So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Bald 20 Millionen Arbeitslose

Von 4. April 2012 um 17:36 Uhr

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit von 11,5 Millionen Personen zu Beginn der Finanzkrise auf jetzt über 17 Millionen, also innerhalb von nur etwas mehr als vier Jahren, ist höchst beunruhigend und wirft die Frage auf, für was denn die Währungsunion gut sein soll, hat sie doch in vielen Mitgliedsländern mitten in der Krise Lohnkürzungen und eine pro-zyklische Finanzpolitik erzwungen. Vor allem die Jugendlichen bleiben auf der Strecke. Das darf nicht so weitergehen, sonst gibt es ein Glaubwürdigkeitsproblem, sonst wird aus der Währungsunion eine Arbeitslosenunion. Es wäre das Ende des Euro.

Grafik: Arbeitslosigkeit in der EWU 1995-201202

Die EU-Kommission schätzt, dass das reale Sozialprodukt des Euroraums in diesem Jahr im Durchschnitt um 0,3 Prozent unter dem Wert von 2011 liegen dürfte. Auch in einer milden Rezession wie dieser nimmt in der Regel die Arbeitslosigkeit zu, weil die Unternehmen angesichts der mehr oder weniger unaufhaltsamen Produktivitätsfortschritte mit einer kleineren Belegschaft auskommen. Solange die Outputlücke im Verlauf der Rezession größer wird, wonach es für’s Erste aussieht, gibt es kaum Hoffnung auf eine Trendumkehr am europäischen Arbeitsmarkt. Inzwischen ist nicht mehr auszuschließen, dass demnächst 20 Millionen Arbeitsplätze fehlen werden.

Wir taxieren den Unterschied zwischen dem, was tatsächlich produziert wird, und dem, was bei Vollauslastung produziert werden könnte auf 9,8 Prozent. Unterstellt wird dabei, dass das Potenzialwachstum auch in den Jahren nach 2008 bei 1,9 Prozent lag, wie in dem Zyklus von 2001 bis 2008. Das liegt etwas unterhalb der Zuwachsrate, wie sie die EZB berechnet.

Grafik: EWU BIP und Trend 1995-2012Q4

Übrigens gibt es auch eine ziemlich große globale Outputlücke (von 6,6 Prozent), die vor allem durch das schwache Wachstum in den Industrieländern verursacht wird. Mit tatsächlichen Wechselkursen gerechnet – statt mit Kaufkraftparitäten – wächst das potenzielle reale Sozialprodukt der Welt nach den Statistiken des Internationalen Währungsfonds mittelfristig mit einer Rate von 3,1 Prozent. Zurzeit nimmt das aktuelle reale BIP aber nur mit einer Jahresrate von rund 2,3 Prozent zu, so dass auch im Weltmaßstab zunehmend Ressourcen brach liegen. Europas Wirtschaft kann nicht damit rechnen, dass von den Exporten starke Wachstumsimpulse ausgehen werden.

Grafik: Welt BIP und Trend 1995-2012

Zurück zur Währungsunion: Es spricht Einiges dafür, dass es sich bei dem steilen Anstieg der Arbeitslosigkeit vor allem auch um einen Strukturbruch handelt, nicht nur um ein konjunkturelles Phänomen. Der Bausektor und die Finanzwirtschaft, Branchen, die einst als besonders dynamisch galten, befinden sich in einer radikalen Schrumpfkur und setzen massiv Arbeitskräfte frei. Durch den starken Rückgang der Realzinsen in den Jahren unmittelbar vor der Einführung des Euros und in den acht Jahren danach war es in den Ländern, die bis dahin wegen ihrer schwachen Währungen an viel höhere Realzinsen gewöhnt waren, zu einer Explosion der Kredite an den privaten Sektor gekommen. Geld war in der schönen neuen Welt des Euro auf einmal zu sehr günstigen Konditionen zu haben.

