So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Selbstgerechte Bilanz unserer Wetten 2010

Von 31. Dezember 2010 um 19:50 Uhr

Das Jahr ist nur noch wenige Stunden on, allerhöchste Zeit, unsere zehn Wetten des Jahres 2010 dem Realitätscheck zu unterziehen. Um es vorweg zu nehmen, es war unser schlechtester Jahrgang seit Dieter, Lucas und ich unsere gemeinsamen Jahreswetten hier im Blog kundtun. Zu unserem Treffen in einem kleinen Frankfurter Weinbistrot hatte ich ein Säckchen Asche mitgebracht. Dann und wann streute ich sie mir aufs fast kahle Haupt.

Ärgerlich ist das schlechte Abschneiden, weil Dieter vor einem Jahr deutlich optimistischer war als Lucas und ich. Er hatte die Power der Schwellenländer richtig erfasst, aber uns nicht überzeugen können, dass die Peripherie das Zentrum aus der Krise ziehen kann. Lucas und ich bestanden auf dem Standpunkt, dass es das noch nie in der jüngeren Geschichte des Kapitalismus gegeben habe und „this time is different“ wollten wir nicht mitmachen. Na gut, es war ein Fehler.

Die Eurokrise hatten wir wie alle anderen auch nicht auf dem Radar.

Hier nun die paar Wetten, die wir glorios gewonnen haben und den großen Rest, den wir teils mit Pauken und Trompeten verloren haben.

Als gewonnen werten wir selbstgerecht wie immer:

Wette vier: Der Ölpreis wird im Jahresdurchschnitt bei 75 Dollar liegen.

Wette fünf: Die EZB wird den Leitzins unverändert lassen.

Wette sechs: Die Staatsanleihen werden 2010 zu den Gewinnern gehören. Die Zehnjahresrendite wird bis auf 2,5 Prozent fallen. Sie ist sogar bis auf 2,1 gesackt. Per Ende des Jahres haben zehnjährige Bunds gut sechs Prozent Rendite eingebracht.

Als halbgewonnen:

Wette drei: Die Kerninflation wird in Deutschland unter ein Prozent sacken. Bei der Headline waren wir zu aggressiv, lag daran, dass wir den Ölpreis zum Jahresende niedriger als 92 Dollar gesehen haben.

Wette acht: Die Chinesen werden den Yuan nicht freigeben. Beim Dollar lagen wir wegen der Euro-Krise falsch, den hatten wir bei 1,60 Dollar je Euro gesehen.

Wette neun: Chinas reales BIP wird um elf Prozent gegenüber 2009 zulegen. Da hatte sich Dieter eins zu eins durchgesetzt und fast ne Punktlandung hingelegt, wird auf 10,5 Prozent zurzeit prognostiziert. Falsch lagen wir mit dem weiteren Rückgang des Exportüberschusses. Wir tippten auf 100 Milliarden Dollar, tatsächlich dürfte er sich knapp unterhalb von 2009, wo er 200 Milliarden Dollar betrug, einpendeln.

Als voll verloren werten wir:

Wette eins: Das weltweite Wachstum, das wir in Kaufkraftparitäten bei 3,5 Prozent angesetzt hatten, tatsächlich sind es wohl 4,8 Prozent geworden. Dabei haben die Schwellenländer mit 7,1 Prozent Dampf gemacht, wir hatten ihnen nur 4,5 Prozent zugetraut. Und die Industrieländer wuchsen um 2,7 Prozent, wir waren mit plus 1,5 deutlich zu pessimistisch!

Wette zwei: Die effektiven Stundenlöhne in Deutschland werden nominal um 0,5 Prozent sinken. Das war der zweit heftigste Irrtum: sie dürften um mehr als 1,5 Prozent gewachsen sein.

Wette sieben: Der Dax liegt Ende 2010 bei 4667. Der schlimmste Irrtum!

Wette zehn: Ende des Jahres wird die Regierung ein neues Konjunkturprogramm auflegen. All right, Deutschland ist die Superstar-Wirtschaft geworden.

Nichts desto trotz kommen in den nächsten Tagen die neuen Wetten!

Jetzt wünschen die Hirten zunächst mal einen guten Rutsch!

Kategorien: Die Heusinger-Wetten
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Angesichts der nicht voraussehbaren Euroschuldenkrise sind die meisten Abweichungen wohl durchaus verständlich. Auch für 2011 könnte uns diesbezüglich in Europa wieder allerlei ins Haus stehen. Der weltgrößte Bondhändler Pimco, Filiale der deutschen Allianz, schloss deshalb zum Jahresende, dass durch die Eurokatastrophe das Verbleiben des Dollar als einzig noch mögliche Weltleitwährung nunmehr abgesichert sei.

  2. 2.

    @dunnhaupt
    Gemach, gemach. Beim €uro ist viel Hysterie drin, obwohl der mit €/$ um 1,33 nicht “schwach” ist. “Schwach” wäre < 1,0. So ernst, wie behauptet, ist die Lage keineswegs. Sonst stünde er nämlich unter 1,0. Es wäre erfreulich, wenn die Politik mal Nägel mit Köpfen machen würde. Natürlich war es ein unverzeihlicher Fehler den €uro dem IWF auszuliefern. Aber, auch, wenn der Dollar psychologisch bedingt noch mal etwas aufwerten könnte, unsere Währung heißt €uro, sofern man seine Ersparnisse nicht in Gold, Silber oder CHF in Sicherheit gebracht hat.

