So funktioniert Kapitalismus

Alles wird gut

Von 19. Dezember 2010 um 15:44 Uhr

Ausgesprochen guter Dinge bin ich an den letzten Tagen des Jahres. Grund dafür ist die unglaublich gute Verfassung der deutschen Wirtschaft. Grund dafür ist aber auch, dass im großen Euro-Streit mal wieder ein Punktsieg an die Franzosen ging. Und die deutschen Stabilitätsfanatiker eine Niederlage einstecken mussten.

Zunächst aber zur deutschen Wirtschaft. Sie brummt. Das ist schon hundertmal besungen worden, auch von mir hier im Blog als ich meine Wachstumswette abgab, oder Ende des Sommers im Cicero (Und jetzt die fetten Jahre?). Aber was so unglaublich ist, ist die Rasanz, mit der sich der Konsum zurück meldet. Schauen Sie auf das Chart.

Ifo Geschäftsklima im Einzelhandel - Dez. 2010

Das ist der Sub-Index Einzelhandel des Ifo-Index, des Stimmungsbarometers der deutschen Wirtschaft schlechthin. Ja der Ifo rennt von Rekord zu Rekord und das obwohl sich die Frühindikatoren rundherum eher abschwächen. Der Grund: Die Binnennachfrage sorgt für Fantasie!

Es ist 20 Jahre her, dass die Manager von Kaufhof, Karstadt und Co. die Lage und die Aussichten hierzulande so günstig einschätzten wie heute. 20 Jahren! Das ist fast eine Generation, in der wir es uns abgewöhnt haben, auf den deutschen Verbrauch zu setzen. Alles war immer nur Export. Die Folgen der horrenden Ungleichgewichte – deutsche Leistungsbilanzüberschüsse und korrespondierenden Defizite der anderen Länder der Währungsunion – sind bekannt.

Doch jetzt schaut es tatsächlich so aus, als ob es ein Rebalancing geben könnte, ein Ausbalancieren. Das ist gut für Euroland, das ist aber noch besser für die deutschen Arbeitnehmer und alle Firmen, die von der Binnennachfrage abhängen. Und es schaut auch nicht so aus, als ob die neue Konsumlust so rasch gestoppt werden könnte. Dazu ist der Nachholbedarf einfach zu groß. Wichtig ist nur, dass die kommenden Lohnrunden tatsächlich auch Reallohnerhöhungen bringen. Von der Makropolitik dürfte es dagegen kein Störfeuer geben. Die Bundesbank, die früher stets eine viel zu restriktive Geldpolitik betrieben hat, gibt es glücklicherweise nicht mehr. Sie ist durch die Europäische Zentralbank ersetzt worden. Und die EZB betreibt zum einen eine Geldpolitik, die die Konjunktur stärker berücksichtigt, als es die Bundesbank je getan hat. Wichtiger aber noch: Sie schaut auf den gesamten Euro-Raum und wird Deutschland Zinsen bieten, die zu niedrig sind. Und was bedeuten Zinsen, die angesichts des Wachstums zu niedrig sind? Richtig: Das bedeutet eine Beschleunigung des Wachstums.

Und jetzt zum zweiten Grund meiner Hochstimmung. Ich zitiere aus der bei diesen Fragen völlig unverdächtigen FAZ vom Samstag, Seite eins: “Frau Merkel bezeichnete den dauerhaften Rettungsschirm als Ausdruck der Solidarität der Euro-Staaten. ‘Das geht wieder ein Stück in Richtung Wirtschaftsregierung.’ Sie sprach sich dafür aus, nun auch die Integration des Euro-Raums voranzutreiben: ‘Wir brauchen mehr Gemeinsamkeiten in unseren Wirtschaftspolitiken.’ Es gehe dabei nicht nur um stabile Haushalte.”

Die Hervorhebungen sind von mir. Als es Anfang der 90er Jahre um die richtige Konzeption des Euro-Raumes ging, glaubten die deutschen Ökonomen, der Stabilitätspakt, der die Haushalte der Regierungen zügele, reiche vollkommen aus, um mit der Gemeinschaftswährung erfolgreich zu leben. Die französischen Ökonomen und viele angelsächsische schüttelten darüber nur den Kopf. Die Franzosen plädierten für eine Wirtschaftsregierung und erreichten es schließlich, dass dem Stabilitätspakt das Wörtchen “Wachstum” hinzugefügt worden ist, um zu verdeutlichen, dass Stabilität alleine nichts ist.

Seither steht der Begriff Wirtschaftsregierung in der deutschen Debatte für ein Europa, das Umverteilung und Solidarität kennt. Alles Worte, die den Neoklassikern Deutschlands nie über die Lippen kommen würden, es sei denn sie wollen polemisieren. Alles Worte, die in der hiesigen Debatte nie konstruktiv auftauchten, außer in den wenigen keynesianischen Zirkeln.

Dass nun die Kanzlerin all das ausspricht, ist wunderbar. Alles wird gut!

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 9.

