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Schwacher Euro, starke deutsche Wirtschaft

 

Der Euro war im vergangenen Jahrzehnt das beste Konjunkturprogramm, das sich denken lässt. Bisher hat Deutschland außerordentlich vom Euro profitiert: vom stabilen innereuropäischen Wechselkurs, der es ermöglichte, durch Lohnzurückhaltung die preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, vom relativ schwachen Wechselkurs gegenüber Drittwährungen, den niedrigen Notenbankzinsen, dem Zufluss von Fluchtgeldern und, in dessen Gefolge, den rekordniedrigen langfristigen Zinsen – das Ganze bei Preisstabilität. Das neue Wechselkursregime hat uns ein wachstumsfreundliches Umfeld beschert. Auch aus diesem Grund ist es im nationalen Interesse, dass der Euro überlebt.

Unter dem Druck der Märkte sind die Politiker Eurolands in diesen Tagen gezwungen, die Währungsunion endlich durch eine gemeinsame finanzpolitische Struktur weiterzuentwickeln und damit gegen Schocks zu wappnen. Ich glaube immer noch, dass ihnen das gelingen wird, schon weil ein Auseinanderbrechen geradewegs in einen Bankencrash und eine Rezession, wenn nicht sogar Depression führen würde. Noch kann die deutsche Seite bestimmen, wo es langgehen soll. Das Zeitfenster wird aber nicht mehr lange offen bleiben.

Gegenüber diesem alles beherrschenden Thema ist ziemlich aus dem Blickfeld geraten, wie gesund die deutsche Wirtschaft zurzeit ist. Das zeigen insbesondere die detaillierten Zahlen für das Sozialprodukt im dritten Quartal, die am 24. November veröffentlicht wurden.

Frühindikatoren wie die Auftragseingänge in der Industrie und beim Bau oder der Ifo-Indikator weisen allerdings seit einigen Monaten deutlich nach unten, so dass ein Abgleiten in eine neue Rezession nicht mehr unwahrscheinlich ist. Auf einen goldenen Herbst könnte ein sehr kalter Winter folgen. In zu vielen Ländern wird wegen Budgetproblemen eine prozyklische Finanzpolitik verfolgt. Hinzu kommen die Versuche großer, international tätiger Banken, ihre Bilanzen ins Lot zu bringen, indem sie Aktiva verkaufen und Mitarbeiter entlassen. Das drückt auf die Wertpapiermärkte und die Stimmung. Immobiliencrashs zwingen derweil die Haushalte in den USA, in Japan, Spanien, Irland und anderswo, ihre Schuldenberge abzutragen. Bald könnte es auch in China, Kanada, Frankreich, Australien, den Niederlanden und Großbritannien zu Crashs kommen, weil dort die Immobilienpreise im Vergleich zu den Einkommen und Mieten immer noch überhöht sind (dazu gibt es im Economist vom 26. November auf Seite 87 einige aufschlussreiche Zahlen). All das ist pro-zyklisch und sehr beängstigend, vor allem weil die Geldpolitik kaum mehr Pfeile im Köcher hat. Unter Null können die Notenbankzinsen nicht sinken.

Immerhin, die Widerstandskraft der deutschen Volkswirtschaft dürfte beachtlich sein: Die Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe sitzen im Allgemeinen auf Bergen von Liquidität, die Ersparnisse der Haushalte haben fast wieder das hohe Vorkrisenniveau erreicht, die Arbeitslosenquote ist in den letzten Jahren von über 12 Prozent auf 7 Prozent gesunken, so dass es bisher relativ leicht fiel, einen Job zu finden, und das Haushaltdefizit des Staates ist auf etwa ein Prozent des Sozialprodukts gesunken – wenn erforderlich, kann die öffentliche Hand also etwas für die Konjunktur tun.