    Wer ist PIMCO ? Sind das die, die durch die schiere Masse ihrer Anlagen allein schon die Wechselkurse bewegen können ? Ich denke schon. Es bliebe auch anzumerken, das die Zinsen in nie dagewesener Art und Weise (höflich formuliert) manipuliert wurden. Das war dann auch der Faktor, der die Preise für Rohstoffe in den Himmel beförderte.

    Chinas Nahrungsmittelpreise sind explodiert, die Inflation dort liegt über 5%. Zum Vergleich, 2008 hatten wir 3,5%, da war Deutschland garantiert einer Revolution so nahe, wie die vorangegangenen 90 Jahre nicht mehr. Wenn das, was angekündigt wird so käme, dürfte es mit dem sozialen Frieden in Deutschland bald sehr schlecht aussehen. Sicher sind die Arbeitslöhne 2010 ein Trauerspiel.

    Zitat von JJahnke: “Nach einer Übersicht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO war Deutschland schon zwischen 2000 und 2009 unter 26 entwickelten Ländern mit minus 4,5 % absolutes Schlußlicht bei der inflationsbereinigten Entwicklung der Löhne und Gehälter. Die Nettolöhne und -gehälter sind im letztgemeldeten Quartal von 2010 erneut gefallen und liegen nach den Daten des Statistischen Bundesamts kaufpreisbereinigt um 2,3 % …”

    • 2. Januar 2011 um 18:58 Uhr
    • Michael
  3. 3.

    Als voll verloren werten wir:…

    …Wette zwei: Die effektiven Stundenlöhne in Deutschland werden nominal um 0,5 Prozent sinken. Das war der zweit heftigste Irrtum: sie dürften um mehr als 1,5 Prozent gewachsen sein.

    Ähh… Wo ist denn bloß der Ironie Button? Na gut, mögen die Götter die Löhne um 1,5% nach oben gedrückt, ja katapultiert haben. Nur leider bleibt wohl mal wieder nix davon zum Einkaufen übrig. Oder ist der Bund der Steuerzahler mal wieder am irren und wirren? Kann natürlich auch sein, dass diese Sprünge im Einkommen nach Sinnscher Ideologie gleich wieder gespart und in DE investiert werden, scheint ja IN zu sein, dieses S=I. Vielleicht reicht es ja auch noch, ein wenig zu Riestern in Rüstungsfirmen. Wer weiß das schon? Und ab und zu fällt sogar noch eine Krume Edelmetall ab. So als sicherer Hafen für die breite Masse, versteht sich. Ich weiß nicht, ich hab zwei Kinder mittleren Alters 13 & 17 bin seit über 20 Jahren verheiratet, das Einkommen hat nie wirklich gereicht (Demut und Askese waren angesagt). Könnte aber hinkommen, das die großen Big 4 der Energiebranche mal wieder die 1,5% kassieren. Wenn nicht die, irgendeiner wird es sich schon holen. Bin ich mir ganz sicher. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Wollen wir Wetten?

    Und mit 41 Jahren, habe ich auch noch die Hälfte rum. Man oh man. Das ging fix. Und im Sommer kommen noch mal 2,44% dazu. Und wenn Gott will, im Jahr 2012 nur noch 2,38%. Und von 65 bis 66 gibts sage und schreibe noch 1,5151% Aufschlag. Auch nicht schlecht. Denn mit 66 Jahren fängt ja frei nach Udo das Leben erst richtig an. Wollen wir Wetten?

    Plus Gruß

    P.S. schwarzer Humor ist schon spitze.

    • 2. Januar 2011 um 19:38 Uhr
    • holger
  4. 4.

    Liebe Selbstgerechte

    Als Eurofans und befürworter einer Transferunion, nebst europäischer Wirtschaftsregierung könnt ihr Wette sechs auch als verloren werten. Immerhin sind die Risikoaufschläge für ein paar Länder explodiert und den Mischzinssatz für alle Euroländer möchte ich lieber nicht ausrechnen! Aber wenn wir für Euroland gemeinsame Anleihen emittieren, werden ja Gott sei Dank die Risikoaufschläge wieder schwinden. Allerdings wird Deutschland die geforderten Zinssätze auch nicht mehr bezahlen können.

    • 11. Januar 2011 um 14:40 Uhr
    • eymon
  5. 5.

    @eymon
    “Aber wenn wir für Euroland gemeinsame Anleihen emittieren, werden ja Gott sei Dank die Risikoaufschläge wieder schwinden. Allerdings wird Deutschland die geforderten Zinssätze auch nicht mehr bezahlen können.”

    Warum so fantasielos alternativlos! Aber sicher werden für Euroland gemeinsame Anleihen emittiert, die aber als Sofortmaßnahme zwangsweise mit 40-50% Abschlag vor dem Verfallstermin zum 31.12.2011 gegen die alten Anleihen mit diesen schönen Risikoaufschlägen umgetauscht werden müssen. CDS und dergleichen nützen dann ja auch nichts mehr, da sie kurzfristig (vorher!) ersatzlos verboten werden. Die Empfehlung lautet nämlich: “Vom Amerika 1933 ff lernen, heißt siegen lernen”. Zu diesen Lernschüben zählt, daß der ESt-Spitzensteuersatz wie in den USA 1933 ff bis auf weiteres auf ca. 90% angehoben wird. Unter dem Strich können somit die Einkommen in Deutschland innerhalb der nächsten ca. 3 Jahren um ca. 30% steigen. Die deutschen Exporte werden in den Folgeperioden einfach umgeschichtet in Binnenumsätze, um die hohen Transferzahlungen an unsere europäischen Freunde in friedvolle Bahnen zu lenken. Auf gehts!

    • 11. Januar 2011 um 14:59 Uhr
    • carlos manoso
  6. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)