    @ R.v. Heusinger

    “Alles wird gut!”
    Wunderbar! ;–)

    Aber zur Wirtschaftsregierung: wie geht das, praktisch?
    Wer hat Bock drauf, sich wirklich verbindlich reinreden zu lassen;
    wer möchte dafür wieviel bezahlen?
    Und in welchen Ländern ist es umsetzbar?

    Oder wo warten nur etliche darauf, es mal”Europa” richtig heimzuzahlen.
    Man kann natürlich versuchen, das Ganze informell zu gestalten, ohne Vertagsänderungen, ohne nationale Zustimmung. Dann sollte aber entweder nichts Tragfähiges dabei herauskommen, oder es gibt heftigen Widerstand in den Staaten. Vielleicht jetzt nicht mehr in Irland, aer wie sieht es in den Nettozahlerländern aus?

    Deutschland dürfte unproblematisch sein; wahrscheinlich ist es auch rational für den Exporteuropameister, gemäßigte Transfers bei ausgleichenden Bedingungen zur langfristigen Stailität (bei Wachstum) in der Währungsunion zu installieren.(wobei eine Integration ohne formelle Währungsunion, meinetwegen sogar mit festen WK, der richtige Weg gewesen)
    Aber eine Volksabstimmung in den Niederlanden zur Verlagerung staatlicher Souveränität, Aussicht auf Erfolg?
    Oder Wahlen (nationale) unter diesen Vorzeichen? Ich bin da sehr skeptisch.

    Aber vielleicht ist das auch der Plan: entweder kommt die Integration, oder eben der Ausstieg, zumindest aus dem Euro.

    Das eigentliche Problem ist die unbedingte Verknüpfung der EU mit dem Euro; kann klappen, oder auch alles kaputt gehen.

    Glückwunsch für den 2006er Artikel.

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  2. 10.

    @Henry Kaspar: “Ich halte das Gerede von der “Wirtschaftsregierung” und einheitlicher Sozial- Arbeitsmarkt- und Fiskalpolitik … fuer brandgefaehrlich. ”

    Sehe ich auch so. Zunächst setzt eine erfolgreiche Wirtschaftsregierung voraus, daß die “Wirtschaftsregierenden” die Macht haben etwas durchzusetzen. Welches Land wird sich in seine Wirtschaft reinreden lassen? Wenn ein deutscher Politiker vor 5 Jahren die Ausgaben- und Schuldenpolitik Griechenlands öffentlich kritisiert hätte, wäre der Teufel los gewesen.

    Und zweitens müßte diese Wirtschaftsregierung mit dieser Macht auch das RICHTIGE tun(auch wenns mal wehtut). Welchem Politiker würdet ihr das zutrauen? Sarkozy? Berlusconi? Und ich bin der Weihnachtsmann…

    Gruß, Gojko.

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    • 20. Dezember 2010 um 07:47 Uhr
    • gojko
  3. 11.

    Ein Wirtschaftswachstum von 3,7 oder vielleicht sogar über 4 Prozent hört sich grandios an. Ich kann die Jubelarien aber nicht ganz verstehen, wenn ich dieses Wachstum im Gesamtkontext sehe. Dieses Wachstum ist kein normales Wirtschaftswachstum innerhalb normaler Konjunkturzyklen, sondern die Gegenreaktion auf einen beispiellosen Wirtschaftseinbruch von 5 Prozent im letzten Jahr. Auch mit diesem Wachstum haben wir doch noch nicht einmal das Vorkrisenniveau in der Wirtschaft erreicht.

    Schaut man auf die Eurokrise, die immer noch schwächelnden USA und das mutmaßlich überhitzte Wachstum in China, wo 2011 der nächste Immobiliengau stattfinden könnte, dann gibt es auch beispiellose Risiken für die Wirtschaft.

    Zum Euro: Deutschland wird heftig zahlen müssen für die Rettung des Euros. Ich rechne vorerst mit umgerechnet 1.000 bis 5.000 Euro pro Kopf, also 80 – 400 Milliarden. Geld das wirklich zu zahlen ist und nicht nur als Bürgschaft oder Kredit bereitgestellt werden muss. Ist es das wert? 1.000 EUR würde ich als Normalverdiener sofort zahlen, wenn das Euro-Drama dann beendet wäre. 5.000 EUR täten schon weh. Am Ende wird aber jede deutsche Regierung den Euro retten. Deshalb möchte ich zeitnah die Rechnung sehen, als unvermeidbare Entscheidungen immer weiter hinauszuzögern, damit immer mehr Mißtrauen und Unsicherheit zu verbreiten und somit immer größere Zahlen auf der unvermeidlichen Rechnung zu generieren.

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    • 20. Dezember 2010 um 09:23 Uhr
    • Guido
  4. 12.

    Der IFO ist ein STIMMUNGS-Barometer. Das ist die erhöhte Hoffnung auf mehr Umsatz – nicht mehr und nicht weniger. Interessanter sind die Meldungen des Einzelhandels am Ende des Jahres – die waren immer sehr ernüchternd und frustrierend im Vergleich zu den zweckoptimistischen Jubelarien im Weihnachtsgeschäft !

