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Es gibt nichts zu verteilen – oder doch?

 

In den letzten Tagen ist – von Politikern der FDP, den Arbeitgebern aber auch vielen Kollegen – ein Satz besonders häufig zu hören:

«Was verteilt wird, muss erst einmal erwirtschaftet werden»

Das wird gerne als Argument gegen höhere Löhne, niedrigere Steuern oder eine Anhebung der Sozialleistungen vorgebracht. Doch wenn mit Adam Smith der Endzweck allen Wirtschaftens der Konsum ist, dann würde das Wirtschaften eingestellt, wenn – ein Extremfall – nicht mehr konsumiert würde. Das Besondere am Wirtschaftskuchen ist ja, dass er nicht kleiner, sondern größer wird, je mehr davon gegessen wird. Skeptiker vergleichen bitte die Entwicklung der Löhne und des Wirtschaftswachstums seit Beginn der Industrialisierung. Man könnte deshalb den Satz auch umdrehen.

«Erwirtschaftet wird nur, was auch verteilt wird»

Und noch etwas verschweigen die Verteilungsverneiner gerne. Denn natürlich wird immer etwas verteilt, wenn die Wirtschaft wächst. Der Satz, es gebe nichts zu verteilen, meint – in marxistischer Terminologie – zumeist, es gibt nichts für die Arbeit, weil das Kapital das Mehrprodukt einstecken will. Das kann manchmal gesamtwirtschaftlicher Perspektive sinnvoll sein, derzeit ist es das in Deutschland aber wohl eher nicht.

Und wenn der Staat sagt, es gebe nichts zu verteilen, weil das Geld für die Rückzahlung der Schulden verwendet werden muss, dann verteilt er auch. In diesem Fall an die Inhaber der Staatspapiere. Auch das ist nicht unbedingt schlecht – ich bin sogar dafür, wenn die Konsolidierung über höhere Steuern und nicht über niedrigere Ausgaben geschieht.

Aber man sollte Ross und Reiter schon benennen.

24 Kommentare

  1.   hk0815

    Der Zweck des Wirtschaftens ist die Befriedigung von Bedürfnissen nach Wirtschaftsgütern unter knappen Resourcen, wobei die Natur der Sache ergibt, dass nicht alle Bedürfnisse befriedigt werden können. Das Bedürfnis ist kein objektiv fassbarer Begriff, sondern bildet sich aus dem Horizont, dem Empfinden und der Anschauung eines jeden Wirtschaftssubjektes eigen. Hieraus folgt wiederum, dass Ökonomie nur im Verbund mit anderen Wissenschaften sinnvoll agieren kann, der ihr Begriffe des Zieles und der Verteilung formuliert. Über diese lässt sich immer vortrefflich streiten.

    Unstrittig sollte hingegen sein, dass weder die höchstmögliche Zahl aus einer mathematischen Abbildung auf einen nicht ausreichend verständigen Nutzen, weniger noch das Anschwellen der Bilanz in möglichst kurzer Zeit Selbstzweck der Wirtschaft sein können. So das Menschliche aus dem Menschlichen gelöst vergiert die Ökonomie als Zombi-Wissenschaft Ressourcen ohne tatsächliche Bedürfnisse. Dies ist Ineffizient.

    Angebot schafft Nachfrage und Nachfrage schafft sich mehr Nachfrage. Ich würde daher zuerst fragen, wer braucht denn noch was und haben wird das nicht schon?


  2. @ hk 0815

    “Ich würde daher zuerst fragen, wer braucht denn noch was und haben wird das nicht schon?”

    Wir alle brauchen Zukunftssicherheit, Nachhaltigkeit. Keiner kann sich das individuell kaufen. Und der Kuchen, den es zu verteilen gibt, wächst nicht unbedingt, wenn man nach Nachhaltigkeit strebt, wohl aber der Aufwand, die Arbeit. Es gibt bald in vielen Bereichen nichts mehr weiter zu verteilen, weil wir schon zu viel verteilt haben: etwa das Öl, die Fische. Es geht doch nun vor allem darum, der grenzenlosen Verteilung endlich Grenzen zu setzen. Investitionen nicht für mehr Konsum, sondern für mehr Zukunftssicherheit zu tätigen. Auch damit ließen sich die Produktionskapazitäten auslasten.

  3.   tk2002

    @hk
    Ich würde daher zuerst fragen, wer braucht denn noch was und haben wird das nicht schon?

    Nun ja, wenn Sie den Zustand der Infrastruktur anschauen, überhaupt “unsere” Investitionen in den Kapitalstock und dann noch ein paar Niedriglöhner oder “Hartzer” fragen, dann könnten Sie meiner Meinung anch durchaus zu dem Schluss kommen, dass noch recht viel gehabt werden will… 😉

  4.   Thomas Müller

    Der Satz «Was verteilt wird, muss erst einmal erwirtschaftet werden» ist für sich genommen nicht falsch, suggeriert jedoch, beides wäre unabhängig voneinander.

