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Bald 20 Millionen Arbeitslose

 

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit von 11,5 Millionen Personen zu Beginn der Finanzkrise auf jetzt über 17 Millionen, also innerhalb von nur etwas mehr als vier Jahren, ist höchst beunruhigend und wirft die Frage auf, für was denn die Währungsunion gut sein soll, hat sie doch in vielen Mitgliedsländern mitten in der Krise Lohnkürzungen und eine pro-zyklische Finanzpolitik erzwungen. Vor allem die Jugendlichen bleiben auf der Strecke. Das darf nicht so weitergehen, sonst gibt es ein Glaubwürdigkeitsproblem, sonst wird aus der Währungsunion eine Arbeitslosenunion. Es wäre das Ende des Euro.

Grafik: Arbeitslosigkeit in der EWU 1995-201202

Die EU-Kommission schätzt, dass das reale Sozialprodukt des Euroraums in diesem Jahr im Durchschnitt um 0,3 Prozent unter dem Wert von 2011 liegen dürfte. Auch in einer milden Rezession wie dieser nimmt in der Regel die Arbeitslosigkeit zu, weil die Unternehmen angesichts der mehr oder weniger unaufhaltsamen Produktivitätsfortschritte mit einer kleineren Belegschaft auskommen. Solange die Outputlücke im Verlauf der Rezession größer wird, wonach es für’s Erste aussieht, gibt es kaum Hoffnung auf eine Trendumkehr am europäischen Arbeitsmarkt. Inzwischen ist nicht mehr auszuschließen, dass demnächst 20 Millionen Arbeitsplätze fehlen werden.

Wir taxieren den Unterschied zwischen dem, was tatsächlich produziert wird, und dem, was bei Vollauslastung produziert werden könnte auf 9,8 Prozent. Unterstellt wird dabei, dass das Potenzialwachstum auch in den Jahren nach 2008 bei 1,9 Prozent lag, wie in dem Zyklus von 2001 bis 2008. Das liegt etwas unterhalb der Zuwachsrate, wie sie die EZB berechnet.

Grafik: EWU BIP und Trend 1995-2012Q4

Übrigens gibt es auch eine ziemlich große globale Outputlücke (von 6,6 Prozent), die vor allem durch das schwache Wachstum in den Industrieländern verursacht wird. Mit tatsächlichen Wechselkursen gerechnet – statt mit Kaufkraftparitäten – wächst das potenzielle reale Sozialprodukt der Welt nach den Statistiken des Internationalen Währungsfonds mittelfristig mit einer Rate von 3,1 Prozent. Zurzeit nimmt das aktuelle reale BIP aber nur mit einer Jahresrate von rund 2,3 Prozent zu, so dass auch im Weltmaßstab zunehmend Ressourcen brach liegen. Europas Wirtschaft kann nicht damit rechnen, dass von den Exporten starke Wachstumsimpulse ausgehen werden.

Grafik: Welt BIP und Trend 1995-2012

Zurück zur Währungsunion: Es spricht Einiges dafür, dass es sich bei dem steilen Anstieg der Arbeitslosigkeit vor allem auch um einen Strukturbruch handelt, nicht nur um ein konjunkturelles Phänomen. Der Bausektor und die Finanzwirtschaft, Branchen, die einst als besonders dynamisch galten, befinden sich in einer radikalen Schrumpfkur und setzen massiv Arbeitskräfte frei. Durch den starken Rückgang der Realzinsen in den Jahren unmittelbar vor der Einführung des Euros und in den acht Jahren danach war es in den Ländern, die bis dahin wegen ihrer schwachen Währungen an viel höhere Realzinsen gewöhnt waren, zu einer Explosion der Kredite an den privaten Sektor gekommen. Geld war in der schönen neuen Welt des Euro auf einmal zu sehr günstigen Konditionen zu haben.

Grafik: Realzinsen 1993-201202

Es kam zu einem Kreditboom, zu einer starken Verschuldung der Haushalte, vor allem aber zu Immobilienblasen. Als die dann platzten, befanden sich plötzlich weite Teile der Bevölkerung sowie sehr viele Banken finanziell unter Wasser. Sie hatten vorher naiverweise daran geglaubt, dass die Preise für Häuser und Wohnungen immer nur steigen konnten und sich entsprechend verschuldet.

