So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Deutsche Konjunktur: robust trotz – oder wegen? – der Eurokrise

Von 25. Januar 2012 um 19:18 Uhr

Noch ist die Eurokrise nicht in unserer Realwirtschaft angekommen. Die Arbeitslosigkeit sinkt nach wie vor, und die Stimmung der Unternehmer könnte besser nicht sein. Angesichts dessen, was so um uns herum passiert, ist das ziemlich verblüffend.

Der Internationale Währungsfonds hat gerade die Prognose für das Wachstum des realen BIP Deutschlands im Jahr 2012 gegenüber seiner Septemberprognose um nicht weniger als einen vollen Prozentpunkt auf 0,3 Prozent gesenkt, für die Europäische Währungsunion sogar um 1,6 Punkte auf jetzt -0,5 Prozent. Es sieht also überhaupt nicht gut aus. Der Kontinent steht vor der zweiten Rezession innerhalb von drei Jahren. Die gesamtwirtschaftliche Produktion wird unter das Niveau von 2008 fallen. Besonders betroffen sind Italien und Spanien, die dritt- und viertgrößten Volkswirtschaften Eurolands, wo das Sozialprodukt voraussichtlich um 2,2 beziehungsweise um 1,7 Prozent zurückgehen wird. Mittel- und Osteuropa ist derweil ebenfalls ins Schleudern gekommen und dürfte nur noch mit einer Rate von 1,1 Prozent statt der bislang üblichen 4,5 Prozent expandieren; es handelt sich immerhin um den wichtigsten deutschen Absatzmarkt außerhalb Eurolands, vor Großbritannien, den USA oder China.

Auch das globale Sozialprodukt wird nach den Schätzungen des IWF viel langsamer zunehmen als noch vor wenigen Monaten erwartet, nämlich um 3,3 Prozent statt 4,0 Prozent. Wie immer basieren diese Zahlen auf den sogenannten Kaufkraftparitäten, also künstlichen Wechselkursen – nimmt man tatsächliche Wechselkurse und gibt damit den armen Ländern beim Aggregieren ein geringeres Gewicht, ergibt sich eine Zuwachsrate von nur 2,5 Prozent. Sie liegt um Einiges unter dem mittelfristigen Trendwert. Die globale Outputlücke wird also wieder größer und ein scharfer Anstieg der Arbeitslosenzahlen und damit der sozialen Spannungen ist so gut wie sicher. Angst vor steigenden Inflationsraten braucht man in einem solchen Szenarium natürlich nicht zu haben, oder dass die Notenbanken wieder die Zügel anziehen könnten. Die Flutung der Weltwirtschaft mit Liquidität wird weitergehen.

Grafik: Wachstum der Weltwirtschaft seit 1980

In diesem trüben realwirtschaftlichen Umfeld ist es erstaunlich, dass der ifo-Geschäftsklimaindex im Januar zum dritten Mal in Folge gestiegen ist, auf einen Wert von 108,3 – der Durchschnitt der Jahre seit 1991 liegt bei 100,7, und der Tiefpunkt (von Ende 2008) bei 84,6. Nicht nur dass die Geschäftslage hervorragend ist, auch die Erwartungen haben wieder gedreht und übertreffen ihren längerfristigen Durchschnittswert, wenn auch nur leicht. Müssten die Unternehmen angesichts der eskalierenden Eurokrise und der ständigen Reduzierung der Wachstumsprognosen nicht viel pessimistischer sein?