    Letztlich handelt es sich dabei um die Sinn’sche Argumentation, wenn man den Kapitaleignern nur genügend Anteil am erwirtschaftetten BIP lasse, würde mehr investiert, dadurch entstünden dann mehr Arbeitsplätze und so mehr Einkommen und wiederum mehr Konsum. In der Logik wächst der Kuchen also gerade, wenn er nicht gegessen (=konsumiert) wird, sondern wenn ein Teil..ok, das Bild vom Kuchen passt hier nicht mehr. Also wenn ein Teil der Weizenkörner nicht gegessen, sondern neu ausgesät wird. In diesem Bild denken die Vertretet solcher Sprüche vielleicht tatsächlich. Mehrproduktion kann es dort nur bei vorherigem Verzicht geben, ganz wie bei der schwäbischen Hausfrau.

    In diesem Sinne sollte eine Mehrproduktion dann natürlich auch nicht für höhere Staatsausgaben oder höhere Löhne verwendet werden, sondern möglichst den Kapitaleignern zufliessen, damit die weiter fleissig investieren können.

    Unsinnige Argumentation, aber in sich halbwegs schlüssig.

  5.   tk2002

    @tm… sondern möglichst den Kapitaleignern zufliessen, damit die weiter fleissig investieren können

    ..dazu gehört noch die komplette Ausblendung dieses Kapitalzuflusses in mehr oder weniger virtuelle “Finanzprodukte” auf sogenannten “Finanzmärkten”. Ersparnisse werden also nicht für Ninja-Kreditderivate verbrannt, sondern wirken nach seiner Doktrin immer real investiv. In einem hellen Moment sagte aber Sinn sinngemäß doch auch schon einmal: “Es macht keinen Sinn unsere Exportüberschüsse in ABS/CDS zu versenken”.

    Gespaltene Persönlicheit?

  6.   Thomas Müller

    Ohne Sinn in Schutz nehmen zu wollen, würde er das sowohl als markt- wie auch als Staatsversagen werten.

    In der Sichtweise dieser Leute gibt es keine Zeit, das Geld aus den CDOs usw. fliesst durchaus irgendwann in die Realwirtschaft, ohne den Faktor Zeit geschieht dies jedoch unmittelbar, es gibt dann keine Zirkulation außerhalb der Realwirtschaft. Das wäre für Sinn daher ermutlich nicht das Problem, sondern dass das Geld schlicht nicht sinnvoll investiert wurde. Hier haben dann in der Logik die Ratingagenturen versagt, die Käufer, aber eben auch der Staat, der nicht gut beaufsichtigt hat usw. Das Geld wurde also so fehlallokiert in überteuerte Häuser.

    Mal abgesehen vom Fehler, die Zeit einfach auszublenden, ist m.E. jedoch fraglich, ob es ohne CDOs besser gelaufen wäre. Wären die Exportüberschüsse in Unternehmensanleihen geflossen, wären dort die Zinsen (Risikoaufschläge) massiv gesunken und es wäre wohl dort zu Fehlallkokationen gekommen.

    Jedenfalls geht es Sinn keinesfalls grundsätzlich um die Vermeidung exzessiver Exportüberschüsse, Leistungsbilanzüberschüsse werden durchaus als Möglichkeit des volkswirtschaftlichen Sparens betrachtet.


  7. Unsere Gutmenschengesellschaft hat die hergebrachten traditionellen Begriffe verdreht. Einst hieß es: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Heute hingegen heißt es: Wer arbeitet, darf zum Dank auch noch bezahlen für alle, die nicht arbeiten.

  8.   tk2002

    @dunnhaupt
    Wer arbeitet, darf zum Dank auch noch bezahlen für alle, die nicht arbeiten.

    Genau, vor allem für die Rentiers und Erben.
    sueddeutsche.de/wirtschaft/701/468267/text/

    Ansonsten, lieber dunnhaupt:
    Es ist so infantil wie primtiv und schäbig, aus wohlhabender Position
    heraus ämeren Menschen Neid vorzuwerfen und sich dabei
    vorzumachen, man selber sei eben ein wertvolleres Exemplar der Gattung
    Mensch, weil man im Gegensatz zu diesen lästigen Niedrig- oder Nichtsverdienern einfach mehr Willen, Stärke, Kraft und Herrlichkeit aufgebracht hätte.

    Wir sollten uns nicht länger dem Menschenbild selbstherrlicher “Leistungsträger” unterwerfen, die Mitarbeiter unterhalb bestimmter Gehaltsgrenzen als Dispositionsmasse betrachten, und ihren Hass gegen die “Verlierer” immer unverhüllter auch in die politische Sphäre einbringen. Wir sollten zeigen, dass wir auch anders können, besser können. Amen 😉

  9.   hk0815

    @tk2002
    Mein Punkt war mehr, dass nicht alle Bedürfnisse erfüllt werden können und werden einige erfüllt, entstehen wieder neue. Deshalb ist es stumpfsinnig, schlicht irgendwelche statistischen Aggregate anziehen zu wollen. Man muss zur Erfüllung von Bedürfnissen auch Begriffe wie Normen, Sitte, Recht anwenden.
    Auch mal diese Aussage:
    “Und wenn der Staat sagt, es gebe nichts zu verteilen, weil das Geld für die Rückzahlung der Schulden verwendet werden muss, dann verteilt er auch. In diesem Fall an die Inhaber der Staatspapiere.”
    Um auf sowas zu kommen muss man erst mal jedes Verständnis von Individualität und persönlichem Eigentum fahren lassen.

  10.   Thomas Müller

    @hk0815

    Können Sie den letzten Satz bitte erklären. Und gerne auch, was Normane und Sitte mit diesem ökonomischen Problem zu tun haben.