Grafik: Kreditexpansion an Private 1998-2008

Die EZB hatte den Kreditboom hingenommen, weil die Inflationsraten nahe oder sogar unterhalb der selbstgesetzten Zielmarke lagen, es also aus ihrer engen Sicht keine Probleme gab. Auch die staatlichen Budgetdefizite bewegten sich bis zum Ausbruch der Krise im Rahmen des Normalen, waren jedenfalls keineswegs besorgniserregend.

Grafik: Budgetdefizite 1995-2011

Insgesamt gab es nichts im kollektiven Gedächtnis der Notenbanker, was sie vor den Gefahren von Vermögenspreisblasen gewarnt hätte. Sie waren in den siebziger und achtziger Jahren durch ihren Kampf gegen die Inflation konditioniert worden und hatten die Möglichkeit einer Liquiditätsfalle verdrängt. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass sich mit ihren Instrumenten eines Tages nichts mehr würde ausrichten lassen, oder dass nicht der Kampf gegen die Inflation, sondern der für die Stabilität des Finanzsystems oberste Priorität haben würde.

Bis zur Krise waren die Bauwirtschaft und die Banken die Boomsektoren schlechthin, nicht nur im Euroraum, sondern auch in den USA und in Großbritannien. Dort stiegen Einkommen und Beschäftigung viele Jahre lang außerordentlich rasch. Als dann auf einmal die Wende kam, erwiesen sich die Qualifikationen, die für einen wirtschaftlichen Erfolg in diesen Branchen wichtig sind, als überflüssig. Die Sektoren waren insgesamt viel zu groß geworden und mussten schrumpfen.

In Deutschland, wo es weder einen starken Rückgang der Realzinsen durch den Euro noch, nicht zuletzt aus diesem Grund, einen Immobilienboom gegeben hatte, kam es nicht zu einem solchen Strukturbruch. Die Arbeitslosigkeit war im Jahr 2009 nur kurz etwas angestiegen und sinkt seitdem wieder.

Probleme gab es allerdings bei den deutschen Banken, die unter dem Druck ihrer Aktionäre und Vorstände auf Renditejagd waren. Weil das Renditeniveau der traditionellen Anlageklassen im Zuge der „Great Moderation“ so stark gesunken war, verfielen sie den Sirenenklängen der Investment Banken und Ratingagenturen und luden sich ihre Bilanzen – oder die ihrer „Special Purpose Vehicles“ in Irland – mit angeblich soliden aber erstaunlicherweise überdurchschnittlich gut verzinsten Immobilienpapieren voll, vorwiegend amerikanischen. Die Bankenaufseher hatten nichts weiter einzuwenden. Am Ende handelte es sich aber um die inzwischen berühmten toxischen Aktiva, die so wertlos waren, dass die Rettung der strauchelnden Banken den deutschen Steuerzahler mehrere hundert Milliarden Euro kostete.

Ein Nebenprodukt des kreditgetriebenen Booms in den heutigen Krisenländern des Euroraums waren die starken Lohnsteigerungen, vor allem im Vergleich zu Deutschland. In ihrer Euphorie nahmen weder die Vertreter der Arbeitnehmer noch der Unternehmen wahr, dass sie in einem Festkurssystem rapide an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen, wenn sich die anderen Länder nicht an diesem Spiel beteiligen. Nur durch Produktivitätsgewinne lässt sich dieser Nachteil beseitigen, aber wie relevant sind Produktivitätsfortschritte bei Baufirmen und Banken, wenn es um die Konkurrenz mit ausländischen Anbietern geht?

Dass wir es heute mit 17 Millionen Arbeitslosen zu tun haben, hat außer mit der nach wie vor lahmenden Weltkonjunktur und der pro-zyklischen Finanzpolitik im Euroraum mit zwei Euro-spezifischen Phänomenen in den Krisenländern zu tun: der unhaltbaren Expansion des Finanzsektors und der Bauwirtschaft einerseits sowie dem rapiden Anstieg der relativen Lohnstückkosten andererseits.