Grafik: ifo-Geschäftsklimaindex - Januar 2012

Das Statistische Bundesamt hatte vor einigen Tagen eine vorläufige Schätzung für die BIP-Zuwachsrate des Jahres 2011 vorgelegt. Danach war das deutsche Sozialprodukt im Durchschnitt real um 3,0 Prozent gestiegen, nach 3,6 Prozent im Jahr zuvor. Wenn man die Zahl genauer analysiert, erkennt man rasch, das es im vierten Quartal saisonbereinigt zu einem Rückgang gegenüber dem dritten Quartal von etwas weniger als 0,5 Prozent gekommen sein muss, was einer Verlaufsrate von -1,9 Prozent entspricht. Das schmeckt schon sehr stark nach Rezession, finde ich. Tendenziell bestätigt wird das Ergebnis durch die Zahlen zur Industrieproduktion, die es bis einschließlich November gibt. Danach ist diese im Vergleich zum dritten Quartal mit einer saisonbereinigten Verlaufsrate von 7,6 Prozent gefallen, wenn man unterstellt, dass der Dezemberwert dem Durchschnitt von Oktober und November entspricht. Die Auftragseingänge sind schon etwas früher eingebrochen und lagen, wieder auf der Basis Okt/Nov, real und annualisiert um 9,3 Prozent niedriger als im zweiten Quartal.

Hält die enge zeitversetzte Korrelation zwischen der Erwartungskomponente im ifo-Indikator auch weiterhin, könnte die Industrieproduktion im Vorjahresvergleich nach einem kurzen Ausflug ins Negative schon bald wieder expandieren. Warum eigentlich?

Grafik: Industrieproduktion und ifo-Geschäftserwartungen

Ja warum? Auch der deutsche Arbeitsmarkt ist für mich ein großes Rätsel. Die Unternehmen lassen sich immer noch nicht von der Eurokrise, oder den Lasten, die möglicherweise auf alle von uns zukommen könnten, oder den Revisionen der Wachstumsprognosen beeindrucken. Bis zuletzt haben sie ihre Belegschaften vergrößert – die Anzahl der Erwerbstätigen übertraf im November ihren Vorjahreswert um 1,3 Prozent. Selbst im Zeitraum August bis November, als sich die konjunkturellen Warnsignale bereits stark vermehrten, wurde im Verlauf noch eine Zuwachsrate von 0,9 Prozent erreicht. Wenn die Produktion sinkt, die Beschäftigung aber zunimmt, gehen Produktivität und Gewinne zurück. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Arbeitgeber nur mit einer Konjunkturdelle rechnen, nicht mit einem Einbruch. Sie machen sich mehr Sorgen um einen Fachkräftemangel als um einen nachhaltigen Gewinnrückgang. Hoffentlich haben sie recht.

Ich sehe vier mögliche Gründe für den erstaunlichen Optimismus der Unternehmer, ohne dass ich sagen kann, welcher der wichtigste ist, oder ob es eine ganz andere Erklärung gibt.

Erstens, so scheint mir, haben wir seit einiger Zeit einen belastbaren Sozialkontrakt, bei dem für die Arbeitnehmerseite der Erhalt ihrer Jobs im Vordergrund steht, auf der Arbeitgeberseite dagegen die stetige, nicht notwendigerweise die maximale Steigerung der Gewinne. Möglicherweise hat das verfügbare Einkommen inzwischen ein Niveau erreicht, bei dem es sich auskömmlich leben lässt, wo finanzielle Sicherheit Vorrang hat vor hohen Zuwachsraten. Offenbar wird die Einkommensverteilung nicht als schreiend ungerecht empfunden, jedenfalls im Durchschnitt.

Zweitens ist eine Expansionsrate der Weltwirtschaft von real 3,3 Prozent deutlich verschieden von Null – global wird es wohl keine Rezession geben, so dass von daher nur mit einer langsameren Zunahme der Exporte zu rechnen ist, keineswegs mit einem Rückgang. Ganz im Gegenteil: Da die deutschen Ausfuhren im Trend fast doppelt so rasch expandieren wie das reale Welt-Sozialprodukt, ist auch in diesem Jahr erneut mit einem kräftigen positiven Wachstumsbeitrag des Außenhandels zu rechnen. Die deutschen Unternehmen haben die Produkte im Angebot, die international benötigt werden. Das gilt vor allem auch für die Schwellenländer, die seit mehr als einem Jahrzehnt zweieinhalb- bis dreimal rascher wachsen als die Industrieländer.

durchschnittliche jährliche Wachstumsraten des realen BIP
in Prozent
  Welt Industrie-
länder
Schwellen-
und Entwicklungs-
länder
Deutschland
1980-89  3,2 3,1 3,5 1,9
1990-99 3,0 2,7 3,6 2,2
2000-08 4,1 2,3 6,5 1,6
2009-11 2,8 0,4 5,4 0,5
Quelle: Internationaler Währungsfonds

