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China wird um eine Rezession herumkommen

 

Trotz der Zweifel, die ich zeitweise hatte, komme ich am Ende doch zu dem Schluss, dass das rasche Wachstum für eine ganze Weile anhalten wird. Selbst wenn es in den USA entgegen dem Konsens zu einer double-dip-Rezession kommen sollte – weil das Deleveraging (also der Abbau der Verschuldung) der privaten Haushalte noch nicht abgeschlossen ist – und die Konsolidierung der Staatshaushalte im gesamten OECD-Bereich gerade erst begonnen hat und damit die Nachfrage dämpft, dürfte die Weltwirtschaft weiter kräftig expandieren – nicht allein wegen, aber doch in erheblichem Maße dank China.

China hat die amerikanischen Verbraucher als globale Konjunkturlokomotive mehr als ersetzt. Das Erfreuliche daran ist, dass das einhergeht mit einem kräftigen Wachstum des Kapitalstocks. Der Konsum ist natürlich der eigentliche Zweck allen Arbeitens, aber wenn selbst dieser mit Raten von kaum weniger als 10 Prozent zunimmt, gibt es nicht viel zu meckern.

Dass die Konsumquote nur etwa halb so hoch ist wie in den USA ist eigentlich irrelevant – es kommt darauf an, in welchem Tempo sich der Lebensstandard verbessert. Da ist Einiges los: Von nun an werden beispielsweise jährlich mehr Autos zugelassen als in Amerika oder im Euroland. Auf den Straßen fahren zur Zeit 43 Millionen – in spätestens vier Jahren werden es 80 Millionen sein. Das Land wird auch dann noch untermotorisiert sein. In den USA gibt es 250 Millionen Fahrzeuge, bei einer Bevölkerung, die nur ein Viertel so groß ist wie die von China.

Die folgende Tabelle vermittelt einen Eindruck davon, wie groß das Aufholpotenzial ist und wie lange der Prozess dauern wird. Wissenschaftlichen Ansprüchen genügt die Berechnung des Konvergenzzeitraums allerdings nicht, wie leicht zu erkennen ist, wenn man sich die Annahmen einmal näher ansieht. Die USA haben heute unter den großen Ländern das höchste BIP pro Kopf und dienen daher als Referenz. China wird 31 Jahre brauchen, bis es den Gleichstand geschafft hat.

Aufholpotenzial der BRIC-Länder 
 

 

 

 

reales BIP
Ø-jährl. Wachstum
nom. BIP nom. BIP
pro Kopf
Bevölkerung
Ø-jährl. Wachstum
Konvergenz2)

mit dem
BIP pro Kopf
der USA
1999-2009 20101) 20101) 2005-2009
% Mrd. Euro Euro % Jahre
  (1) (2) (3) (4) (5)
Brasilien 3,3 1.476 7,638 1,1 126
Russland 5,3 1.110 7.908 -0,4 34
Indien 7,0 987 812 1,5 88
China 9,9 4.293 3.200 0,5 31
 
USA 1,9 11.283 36.367 0,9
Japan 0,7 4.178 32.776 -0,0
Euroland 1,3 9.237 28.580 0,6
Deutschland 0,8 2.505 30.575 -0,1
1) geschätzt
2) Land i hat nach … Jahren zum BIP pro Kopf der USA aufgeschlossen, unter der Annahme, dass im Land i und den USA das BIP jeweils konstant mit der jährl. Rate in Spalte (1) und die Bevölkerung jeweils konstant mit der jährl. Rate in Spalte (4) wachsen.
Quelle: IWF; eigene Berechnungen

 

Nebenbei: für die Umwelt hat der chinesische Aufholprozess schlimme Folgen. Schon jetzt ist die Luft in den drei Megastädten, in denen ich mit meiner Frau war, so verdreckt, dass wir in den zwei Wochen nur an einem Tag die Sonne gesehen haben! Die meiste Zeit betrug die Sicht bestenfalls einen Kilometer!

Die Hauptgründe dafür, dass es mit dem Wachstum einigermaßen reibungslos weitergehen kann, sind

  • die finanzielle Unabhängigkeit, die das Land durch eine nationale Sparquote von rund 50 Prozent und Währungsreserven von mehr als 2,5 Billionen Dollar erreicht hat,
  • sowie die zunehmende Dezentralisierung der Investitionsentscheidungen.

Auf längere Sicht ist der Bildungshunger der Mittelschicht vermutlich eine noch wichtigere Triebfeder. Da die Familien wegen der Ein-Kind-Politik so klein geworden sind, richtet sich das Streben der Eltern und Großeltern auf nichts so sehr wie darauf, dass der Nachwuchs eine möglichst gute Ausbildung bekommt, auch wenn das nicht billig ist. Nur dadurch kann die eigene Versorgung im Alter einigermaßen sichergestellt werden. Das ist übrigens eine der Erklärungen, warum die Sparquote so hoch ist. Auf dem Campus der Peking University, wo wir ein paar Tage wohnten, waren ständig ganze Heerscharen von Familien unterwegs: Wie uns gesagt wurde, sollte den Kindern nahegebracht werden, dass sie da eines Tages studieren könnten oder sollten. Wohlstand durch die richtigen akademischen Abschlüsse! Der Druck auf die Kleinen ist ungeheuer und Ganztagsunterricht die Norm.

