. Aber selbst wenn, so kann es noch lange dauern, bis die Kapazitäten der Unternehmen voll ausgelastet sein werden. Dazu kommen die Risiken der Weltwirtschaft. Der Export trägt weiterhin das deutsche Wachstum, und damit ist die Entwicklung der Weltwirtschaft zentral für die Arbeitsplätze in Deutschland. Vielleicht stellt sich die Weltwirtschaft als robust und etwa China als neue weltweite Konjunkturlokomotive heraus, die die USA als großen Importeur ablösen kann. Wenn nicht, sind Wachstum und Beschäftigung weiterhin in Gefahr. Der Arbeitsmarkterfolg in der Krise hat allerdings gezeigt, dass weniger arbeiten nicht nur den täglichen Arbeitsstress reduzieren hilft, sondern gleich noch Beschäftigung erhält.

Leser-Kommentare
  1. 25.

    @Ich
    Was können Sie nicht nachvollziehen? Es ist doch Fakt, dass im letzten Aufschwung weniger neue Stellen geschaffen wurden als in früheren Aufschwungphasen. Und es ist ebenfalls Fakt, dass das BIP-Wachstum recht gering war für einen Aufschwung. Wenn das für sie ein Beschäftigungswunder ausmacht, unterbreite ich Ihnen gerne das gleiche Angebot wie HKaspar: Geben Sie mir von Ihrer nächsten Gehaltserhöhung etwas ab, damit die Steigerung nicht so hoch ausfällt und Sie von einem Gehaltswunder sprechen können.

    Sicher ist auch (!) das absolute Beschäftigungsniveau wichtig. Doch auch hier liegen wir bei den sozialversicherungspflichtigen Stellen tiefer als beim letzten Konjunkturhoch, auch das Arbeitsvolumen ist nicht höher als damals. Es wurde also lediglich anders verteilt, indem reguläre Jobs in Minijobs umgewandelt wurden. Dies ist m.E. jedoch gerade kein Erfolg, dann hätte man besser die Wochenarbeitszeit reduzieren können, so wie Fabian Linder es andeutet.

    Ferner kann man kaum Hartz für das – ihrer Meinung nach – relativ hohe Beschäftigungsniveau im Konjunkturtief 2005 verantwortlich machen. Die Hartz-Gesetze zielen darauf ab, Arbeitslose schneller in eine (neue) Beschäftigung zu bekommen, die Flexibilität zu erhöhen.

    Zudem wurde der Tiefpunkt der Beschäftigung 2003 erreicht, also in dem Jahr, in dem die ersten Hartz Gesetze gerade eingeführt wurden. Dort wäre das Niveau also auch ohne Hartz-Gesetze da gewesen, wieso hätte es da tiefer liegen sollen? Ab dann wurden jedoch weniger neue Stellen geschaffen als vorher und das Wachstum war schwächer als in der Vergangenheit. Wenn das für Sie ein Erfolgt ist, sollten wir uns vielleicht Gedanken über weitere Gesetze machen, die Wachstum und Beschäftigungsaufbau bremsen.

    Richtig, eingeführt wurden die Gesetze in einer Zeit schwachen Wachstums, aber das Wachstum ist ja nicht von alleine schwach, es war eine verfehlte Wirtschaftspolitik, die dazu geführt hat. Dies gilt umso mehr angesichts einer robusten Weltkonjunktur zu der Zeit, von der Deutschland eben erst sehr spät und unterdurchschnittlich profitierte. Und enorm profitiert hat Deutschland allenfalls von den festen Wechselkursen durch den Euro, die eine reale Abwertung innerhalb der Eurozone ermöglichten, die zu DM-Zeiten nicht möglich war. Nur so konnte sich Lohnzurückhaltung in gigantischen Exportüberschüssen niederschlagen, da keine nominale Aufwertung möglich war. Im Ergebnis trug der Außenbeitrag bis 2008 deutlich zum BIP-Wachstum bei, doch praktisch der gesamte kumulierte Beitrag wurde in der Krise in wenigen Quartalen vernichtet – eine tolle und nachhaltige Wirtschaftspolitik.

    Darüber hinaus stellt sich sowieso die Frage nach dem Sinn von Exportüberschüssen. Deutschland hat also Autos, Chemie und Maschinen exportiert und dafür letztlich ausländische Wertpapiere bekommen, die dann in der Krise abgeschrieben wurden. Gearbeitet wurde also umsonst, der Wohlstand wurde nicht erhöht. Gleichzeitig ist die Verschuldung des Auslands so massiv gestiegen.