Grafik: Realzinsen 1993-201202

Es kam zu einem Kreditboom, zu einer starken Verschuldung der Haushalte, vor allem aber zu Immobilienblasen. Als die dann platzten, befanden sich plötzlich weite Teile der Bevölkerung sowie sehr viele Banken finanziell unter Wasser. Sie hatten vorher naiverweise daran geglaubt, dass die Preise für Häuser und Wohnungen immer nur steigen konnten und sich entsprechend verschuldet.

Grafik: Kreditexpansion an Private 1998-2008

Die EZB hatte den Kreditboom hingenommen, weil die Inflationsraten nahe oder sogar unterhalb der selbstgesetzten Zielmarke lagen, es also aus ihrer engen Sicht keine Probleme gab. Auch die staatlichen Budgetdefizite bewegten sich bis zum Ausbruch der Krise im Rahmen des Normalen, waren jedenfalls keineswegs besorgniserregend.

Grafik: Budgetdefizite 1995-2011

Insgesamt gab es nichts im kollektiven Gedächtnis der Notenbanker, was sie vor den Gefahren von Vermögenspreisblasen gewarnt hätte. Sie waren in den siebziger und achtziger Jahren durch ihren Kampf gegen die Inflation konditioniert worden und hatten die Möglichkeit einer Liquiditätsfalle verdrängt. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass sich mit ihren Instrumenten eines Tages nichts mehr würde ausrichten lassen, oder dass nicht der Kampf gegen die Inflation, sondern der für die Stabilität des Finanzsystems oberste Priorität haben würde.

Bis zur Krise waren die Bauwirtschaft und die Banken die Boomsektoren schlechthin, nicht nur im Euroraum, sondern auch in den USA und in Großbritannien. Dort stiegen Einkommen und Beschäftigung viele Jahre lang außerordentlich rasch. Als dann auf einmal die Wende kam, erwiesen sich die Qualifikationen, die für einen wirtschaftlichen Erfolg in diesen Branchen wichtig sind, als überflüssig. Die Sektoren waren insgesamt viel zu groß geworden und mussten schrumpfen.

In Deutschland, wo es weder einen starken Rückgang der Realzinsen durch den Euro noch, nicht zuletzt aus diesem Grund, einen Immobilienboom gegeben hatte, kam es nicht zu einem solchen Strukturbruch. Die Arbeitslosigkeit war im Jahr 2009 nur kurz etwas angestiegen und sinkt seitdem wieder.

Probleme gab es allerdings bei den deutschen Banken, die unter dem Druck ihrer Aktionäre und Vorstände auf Renditejagd waren. Weil das Renditeniveau der traditionellen Anlageklassen im Zuge der “Great Moderation” so stark gesunken war, verfielen sie den Sirenenklängen der Investment Banken und Ratingagenturen und luden sich ihre Bilanzen – oder die ihrer “Special Purpose Vehicles” in Irland – mit angeblich soliden aber erstaunlicherweise überdurchschnittlich gut verzinsten Immobilienpapieren voll, vorwiegend amerikanischen. Die Bankenaufseher hatten nichts weiter einzuwenden. Am Ende handelte es sich aber um die inzwischen berühmten toxischen Aktiva, die so wertlos waren, dass die Rettung der strauchelnden Banken den deutschen Steuerzahler mehrere hundert Milliarden Euro kostete.

Ein Nebenprodukt des kreditgetriebenen Booms in den heutigen Krisenländern des Euroraums waren die starken Lohnsteigerungen, vor allem im Vergleich zu Deutschland. In ihrer Euphorie nahmen weder die Vertreter der Arbeitnehmer noch der Unternehmen wahr, dass sie in einem Festkurssystem rapide an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen, wenn sich die anderen Länder nicht an diesem Spiel beteiligen. Nur durch Produktivitätsgewinne lässt sich dieser Nachteil beseitigen, aber wie relevant sind Produktivitätsfortschritte bei Baufirmen und Banken, wenn es um die Konkurrenz mit ausländischen Anbietern geht?