Trotzdem muss all das nicht heißen, dass Rezessionen in China einfach ausfallen. Da die Staatsverschuldung gering ist und von Sättigungsgrenzen bei Konsum und Investitionen, bezogen auf das ganze Land, keine Rede sein kann, dürften Konjunkturprogramme aber nach wie vor greifen und den Wachstumsprozess in Gang halten. Platzende Blasen bei Immobilien oder Aktien sind vermutlich doch nicht so systemgefährdend wie in den reichen Ländern.

Es ist klar, dass die Bilanzen der Banken voll sein müssen mit Krediten, die nicht richtig bedient werden können. Die Parteichefs in den Regionen haben bis heute auf Teufel komm raus Geld bei den überwiegend staatlich kontrollierten Banken aufgenommen, um Autobahnen, Kraftwerke, Eisenbahnen, Flughäfen, Containerterminals und Prestigeprojekte aller Art zu bauen. Vielleicht vereinfache ich, aber ich habe von mehreren Seiten gehört, dass sie von der Zentrale den Auftrag hatten, ihren Beitrag zu leisten, damit der nationale Output weiter mit Raten von real 10 Prozent zunehmen kann. In China findet ein Wettbewerb zwischen den Regionen statt: Wer wächst am schnellsten? Danach richtet sich offenbar, wie weit man in der Hierarchie der Kommunistischen Partei aufsteigen kann. Das führt unter anderem dazu, dass es einen Wettbewerb um ausländische Direktinvestitionen gibt.

Schuldner und Gläubiger sind, viel mehr als etwa hierzulande, de facto ein und dieselbe Institution, nämlich der Staat. Auf der Produktionsseite dominieren nach wie vor die sogenannten SOEs, die state-owned enterprises, auf der Finanzierungsseite die großen Banken, die auch nach ihrer Börsennotierung mehrheitlich staatlich sind. Das verführt natürlich dazu, viele sinnlose Investitionsprojekte zu verwirklichen. Kreditzinsen, die gerade mal bei der Hälfte der Wachstumsrate des nominalen BIP liegen, sind ein anderer Grund. Der Steuerzahler ist also von vornherein im Risiko, so dass es keine Schocks geben kann, wenn die Schulden nicht zurückgezahlt werden.

Ein explosives Thema ist in China die sehr ungleiche Einkommensverteilung. Die monatlichen Mindestlöhne liegen bei 850 bis 1000 Renminbi, also 96 bis 113 Euro. Andererseits liegen die Preise für Eigentumswohnungen beim 15- bis 20-fachen des jährlichen Haushaltseinkommens, und die Straßen sind voll von neuen Autos.

Die neue Urbanisierungsstrategie der Parteiführung soll die sozial vollkommen ungeschützten Wanderarbeiter vom Lande (in Shanghai 5 Millionen, bei einer Gesamtbevölkerung von 18 Millionen) zurück in ihre Heimatprovinzen holen. Im Westen und Südwesten sind die Löhne nur halb so hoch wie in den Küstenstädten; auch die Landpreise sind niedrig. Es gibt so viele Wanderarbeiter, weil die Produktivität in der Landwirtschaft in großen Sprüngen zunimmt.

Das wird einen neuen Infrastrukturboom auslösen, der wiederum zu einem Schub im Wohnungsbau und bei den Unternehmensinvestitionen führen wird. Und der wiederum wird die gesamtwirtschaftliche Wachstumsrate für’s Erste im Zielbereich von 8 bis 10 Prozent halten.

Damit erhöht sich auch der Bedarf an Importgütern, sei es Energie, Rohstoffe, Kapitalgüter oder Konsumgüter. Im April 2010 lagen die Einfuhren von Produkten des Verarbeitenden Gewerbes um nicht weniger als 51,7 Prozent über ihrem Vorjahreswert. Von den 82,1 Mrd. Dollar entfielen allein 56 Prozent auf Maschinen und Transportgüter.

Deutschland profitiert als Exporteur ganz außerordentlich von diesen Trends – im April gab es nach chinesischen Statistiken nicht nur einen Handelsbilanzüberschuss von 1,3 Mrd. Dollar, die deutsche Exporte nach China von 6,3 Mrd. Dollar waren um ein Drittel höher als die Summe der französischen italienischen, britischen, belgischen und holländischen Exporte. Kein Wunder, dass sich eine deutsche Wirtschaftsdelegation nach der anderen in China die Klinke in die Hand drückt.