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Jürgen Stark und seine Fallstudien

Von 12. September 2011 um 11:52 Uhr

Jürgen Stark ist als Chef-Volkswirt der EZB zurückgetreten. Warum ist das wichtig? Weil Stark die deutsche Radikal-Position des ewigen “Njet” zu allen unorthodoxen Maßnahmen zur Eurostützung vertritt wie kein anderer: Die EZB darf bloß keine Staatspapiere aufkaufen und eine aktive Fiskalpolitik sei des Teufels. So hört man auch viele Politiker in Deutschland, den Niederlanden oder Finnland. Bloß ist die Konsequenz der Njet-Position bis jetzt gewesen, dass die Krise immer schlimmer, die Zinsaufschläge immer höher geworden sind. Nun empfiehlt der zurückgetretene Stark, die Krise werde sich schon legen, wenn die Politik in der Eurozone erst richtig spart. Denn so würde sie Vertrauen schaffen. So schreibt er heute im Handelsblatt:

“Im gegenwärtigen Umfeld ist daher eher davon auszugehen, dass positive Vertrauenseffekte aufgrund solider Finanzpolitik beträchtlich sein werden, was Fallstudien bestätigen: Ambitionierte Anpassungsprogramme gehen bereits nach kurzer Zeit mit positiven Wachstumseffekten einher.”

Bloß auf welche Fallstudien bezieht sich Stark? Wer die Debatte der letzten Jahre etwas genauer verfolgt hat – Aufgabe des Chefvolkswirts wäre so etwas ja gewesen – kommt zu ganz anderen Schlüssen. Besonders instruktiv ist eine Studie des unabhängige Evaluierungsbüro des IWF (Independent Evaluation Office – IEO). Dort hat das IEO 2003 genau analysiert, ob “positive Vertrauenseffekte” durch strenge Haushaltsdisziplin zu mehr Wachstum in den Ländern geführt haben, die der IWF zum Sparen verpflichtet hat. Das IEO stellt fest, dass das nicht der Fall war – und das nicht auf Grundlage ominöser Fallstudien, sondern einer breiten Analyse von mehr als hundert IWF-Sparprogrammen

Das IEO findet heraus, dass die Wachstumsprognosen in den meisten Fällen viel zu optimistisch waren. Auf denen beruhen aber die Ziele zur Reduktion der staatlichen Defizite. Deswegen wurden die Defizitziele auch regelmäßig verfehlt. Das ist eigentliche keine originelle Erkenntnis: Wenn der Staat in einer Wirtschaftskrise spart, reduziert sich das Einkommen der Haushalte und der Unternehmen, und damit steigen auch automatisch die Defizite. Wenn das Wachstum ausbleibt, entstehen dem Staat weniger Einnahmen, weil ihm die Steuern wegbrechen. Gleichzeitig hat er mehr Ausgaben, etwa für Sozial- und Arbeitslosenhilfe – die Defizite steigen automatisch, gerade wenn der Staat durch radikales Sparen die Wirtschaft selbst nach unten treibt. Wie soll aber mehr Vertrauen entstehen, wenn die Arbeitslosigkeit immer weiter steigt und Unternehmen Pleite gehen? Das ist eine Vorstellung aus dem ökonomischen Märchenland. Es ist das Märchen von der Vertrauensfee, die mit ihrem Zauberstab Unternehmen, die kurz vor der Pleite stehen, investieren lässt und das Geld der Finanz-Anleger begeistert in eine schrumpfende Wirtschaft lockt.