Um die Arbeitslosigkeit wieder zu vermindern, muss an allen Fronten etwas geschehen. Am besten wäre es natürlich, wenn es einen starken und nachhaltigen Aufschwung gäbe. Daran ist aber nicht zu denken, solange die Rentenmärkte eine Konsolidierung der Staatsfinanzen und damit immer neue Sparpakete erzwingen. Deutschland hätte die Mittel, konjunkturell so viel zu bewegen, dass es auch den Nachbarländern etwas nutzt. Schließlich gibt es nach meinen Berechnungen einen strukturellen staatlichen Haushaltsüberschuss in der Größenordnung von 3 bis 4 Prozent des BIP. Leider bin ich da allein auf weiter Flur. Das Wort „Konjunkturstimulierung“ steht bei uns ohnehin auf dem Index. Die Mehrheitsmeinung ist: Wenn wir hier Gas geben, lassen die anderen sofort in ihrem Bemühen nach, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen und zu gesunden. Immerhin zeigt sich die Bundesrepublik bei der Ausstattung des Europäischen Stabilitätsmechanismus recht großzügig und solidarisch. Dass das vorwiegend aus Eigeninteresse geschieht, sollte nicht stören.

Es wäre wünschenswert, wenn demnächst einmal auch konzeptionell ein größerer Schritt in Richtung Fiskalunion unternommen würde – das könnte den Weg für eine expansivere gesamteuropäische Finanzpolitik eröffnen, die auch am Arbeitsmarkt Früchte trägt. Schließlich beläuft sich das konsolidierte Haushaltsdefizit der Währungsunion auf „nur“ etwa 4 Prozent des BIP und bietet damit wesentlich mehr Spielraum als etwa die amerikanischen, britischen oder japanischen Staatsdefizite. Unter welchen Bedingungen könnten gemeinsame Eurobonds begeben werden? Wenn sich Italien, Spanien und die anderen zu Konditionen verschulden können, die nicht viel schlechter sind als die deutschen, ließen sich notwendige, aber schmerzhafte Strukturreformen am Arbeitsmarkt und in der Finanzpolitik leichter verkaufen und durchsetzen als das bisher möglich ist. Irgendwann wird es zu solchen Anleihen kommen, ich vermute aber, dass die Eurokrise zuvor noch einmal gefährlich eskalieren muss.

Die Lohnrelationen dürften angesichts der großen Unterschiede in den Arbeitslosenquoten innerhalb des Euroraums nur tendenziell wieder ins Lot gebracht werden – de facto kann es kaum funktionieren, oder es wird sehr lange dauern. Am besten wäre eine ordentliche Abwertung. Das ist aber keine Option mehr. In Deutschland lagen die tariflichen Stundenlöhne im Januar nur um ganze 0,9 Prozent über ihrem Vorjahreswert. Wenn spanische oder italienische Unternehmen angesichts solcher Bescheidenheit und ihrer über viele Jahre relativ stark gestiegenen Lohnstückkosten ihre Wettbewerbsposition verbessern wollen, müssen sie schon ihr Lohnniveau um 30 Prozent senken oder die Produktivität um so viel steigern. Wie soll das gehen?

Grafik: Lohnstueckkosten DE FR IT ES 1995-2011Q4

Ausgeschlossen ist ein solches Lohndumping allerdings keineswegs. Die baltischen Länder haben es vorgemacht. Manchmal ist es besser, eine schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen als gar kein Einkommen zu haben. Hartz IV für Spanien? Der andere Ansatz wäre, die Investitionen so zu steigern, dass es zu großen Produktivitätssprüngen kommt und es wieder attraktiv wird, neue Mitarbeiter einzustellen. Dazu können Unternehmen allerdings nicht gezwungen werden. Ohne massive staatliche Anreize wird es nicht gehen. Da aber die Staaten Eurolands Sparen zu ihrer Priorität gemacht haben, bleibt nichts Anderes übrig, als die Struktur von Ausgaben und Einnahmen nachhaltig zugunsten der Investitionsförderung zu verändern. Ein anderer Schwerpunkt sollte auf der beruflichen Wiedereingliederung der Arbeitslosen durch Fortbildung sowie der marktgerechteren Ausbildung der Jugendlichen liegen, Stichwort „duales Ausbildungssystem“.

Wie es letztlich funktionieren wird, ist ungewiss. Der makropolitische Ausweg ist weitgehend versperrt – bis auf die extrem expansive Geldpolitik natürlich, aber da sind die Grenzen wohl inzwischen erreicht. Mikroökonomische Maßnahmen sind hilfreich, brauchen aber ihre Zeit. Viele junge Leute werden inzwischen an Auswanderung denken, einen entscheidenden Beitrag zur Reduzierung der europäischen Arbeitslosigkeit darf man sich davon jedoch aus vielerlei Gründen nicht erwarten. Es gibt noch keine Vereinigten Staaten von Europa.