Die Zahlen im Einzelnen: Das reale BIP war saisonbereinigt im dritten Quartal gegenüber dem zweiten annualisiert um 2,0 Prozent gestiegen und lag damit um 2,6 Prozent über seinem Vorjahreswert. Auch wenn es in den letzten drei Monaten des Jahres zu einem leichten Rückgang kommen sollte, wofür die rückläufigen Frühindikatoren sprechen, wird für 2011 insgesamt im Vorjahresvergleich immer noch eine durchschnittliche Zuwachsrate von 3,0 Prozent herauskommen. Das ist deutlich besser als die Ergebnisse für die USA (1,8 Prozent), Japan (-0,2 Prozent) oder Großbritannien (0,9 Prozent).

Grafik: Ifo Gesachaeftserwartungen und Industrieproduktion - standardisierte Verlaeufe

Bis zuletzt brummte der Exportmotor, dem Euro und den dynamischen Schwellenländern sei Dank. Die realen Ausfuhren von Gütern und Dienstleistungen übertrafen in Q3 ihren Vorjahresstand um 8,1 Prozent, so dass die Exportquote mittlerweile 50,9 Prozent erreicht hat. Nicht weniger erfreulich entwickelten sich die Ausrüstungsinvestitionen (zuletzt 7,3 Prozent des BIP), die real von Q2 auf Q3 mit einer annualisierten Rate von 12,1 Prozent zulegten und damit um 7,5 Prozent über ihrem Vorjahresstand lagen. Die Unternehmen investieren! Sie vergrößern auf diese Weise den Kapitalstock, der neben dem „Humankapital“ die wichtigste Basis für künftigen Wohlstand ist.

Sie können sich allerdings auch nicht über schlechte Gewinne beklagen. Es gibt bekanntlich keine zeitnahen Gewinnstatistiken, aber die Reihe „Betriebsüberschuss/Selbstständigeneinkommen“ in den saisonbereinigten Wirtschaftszahlen der Bundesbank liefert einen Anhaltspunkt. Sie wies im vergangenen Quartal eine Zuwachsrate von 5,9 Prozent gegenüber dem dritten Quartal 2010 auf, was auch nach Abzug der Inflationsrate einen starken Anstieg darstellt. Die Rekordergebnisse von Mitte 2008 sind fast wieder erreicht.

Aber auch die Verbraucher haben sich zuletzt aus der Deckung getraut und erstmals seit Menschengedenken wieder den entscheidenden Wachstumsbeitrag geleistet – der private Konsum war im dritten Quartal real mit einer annualierten Rate von 3,3 Prozent gestiegen, nach einem Rückgang von 2,4 Prozent im zweiten Quartal! Angesichts einer Sparquote von 11,0 Prozent, einer Zuwachsrate des verfügbaren Einkommens von 3,1 Prozent im Vorjahresvergleich und dem anhaltenden und geradezu sensationellen Anstieg der Beschäftigung (zuletzt 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr) gibt es da allerdings noch eine Menge Nachfragepotenzial. In kaum einem Industrieland ist der Anteil des privaten Konsums am BIP so niedrig wie in der Bundesrepublik (57,2 Prozent).

Sogar der Staat war diesmal weniger knauserig als sonst. Da die Konjunktur bisher mit sprudelnden Steuereinnahmen einherging und die Haushaltsdefizite daher geringer ausfielen als gedacht, steigerte er seine Konsumausgaben (vorwiegend Löhne und Gehälter) real annualisiert mit einer Rate von 2,2 Prozent; in den vergangenen fünf Jahren waren es im Durchschnitt nur 1,7 Prozent. Eine Politik, die auch in einer tiefen Rezession wie der von 2008/2009 nicht zusätzlich auf die Bremse trat und damit einen Anstieg der Budgetdefizite hinnahm, hatte auf erfreuliche Weise die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stabilisiert, ebenso wie die Erwartung, dass es bald wieder besser werden würde.

Die Stärke der Nachfrage hat die Unternehmen im dritten Quartal offenbar überrascht. Sie übertraf die Produktion deutlich, so dass es zu einem Abbau der Lagerbestände kam. Für sich genommen bewirkte dieser Effekt gegenüber dem zweiten Quartal einen Rückgang des realen BIP um 0,4 Prozentpunkte. Mit anderen Worten, hätte die Produktion unmittelbar auf die Nachfrage reagiert, wäre das reale BIP im dritten Quartal nicht mit einer annualisierten Rate von 2,1 Prozent, sondern von 3,6 Prozent gestiegen. Der Lagerabbau hat eine erfreuliche Seite: Er wird verhindern, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion im jetzigen (vierten) Quartal zu stark zurückgeht – die Läger müssen ja wieder aufgefüllt werden!