Die Realität ist freilich eine andere und Griechenland dafür im Moment eine besonders gute “Fallstudie”: Die griechische Regierung hat allein 2010 ihr Haushaltsdefizit in Prozent des BIP um fünf Prozentpunkte reduziert. Das war eine Herkulesaufgabe – der IWF berichtet, dass Länder unter seiner Kuratel ihr Defizit im Durchschnitt nur um 1,7 Prozentpunkte reduziert haben. Aber nicht in einem, sondern in zwei Jahren. Haben die Finanzmärkte die starken Kürzungen – die mittlerweile regelmäßig zu Straßenschlachten in Athen führen – honoriert, haben sie Vertrauen in die griechische Regierung gefasst? Natürlich nicht, die Renditen sind immer weiter von Rekordhoch zu Rekordhoch gestiegen und das Wachstum bleibt ohne das Wirken der märchenhaften Vertrauensfee stetig hinter den Erwartungen zurück; das soziale Elend in Griechenland nimmt zu.

Das alles hätten die EU und vor allem die EZB mit ihrem Chefvolkswirt wissen können, wenn sie sich die Mühe gemacht hätten, sich die konkreten Fallbeispiele – wie der IWF sie vorgelegt hat und wie sie in den Zeitungen jeden Tag beschrieben werden – mal anzuschauen. Besonders die Griechen, aber auch Spanier, Iren, Portugiesen, Italiener und damit ganz Europa müssen unter der Vorstellung von der Märchenökonomie einiger Chefvolkswirte leiden. Jetzt ist es einer weniger.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Stark hat recht, alle sollten sparen und konsolidieren. Alle, alle, alle. Dann würden die Deutschen nämlich im Nu verstehen, wieweit es mit ihrer “Stabilitätskultur” her ist, und auf wessen Kosten sie ihr bislang frönten. Löchrige Straßen und verfallende Schulen, dreckige Parks und verrottete Kinderspielplätze. Aber hey: Hauptsache die Inflation steigt nicht über 2%!

    • 12. September 2011 um 13:33 Uhr
    • Thomas Strobl
  2. 2.

    Gibt es eigentlich irgendwo Totenglöckchen gerade im Angebot?

    • 12. September 2011 um 13:43 Uhr
    • keiner
  3. 3.

    In der Krise können, müssen und dürfen nur diejenigen Konjunkturprogramme auflegen, die über eine positive Zahlungsbilanz und Nettoauslandsguthaben verfügen. Der Rest muss wettbewerbsfähiger werden, wenn es geht ohne Rezession, aber wie auch immer ist dieses ein Imperativ, soll es nicht zu Zahlungsbilanz-; Währungskrisen und Weltwirtschaftkrisen kommen. Es gibt keine monetäre Maßnahme, die dieses ersetzen könnte. Also Vorschläge auf den Tisch, wie Griechenland, Portugal, Spanien, Italien und Frankreich die Wettbewerbsfähigkeit steigern können. Generell bin ich langfristig für Strafzahlungen an einen europäischen Währungsfond bei Abweichungen von +0,5% in der Leistungsbilanz (auch bei einem an mehr Plus). Obwohl dieses im Augenblick die Zahlungsbilanzkrise der Eurokrisenländer verstärkt, sollte man diese Maßnahme sofort mit kleinen Beträgen einführen. Um deutlich zu machen, dass man die Ursache der Krise und die Fehlkonstruktion des Euros verstanden hat. Bei den bisherigen Zahlungsbilanzungleichgewichten ist der Euro nicht zu halten.

    • 12. September 2011 um 14:03 Uhr
    • Bernd Klehn
  4. 4.

    @ Klehn

    Weitestgehend Zustimmung. Das beste wäre, die Überschussländer würden mehr ausgeben, um die Leistungsbilanzüberschüsse über höhere Importe zu verringern, die Defizitländer über höhere Exporte. Auch muss Griechenland sparen, um seine Importe zu reduzieren – aber das ist eine Frage des richtigen Maßes und der Höhe der Zinsen.

    Aber so wie Stark sich das vortellt: Alle sparen und dann wird es schon gut, geht’s eben nicht.

    • 12. September 2011 um 14:14 Uhr
    • Fabian Lindner
  5. 5.