Dass wir es heute mit 17 Millionen Arbeitslosen zu tun haben, hat außer mit der nach wie vor lahmenden Weltkonjunktur und der pro-zyklischen Finanzpolitik im Euroraum mit zwei Euro-spezifischen Phänomenen in den Krisenländern zu tun: der unhaltbaren Expansion des Finanzsektors und der Bauwirtschaft einerseits sowie dem rapiden Anstieg der relativen Lohnstückkosten andererseits.

Um die Arbeitslosigkeit wieder zu vermindern, muss an allen Fronten etwas geschehen. Am besten wäre es natürlich, wenn es einen starken und nachhaltigen Aufschwung gäbe. Daran ist aber nicht zu denken, solange die Rentenmärkte eine Konsolidierung der Staatsfinanzen und damit immer neue Sparpakete erzwingen. Deutschland hätte die Mittel, konjunkturell so viel zu bewegen, dass es auch den Nachbarländern etwas nutzt. Schließlich gibt es nach meinen Berechnungen einen strukturellen staatlichen Haushaltsüberschuss in der Größenordnung von 3 bis 4 Prozent des BIP. Leider bin ich da allein auf weiter Flur. Das Wort “Konjunkturstimulierung” steht bei uns ohnehin auf dem Index. Die Mehrheitsmeinung ist: Wenn wir hier Gas geben, lassen die anderen sofort in ihrem Bemühen nach, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen und zu gesunden. Immerhin zeigt sich die Bundesrepublik bei der Ausstattung des Europäischen Stabilitätsmechanismus recht großzügig und solidarisch. Dass das vorwiegend aus Eigeninteresse geschieht, sollte nicht stören.

Es wäre wünschenswert, wenn demnächst einmal auch konzeptionell ein größerer Schritt in Richtung Fiskalunion unternommen würde – das könnte den Weg für eine expansivere gesamteuropäische Finanzpolitik eröffnen, die auch am Arbeitsmarkt Früchte trägt. Schließlich beläuft sich das konsolidierte Haushaltsdefizit der Währungsunion auf “nur” etwa 4 Prozent des BIP und bietet damit wesentlich mehr Spielraum als etwa die amerikanischen, britischen oder japanischen Staatsdefizite. Unter welchen Bedingungen könnten gemeinsame Eurobonds begeben werden? Wenn sich Italien, Spanien und die anderen zu Konditionen verschulden können, die nicht viel schlechter sind als die deutschen, ließen sich notwendige, aber schmerzhafte Strukturreformen am Arbeitsmarkt und in der Finanzpolitik leichter verkaufen und durchsetzen als das bisher möglich ist. Irgendwann wird es zu solchen Anleihen kommen, ich vermute aber, dass die Eurokrise zuvor noch einmal gefährlich eskalieren muss.

Die Lohnrelationen dürften angesichts der großen Unterschiede in den Arbeitslosenquoten innerhalb des Euroraums nur tendenziell wieder ins Lot gebracht werden – de facto kann es kaum funktionieren, oder es wird sehr lange dauern. Am besten wäre eine ordentliche Abwertung. Das ist aber keine Option mehr. In Deutschland lagen die tariflichen Stundenlöhne im Januar nur um ganze 0,9 Prozent über ihrem Vorjahreswert. Wenn spanische oder italienische Unternehmen angesichts solcher Bescheidenheit und ihrer über viele Jahre relativ stark gestiegenen Lohnstückkosten ihre Wettbewerbsposition verbessern wollen, müssen sie schon ihr Lohnniveau um 30 Prozent senken oder die Produktivität um so viel steigern. Wie soll das gehen?

Grafik: Lohnstueckkosten DE FR IT ES 1995-2011Q4

Ausgeschlossen ist ein solches Lohndumping allerdings keineswegs. Die baltischen Länder haben es vorgemacht. Manchmal ist es besser, eine schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen als gar kein Einkommen zu haben. Hartz IV für Spanien? Der andere Ansatz wäre, die Investitionen so zu steigern, dass es zu großen Produktivitätssprüngen kommt und es wieder attraktiv wird, neue Mitarbeiter einzustellen. Dazu können Unternehmen allerdings nicht gezwungen werden. Ohne massive staatliche Anreize wird es nicht gehen. Da aber die Staaten Eurolands Sparen zu ihrer Priorität gemacht haben, bleibt nichts Anderes übrig, als die Struktur von Ausgaben und Einnahmen nachhaltig zugunsten der Investitionsförderung zu verändern. Ein anderer Schwerpunkt sollte auf der beruflichen Wiedereingliederung der Arbeitslosen durch Fortbildung sowie der marktgerechteren Ausbildung der Jugendlichen liegen, Stichwort “duales Ausbildungssystem”.