Letztlich wird es in Ländern wie Spanien, Portugal, Griechenland oder Irland zu einer Verminderung der Nominallöhne kommen. Die Arbeitslosen werden in ihren neuen Jobs zumindest anfangs weniger verdienen als in ihren alten. Dass die Arbeitslosigkeit auf Dauer beim jetzigen, oder möglicherweise bei einem noch höheren Niveau verharren kann, ohne dass es zu sozialen Umwälzungen kommt, ist jedenfalls nicht zu erwarten. Der Handlungsdruck ist enorm.

67 Kommentare

  1.   W.Waldner

    Die Lösung des Problems ist doch ganz einfach:

    Statt in Griechenland, Spanien, Portugal und Italien jetzt auch noch ein Lohndumping wie in Deutschland unter der Agenda 2010 mit den Hartz-Gesetzen zu betreiben, um die Löhne um 30 Prozent zu senken, müssen die Löhne in Deutschland kräftig steigen.

    Die für die Verzerrung der Wettbewerbsfähigkeit der Eurostaaten verantwortliche Agendapolitik von SPD und GRÜNEN mit den Hartzgesetzen in Deutschland muss sofort rückgängig gemacht werden. Mindestlöhne und das alte AlgII können schnell für einen Druck auf die Löhne in Deutschland nach oben sorgen und gesetzliche Regelungen für mindestens gleiche Löhne und bessere Arbeitsbedingungen für Leiharbeiter. Das lässt sich alles politisch sehr schnell umsetzen und würde sogar noch die deutsche Konjunktur beleben.

    Eine Fortsetzung der Austeritätspolitik mit immer weiter steigender Massenarbeitslosigkeit darf auf gar keinen Fall geduldet werden. Diese Politik des Lohn- und Sozialdumpings ist ein Verbrechen an den betroffenen Menschen.

  2.   Eric B.

    Die Arbeitslosigkeit ist bereits ein Problem für den Euro. In Portugal könnte sie wegen der damit verbundenen steigenden Sozialkosten die Budgetkonsolidierung gefährden, warnt die Eu-Kommission. In Spanien untergräbt sie das Vertrauen der Investoren, die im Zweifel mehr auf Wachstum und Arbeitslosigkeit schauen denn auf Defizite. Kurz:Die Märkte machen in dem von Merkel betriebenen Spiel namens „Konsolidierung um jeden Preis“ nicht mit… http://lostineurope.posterous.com/die-markte-spielen-nicht-mit

  3.   keiner

    …und wegen der minimalen Rentenansprüche, die bei den vielen prekären, schlecht bezahlten Anstellungen geschaffen auch gleich noch ein Verbrechen an der zukunft zu gunsten heutiger Gewinnmaximierung..

    Die konkreten Vorstellungen von Herrn Wermuth zum Thema „soziale Umwälzungen“ würde mich ja brennend interessieren. Ala M31 in der Frankfurter Innenstadt letzthin?

  4.   Alex

    #3

    Ganz im Gegenteil: Die Krisenländer müssen runter. Offenkundig haben Länder wie Griechenland ein Wettbewerbsfähigkeitsproblem. Das heisst aber im Umkehrschluss, dass die Agenda 2010 die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands so gestärkt hat, dass die anderen Länder eingeknickt sind.

    Basierend auf diesen Beobachtungen kommen ihre Ratschläge einer Aufforderung der Eurozone zur Schwächung ihrer eigenen Wettbewerbsfähigkeit gleich.

    Umgekehrt ist es richtig: Die Krisenländer müssen wettbewerbsfähig werden und deutsche Banken müssen aufpassen, dass das Kapital, das sie verwalten, nicht am Ende in Ländern landet, die Leistungsbilanzdefizite fahren, die sie nicht halten können.