 

Drittens: der schwache Euro! Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit war schon lange nicht mehr so gut wie im Augenblick. Hätten wir noch die D-Mark, wäre es uns vermutlich so gegangen wie bis vor Kurzem der Schweiz. Wegen der hervorragenden Fundamentaldaten – gewaltiger Überschuss in der Leistungsbilanz, fast ausgeglichener Staatshaushalt – hätte sich die Mark so stark aufgewertet, dass sowohl im Inland als auch im Ausland Marktanteile verloren gegangen wären. Investitionen und Beschäftigung hätten entsprechend gelitten. Die Probleme unserer Partnerländer haben uns über den Umweg “schwacher Euro” ein Beschäftigungswunder beschert. Wir sollten uns nicht ernsthaft beklagen und uns nicht allzu knauserig zeigen, wenn wir jetzt um Hilfe für die Anderen gebeten werden. Der Euro nützt uns sehr.

Grafik: Reale effektive Wechselkurse - Euro, Dollar; Yen

Und viertens: die niedrigen, real sogar negativen Zinsen! Die EZB kann nicht nur nicht bremsen, sie wird auf lange Sicht sehr expansiv bleiben. In Spanien, Italien, Irland, Portugal und selbst in Frankreich ist eine solche Politik dringend erforderlich, weil sie mit den Folgeschäden geplatzter Immobilienblasen zu kämpfen haben. Wir wissen inzwischen (wieder), dass die realwirtschaftlichen Probleme, die durch den forcierten Schuldenabbau verursacht werden, viele Jahre anhalten können. Der Kampf gegen eine drohende Deflation wird weiterzugehen haben. In Deutschland gab es keine Blasen, daher konnten auch keine platzen, und wir haben uns daher auch nicht mit den Folgeschäden herumzuschlagen – aber wir kommen trotzdem in den Genuss niedriger Zinsen. Wunderbar!

Leser-Kommentare
  1. 1.

    > Erstens, so scheint mir, haben wir seit einiger Zeit einen belastbaren
    > Sozialkontrakt, bei dem für die Arbeitnehmerseite der Erhalt ihrer
    > Jobs im Vordergrund steht [...]. Möglicherweise hat das verfügbare
    > Einkommen inzwischen ein Niveau erreicht, bei dem es sich auskömmlich
    > leben lässt, wo finanzielle Sicherheit Vorrang hat vor hohen
    > Zuwachsraten.
    Man könnte es auch Angst vor Arbeitslosigkeit nennen, siehe auch boeckler.de/14_38669.htm

    • 25. Januar 2012 um 20:25 Uhr
    • bluecode
  2. 2.

    Erstens und zweitens sind m.A.n. die entscheidenden Gründe.

    Die „Massenkurzarbeit“ als realwirtschaftliche Folge der Lehman-Pleite steckt den Leuten noch in den Knochen. Bei den Wachstumsraten der Schwellenländer ist die Nachfrage da, die Schwäche der europäischen Peripherie ist offensichtlich keine Abschreckung.

    Drittens: sehe ich eher gemischt bzw. nur leicht positiv. Denn die Einfuhren, speziell von Rohstoffen und Vorprodukten, werden teurer bei schwachem Euro.

    Viertens: Das Zinsniveau ist zwar positiv, hat aber nur geringe Auswirkungen m.A.n. Die starken deutschen Exporteure haben Reserven und kommen daher ohne große Fremdfinanzierung aus; schwache Unternehmen haben mit der Bonität zu kämpfen und kommen daher vielfach nicht zu einer günstigen Fremdfinanzierung.

    • 25. Januar 2012 um 21:03 Uhr
    • Dietmar Tischer
  3. 3.