Grafik: Wachstumsbeitraege zum BIP

Von der bis zuletzt anhaltenden Ausgabenfreude der Inländer haben die Ausländer sehr profitiert: Das Volumen der Einfuhren expandierte sogar etwas rascher als das der Ausfuhren. Deutschland betreibt keineswegs eine Wachstumspolitik auf Kosten der Handelspartner, obwohl der große positive Außenbeitrag (von 5,3 Prozent des BIP in Q3) das auf den ersten Blick vermuten lassen könnte. Einfuhren und Ausfuhren nehmen seit Jahren im Gleichschritt zu (real um jeweils etwa fünf Prozent pro Jahr) – und viermal rascher als das reale BIP. Auf’s Ganze gesehen ist Globalisierung bisher kein Schreckgespenst.

Und die Inflation? Wie steht es um die Kaufkraft des „deutschen“ Euro? Auch hier gibt es nichts zu meckern, finde ich. Im November betrug die Inflationsrate der Verbraucherpreise zwar noch 2,4 Prozent im Vorjahresvergleich, die Tendenz ist aber wegen der sinkenden Rohstoffpreise und der schwächeren gesamtwirtschaftlichen Nachfrage rückläufig, so dass die „kritische“ Marke von 2 Prozent schon bald unterschritten werden dürfte. Das breiteste Inflationsmaß, der Deflator des Bruttoinlandsprodukts, lag im dritten Quartal nur um 0,9 Prozent über seinem Vorjahreswert. Seit Einführung des Euro, also gegenüber dem vierten Quartal 1998, ist dieser Deflator im Durchschnitt um 0,7 Prozent pro Jahr gestiegen. Gemessen an der inländischen Kaufkraft war der Euro also bisher superfest. Das wird auch so bleiben, selbst wenn die EZB jetzt schon für über 200 Milliarden Euro Staatsanleihen in ihre Bücher genommen hat.

17 Kommentare

  1.   Tiefenwahn

    So ganz positiv kann ich das mit dem Euro nicht sehen. Es gibt wohl kaum ein Land in der Eurozone, in dem die Einkommen der unteren 90% so massiv gefallen sind wie in Deutschland. Selbst Griechenland dürfte da immer noch besser abschneiden.

    Positiv sind natürlich alle anderen Daten, eine gewisse Steigerung der Bundesausgaben ist angesichts der konjunkturellen Situation sicher positiv, zumal trotz der Mehrverschuldung die Verschuldungsrate zurückgehen dürfte. Auch die bislang erfolgte Monetarisierung von Staatschulden in dem erfolgten Rahmen is angesichts der Deflationsgefahren sicher wünschenswert.

  2.   jopa

    @ DW:

    Im Moment profitiert DE sicherlich vom Euro – ob das aber auch so bleiben muß, steht in den Sternen, zumal dies ein relativ neuer Zustand ist; ich würde jedenfalls bezweifeln, daß DE auch in den (Vorkrisen-)Jahren vor 2009 schon vom Euro profitiert hat.

    Wie auch immer: Letztlich ist die Frage, ob DE aktuell vom Euro profitiert (hat), ziemlich irrelevant. Entscheidungsrelevant ist lediglich, ob DE von einer Euro-Rettung unterm Strich profitieren WIRD – und dazu lese ich oben keine Argumente?

    Ansonsten hübscher Konjunkturüberblick.


  3. @DW
    „Einfuhren und Ausfuhren nehmen seit Jahren im Gleichschritt zu (real um jeweils etwa fünf Prozent pro Jahr)“

    So in etwa stimmt das, aber wenn man sich das genauer betrachtet, dann haben Exporte schneller zugelegt (+6,6% p.a.) als Importe (+5,2% p.a.) in den letzten zehn Jahren, bis 2010. Das mag nicht viel klingen, macht aber genug aus, damit unser Handelsbilanzueberschuss gewaltig stieg. Exporte stiegen um 89%, und Importe um 66% in 10 Jahren.

