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Schlechte Nachrichten für Sinnologen

 

Diese Auseinandersetzung wird Hans-Werner Sinn nicht gewinnen: Bekanntlich streitet er ab, dass die Krisenländer Südeuropas nennenswert an Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen hätten. Er verweist dabei auf die BIP-Deflatoren, die er als geeignetere Messinstrumente als die Lohnstückkosten hält.

Nun hat sich die Bundesbank in ihrem letzten Monatsbericht ausführlich mit der Frage nach dem passenden Indikator auseinandergesetzt. Ergebnis: Es ist nicht der Deflator (siehe dazu auch die exzellente Analyse von Gerald Braunberger).

Der Hauptgrund ist, dass eine Vielzahl von Anhebungen indirekter Steuern und administrierter  Preise zu Konsolidierungszwecken seit geraumer Zeit die Konsumentenpreise und den Deflator der Inlandsnachfrage nach oben treibt, während die Exportpreise davon kaum berührt werden. Deshalb liegt es derzeit nahe, dem Wettbewerbsindikator  auf Basis der Lohnstückkosten den Vorzug zu geben.

Und eben diese Lohnstückkosten zeigen einen erheblichen  Zuwachs an Wettbewerbsfähigkeit, wie ich hier schon vor vielen Monaten gezeigt habe (und was damals niemand hören wollte).

Hans-Werner Sinn wird das nicht anfechten. Er wird seine Argumentationslinie weiter verteidigen und irgendwann wahrscheinlich sagen, er habe es nie so gemeint. Ich bin aber gespannt, wie sich diejenigen verhalten, die seine Thesen nachplappern ohne selbst nachzudenken.

Denn meistens sind diese Leute auch auf der Seite der Bundesbank, deren Botschaften sie häufig ebenfalls ungeprüft übernehmen. Jetzt müssen sie sich entscheiden – ich glaube die Psychologen sprechen von double bind. Das wird interessant. Vielleicht müssen so machen Kommentatoren also tatsächlich selbst einmal einen Blick in die Daten werfen. Schlimm!

77 Kommentare

  1.   alterego

    @Schieritz

    Fakt ist, dass sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands auf Basis der Lohnstückkosten nach Angaben der Bundesbank auf das Niveau Ende 2001 verbessert hat (bundesbank.de/Navigation/DE/Statistiken/Zeitreihen_Datenbanken/ESZB_Zeitreihen/eszb_details_charts_node.html?tsId=EXR.Q.Z57.GRD.NRU1.S.P3M.A). Aber erstens war sie auch damals nicht ausreichend, um den Wettbewerb zu bestehen und zweitens kommt es bei der Wettbewerbsfähigkeit auch auf das Güterpreisniveau an. Und hier zeigt sich eben, dass diese sehr deutlich unter dem Niveau von Ende 2001 liegt (bundesbank.de/Navigation/DE/Statistiken/Zeitreihen_Datenbanken/ESZB_Zeitreihen/eszb_details_charts_node.html?tsId=EXR.Q.Z57.GRD.NRD0.S.P3M.A). Das kann man nicht einfach ausblenden.

    Diese Diskrepanz zwischen der Veränderung der prislichen Wettbewerbsfähigkeit auf Basis der Lohnstückkosten und des BIP-Deflators (also der Güterpreise) ist meines Erachtens der Währungsunion geschuldet, weil unter deren Bedingungen das Preisniveau in der gesamten Eurozone wohl sehr durch das der großen, wettbewerbsfähigen Volkswirtschaften, also im Grunde der deutschen, beeinflusst wird. Deshalb gibt es sie bei uns nicht:
    bundesbank.de/Navigation/DE/Statistiken/Zeitreihen_Datenbanken/ESZB_Zeitreihen/eszb_details_charts_node.html?tsId=EXR.Q.Z57.DEM.NRU1.S.P3M.A
    bundesbank.de/Navigation/DE/Statistiken/Zeitreihen_Datenbanken/ESZB_Zeitreihen/eszb_details_charts_node.html?tsId=EXR.Q.Z57.DEM.NRD0.S.P3M.A

    [Absatz gelöscht. Bleiben Sie bitte sachlich und verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. (UR)]

  2.   fidel

    Selbst wenn die Krisenländer volle Wettbewerbsfähigkeit erreicht hätten, verfügen sie über zu wenige exportfähige Produkte um ihre Gesamtschulden abbauen zu können.

    Wenn eines der wenigen nachgefragten Güter Urlaubsreisen sind, sind die Preise für einen Ansturm von Touristen nicht weit genug gefallen.
    Die Preiserhöhungen der Regierung werden hier nicht helfen.

