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Ein Hoch auf diese Regierung

Von 25. November 2010 um 22:15 Uhr

Lassen Sie uns den Hut ziehen vor dieser Regierung! Wann hatte die Bevölkerung in Deutschland je eine in wirtschaftlichen Belangen ausgebufftere Regierung? Wann wurde das letzte Mal eine solch großartige Wachstumspolitik betrieben, die sich gleich dreier Schienen bedient? Dem Wechselkurs, den die Regierung elegant herunter redet, den Zinsen, die sie mit ihrem Insolvenzplänen für Euroland auf immer neue Tiefen fallen lässt, sowie einer gezielten Lohnstückkostensenkungspolitik, die die erarbeiteten Wettbewerbsvorteile zementiert? Was Kanzlerin Merkel samt ihren Beratern, den Herren Schäuble, Brüderle und Weber (Bundesbank) da zaubern, steht makromäßig den goldenen Zeiten eines Bill Clinton und Alan Greenspan in nichts nach. Ja, es ist schlauer.

Deshalb bin ich auch für das nächste Jahr recht optimistisch, was das Wachstum in diesem unseren Lande betrifft. Bei einer solch grandiosen Steuerung sind gut und gerne mehr als 2,5 Prozent Wachstum drin. Die langjährigen Freunde des HERDENTRIEB merken es spätestens hier: Die Wachstumswette ist mal wieder fällig, wie jedes Jahr zum Geburtstag dieses Blogs. Mit ihr begann alles im November 2005. Waren meine ersten vier Wetten gut bis spektakulär (die erste), so war die letzte vom November 2009 geradezu beschämend schlecht. Ich habe zweierlei vollkommen falsch eingeschätzt. Das eine tut weh: die Wirkung der Konjunkturprogramme. Das andere hätte ich mir selbst im Traum nicht ausmalen können: diese verdammt schlaue Regierung.

Deutschland ist eine Exportnation, klar. Und für eine Exportnation ist der Wechselkurs nicht unwesentlich. Wissen Sie noch, wo der Dollar/Euro-Kurs vor einem Jahr lag? Bei rund 1,50 Dollar je Euro! Und können sie sich vorstellen, wohin der Kurs marschiert wäre, wenn die Amerikaner ihrer laxen Geldpolitik – wie geschehen – gefrönt hätten, die Europäer aber mit dem Exit aus ihrer lockeren Geldpolitik begonnen hätten (das hatten die Herren Trichet und Weber tatsächlich vor, im Januar, Februar)? Dann stünde der Wechselkurs heute eher oberhalb der 1,80 Dollar als bei 1,70. Und wo liegt er tatsächlich? Bei 1,33! Das macht gut ein Prozent zusätzliches Wachstum aus, mindestens.

Wie hat es Angela Merkel geschafft, der deutschen Wirtschaft einen so vorzüglich niedrigen Wechselkurs zu zaubern? Sie hat einfach der ganzen Welt gezeigt, wie unglaublich wackelig die Konstruktion der Währungsunion ist. Sie hat im März und April die Investoren und Spekulanten aus dem Dämmerschlaf gerissen, als sie immer wieder betonte, Griechenland könne auch pleitegehen, Griechenland bekäme alles, nur keine Hilfen aus Deutschland.

Oberflächliche Gemüter (auch ich) haben das zunächst mit der Wahl in NRW in Verbindung gebracht. Aber heute wissen wir, dass es kalkulierte Makropolitik war. Schauen Sie nur auf den Dollar/Euro-Kurs. Er rasselte im Frühjahr bis auf 1,20 in die Tiefe, weil alle Welt glaubte, das letzte Stündlein des Euro habe geschlagen. Doch dann floss doch Geld für Griechenland, der Rettungsschirm wurde aus der Taufe gehoben, die Zentralbank durfte Anleihen kaufen. Alles Dinge, die sich ein strammer deutscher Ordnungspolitiker beim Abschluss meiner Wachstumswette im November 2009 nicht hätte vorstellen können. Aber gut, so pragmatisch ist sie halt unsere Angela Merkel.

Als dann der Fed-Chef Ben Bernake im Oktober sein irres Programm zur quantitativen Lockerung Nummer zwei auflegte und der Euro wieder über 1,40 Dollar sprang, da legte die Kanzlerin nach. Sie wolle einen dauerhaften Krisenmechanismus installieren, die privaten Gläubiger müssten zur Kasse gebeten werden, am besten alles bis 2013. Das hat sie das erste Mal für alle Anleger hörbar in Deauville verkündet (mit Sarkozy). Seither tobt die Euro-Krise wieder, aber der Euro hat zehn Cent abgegeben. Zehn Cent, die die heimischen Autobauer, Maschinenbauer, und all die anderen Exporteure gut gebrauchen können. Mag sich der Fed-Chef schwarz ärgern, gegenüber dem Euro wird der Dollar nicht schwächer.