    Die Wiederkehr der Geschichte macht es so verdammt unnötig, auf wirtschaftlichen Analysen des aktuellen Rands basierende Konjunkturprognosen aufzustellen. Die deutsche Wirtschaft ist genau da, wo sie vor vier Jahren stand: im Januar 2008. Wir sind gerade noch dabei, den vergangenen Aufschwung zu realisieren und befinden uns nun in einer Konsolidierungsphase. Wenn es so läuft wie im letzten Zyklus, würde die Konjunktur bald einbrechen, ohne dass dies große Probleme verursacht. Damals gingen die Auftragseingänge der deutschen Industrie seit Dezember 2007 zurück, doch noch im Sommer 2008 sprach man von einem Aufschwung. Eine Rezession wollte man gar erst im Spätherbst diagnostizieren, auch wenn sie schon im zweiten Quartal des Jahres begann.

    Wenn man bedenkt, was uns wirtschaftlich bevorsteht, ist es eigentlich heilsam, dass die deutsche Wirtschaft noch mal alles aus sich rausholt. Schon demographisch gesehen ist es zwangsläufig langfristig die letzte Boomphase, in der die deutsche Industrie und Wirtschaft noch europäisch brillieren wird. Neue Höchststände bei den Erwerbstätigenzahlen (zur Zeit 42 Millionen) erreichen wir gerade nur deshalb, weil die Babyboomer-Generation voll erwerbstätig ist. Das wird so nie wieder kommen.

    Das Drehbuch ist klar: Die scheinbar endlos anmutende Zeit des deutschen wirtschaftlichen Erfolgs, die nur deshalb endlos anmutet, weil um uns herum der wirtschaftliche Erfolg überall endet oder schon geendet ist, wird auch bei uns bald enden. Wie bei der letzten Krise wird dieses Enden nicht nur durch realwirtschaftliche Gründe ausgelöst, zu denen man noch im weitesten Sinne die europäischen Konsolidierungsmaßnahmen in den Staatshaushalten zählen kann. Ein “Schock-Effekt” wie bei der Lehman-Pleite muss eigentlich dazukommen.

    Die Frage ist die nach dem Zeitpunkt eines solchen Effektes. Ist der “zufällig” oder lassen sich Bedingungen formulieren für den Zeitpunkt, wann er eintreten wird? Ich vermute letzteres. Hier spielen aber wirtschaftliche Analysen keine Rolle mehr, nur noch politische. Es geht um die regelmäßigen Gipfeltreffen zur Eurorettung. Es geht um die Politik der deutschen Bundesregierung in der Eurokrise. Bevor sie nicht ihre Ziele bezüglich der institutionellen Neuausrichtung der Währungsunion komplett erreicht wähnt, wird es den genannten Schockeffekt nicht geben.

    Erst wenn die deutsche Bundesregierung, wenn die europäischen Regierungen, wenn die europäische Zentralbank alles getan haben, was sie für notwendig halten für eine Überwindung der Eurokrise – und wenn diese dann noch immer nicht überwunden ist – dann wird die Bereitschaft wachsen, das Scheitern des Systems, die systemische Krise zuzulassen oder gar herbeizuführen. Dieser Moment im letzten Krisenzyklus war kurz vor dem 15. September 2008 gekommen. Bear Stearns rettete man Mitte März 2008 noch, aber Anfang September 2008 war die Bereitschaft, noch einen “Bailout” einer großen Bank einzugehen, drastisch gesunken.

    Eigentlich spricht alles dafür, dass das zweite Lehman eben Griechenland sein wird. Oder ist Griechenland gar noch das Bear Stearns des Jahres 2012? Fakt ist, dass wir eine unhaltbare Situation haben, die irgendwann nicht mehr zu halten ist und dann eben ihre eigene Dämmerung einleitet. Politisch wird das ganze dadurch zeitlich eng eingeschränkt, weil die zur Zeit europäisch wie international federführende deutsche Bundesregierung ebenfalls eine zeitliche Beschränkung hat. Sie wird definitiv, zu 100 %, dieses oder spätestens nächstes Jahr nicht mehr bestehen.

    Die Kanzlerinnendämmerung wird darum auch eine Dämmerung des bestehenden politisch-ökonomischen Systems in der Europäischen Union sein. Dieser Krisenzyklus geht anders als der letzte von Europa aus, was Amerika aber so wenig hilft, wie es Europa beim letzten mal geholfen hat, dass die Krise von Amerika ausging. Betroffen waren beide Wirtschaftsräume, und – man sprach von einer Weltwirtschaftskrise – auch der Rest der Welt.