    Der Handelsbilanzueberschuss stieg von 7 Mrd Dollar im Jahre 2000 auf 234 Mrd Dollar im Jahre 2008, fiel dann und lag in 2010 wieder bei 172,5 Mrd Dollar. (Zahlen von der OECD)

    Also ich meine diese Ausweitung in absoluten Zahlen ist doch mitverantwortlich fuer die Eurokrise. Wir haben enorm auch in den Eurozonenbereich Ware abgesetzt, die die Peripherie auf Kredit gekauft hat. Den Kredit haben unsere Banken geliefert. Jetzt wo sie kalte Fuesse bekommen, und das Geld wieder zurueckfuehren, werden auch die Exporte in diese Regionen fehlen.

    Alles um Deutschland herum stirbt ab, dank deutscher Austeritaetspolitik, die wir nun ueberall hinexportieren.

    Was nateurlich stimmt: „Das neue Wechselkursregime hat uns ein wachstumsfreundliches Umfeld beschert. Auch aus diesem Grund ist es im nationalen Interesse, dass der Euro überlebt.“

    Aber es kann nicht so weitergehen, wie bisher, und deshalb sollten wir uns auch mit der Peripherie solidarisch zeigen. Genauer, die Unternehmer und Kapitalbesitzer, die von diesen Exporten vor allem profitiert haben sollten sich solidarischer zeigen. Denn die haben die dicken Gewinne eingefahren in den letzten 10 Jahren, und die sollte man jetzt mal besteuern, wenn es gilt langfristige Gleichgewichte wieder herzustellen.

    Es kann nicht angehen, dass Unternehmen auf Cashreserven sitzen, nicht wissen was sie damit machen sollen, und die Peripherie stirbt so vor sich hin. Hier waeren Steuern hier in D angebracht, die dann, wenn es sein muss, als Geschenke (Transferzahlungen) in die Peripherie (wie Griechenland) ueberwiesen werden muessen. Natuerlich gegen Auflagen, dass auch die Griechen, die eigenen Summen aufbringen, um die Schulden abzuzahlen.

  4.   bodo

    Nichts als Aufschwung, wohin man auch blickt. Sofort die Kanzlerin benachrichtigen, denn offensichtlich sind Eurobonds und EZB-Gelddrucken jetzt gar nicht mehr nötig.


  5. Gibt es endlich mal eine seriöse Studie zu der ewig wiederholenden Propaganda, dass Deutschland „der größte Europrofiteur“ sei?
    Wir hatten seit der Euroeinführung bis 2010 mit durchschnittlich 1,2% das ZWEITNIEDRIGSTE Wachstum der Eurozone während die Euroländer Irland 3,9%, Griechenlad 2,7% und Spanien 2,6% pro Jahr gewachsen sind.
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/waehrungsunion-die-vor-und-die-nachteile-des-euro-1653839.html
    Genau diese Länder haben auch durch den Euro einen mir uns vergleichbaren Zins bekommen, während dadurch massiv Kapital und Investitionen ins Ausland abgeflossen sind.

    Wir waren vor dem Euro Vizeexportweltmeister und sind es jetzt.Seit der Euroeinführung ist unser Export in die Eurozone von 46% auf 41% gesunken.

    Wir hatten die niedrigste Lohnsteigerung aller EU Staaten.

    Ich kann nicht beurteilen ob wir vom Euro profitiert haben oder nicht(ich glaube eher, dass der Euro uns geschadet hat). Aber dass wir der GRÖßTE Profiteur sind, halte ich für dümmliche Propaganda um dem leichtgläubigen deutschen Steuerzahler zukünftige Wohlstandstransfers in die Südstaaten verkaufen zu können. Griechenland, Spanien, Irland judn CO hatten durch den Euro den höchsten BIP Zuwachs (Irlands BIP pro Kopf ist 15% höher als das Deutsche, aber hauptsache wir zahlen für sie), die höchsten Lohnsteigerungen(dass diese auf Pump waren ist ja egal, da wir sowieso zahlen) und die größten Verringerungen ihrer Zinsen auf Staatsanleihen(die sie jetzt durch Eurobonds wieder haben wollen)

    Ich bin es wirklich leid täglich in der ZEIT „Hurra der Euro ist so toll“ vermischt mit „Wenn der Euro scheitert, scheitert die EU, dann Europa und wir haben wieder Krieg, Mord und Totschlag“ Propaganda lesen zu müssen.