Wie es letztlich funktionieren wird, ist ungewiss. Der makropolitische Ausweg ist weitgehend versperrt – bis auf die extrem expansive Geldpolitik natürlich, aber da sind die Grenzen wohl inzwischen erreicht. Mikroökonomische Maßnahmen sind hilfreich, brauchen aber ihre Zeit. Viele junge Leute werden inzwischen an Auswanderung denken, einen entscheidenden Beitrag zur Reduzierung der europäischen Arbeitslosigkeit darf man sich davon jedoch aus vielerlei Gründen nicht erwarten. Es gibt noch keine Vereinigten Staaten von Europa.

Letztlich wird es in Ländern wie Spanien, Portugal, Griechenland oder Irland zu einer Verminderung der Nominallöhne kommen. Die Arbeitslosen werden in ihren neuen Jobs zumindest anfangs weniger verdienen als in ihren alten. Dass die Arbeitslosigkeit auf Dauer beim jetzigen, oder möglicherweise bei einem noch höheren Niveau verharren kann, ohne dass es zu sozialen Umwälzungen kommt, ist jedenfalls nicht zu erwarten. Der Handlungsdruck ist enorm.

Leser-Kommentare
  1. 57.

    53 Arjen von Zuider:

    “Dass Deutschland “unter seinen Verhältnissen gelebt” habe, sehe ich auch so – allerdings nicht bezogen auf das Lohnkostenniveau, sondern bezogen auf den Konsum:”

    Das hieße, den Zusammenhang zwischen Konsum und der Realeinkommensentwicklung zu leugnen. Das Konsumverhalten ist im allgemeinen ein rel. stabiler Faktor. In Zeiten des beginnenden Wirtschaftsaufschwungs nach einer Krise halten sich die Leute für gewöhnlich mit Ausgaben zurück; erst, wenn dauerhaft mehr Geld im Portemonnaie ist, steigt auch der Konsum. Umgekehrt bleiben die Ausgaben für den Konsum in Zeiten des beginnenden Abschwungs lange Zeit stabil, da bestimmte anfallende Kosten gedeckt werden müssen. Aber sie haben in einer Beziehung recht:

    “Die Deutschen haben ihr Geld nicht ausgegeben, sondern gespart. Das gesparte Geld wurde zu einem großen Teil im Ausland angelegt, wenn nicht in den Pleiteländern selber, dann doch in Ländern wie Frankreich, woher wiederum viel Geld nach Griechenland floss, und hat dort die Party erst finanziert.”

    Sparen aus dem laufenden Einkommen kann man doch im allgemeinen nur, wenn dieses Einkommen die eigenen Konsumausgaben bzw. die anfallenden Lebenshaltungskosten deutlich übersteigt. D.h., die Sparquote in den mittleren bis oberen Einkommenssegmenten liegt notwendigerweise viel höher als in den unteren. Gerade die unteren Einkommenssegmente bzw. in der Schicht der abhängig Beschäftigten waren von der Niedriglohnpolitik der letzten Jahren besonders betroffen; dort hat es durch die Etablierung eines Niedriglohnsektors und die Ausweitung von prekären Arbeitsverhältnissen nicht nur stagnierende, sondern auch rückäufige Realeinkommen gegeben. Gerade diese Schichten wären aber allein in der Lage, durch Massenkonsum für Anreize zu neuen Investitionen im In- und Ausland zu sorgen. Diesen Weg zur Konjunkturbelebung über einen wachsenden Binnenmarkt hat man sich selbst verbaut.