    Alex

  5.   alterego

    Ich stimme Wermuths Analyse gaänzlich zu. Wir haben in Europa im Kern gravierende strukturelle Probleme, die in Verbindung mit alternden und schrumpfenden Gesellschaften die Dynamik des Systems erlahmen lassen. Das Falscheste wäre jetzt ein Anstieg der Lohnstückkosten in Deutschland, weil dies auch die deutsche Wirtschaft abwürgte. Es gehört zu den ehernen Gesetzmäßigkeiten effizienten Wirtschaftens (und um Effizienz geht es nun einmal beim Wirtschaften), dass sich Arbeitsproduktivität und Löhne im Gleichklang entwickeln müssen. Das bedeutet steigende Produktivität gleich steigende Löhne, aber konstante Lohnstückkosten.

    Ich muss leider immer wieder auf das gleiche zentrale Thema zurückkommen: Wir brauchen eine Geldreform, die alles Giralgeld im System (die Smarties) zu unbarem Zentralbankgeld befördert und damit der Zentralbank die Hoheit über das Geld (alle Zahlungsmitel) und deren Menge im System verschafft. Der Kapitalmarkt ließe sich dann sehr leicht dadurch entspannen, dass die Zentralbank allen Staaten eine Kreditlinie entsprechend ihrem Anteil an ihr einräumte mit der zwingenden Maßgabe, diese ausschließlich zur Tilgung ihrer Verschuldung bei inlandischen Banken einzusetzen. Damit würde die Verschuldung bei den Banken in eine bei der EZB transferiert, die Banken wären gerettet und das ganze im Hinblick auf die Situation der Staaten, auch im Verhältnis untereinander, wettbewerbs- und verschuldungsneutral. Es befreite die Staaten nicht davon, ihre Defizite, wie vorgeschrieben, in Ordnung zu bringen und die Strukturprobleme mit voller Kraft zu beseitigen.

    In einem System, in dem die Zentralbank die Geldmenge direkt kontrollierte, wäre auch eine Inflation leichter zu regeln und zu tolerieren. Das heißt, den die notwendige Re-Allokation der Ressourcen treibenden Marktkräften könnte besser zur Geltung/Wirkung verholfen werden.

    Die eurorauminternen Wettbewerbsdifferenzen wären dann völlig unproblematisch, wenn die Arbeitsmobilität ausreichend hoch wäre, so dass die Arbeitskräfte dorthin wanderten, wo der Bedarf ist. Je besser dies funktionierte, umso besser könnte auch die Produktion angefeuert werden, was wiederum den Arbeitskräftesog erhöhte. Das Problem, das bleibt, ist das der alternden, schrumpfenden Gesllschaft im Euroraum, das nur durch Import von Wertschöpfung im Ausland auf Basis einer wettbewerbsstarken Euroraumwirtschaft letztlich zu Lasten des Auslands wettgemacht werden kann. Es sei denn, wir förderten dann, wenn es denn soweit wäre, die Arbeitskräftemigration in den Euroraum. Irgendwann aber wird die gesamte Weltwirtschaft notwendigerweise mit einer konstanten oder schrumpfenden Weltbevölkerung konfrontiert sein, und dann werden sich uns oder unseren Nachkommen ganz neue Probleme stellen.

  6.   aelilea

    Ist es nicht vielmehr so, dass die Loehne im restlichen Europa ungefaehr mit der Produktivitaet gestiegen sind, in Deutschland aber eben nicht? (Stichwort Lohnquote…)

    Nun von den anderen Laendern zu erwarten, dass sie die nominalen Loehne senken, ist doch dreist, schwer umzusetzen, und zudem kontraproduktiv. Wenn schon muesste man eine Senkung der Realloehne ueber Inflation erreichen. Aber das ist natuerlich (noch?) nicht diskutabel, obwohl Helmut Schmidt bekanntermassen einst sagte „Lieber 5% Inflation als 5% Arbeitslosigkeit“.


  7. Ich frage mich auch immer, wer die ganzen Güter kaufen soll, sinken die Einkommen der Mittel- und Unterschicht, geht der Binnenkonsum zerück, der Handel bricht ein usw. Geschieht dies überall, ist auch Export irgendwann keine Lösung mehr. „Autos kaufen keine Autos“ (H. Ford).

    Im Moment gibt es ein paar Länder mit unterbewerteter Währung und gemessen daran zu niedtigen Löhnen, die sich durch Exportüberschüsse obenauf halten.
    Dies sind vor Allem die VR China und Deutschland, zu einem gewissen Grad auch Japan, Südkorea und Taiwan. Diese Strategie können aber nicht alle Länder fahren – und weniger duldsame Bevölkerungen würden dies zum Teil auch garnicht mitmachen.
    Deutschland profitiert vom Euro, weil es so eine künstlich verbilligte Währung hat. Allerdings nutzt dies auch nur der Kapitalseite.