Und der grandiose Nebeneffekt dieses Heraufbeschwörens der Euro-Krise sind die rekordniedrigen Zinsen. Schauen Sie sich mal die Entwicklung der langjährigen Zinsen in Euroland an! Dass die deutschen Zinsen wie jetzt nach unten abknicken, während der Durchschnitt der Anderen nach oben zieht, das gab es noch nie. Das verunsicherte Kapital aus Irland, Portugal, Spanien, Griechenland flieht in Bundesanleihen – und hält hierzulande die Zinsen so niedrig, wie sie noch nie waren. Das ist der Stoff, aus dem der Aufschwung ist. Die deutsche Wirtschaft wächst real um knapp vier Prozent, die zehnjährigen realen Zinsen (also abzüglich der Inflation) liegen deutlich unter zwei Prozent. Wow, was ne Party. Und die Notenbankzinsen liegen real leicht im negativen Bereich! Sie lägen ohne die Euro-Krise höher, weil dann die EZB mit dem Exit begonnen hätte.

Und last but not least: Die Regierung weiß, dass Deutschland rund 13 Prozent billiger produzieren kann als der Rest Eurolands (wenn man die Lohnstückkostenkurven zugrunde legt). Statt diesen Vorteil, der die Ungleichgewichte in Euroland befördert hat, abschmelzen zu lassen, tut sie fast alles, damit die Lohnstückkosten für die Unternehmen nicht ansteigen, zumindest nicht die Lohnnebenkosten. In der Gesundheit ist der Ausstieg aus der paritätischen Beteiligung von Unternehmen und Arbeitnehmer schon beschlossen, die Pflegeversicherung soll teilweise auf Kapitaldeckung umgestellt werden und wenn Steuern erhöht werden, dann die auf Tabak oder den Konsum, was man unter dem Schlagwort Mehrwertsteuerreform verkauft. Nun gut, die Unternehmen wird es nicht treffen und das ist doch eine tolle Nachricht für den Arbeitsmarkt. In welchem Land brummt es gerade so wie in Deutschland, wo werden sonst noch Beschäftigungsrekorde gebrochen? Richtig: Nur noch in den Emerging Markets.

Wenn die realen Zinsen unterhalb des realen Wirtschaftswachstums liegen, dann geht es der Konjunktur gut. Liegen sie nur halb so hoch, dann geht es der Konjunktur prächtig. Das ist die Situation in Deutschland. Ob die Löhne tatsächlich steigen, ist unwesentlich. Die realen Zinsen sind es. Und auch beim Blick auf die zwei Charts, die ich immer in meinen Wachstumswetten bringe, spricht nichts gegen ein hervorragendes 2011.

Grafik: Bank Lending Survey - Kreditstandards - 10Q3
Grafik: Bank Lending Survey - Kreditnachfrage der Unternehmen - 10Q3

Topp, die Wette gilt: Die deutsche Wirtschaft wächst 2011 um 2,5 Prozent und mehr – und mögen die Bürger Griechenlands, Irlands, Portugals und Spaniens noch so leiden.

Kategorien: Die Heusinger-Wetten
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Naja, der Euro faellt ja jetzt schon seit einigen Jahren. Unter anderem gegen USD, ganz zu schweigen von Gold, da macht ueberhaupt keine Papierwaehrung eine gute Figur. Es liegt ganz einfach daran, und das erwaehnen Sie mit keinem Wort, dass weltweite, zum Grossteil von deutschen Banken arrangierte, Schuldentuerme dieses deutsche Wirtschaftswachstum finanzieren. Diese Wette lief noch 2007 einigermassen, (damals noch kleine vendor finance modelle wie GE, VW, Daimler etc etc) aber fuer 2011 waere ich mir nicht so sicher. Emerging Markets haben sie kurz erwaehnt, aber vergessen, dass das die Grosskunden Deutschlands sind im High Tech Bereich zum Beispiel. In Sachen Kreditwuerdigkeit wahrscheinlich ein Upgrade zu Eurostaaten, ganz sicher besser in Sachen systemisches Risiko. Trotzdem muss China 25m Jobs im Jahr schaffen, damit alles einigermassen friedlich bleibt im Land. Daher besteht immer das Risiko, dass den Kunden die Kauflust ausgeht. China geht wahrscheinlich davon aus, dass die deutschen Finanzexperten nicht auch noch die Volkswirtschaft Chinas “garantieren” wollen. Obwohl, dass Porsche erst vor kurzer Zeit VW uebernehmen wollte ohne wirklich die Mittel dazu zu haben, haben ja auch schon alle vergessen. Ich denke man ueberschaetzt sich ein wenig in Deutschland, im Moment, man ist gerade dabei sich finanziell zu uebernehmen. Die Rentenmaerkte werden entscheiden wie weit gegangen wird, Herr Weber hat es ja bereits kurz erwaehnt..