    Die Lohndumpingpolitik hat auch für eine Verschiebung der Anteile am Sozialprodukt weg von den Lohn- und Arbeitseinkommen (der abhängig Beschäftigten also) hin zu Kapitalseite gegeben, was tendenziell die Unternehmensseite und die oberen Einkommenssegmente begünstigt. Diese Einkommensschichten können aber mangels Zahl nicht für den notwendigen Massenkonsum sorgen und werden ihr Konsumverhalten kaum oder überhaupt nicht ändern, sondern sie werden diese überschüssigen Einkommen “sparen”, d.h., am Kapitalmarkt anlegen. Dieses überschüssige Kapital, was nach Verwertung strebt, kann mangels Nachfrage von der hiesigen Realwirtschaft nicht absorbiert werden, sondern geht in die Defizitländer, die dann über Verschuldung ihren Konsum finanzieren. Diesen Mechanismus haben wir in den letzten Jahren eindrucksvoll vorgeführt bekommen.

    Mit anderen Worten: Die gestiegene Ungleichverteilung der Einkommen, wozu die deutsche Lohnpolitik in erheblichem Maße beigetragen hat, hat zur Stagnation des einheimischen Binnenmarktes und zu den Kapitalüberschüssen beigetragen, die in die Defizitländer Europas und – vor 2008 – in die USA geströmt sind, wo sie deren Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizit mitfinanzierten.

    “Höhere Löhne hätten dieses Problem nur dann behoben, wenn sie tatsächlich in den Konsum geflossen wären und nicht in noch mehr Bausparverträge und Riesterrenten.”

    Durch das staatlich geförderte Angstsparen a lá Riester und Rürup wurden dem einheimischen Konsum noch einmal Dutzende von Milliarden entzogen. Zusätzlich hat man damit der Versicherungswirtschaft und damit dem Kapitalmarkt gewaltige Kapitalmengen zugeschanzt, mit den geschilderten Auswirkungen.

  2. 58.

    @ Oback¬_Barama # 55

    >Ich hatte konkret nach den entstandenen Leistungsbilanzungleichgewichten vor allem in der Euro-Zone und den Ursachen gefragt, welche diesen Ungleichgewichten unterliegen. Sie scheinen aber hartnäckig entsprechende Zusammenhänge zu leugnen. Vor allem die Konsequenzen von Leistungsbilanzungleichgewichten blenden Sie konsequent aus Ihren Betrachtungen aus.>

    Und ich hatte Ihnen hier schon wiederholt konkret dargelegt, dass nicht nur Deutschland, sondern auch die Griechen Handlungsoptionen wahrgenommen haben – und diese einbeziehend mich ausgiebig zu den Ursachen (ja, Ursachen – Mehrzahl) geäußert. Ich weiß nicht, wie das mit Blick auf das Geschehene nicht richtig und nicht relevant sein soll.

    Die Einbeziehung ALLER wahrgenommener Optionen, also auch der von den Griechen wahrgenommen Handlungsmöglichkeiten ist eine Erklärungsansatz, der nicht inhaltslos und vernebelt, sondern allgemein verständlich ist und nach dem man – realitätsbezogen – hinreichend darlegen kann, warum geschehen ist, was geschehen ist, z. B. wie die Leistungsbilanzungleichgewichte entstanden sind.

    Damit lässt sich Ihre Frage beantworten, wie sie entstanden sind, ohne dass irgendwelche Zusammenhänge geleugnet werden müssten. Und die Konsequenzen von Leistungsbilanzungleichgewichten werden auch nicht ausgeblendet – sie werden im Licht neu entstandener Optionen bewertet.

    Bestritten wird allerdings Ihre Behauptung, dass die deutsche Lohnpolitik DIE (alleinige) Ursache für die Leistungsbilanzungleichgewichte sei. Wenn die Griechen Handlungsoptionen hatten, wie hier bereits zum wiederholten Mal dargelegt, dann kann es nicht DIE (alleinige) Ursache sein.