    • 25. Januar 2012 um 21:41 Uhr
    • politz
  4. 4.

    Die Erklärungsversuche, warum die Unternehmen hierzulande optimistischer in die Zukunft blicken als in anderen EU-Ländern, verfangen alle vier nicht recht.

    Gewiss sind die moderaten Tarifabschlüsse hilfreich. Doch die Löhne liegen in der Bundesrepublik noch immer höher als in Südeuropa und z. T. auch Frankreich – von Osteuropa ganz zu schweigen. Und von der wachsenden Weltwirtschaft, dem schwachen Euro und den niedrigen Zinsen profitieren auch die anderen Länder der Eurozone.

    Meiner Ansicht nach ist ein anderer Grund, warum die deutschen Exporte auch künftig voraussichtlich weit überdurchschnittlich zulegen dürften, viel entscheidender: Die deutsche Industrie hat sich weitgehend aus der Massenproduktion verabschiedet und sich konsequent auf Marktnischen spezialisiert, wo dank spezieller Kenntnisse, größerer Erfahrung und auch starker Marken nachhaltige Wettbewerbsvorteile aufgebaut werden können. Dies zeigen beispielhaft die drei wichtigsten deutschen Exportzweige:

    1. Autoindustrie: Die deutschen Hersteller exportieren vor allem Premium-Fahrzeuge, also Modelle der oberen Mittelklasse, Luxuslimousinen und Sportwagen. Dort sind Qualität, Technologie und nicht zuletzt ein schickes Design viel wichtiger als der Preis.

    2. Maschinen- und Anlagenbau: Hier dominieren in der Bundesrepublik die viel zitierten Mittelständler, die sich nahezu alle auf Sonder- und Spezialmaschinenbau konzentriert haben – von Werkzeugmaschinen, die mit Lasertechnik arbeiten, über kundenspezifische Anlagen für die Chemie-Industrie und hochgerüstete Landmaschinen für Precision Farming bis zu Tunnelbohrgeräten, die für den Ausbau der Infrastruktur in den Schwellenländern gebraucht werden.

    3. Elektrotechnik: Mit elektronischen Massenprodukten tun sich die deutschen Hersteller bekanntlich sehr schwer, seien es Fernseher, Handys oder Laptops. Erheblich mehr Geschick haben die hiesigen Ingenieure dagegen im Elektroanlagenbau, seien es Medizintechnik, Kraftwerksbau, Fabrikautomation oder Hochgeschwindigkeitszüge.

    Ganz ähnlich wie die deutsche Industrie konzentrieren sich die Unternehmen in der Schweiz, Israel und den skandinavischen Ländern auf Märkte, wo Größe keine Rolle spielt, wo Know-how aber umso wichtiger ist.

    Hingegen liefern Amerika, China und Japan vor allem Massenprodukte. Hiermit können die Unternehmen auf den Weltmärkten nur Geld verdienen, wenn entweder die Löhne und Preise niedrig sind – wie in China – oder die Unternehmen mit hocheffizietnen Methoden arbeiten – wie in Japan.

    In den USA ist beides nicht der Fall. Nicht zuletzt deswegen hat das Land seit Jahrzehnten riesige Handelsdefizite.

    Doch auch Japan tut sich zunehmend schwer, bei Massenprodukten international konkurrenzfähig zu bleiben. Wie heute bekannt wurde, verzeichnet das Land jetzt zum ersten Mal seit mehr als dreißig Jahren ein Defizit im Außenhandel (von umgerechnet 28 Milliarden Euro). Die Minus-Zahlen dürften sich, fürchten japanische Ökonomen, künftig fortsetzen.

    Langer Rede kurzer Sinn: Es sind vor allem die Leistungen von Unternehmern, Ingenieuren und Facharbeitern, die die Wettbewerbsfähgkeit der deutschen Exportwirtschaft gewährleisten – und nicht die Manipulation von makroökonomischen Kennziffern.