  2. 2.

    Selbst wenn Herr Heusinger recht hat mit seiner Wachstumsprognose, dann darf man nicht den Fehler machen sich glücklich zurückzulehnen und zu sagen: Na, dann ist ja alles gut.

    Die Situation ist ja folgende:

    Wir wachsen und erzielen Exportüberschüüse, das heißt die realen Waren verlassen das Land und Deutschland bekommt Geld. Das Geld bekommen aber die Leute, die schon in den letzten Jahren gezeigt haben, dass sie häufig nicht damit umgehen können. D.h. es wird nicht sinvoll in produktive Aktivitäten investiert, sondern in (wie wir jetzt in Irland und Spanien sehen) nicht werthaltige Aktivitäten, z.B. Immobilien am Markt vorbei.

    Das Endresultat im Inland heißt, die Reichen werden immer reicher, fühlen sich aber schlechter, weil Sie immer Angst haben müssen, dass sie die ganze Kohle, die ja nicht in der Matratze steckt, sonder in Form von Krediten verliehen ist, nicht wieder sehen. Was ja auch unausweichlich in irgendeiner Form irgendwann so sein wird.

    Die Menschen, die mit Ihrer Arbeit all die Exportgüter produziert haben, haben aber nicht viel von den Früchten ihrer Arbeit

    Gleichzeitig glauben aber unsere Wirtschaftsführer, daß sie Wunder was geleitet haben, eigentlich mehr ‘verdient’ hätten und wollen noch ein Stückchen mwhr vom Kuchen, von der Obsttorte belegt mit den Früchten der Arbeit sozusagen.

    Kurz gesagt: Wir wachsen, aber die meisten haben nichts davon, selbst die die Arbeit haben, weil wir Sachen für Leute produzieren, die selbst nicht ausreichend Dinge produzieren, die wir von Ihnen kaufen könnten oder wollten. Deshalb schenken wir im Endeffekt einen Teil der Füchte unserer Arbeit her, statt einen Teil der aufgewendeten Arbeit für sinnvollere Dinge zu verwenden, die uns selbst nützen, z.B. Bildung oder erneuerbare Energien.

    Deutschland wird wachsen, na und?

    Wichtig ist nicht, dass wir wachsen, sondern dass es uns gut geht. Und es ginge uns besser, wenn wir mehr für uns selbst tun würden und die Früchte der Arbeit gerechter verteilen würden.

    Unsere wirtschaftliche und politische Elite verhält sich unterm Strich wie die Oberschicht früherer Jahrhunderte, die die Bevölkerung unter miesen Bedingungen schuften lässt, um sich für das eigene Amusement Eier vom Stör, Nachtigallenzungen aus Kleinasien und Porzellan aus China zu kaufen (=unproduktive Assets mit kurzer Haltbarkeit).

  3. 3.

    „Dann stünde der Wechselkurs heute eher oberhalb der 1,80 Dollar als bei 1,70. Und wo liegt er tatsächlich? Bei 1,33! Das macht gut ein Prozent zusätzliches Wachstum aus, mindestens.“

    Wie kommen Sie auf diesen einen Prozentpunkt? 70% des Handels werden mit Ländern getätigt, die direkt den Euro als Zahlungsmittel verwenden oder deren Währung mehr oder weniger eng an den Euro gekoppelt ist, sogar 85% der Exportüberschüsse werden gegenüber diesen Volkswirtschaften erwirtschaftet. Dass die restlichen Handelspartner nun einen so großen Einfluss haben, bezweifel ich.

    • 26. November 2010 um 09:03 Uhr
    • Thomas Müller
  4. 4.

    @Thomas Müller

    Was in der öffentlichen Diskussion IMMER unterschlagen wird und auch in Ihrem Beitrag durchscheint: Wechselkursänderungen haben ja nicht nur den Effekt, dass deutsche Firmen ihre Waren im US-Dollar-Raum billiger/teurer anbieten können/müssen. Auch US-Firmen (oder Unternehmen aus an den US-Dollar gekoppelten Währungsräumen) müssen/können eben im übrigen Euroraum und Deutschland teurer/billiger anbieten. D.h. Wechselkursänderungen haben auch Einfluss auf die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Firmen auf Euroraumimportmärkten – wenngleich der Effekt dort aufrund mikroökonomischer Argumente natürlich geringer sein dürfte. Er ist aber eben nicht gleich 0!

  5. 5.