    Ihrer Meinung nach sagt das die Statistik.
    Selbstverständlich gibt es mehr Menschen in Arbeit, weil Vollzeitstellen in Minijobs umgewandelt wurden. Mir ist schleierhaft, wie Sie das als positive Entwicklung sehen können, wenn Menschen nun Jobs haben, die nicht mehr zum Leben reichen und der Steuerzahler den Lohn dann subventioniert. Mit einer anderen Wirtschaftspolitik hätte man mehr reguläre Stellen schaffen können und genau das ist nicht passiert.

    Wer von der GKV in die PKV wechselt entlastet die GKV? Sicher kann das im Einzelfall passieren, aber kaum im Durchschnitt. Ebenso ist das andere von Ihnen skizzierte Szenario theretisch denkbar, aber eben nicht der Durchschnitt. Insgesamt gibt es heute weniger sv-pflichtige Stellen und die Löhne sind in den letzten Jahren auch nominal kaum gestiegen, daher haben die Beitragseinnahmen kaum zugenommen.

    2,5% Steigerung liegt etwas über der allgemeinen Inflation, doch ist diese weder unabhängig von den Gesundheitskosten noch von den Löhnen. Wären die Löhne um nominal 3,5% bis 4% gestiegen, wäre die Inflation auf Zielniveau der EZB gewesen, die Beitragseinnahmen wären gestiegen, der private Konsum hätte sich positiv entwickelt und es wäre nicht zu den gigantischen Ungleichgewichten in der Eurozone gekommen.

    Spekulation?? Die Reallöhne insbesondere der Gruppe mit hoher Konsumquote steigen nicht und der Konsum ist schwach….hmm….ja stimmt..hier einen Zusammenhang zu sehen ist hochspekulativ. Die Menschen hätten mehr Geld ausgeben können genau, wenn die Löhne gestiegen wären, sind sie aber nicht, u.a. weil die Hartz-Gesetze Druck gerade auf die untersten Löhne ausgeübt haben. Die Sparquote mag nun hoch sein oder nicht, sie kann aber bei den Menschen mit hoher Konsumneigung nicht weiter sinken, per definitionem nicht. Um die Sparquote zu senken, könnte man aber z.B. den Spitzensteuersatz erhöhen und die mittleren und unteren Einkommen entlasten, das würde den Konsum steigern und dann auch zu mehr Investitionen im Inland führen.

    Für Sie ist das also kein Problem, wenn im Inland nicht investiert wird? Und wie sollen dann neue Arbeitsplätze entstehen? Liegen zudem die privaten Ersparnisse über den privaten Investitionen, weist der Staat bei ausgeglichener Leistungsbilanz automatisch ein Defizit auf.

    Antworten

    • 29. Juli 2010 um 16:53 Uhr
    • Thomas Müller
  2. 26.

    Insgesamt ein wenig fraglich:
    - Es mag ja sein, dass im internationalen Vergleich Deutschland weniger Arbeitslose in der Krise erzeugt hat, aber: Was wird den da gemessen? Ab wann ist jemand in den USA oder in Spanien arbeitslos im Vergleich zu einem deutschen Arbeitslosen?
    Hier sollte man also erst einmal erklären, welche Zahlen man vergleicht.

    - gestiegene Lohnstückkosten? In Deutschland? In Vergleich zu wem?
    Wenn es also seit Jahren keine oder nur marginale Reallohnsteigerungen gab und gleichzeitig die Produktion gestiegen ist: wo ist da die Steigerung der Lohnstückkosten? Liesse ich evtl. noch für die Stahlverarbeitende Industrie gelten, weil dieser Rohstoff in den letzten Jahren enorme Preisschwankungen hatte. Und ein weiterer Punkt: Ein Grund für viele Unternehmen ihre Produktion nur teilweise in das Ausland zu verlagern waren die Lohnstückkosten: Hier gehört eben auch der Zugang zur Infrastruktur, Ausschussquote, tatsächlich geleistete Arbeitszeit usw. dazu. Einfach nur den Bruttolohn dem Produkt gegenüberzustellen ist so unglaublich vereinfachend, damit schafft man es auch in die BILD.

    Gruss,

    Levi R. Goldstein

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    • 2. August 2010 um 10:28 Uhr
    • Levi R. Goldstein
  3. Kommentar zum Thema

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