So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Ich bin ausnahmsweise ganz bei Weidmann

Von 29. Dezember 2011 um 14:43 Uhr

So sehr mich der Kurs von Bundesbank und Bundesregierung in der Euro-Krise auch aufregen, den jüngsten Äußerungen Jens Weidmanns zur deutschen Konjunktur stimme ich zu. Der Bundesbankpräsident warnt vor zu viel Schwarzmalerei. Ich habe lange gebraucht, mich zu entscheiden, ob ich für 2012 den Optimisten oder Pessimisten geben soll. Das Hadern ist der eine Grund, warum die jährliche Wachstumswette, mit der der HERDENTRIEB im November 2005 startete, sechs Wochen länger als üblich auf sich warten ließ. Der andere: Die vergangenen fünf Monate waren anstrengend, der neue Job und das Pendlerleben zwischen Frankfurt und Berlin mit allerlei organisatorischen Herausforderungen.
Anyway. Hier kommt meine siebte Wachstumswette. Und nachdem die des vergangenen Jahres mal wieder ganz hervorragend war, gehe ich voller overconfidence gegen den Mainstream.

Nein, keine Rezession, kein Nullwachstum, kein Nullkommawachstum, sondern ein Prozent plus! Klar dazu muss eine ganze Reihe von Annahmen eintreffen. Doch fragen Sie die seriösesten Konjunkturexperten und Sie werden überall hören, wie schwierig es dieses Jahr ist, weil der politische Fortgang der Eurokrise kaum abzuschätzen ist.

Was mich letztendlich zum Optimisten hat werden lassen? Ein langes Gespräch mit einem Notenbank-Insider, das mir zwei Erkenntnisse beschert hat: Weidmanns Position, sich gegen jegliche Anleihekäufe zu stemmen, ist billig. Er befriedigt damit die konservativen Bundesbankkreise inklusive der zur Kampagnen-Zeitung mutierten FAZ, er macht sich in Deutschland unangreifbar und muss dennoch keine Verantwortung für seine Position tragen. Denn er weiß, dass er im EZB-Rat überstimmt wird und wurde. Und die Bereitschaft, Italien an die Wand fahren zu lassen aufgrund irgendwelcher ordnungspolitischer Bedenken, ist im Rat der EZB gleich null. Schon das Absenken der Mindestreserve und der große Drei-Jahres-Tender waren geschickte Schachzüge von Super-Mario Draghi!

Also unter der Bedingung, dass der Euro auch Ende nächsten Jahres noch existiert (mit oder ohne Griechenland spielt kaum mehr eine Rolle) sowie unter der Annahme, dass die EZB jedes Auflodern der Krise im Februar/März mit massiven Anleihekäufen erfolgreich bekämpfen wird und somit Italien und Co. flüssig bleiben, steht die optimistische Wette.

Damit bleibt uns zwar die von den Deutschen – mit ihren Forderungen nach engeren Gürteln – provozierte Rezession in Euro-Land (ex Germany) erhalten und trifft die deutschen Exporte. Aber Lehman II passiert nicht. Und darauf kommt es an! Es wird kein weltweites Einfrieren der Geldmärkte geben, keine Schockstarre im Welthandel wie Ende 2008/Anfang 2009. Und deshalb wird auch die deutsche Wirtschaft nicht abschmieren. Deutschland wird mehr in den Rest der Welt exportieren, auch dank des durch die Krise schwachen Euro. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft ist hervorragend!

Die USA machen mal wieder die konjunkturelle Drecksarbeit und Deutschland profitiert davon, dass nicht alle Länder glauben, man könne durch gleichzeitiges Sparen Haushalte konsolidieren. Unterstützung kommt für die deutsche Konjunktur auch und besonders von der Binnennachfrage.

Denn die Finanzierungsbedingungen sind hierzulande exzellent. Die Realzinsen sind negativ, die EZB wird die Zinsen noch weiter senken. Für Hypothekenzinsen von rund drei Prozent auf zehn Jahre muss man nicht einmal Bundespräsident sein. Das bei Mietrenditen von vier bis sechs Prozent, wenn das mal kein Traum ist! Die Relation Hauspreise zu Haushaltseinkommen soll nach Schätzungen der französischen Bank Natixis so niedrig sein, wie seit Anfang der 70er Jahre nicht mehr! Und Deutschland wird als Zuwanderungsland notgedrungen wiederentdeckt. Also der Bau wird 2012 sicher zum Wachstum beitragen. Genauso wie der private Konsum. Denn die Arbeitslosigkeit dürfte weiter rückläufig sein, die Löhne weiter real steigen.

Und beim traditionellen Blick auf die Kreditkonditionen schaut es doch für Deutschland ganz manierlich aus.

Grafik: Kreditrichtlinien bei deutschen Banken

Eine Kreditklemme lässt sich beim besten Willen noch nicht ablesen. Und das trotz der Verspannungen am Geldmarkt. Aber diese Verspannungen gelten kaum für deutsche Banken, die vom Fluchtkapital aus Südeuropa fast ertränkt werden.

Grafik: Kreditnachfrage der Unternehmen bei deutschen Banken

Selbst die Kreditnachfrage der Unternehmen war zuletzt noch ganz ordentlich, bedenkt man, dass das Gros Eurolands bereits in der Rezession stecken dürfte.

Also, lassen wir die EZB Anleihen im großen Stil kaufen und uns an einem bescheidenen Wachstum für Deutschland freuen! Top die Wette gilt!