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    • 20. Dezember 2010 um 09:32 Uhr
    • Robert
  5. 13.

    Was für ein Unsinn. Erstens ist der IFO eben ein Stimmungsbarometer. Zweitens gibt es nur noch Bullshit zu kaufen. Ganz praktisches Beispiel ist IKEA, früher innovativ, heute nur noch Nippes im Angebot. Sinnloser Konsum führt nicht zu Wohlstand, sondern in die gleiche Spirale, in der sich die USA befinden. Dumme Leute kaufen dummes Zeug. Am Ende auf Pump.

    Anstatt den Binnenkonsum zu preisen, sollten wir mit dem Ersparten Investitionen in Schulen, öffentliche Bäder und andere Sportstätten, Bildung für breite Schichten usw. investieren. Ich bin froh, dass Deutschland im Konsum den USA hinterher hinkt und möchte, dass das noch sehr lange so bleibt.

    “Ich hab das Ticket für Dich und Deine Lust, mein Sohn – Frag nicht, wie ich heiße, denn das weißt Du schon. Konsum” (fanta4)

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    • 20. Dezember 2010 um 10:52 Uhr
    • Benjamin
  6. 14.

    Überall Aufschwung XXL, Lohnerhöhungen überall, etc.

    Ich verdiene nicht schlecht, aber bezweifle ob die diesjährige Lohnerhöhung krankenkassenverteuerung und Inflation ausgleichen wird.

    Auf jeden Fall profitiert Deutschland von einer Sonderkonjunktur: Konjunkturpaket-gedopte Wallstreetathleten und China-Millionäre kaufen wie verrückt deutsche Nobelautos ohne auf den Preis zu sehen (siehe diverse Artikel in Financial Times), das kurbelt den Export schon gut an.

    Desweiteren bewirkt die tolle konkurenzfähige deutsche Wirtschaft, das in Südeuropa noch weniger (wirtschaftlich) funktioniert – hier wäre dringend ein Korrektiv nötig. Da die Gewerkschaften hierzulande zu schwach sind wird nur eine Eurospaltung helfen.

    Wenn auch noch der Euro dauerhaft sinken würde (durch GIPS – Turbulenzen), macht die deutsche Exportindustrie auch noch Kleinholz aus der Restindustrie der USA. Damit wäre das Fiasko noch größer.

    Zu den anderen Kommentaren: Natürlich brummt München, aber München ist nicht Deutschland, so wie New York nicht die USA ist. Die nächsten Jahre werden auf jeden Fall interessant.

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    • 20. Dezember 2010 um 11:00 Uhr
    • Till
  7. 15.

    Alles wird gut. Schön wär’s.

    Leider wird die alte Bundesrepublik das vierte Mal bezahlen müssen und somit wiederum auf einen Teil des erwirtschafteten Wohlstands verzichten müssen. Erst durch Nettoüberweisungen an die EU, dann durch die Wiedervereinigung, dann durch Kapitalabfluss nach der Euroeinführung und nun für die Rettung der Defizitländer. Wir sind noch nicht durch, leider, wir müssen wieder ran und dürfen uns immer noch nicht entspannt zurücklehnen, wenn wir nicht alle im Desaster versinken wollen. Der Wohlstandsverlust der westdeutschen Arbeitnehmer kann seit 1990 auf 30% geschätzt werden. 15% von 1990 bis 2000, Wiedervereinigung, 15% von 2000 bis 2010, Euro. Wer sollte wohl die die Eurozone jetzt stabilisieren wenn nicht halt Holland und Deutschland? Die westdeutschen Arbeitnehmer haben leider seit 1990 Pech nach dem sich unter Stoltenberg 1982-1989 aus der Krise herausgearbeitet hatten. Auch 1990 wies der Index hohe Werte auf, der Absturz aber bereits unvermeidlich war. Dieses Mal wird der Lohn erneut gar nicht erst verteilt, der den Westdeutschen Arbeitnehmern zusteht.

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  8. 16.

    Grund zur Freude?

    Zitat: “Zunächst aber zur deutschen Wirtschaft. Sie brummt.”

    Das alte Märchen! Immer wenn eine CDU-Regierung unter Druck gerät, brummt plötzlich die Wirtschaft. Das war schon unter Kohl so. Am Ende der Kohlregierung hatten wir dann gesehen, wie real die Aufschwünge waren. Allein schon der Ausdruck: “Die Wirtschaft brummt.” ist genau so aussagekräftig wie die Aussage eines Gebrauchwagenhändlers: “Das Auto ist tiptop.”

    Zitat: “Frau Merkel bezeichnete den dauerhaften Rettungsschirm als Ausdruck der Solidarität der Euro-Staaten. ‘Das geht wieder ein Stück in Richtung Wirtschaftsregierung.’

    Schrecklich die Übertragung der Kompetenzen eines Staates auf ein demokratisch nicht legitimiertes Direktorium.

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    • 20. Dezember 2010 um 11:13 Uhr
    • Rainer B. Trug
  9. Kommentar zum Thema

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