    Es gibt nur eine Fallstudie. “Large Changes in Fiscal Policy: Taxes Versus Spending” von Alberto Alesina und Silvia Ardagna. Die wird allerdings von konservativen Ökonomen und ihren Lieblingsmedien (WSJ, …) rauf und runter dekliniert. Es nützt nicht das selbst der IMF die Studie widerlegt hat. Hier ist der Wunsch Vater des Gedankens.

    • 12. September 2011 um 14:18 Uhr
    • Stephan
  6. 6.

    Herr Lindner,
    was Sie da von sich geben, ist nichts als ideologisches Gewaesch. Wo bitte schoen haben denn Konjunkturprogramme nachhaltig die Wirtschaft angekurbelt? In Japan vielleicht? Und immer neue Schulden aufhaeufen, dabei Gefahr zu laufen, die Inflation anzuheizen, kann angesichts schon jetzt hoher Verschuldungsquatoen auch in Deutschland nicht die Loesung sein. Irgendwann platzt die Sache, siehe Argentinien, sie USA oder wo sonst. Die asiatischen Staaten haben nach ihrer eigenen Schuldenkrise richtig gehandelt und konsolidiert, das Ergbebnis ist durchaus sehenswert. Wir aber befinden uns laengst in suedeuropaeischer Geiselhaft und wer das Erpressungsgeld nicht zahlen will, wird als uneuropaeisch angeprangert. Schon ein Blick auf unsere Bevoelkerungspyramide verbietet, das wirtschaftliche Fundament weiter auszuhoehlen. Nach wie vor gilt die alte Weisheit: “Eine stabile Waehrung ist nicht alles, aber ohne eine stabile Waehrung ist alles nichts.” Danke Juergen Stark

    • 12. September 2011 um 14:43 Uhr
    • Joachim Schirmer
  7. 7.

    Sie verwechseln Ursache und Wirkung, oder: Selbst billigstes EuroGeld aufgrund des guten Namens der vormaligen D-Mark hat den Griechen nicht zur einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft verholfen – im Gegenteil: Sie haben das schöne, billige Geld verkonsumiert. Für diese Erkenntnis braucht´s keine Fallstudien, sondern beispielsweise einen Vergleich mit einem vergleichbaren, europäischen Land – Tschechien – die noch ihre Krone haben. ef-magazin.de/2011/06/21/3048-griechenland-und-tschechien-wo-der-boehmische-loewe-sitzt-muss-die-attische-eule-erst-hin

  8. 8.

    Dass führende deutsche Ökonomen die Krise, in der wir uns befinden, nicht verstanden haben, lässt sich auch in diesem hervorragenden Beitrag von Paul de Grauwe herauslesen (-> econ.kuleuven.be/ew/academic/intecon/Degrauwe/PDG-papers/Discussion_papers/Governance-fragile-eurozone_s.pdf), auf den auch Krugman zurecht verweist. Leider sind es nicht nur Weber, Stark und Weidmann, letztes Jahr haben ja auch fast 200 deutsche Ökonomen einen Aufruf gegen den EFSF/ESM mit ähnlichen Argumenten unterschrieben … Merkwürdigerweise gab es diese Aufrufe und Widerstände nicht, als die deutschen Banken mit Steuergeldern gerettet werden mussten. Auch dort ging es um systemisch relevante ökonomische Entitäten, die durch fehlerhaftes Handeln Schulden erzeugt haben. Der _systemische_ Charakter einer Krise wird hier offenbar nur dann erkannt, wenn er einen selbst (oder das, was einem lieb ist) betrifft. Ich weiß: Griechenland ist nicht die Deutsche Bank oder die Allianz – aber brauchen wir erst eine Echtzeitübung, um zu verstehen, dass die Folgen einer Pleite sich auf ganz Europa (also auch auf Deutschland) auswirken werden? Ich bin immer wieder erschüttert über den Zynismus, der hinter der Maske des arrivierten Experten hervorlugt …

    • 12. September 2011 um 15:10 Uhr
    • oakeshott
  9. Kommentar zum Thema

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