In diesem Sinne ein glückliches 2012!

PS: Für alle langjährigen Freunde des Herdentrieb die Info, dass unsere Gemeinschaftswetten (Wermuth, Zeise, Heusinger) dieses Jahr erst Mitte Januar auf den Draht gehen, weil wir vorher alle irgendwo, nur nicht in Frankfurt sind.

Kategorien: Die Heusinger-Wetten
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Respekt vor dem Mut.

    Ich bin deutlich pessimistischer und bin da näher am Konsens, auch wenn ich mich da eigentlich nicht wohlfühle …. Allerdings bin ich noch pessimistischer als der Konsens. Ich sehr vor allem Asien (China) schwach und die Eurozone sowieso. Dann kann es kaum Exportwachstum geben. Die EZB kann dagegen nichts machen. Ich glaube zwar auch, dass sie etwas machen wird (oder es gibt doch Eurobonds), aber das wird die Sparmaßnahmen nicht stoppen.

    Guten Rutsch!

    • 29. Dezember 2011 um 17:11 Uhr
    • egghat
  2. 2.

    …..selten so gelacht……

    • 29. Dezember 2011 um 17:24 Uhr
    • rainer
  3. 3.

    @egghat: So viel Mut ist das gar nicht. Durch den Basiseffekt der Vorquartale müsste es schon richtig schlecht laufen, wenn die 1.0% nicht zusammen kommen.

    • 29. Dezember 2011 um 18:51 Uhr
    • MacT
  4. 4.

    Mit Herrn Weidmann kann man nur übereinstimmen: Man sollte schlechte Zeiten nicht herbei reden. So etwas ist selbsterfüllend: Wenn genug Leute dran glauben, trifft es ein. Zu einem Lehman-Moment käme es nur, wenn etwas schief ginge, etwa ein Run auf die Banken oder eine Bankenpleite. Aber dass die Griechen “kaum mehr eine Rolle spielen”, glaube ich nicht. Falls sie z.B. wieder mal eine blutige Revolution inszenieren, würde ganz Europa erschüttert, und falls sie gar zur Drachme übergingen, würden sofort sämtliche Italiener ihr Geld ins Ausland schaffen und damit die befürchtete “Ansteckung” Italiens auslösen.

    • 29. Dezember 2011 um 19:07 Uhr
    • ergo sum
  5. 5.

    >Also, lassen wir die EZB Anleihen im großen Stil kaufen

    Ich finde es problematisch, dass sie hier immer wieder zu Rechtsbruch auffordern.

    • 29. Dezember 2011 um 19:26 Uhr
    • PBUH
  6. 6.

    soange banken geld lieber bei der ezb parken als anderen banken zu geben ist lehmann zwo, drei, vier jederzeit möglich.

    sueddeutsche.de/geld/vertrauenskrise-im-kreditgeschaeft-banken-parken-milliarden-bei-der-ezb

    2012 ist noch zu ende nicht geschrieben.

    • 29. Dezember 2011 um 19:29 Uhr
    • Vau-2011
  7. 7.

    Ist das nun Mut über Übermut? Ich fürchte, eher letzteres. Man denke nur an die Finanzkrise 2008 – da ist die deutsche Konjunktur stärker abgeschmiert als alle anderen. Die USA sind als Kunde und Wachstumsmotor nicht mehr shr wichtig für old Germany. In China sieht es nicht toll aus, die BRICS spüren auch schon die Euro-Krise, also woher soll der Elan kommen? Aus er Binnennachfrage? Ich fürchte, zu Weihnachten wurde zum letzten Mal geprasst, danach wird gespart. Also ich bin eher pessimistisch. Ich fürchte, 2012 wird das Jahr der Entscheidung und vermutlich auch des Crashs (siehe auch lostineurope.posterous.com/2012-droht-der-crash), wobei der Anlass vermutlich aus einer anderen Ecke kommt als wir alle glauben. Also eher Irankrise als Griechenlandkrise, eher ein Bankenrun als eine Seifenoper in Italien…

    • 29. Dezember 2011 um 19:42 Uhr
    • Eric B.
  8. 8.

    Tanti Auguri! oder so ähnlich sagen die Italiener.

    Viel Geseundheit und Glück im Neuen Jahr hat ein griechischer Parlamentarier seinen Mitbürgern gewunschen, um sich dann zu verbessern, viel Glück wäre vielleicht besser, denn gesund wären ja auch alle Passagiere der Titanic gewesen. Aber die hätten eben kein Glück gehabt.

    Das eine ist ein traditioneller Spruch, der andere ist witzig. Herrn Heusingers Weissagungen ähneln eher den Prophezeiungen des Orakels von Delphi: “Kann so kommen oder auch anders. Wir haben es euch damals schon gesagt.”

    Mal sehen ob Herr Heusinger mit seiner Prognose Glück hat oder ob irgendwo ein kleiner Eisberg lauert.

    Wer sich von den Goldman Boys Papademos, Monti und Draghi die Rettung Europas erhofft, liegt meiner Meinung nach schief (auch mal so ein unbegründeter Blick in die Glaskugel). Die können Geld anderer Leute einsammeln, mehr aber nicht. Im Grunde sind es die Ablasshändler der Gegenwart.

    • 29. Dezember 2011 um 20:22 Uhr
    • Eastend
  9. Kommentar zum Thema

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