    Ich befürchte, die Wette wird in die Liste der schlechten Wetten eingehen, wenn nicht gar in die Liste der spektakulär schlechten …

    Die aktuelle Lage ist zwar völlig treffend analysiert (und die verbuche ich mal als vollständige Beschreibung der Habenseite), aber die aktuelle Lage sagt ja nicht unbedingt alles für 2011 voraus. Ich befürchte, dass sich 2011 die Auswirkungen der Finanzpolitik zeigen, die ja quasi weltweit gleichzeitig auf die Bremse tritt. Die schwachen Staaten in Europa bremsen eh schon länger (aber mit zunehmender Schärfe), die USA jetzt auch (Republikaner an der Macht) und in China ebenfalls (Erhöhung der Mindestreservesätze bei der Notenbank, Erhöhung der Zinsen, Drosselung der Kreditvergabe, langsam auslaufendes Konjunkturprogramm, …),. Und die starken Staaten in Europa werden unter Hinweis auf die Kosten für den Rettungsfonds ebenfalls stärker sparen als bisher.

    Das schwierige bei der Abschätzung ist nun, wann die Verzögerung einsetzt. Solche Prozesse wirken ja bekanntlich stark verzögert. Wirkt das bereits am Anfang des Jahres? Dann sind die 2,5% utopisch, wirkt es gegen Ende des Jahres, könnte die Geschwindigkeit für 2,5% BIP-Plus noch ausreichen. Ich schätze aber, dass wir schneller als erwartet eine Abkühlung sehen werden.

    Wobei: In solch politischen Zeiten wie diesen sind Prognosen eigentlich fast unmöglich.

    • 26. November 2010 um 10:00 Uhr
    • egghat
  6. 6.

    @Jonas Dovern
    “Auch US-Firmen (oder Unternehmen aus an den US-Dollar gekoppelten Währungsräumen) müssen/können eben im übrigen Euroraum und Deutschland teurer/billiger anbieten.”

    Ja logisch. Worauf wollen Sie denn nun genau hinaus? Eine Euroaufwertung (-abwertung) verteuer (verbillig) die Exporte und verbilligt (verteuert) die Importe.

    Meine Aussage in dem Zusammenhang hier ist in erster Linie, dass der USD-EUR Wechselkurs sowohl für Deutschland als auch für die USA gar nicht so relevant ist. Sinnvoll wäre es dagegen, wenn sowohl USD als auch EUR gegenüber den aisatischen Währungen abwerten würden.

    • 26. November 2010 um 10:00 Uhr
    • Thomas Müller
  7. 7.

    Ja alles clever geplant von Merkel/Weber/Schaeuble, nur eins vergessen, wenn der Irre in Nordkorea wirklich ernst macht, koennen Sie Wu Jintao und Wen Jiabao auf die Schulter klopfen fuer perfide Abwertungsstrategien.

    • 26. November 2010 um 11:30 Uhr
    • Lusitano
  8. 8.

    Das BIP-Niveau, auf dem wir uns befinden ist ja nicht besonders hoch, sondern, wenn ich mich richtig entsinne sogar noch unter dem Niveau von 2008. Also insofern sollten, 2,5% einer soliden Volkswirtschaft, dieses sind wir, nicht schwer fallen. Es kann auch ganz anders kommen und die gesamte Eurozone in eine schwere Rezession stürzen. Die Finanzierung der Nettoauslandschulden und der Leistungsbilanzdefizite vieler Euroländer stößt an ihre Grenzen. Seit 2007 /2008 sind die notwendigen Kapitalimporte in diese Länder via Bundesbankforderungen innerhalb des Eurosystems zu 1% finanziert worden. Bis Ende Sept. hat sich dort ein Posten von 320Mrd. angehäuft. Diese Art der Finanzierung der Nettoauslandsschulden und der Leistungsbilanzdefizite ist absolut ausgereizt. Der Kapitalmarkt wird, trotz Rettungsschirm, wenn er überhaupt noch bereit ist die Nettoauslandschulden und Leistungsbilanzdefizite zu finanzieren, ganz ganz andere Größenordnungen verlangen. Mit über 80% Nettoauslandsschulden sind etliche Euroländer praktisch pleite. Die Nettoauslandsverschuldung der USA liegt bei 19% und die von UK ist sogar noch niedriger. Eine neue heftige Finanzkrise ist praktisch unvermeidbar. Da nützt auch der Rettungsschirm nichts. Dieses mag helfen die Zinsen für Staatsanleihen zu begrenzen nicht aber für Privatschulden in bestimmen Ländern. Deutschland und die EZB haben die Möglichkeit ausgereizt die Nettoauslandsschulden bestimmter Euroländer zu finanzieren.

  9. Kommentar zum Thema

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