    • 25. Januar 2012 um 21:59 Uhr
    • Wirtschaftssachverständiger
  5. 5.

    @ Wirtschaftssachverständiger

    Es ist nicht falsch, was Sie schreiben.

    Daraus folgt jedoch nicht, dass Ihre These richtig ist, nämlich:

    Die technologische Überlegenheit der deutschen Industrie an Gütern, die unverzichtbar sind, ist derart hoch, dass die Eurokrise belanglos ist und damit auch die Erklärungsalternative von D. W. für die deutschen Konjunkturaussichten.

    Auch bei der technologischen Spitzenstellung der deutschen Industrie ist die Nachfrage nach deren Produkten und Dienstleistungen konjunkturabhängig, wenn auch nicht so sehr wie die von gewöhnlichen Massenprodukten. Es geht auch nicht um „die Manipulation von makroökonomischen Kennziffern“. Wo hat D. W. etwas manipuliert?

    Die Wettbewerbsfähigkeit wird als gegeben angenommen und dann werden vier Variablen als Ursachen für die vergleichsweise sehr positiven deutsche Konjunkturaussichten als Erklärung angeboten.

    • 25. Januar 2012 um 22:58 Uhr
    • Dietmar Tischer
  6. 6.

    @ Dietmar Tischer (#2)

    Zu Punkt 4: ob Eigenkapital oder Fremdkapital, niedrige Zinsen stimulieren auf jeden Fall die Ausgabenneigung. Nehmen Sie an, sie brauchten für Ihre Investition kein Geld von der Bank oder vom Kapitalmarkt. Wenn sich Ihr Geld (Ihre flüssigen Mittel) nur gering verzinst, nach Abzug der Inflationsrate möglicherweise sogar negativ, erhöht das doch den Anreiz, was besseres damit anzustellen – durch niedrige Zinsen sinkt die Schwelle, von der an Sachkapital gebildet wird. Insofern ist die Unterscheidung nur auf den ersten Blick relevant. DW

    • 26. Januar 2012 um 14:33 Uhr
    • Dieter Wermuth
  7. 7.

    @ politz (#3)

    Stimme Ihnen soweit zu, dass auch ich noch nicht sehe, ob wir wirklich auf dem Weg zu einer Fiskalunion, mit uneingeschränkter gegenseitiger Haftung sind. Dass die Regierungen alle nur sparen sollen im Rahmen eines aufgemotzten Maastricht-Vertrags, wird nicht helfen, weil es nicht nur um unverantwortliche staatliche Ausgabenpolitik geht, die korrigiert werden muss. Unsere Krise ist entstanden durch die Aktionen eines nur lax kontrollierten Finanzsektors, der sich auf Teufel komm raus verschuldet hat und dem Publikum Produkte angedreht hat, die letztlich keine – oder nur eine negative – Rendite abwarfen. Vom Volumen her ist die Lösung der Eurokrise kein Problem – es fehlt nur am politischen Willen, ernsthaft in eine umfassende Transferunion einzusteigen. Das wäre im Übrigen allemal billiger als den Euro wieder abzuschaffen. DW

    • 26. Januar 2012 um 14:43 Uhr
    • Dieter Wermuth
  8. 8.

    @ Wirtschaftssachverständiger (#4)

    Klar, aber diese gewissermaßen strukturellen Vorteile hatte die deutsche Wirtschaft eigentlich schon immer. Ich versuche dagegen zu erklären, warum es gerade jetzt so (relativ) gut läuft. Man könnte vielleicht noch argumentieren, dass der weltwirtschaftliche Expansionsprozess stärker ist als früher, dass in den Schwellenländern eine geschickte Wachstumspolitik betrieben wird, die auf die Vergrößerung des Kapitalstocks (statt auf die Stimulierung des Konsums) setzt, und dass die deutsche Wirtschaft aufgrund ihrer Unternehmensstruktur und ihrer (wegen der hohen Löhne) anspruchsvollen Produkte besonders davon profitiert. DW

    • 26. Januar 2012 um 15:08 Uhr
    • Dieter Wermuth
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)