    Denn wenn Sie in der deutschen Lohnpolitik die alleinigen Ursache der Leistungsbilanzungleichgewichte sehen, dann können Sie das lediglich mit der Annahme, dass die Griechen keine Handlungsalternativen gehabt hätten (oder wenn doch, keine Anreize gehabt hätten, andere wahrzunehmen) als wahrzunehmen waren, damit bestimmte Mechanismen notwendigerweise zu keinen Leistungsbilanzungleichgewichten führen konnten.

    Das ist eine falsche Annahme, Sie blenden damit willkürlich Realität aus.

    Ein solcher Ansatz erklärt nichts, sondern sucht und findet lediglich Schuldige.

    Aber vielleicht kommt es ja darauf an.

    • 19. April 2012 um 13:46 Uhr
    • Dietmar Tischer
  3. 59.

    @Oback Barama 57:

    Es stimmt zwar, dass eine Einkommensumverteilung nach unten tendenziell eher zu einer sinkenden Sparquote führt. Ich glaube aber, dass auch die Niedrigverdiener schon ab einem relativ geringen Zusatzverdienst diesen nicht mehr für Konsum genutzt hätten, sondern sich das Statussymbol der deutschen Mittelschicht zugelegt hätten: Ein Sparbuch. In der weitverbreiteten Sparneigung liegt das eigentliche Problem, nicht in der Höhe der Produktionskosten noch in der Verteilung derselben auf Lohnbezüger und Kapitaleigner.

    Diese Sparneigung, die Sie so verächtlich als “Angstsparen” titulieren, ist IMO eine direkte Folge der demographischen Entwicklung Deutschlands: Ein prognostizierter Altenquotient von 50 Rentnern auf 100 Erwerbsfähige für das Jahr 2040 bedeutet, dass dannzumal jeder arbeitsfähige Deutsche ein Drittel der von ihm erwirtschafteten Wertschöpfung an die Rentner abgeben muss, soll deren Lebensstandard nicht unter demjenigen der arbeitenden Bevölkerung liegen. Um der Jugend eine solche Perspektive nicht zumuten zu müssen und gleichzeitig die älteren Wähler nicht mit Rentenkürzungen oder Rentenalterserhöhungen zu vergraulen, hat die Politik das Alterssparen (zB Riesterrente) erfunden: Die Deutschen legen ihr Kapital im (europäischen) Ausland an, wo es sich vermehrt, und finanzieren damit ihren langen Lebensabend. Das mag für kleinere Volkswirtschaften durchaus funktionieren, aber bei einer Volkswirtschaft von der Größe Deutschlands bedeutet es, dass sich in den Zielländern des deutschen Kapitalexports unbezahlbare Schulden auftürmen.

    Die Lösung sieht also IMO so aus: Deutschland muss seine unbezahlbaren Rentenversprechen aufgeben (das dafür angesparte Kapital wird durch Schuldenschnitte und Inflation sowieso bald vernichtet sein) und sich auf spätere und niedrigere Renten einstellen. Damit diese Veränderung nicht einseitig die Armen unter den Rentnern trifft und zu sozialen Unruhen führt, muss es soziale Umverteilung geben, zB mit Unterstützungsleistungen für ex-Niedriglöhner im Rentenalter, finanziert zB aus einer Erbschaftssteuer und/oder einer Vermögenssteuer für reiche Rentner. Wenn dabei die Wettbewerbsfähigkeit im Außenhandel sinkt, dann ist das ein Symptom dafür, dass diese Wettbewerbsfähigkeit nicht nachhaltig war und als notwendige Korrektur eines unhaltbaren Zustands hinzunehmen – aber eine Senkung der Wettbewerbsfähigkeit sollte nie ein Ziel für sich sein, so wie Sie das hier darstellen.

    • 19. April 2012 um 15:28 Uhr
    • Arjen van Zuider
  4. 60.

    @59

    Welchen Zusammenhang zwischen der Verteilung der Produktivitätszuwächse auf Einkommensdezil 1 bis 10 und der Umverteilung eines Teils des Produktivitätszuwachses auf den Durchschnittsrentner gibt es ihrer Meinung nach?