  6.   SLGramann

    Auch ich verstehe dieses Argument nicht, dass Deutschland vom Euro profitiert haben soll.

    Zum einen hat nur der Faktor Kapital profitiert, der Faktor Arbeit hat nur verloren – aber gut, man kann Kapital und Deutschland in Eins setzen, so falsch ist das in diesem System ja nicht.

    Aber nicht nur, dass „unsere“ Exporterfolge den Menschen, die sie in den Fabriken erarbeitet haben, nicht im Geringsten zu Gute kamen, vielmehr haben sie ja gerade die ganzen Probleme erzeugt, in denen wir jetzt stecken.

    Es sind doch eben diese strukturellen und dauerhaften Leistungsbilanzungleichgewichte sind das eigentliche Übel und der tiefste Grund für die Krise des Eurosystems.

    Das, was wieder und wieder als der große Erfolg gefeiert wird, den Deutschland angeblich mit dem Euro hatte, gerade das ist das Problem(!) der ganzen Kiste! Denn „unser“ Erfolg ist spiegelbildlich der Misserfolg der anderen Euroländer. „Unsere“ Gewinne waren und sind ihre Verluste.

    Am Ende des Tages wird der deutsche Arbeitnehmer auch diese Verluste zu tragen haben, nachdem er sich vorher reallohnerhöhungsfrei zu Tode gesiegt hat.

    Ganz toll, das alles.


  7. @3 free_speech:
    „Es kann nicht angehen, dass Unternehmen auf Cashreserven sitzen, nicht wissen was sie damit machen sollen, und die Peripherie stirbt so vor sich hin. Hier waeren Steuern hier in D angebracht, die dann, wenn es sein muss, als Geschenke (Transferzahlungen) in die Peripherie (wie Griechenland) ueberwiesen werden muessen. Natuerlich gegen Auflagen, dass auch die Griechen, die eigenen Summen aufbringen, um die Schulden abzuzahlen.“

    Muhahahaha. Auflagen, ja? Die dann ähnlich strikt eingehalten werden wie die Maastricht-Kriterien oder die No-Bail-Out-Klausel?

    Warum soll nicht ausnahmsweise mal die griechischen Vermögenden für die Schulden ihres eigenen Staate bezahlen? Wege, die dazu notwendigen Mittel einzutreiben, gäbe es genug. Die von der alten Regierung Papandreou geplante Abgabe aus Immobilien, von der ruhmreichen Troika gekippt, zählt dazu. Ebenso eine Zwangsanleihe bei den Besitzern großer Nettovermögen. Man muß es eben nur wollen. Aber wozu das Ganze, wenn man nur etwas warten muß, bis die Kohle von außerhalb rübergeschoben wird.

    „Geschenke“ können Sie also vergessen. Wie wäre es aber mal mit einer kräftigen Steigerung hiesiger Bruttolöhne und -gehälter als ein Mittel zur Ankurbelung sowohl des Binnenmarktes wie auch des für das Ausland wichtigen Importes?


  8. @DW:
    „Der Euro war im vergangenen Jahrzehnt das beste Konjunkturprogramm, das sich denken lässt. Bisher hat Deutschland außerordentlich vom Euro profitiert: vom stabilen innereuropäischen Wechselkurs, der es ermöglichte, durch Lohnzurückhaltung die preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, vom relativ schwachen Wechselkurs gegenüber Drittwährungen, den niedrigen Notenbankzinsen, dem Zufluss von Fluchtgeldern und, in dessen Gefolge, den rekordniedrigen langfristigen Zinsen – das Ganze bei Preisstabilität. Das neue Wechselkursregime hat uns ein wachstumsfreundliches Umfeld beschert. Auch aus diesem Grund ist es im nationalen Interesse, dass der Euro überlebt.“

    Lassen Sie uns, Herr Wermuth, gemeinsam beten, daß die Gewinne und Profite der deutschen Unternehmen auch in Zukunft so üppig sprudeln werden, wie es durch das Lohndumping der letzten zehn Jahre in Kombination mit dem Euro und den daraus folgenden lang anhaltenden Leistungsbilanzüberschüssen gegenüber allen Ländern Europas möglich war.