  8. Ein Glaubwürdigkeitsproblem hat EU-Euro-Europa schon lange. Aber jetzt hat es auch ein Problem.

  9.   alterego

    Noch zu 5:

    Manchen mag eine formalisierte Darstellung ein Nachvollziehen der Argumentation erleichtern. Habe bereits an anderer Stelle im „Herdentrieb“, ausgehend von den Bedürfnissen der Marktteilnehmer als der entscheidenden Triebkraft des Marktgeschehens mittels einfacher Überlegungen für den Konsum die Beziehung:

    (1) C=f(A,L)

    abgeleitet, mit C für Konsum, A für Konsumgüterangebot und L für Konsumlust. Per Umformung ergibt sich

    (2) A=f(C,L).

    Durch Einsetzen von (1) in (2) und Elimination von A und L ergibt sich:

    (3) A=f(L).

    Im umgekehrten Fall ergibt sich durch Einsetzen von (2) in (1) und Elimination von C und L:

    (4) C=f(L)

    wobei für L gilt:

    (5) L=f(I,Z).

    Dabei steht I für den Wunsch der Verbraucher nach neuen Bedürfnisbefriedigungsmöglichkeiten und anbieterseitig spiegelbildlich für die aus dem technischen Fortschritt erwachsenden Möglichkeiten zur Angebotsinnovation.

    Z repräsentiert den Zeitgeist, der sich in Verbraucherstimmungen und Nachfragetrends bis hin zum Schwarmverhalten niederschlägt und von daher zu einer Änderung der Zusammensetzung des Konsumgüterangebotes führt.

    Während die Innovation/technischer Fortschritt als der(!) Wachstumstreiber in der dynamischen Betrachtung die Angebotskurve (Ertragsgesetz) durch Auslösen neuer Konsumstimuli nach oben verschiebt, kann Z sowohl wachstumsfördernd (z.B. wachsende Reiselust) als auch -hemmend (z.B. längere Produkthaltbarkeit) wirken.

    Für das Konsumgüterangebot A ist weiter zu berücksichtigen, dass dieses zusätzlich auch von der Faktormobilität F (Mobilität von Arbeit und Kapital=Geld zur Finanzierung von Investitionen) abhängen muss. (3) wird in der statischen Betrachtung entsprechend erweitert zu:

    (6) A=f(L,F).

    Damit wird ein struktureller Faktor in die Betrachtung eingeführt, der die Fähigkeit der Anbieter beschreibt, in der dynamischen Betrachtung auf die durch Preisbereitschaft (Preisanstieg für Konsumgüter) zum Ausdruck gebrachte Kaufbereitschaft durch Angebotsausweitung zu reagieren. Durch Einsetzen von (5) in (6) ergibt sich in der statischen Betrachtung:

    (7) A=f(I,Z,F)

    Spiegelbildlich verändert sich auch (4) zu:

    (8) C=f(I,Z,F)

    Daraus folgt:

    (9) A=f(I,Z,F)=C

    Das heißt, je stärker das Angebot durch Innovation und proaktive Forderungen des Zeitgeistes, mithin seine qualitative Beschaffenheit, dem Wunsch der Verbraucher nach neuen Stimuli und veränderten Beschaffenheiten, also ihrer Konsumlust entspricht, und je beweglicher die Produktionsfaktoren (je geringer die strukturellen Allokationshemmnisse) sind, desto höher werden das Angebot und spiegelbildlich der Konsum ausfallen.

    Durch Ersetzen von (I,Z) in der Angebotsfunktion (7) durch die qualitative Beschaffenheit Q des Angebots und in der Konsumfunktion (8) durch die Konsumlust L ergeben sich:

    (10) A=f(Q,F)=C=f(L,F), mit Q=L.

  10.   alterego

    @6

    Nein, wenn sich die Löhne im Gleichlang mit der der Produktivität verändern, bleiben die Lohnstückkosten konstant. Steigende Lohnstückkosten bedeuten, dass die Löhne stärker gestiegen sind als die Produktivität.