    Alle ihre Behauptungen werden in diesem Vortrag von Prof. Bosbach widerlegt:

    tele-akademie.de/begleit/video_ta120401.php

    Es ist legitim wenn große Kapitalsammelstellen redaktionelle Beiträge in Medien in Auftrag geben können, um die Sparneigung zu beeinflussen.

    Nur sollte darauf in dem redaktionellen Beitrag hingewiesen werden.

    Im Auftrag der Bank x verfasst.

    Sparneigung ist keine dem Menschen eingebranntes Maß.

    Sie wird gemacht.

    • 19. April 2012 um 18:29 Uhr
    • Marlene
  5. 61.

    @59 Arjen van Zuider
    “Diese Sparneigung, die Sie so verächtlich als “Angstsparen” titulieren, ist IMO eine direkte Folge der demographischen Entwicklung Deutschlands”

    Sehe ich auch so. In meiner qualitativen Ableitung des aggregierten Marktgleichgewichts ist die Sparneigung Teil dessen, was ich mit “Konsumlust” umschrieben habe, wobei diese in meinem Verständnis sowohl eine qualitative (nachgefragter Gütermix) als auch eine quantitative (Konsumhöhe) Komponente hat, die wiederum miteinander wechselwirken.

    • 19. April 2012 um 18:56 Uhr
    • alterego
  6. 62.

    @60 Marlene
    Ja, die Sparneigung, die in meiner qualitativen Ableitung des aggregierten Marktgleichgewichts Teil dessen ist, was ich mit “Konsumlust” umschrieben habe (genauer: Sie ist der Kehrwert der quanitativen Komponente der “Konsumlust”), unterliegt nach meiner Auffassung einem Faktor, den ich “Zeitgeist” genannt habe und der von Stimmungen getragen wird. Wie man Stimmungen beeinflussen kann, ist tatsächlich eine sehr interessante Frage. Aus einzelwirtschaftlicher Sicht liefert die Marketingpraxis dazu einige interessante Anregungen. Insgesamt betrachtet, scheint mir vor allem das Vertrauen der Menschen in all seinen Facetten, nämlich in Systeme, Menschen, Produkte, Marken und ganz allgemein: In die Zukunft, die entscheidende Zeitgeistkomponente zu sein, die den quantitativen Faktor der Konsumlust (Sparneigung) bestimmt.

    Unabhängig davon bin ich aber mit Arjen van Zuider der Meinung, dass die Demografie einen strukturellen Einfluss auf dieselbe auslöst. Eine Gesellschaft mit einem hohen Anteil von Menschen über Vierzig (“Best-Agern”), die zum Sparen in der Lage sind und ein langes Alter vor Augen haben, das sie lange genießen möchten, wird c.p. eine tendenziell höhere Sparquote aufweisen als eine Gesellschaft mit einem höheren Anteil jüngerer Menschen.

    • 19. April 2012 um 19:25 Uhr
    • alterego
  7. 63.

    @ Arjen von Zuider #59

    Stimme Absatz 1 und 2 zu.

    Zu Absatz 3:

    >Damit diese Veränderung nicht einseitig die Armen unter den Rentnern trifft und zu sozialen Unruhen führt, muss es soziale Umverteilung geben, …>

    JEDE soziale Umverteilung führt mehr oder weniger zu sozialen Unruhen (muss nicht gleich Mord und Totschlag sein). Die Höhe des zu verteilenden Sozialprodukts spielt dabei nicht die entscheidende Rolle. Es kann auch dann zu Unruhen kommen kann, wenn mehr zu verteilen ist. Es geht überwiegend ums Verhältnis der Aufteilung.

    Dass Umverteilung zu Unruhen führt, wird verfestigt, wenn sich die Politik zu Umverteilung verpflichtet, auch wenn diese nicht GERECHTFERTIGT ist. Gravierendstes Beispiel aus jüngster Zeit: Die Über-Nacht-Rentengarantie (keine Kürzungen) der großen Koalition kurz vor den letzten Bundestagswahlen, obwohl die gesetzliche Kopplung an die Arbeitseinkommen dies anlässlich der krisenbedingt niedrigen Arbeitseinkommen nicht erlaubt hätte.