    „Vater unser, erhalte uns die Boni der Banker und die hohen Renditen der Unternehmen sowie den massiv ausgebauten Niedriglohn-, Zeit- und Leiharbeitssektor auch für qualifizierte Arbeitskräfte. Und führe uns nicht in Versuchung, unseren Anteil an der gestiegen Produktivität der Unternehmen von den Kapitaleignern einzufordern, sondern erlöse uns von dem Übel der Gewerkschaften und den Arbeitnehmerrechten und deren Forderungen nach Lohnsteigerungen als Summe von Inflation und Zuwachs an Produktivität. Amen.“

    Danach erheben wir uns und singen gemeinsam „Freude schöner Götterfunken“ von Friedrich Schiller.

  9.   Thomas Pittner

    „Deutschland betreibt keineswegs eine Wachstumspolitik auf Kosten der Handelspartner, obwohl der große positive Außenbeitrag (von 5,3 Prozent des BIP in Q3) das auf den ersten Blick vermuten lassen könnte.“

    Aber Herr Wermuth, dass war doch ihr zentrales Argument, nicht der erste Blick?!?

    Zwei Jahre „Rekordaufschwung“(man wird ja bescheiden),es wäre nun wirklich grotesk,wenn in dieser Zeit und angesichts der Schuldenkrise der Exportüberschuss weiter steigen sollte.

    5,3 Prozent.

    Man stelle sich vor,man schlüge den Deutschen vor, sie müssten auf 130 Milliarden im Jahr verzichten. Jubel allerorten?

    Aber wenn man das Zeug ins Ausland schickt, um dafür Forderungen zu erlangen,die man nicht nur abschreiben muss, sondern die die Eurozone zum Einsturz bringen werden (weil man sie zu spät abschreibt), dann ist das der Beweis für was?

    „Deutschland“ hat nicht profitiert.
    Sonst stünden hier Schicke Schulen und schlaglichfreie Straßen und tolle Schienen und Hochgeschwindigkeitsleitungen und was man sonst noch alles für die Billion hätte machen können.

  10.   messem

    Den ersten Abschnitt habe ich noch gelesen.

    „Bisher hat Deutschland außerordentlich vom Euro profitiert: “
    Ich bin freudig erregt. Jetzt wird mir endlich mal einer erklären wie Deutschland (d.h. nicht nur die deutsche Exportindustrie) vom Euro profitiert.

    „vom stabilen innereuropäischen Wechselkurs, der es ermöglichte, durch Lohnzurückhaltung die preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern,“
    mmh. Jahrelange Lohnzurückhaltung ist besser als eine simple Abwertung, die mit der Dm möglich gewesen wäre?

    „vom relativ schwachen Wechselkurs gegenüber Drittwährungen,“
    Lohnzurückhaltung *und* Quasi-Abwertung gegenüber Drittstaaten. Ja sind wir denn schon Paradies?

    „den niedrigen Notenbankzinsen,“
    die die ganzen Jahre eher als niedrige Guthabenzinsen weitergegeben wurden.

    „dem Zufluss von Fluchtgeldern und,“
    Zufluss? Deutschland betreibt großzügigen Kapitalexport! (Was zwangsläufig ist bei einem Handelsbilanzüberschuss)

    „in dessen Gefolge, den rekordniedrigen langfristigen Zinsen“
    Fragt sich wem die rekordniedrigen langfristigen Zinsen zu verdanken sind. Dem Euro oder weltweiten Rezession, die de fact stattfindet.

    Und dann hatte ich keine Lust mehr den zweiten Abschnitt zu lesen.