    Deshalb sollte die Ausschöpfung des Arbeitskräftepotenzials – dafür die Bedingungen durch hinreichende Bildung und Sozialisierung schaffend – und längere Lebens- bzw. mehr Altersarbeit, also „Rente mit 67“ und dies steigernd, Ihren Überlegungen hinzugefügt werden.

    @ Marlene # 60

    >Sparneigung ist keine dem Menschen eingebranntes Maß.>

    Sparneigung ist dem Menschen genauso wie dem Eichhörnchen (evolutionär) eingebrannt.

    Was ihm aber nicht eingebrannt ist, ist die soziale Gestaltung des Sparens. Wenn die Alterssicherung nicht mehr vorrangig oder ausschließlich im Rahmen der Lebensform (Großfamilie), sondern in einem System monetär zu erwerbender Ansprüche verwirklicht wird, verändert sich die Art und Weise mit der Vorsorge betrieben wird damit wie das verfügbare Einkommen in Konsumieren und Sparen aufgeteilt wird. Sparen ist insofern keine Neigung, die von den Kapitalsammelstellen initiiert wird.

    Richtig ist aber sicher, dass diese Sparanreize setzen (oft in Verbindung mit der Politik) und Sparen kanalisieren.

    Dazu gehört auch, dass Menschen mit der Verlockung „schnell reich werden“ (was nicht sparen ist) zum Wetten verführt werden. Dafür aufgebrachte Beträge fließen vermutlich in einem ansehnlichen Maß jenen zu, die keine besonders hohe Konsumneigung haben. Insofern werden diese Mittel zu einem guten Teil zwar dem Konsum entzogen, aber auch nicht zielführend fürs Sparen eingesetzt.

    @ alterego #62

    Ich glaube auch, dass es so etwas wie eine Zeitgeistkomponente für das Verhältnis von Konsumieren und Sparen gibt. Darunter könnte man vieles subsummieren, z. B. auch Inflationserfahrungen (fehlende oder erlebte Inflation) oder die Geschwindigkeit, mit der sich Arbeits- und Lebensverhältnisse verändern. Das alles wird dann natürlich in die Zukunft projiziert und bestimmt das Verhältnis von Konsumieren und Sparen. Zeitkomponente scheint mir aber als Begriff so unscharf zu sein, dass man ihn kaum funktional nutzen kann.

    • 19. April 2012 um 20:33 Uhr
    • Dietmar Tischer
  8. 64.

    @alterego

    Da können sie direkt Aufklärungsarbeit leisten.

    Gelingt es die Nutzungsdauer der Konsumprodukte um 30% zu verlängern, deren Energieverbrauch um 50% zu senken, und deren Passung in einen 100%igen Rohstoffkreislauf in den nächsten 20 Jahren zu verwirklichen.

    Ertrinken nicht nur die Rentner in Konsumprodukten.

    Komisch, dass es keinen Marktzwang gibt, diese Ziele zu erreichen.

    Sondern das der Staat, die Vernunft gesetzgeberisch wirken muß.

    Aber das wäre eine zu langweilige Zukunft.

    Frankreich hat kein demografisches Problem.

    Woher kommt die Armut?

    dradio.de/dkultur/sendungen/weltzeit/1734346/

    Wir haben sie den einfachen Menschen aufgezwungen.

    Anstatt dem Staat, der gegebenen Gewaltenteilung und dem demokratischen Prozess haben wir Kapitalsammelstellen, also den falschen Menschen vertraut, die unsere Unwissenheit schamlos ausnutzen.

    Wir reden über Spanien.

    Dabei ist Frankreich unser wichtigster Handelspartner in grosse Schwierigkeiten gekommen.

    Und der Sachverständigenrat?

    Bleibt ideologisch auf Spur.

    PS: Unsere Banken sind immer noch Pleite.

    Auch 4 Jahre nach der ideologischen Ernüchterung.

    • 19. April 2012 um 21:03 Uhr
    • Marlene
  9. Kommentar zum Thema

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