    Die verlorenen Jahre einer versäumten Entwicklung + Kapitalfehlallokation durch hirnlose Verschuldung sind durch nichts zu ersetzen.

  3.   Hauke

    Aus Ihrem Beitrag heute:

    „Und eben diese Lohnstückkosten zeigen einen erheblichen Zuwachs an Wettbewerbsfähigkeit, wie ich hier schon vor vielen Monaten gezeigt habe (und was damals niemand hören wollte).“

    Aus Ihrem Beitrah von ‚vor vielen Monaten‘:

    „Eine spiegelbildliche Reduktion gab es – der Chart kommt von der Bundesbank – in den Leistungsbilanzdefiziten der Krisenländer (zum Teil durch eine bessere Exportperformance, vor allem aber durch einen Einbruch der Binnennachfrage).“

    Kann es sein, dass es keiner hören wollte, weil Sie es nicht gesagt haben? Etwas mehr Redlichkeit, Herr Schieritz!

  4.   redlich

    So wie ich es mitbekommen habe, geht es Herrn Sinn vor allem darum, dass die Deutschen jahrzehnte lang Gläubiger der GIPS sein werden und dass das politisch sehr problematisch ist.

    Denn Fähigkeit der GIPS langfristig ihre Auslandsschulden zu bedienen und zu tilgen, ist einfach fragwürdig:
    Zwar ist die Wettbewerbsfähigkeit tatsächlich etwas gestiegen, aber was genau wollen die Südeuropäer den exportieren? Südeuropa war und ist Empfänger von europäischer Entwicklungshilfe (!). Es wird im Umfeld des globalen Abschwungs (aufgrund von Kreditkontraktion) sehr lange Dauern bis die (immer noch rasant ansteigenden) Schulden bezahlt sind. Und zwar insbesondere deswegen, weil man jetzt die alten (gesellschaftlichen und wirtschaftlichen) Strukturen zumindest zum Teil rettet.

    Herr Braunberger schreibt in seinem Artikel, dass insbesondere die Autoindustrie stark relevant ist für Spanien. Steht nicht gerade da eine größere Marktbereinigung an, weil es große Überkapazitäten gibt?
    Und Zara als Beispiel für „spanische Markenartikel“ zu nennen ist gewagt. Welchen Beitrag kann „Modischer Bekleidung im unteren Preissegment“ zur Sanierung eines Landes leisten?
    Der Börsenwert von Inditex bei 60 Mrd? Der von Apple liegt bei 600 Mrd. Ist das nicht einfach Vermögenspreisinflation?


  5. Ich sehe im Exportvolumen, dem Beschäftigungsaufbau im Industriebereich in den Krisenländern kaum Fortschritte, sondern teileweise das Gegenteil. Die Leistungsbilanzdefizite sind bisher nur durch brutale Importzurückhaltung verbessert worden, aber immer noch negativ, Griechenland, Portugal, Spanien.

    „Wie die spanischen Zollbehörden (Agencia Tributaria) mitteilten, betrug im September 2012 das Wachstum beim unbereinigten nominalen Exportvolumen von Waren und Gütern nur noch +0,48% zum Vorjahresmonat.“

    Wer will wie auch immer daraus eine stark positive Entwicklung ablesen?

  6.   SLGramann

    Nehmen wir mal an, Herr Schieritz hat recht, der Süden drückt seine Lohnstückkosten und wird wettbewerbsfähig. Was dann?

    „Wettbewerbsfähigkeit“ ist ja immer ein relativer Begriff (wettbewerbsfähig wem gegenüber? – Wer klatscht wen an die Wand?).

    Deutschlands Wirtschaftsmodell nenne ich ein Exportkriegsmodell. Es basiert darauf, innerhalb eines gemeinsamen Währungsraums durch Lohnverzicht Preisvorteile zu erringen und damit gigantische Exportüberschüsse zu erzielen – die logischerweise die Defizite der Anderen sein müssen.

    Ich sehe keinerlei(!) Bereitschaft in Deutschland dieses Modell in Frage zu stellen – ganz in Gegenteil.

    Also, was passiert, wenn die Südis wettbewerbsfähig werden? Die deutsche Exportindustrie müsste dann ja Geschäft verlieren.

    Darauf wird die deutsche Industrie und ihre Helfer in Politik und Medien mit einer weiteren Deflationsrunde in Deutschland reagieren – die Agenda 2020 wird dann ganz schnell aus der Schublade geholt, weil wir unsere Arbeitsplätze gegen die ausländische Konkurrenz sichern müssen usw. usf.

    Kurz und schlecht: In dem Hase und Igel-Spiel der „Wettbewerbsfähigkeit“ hat der Süden keine Chance, weil Deutschland nicht einfach stehen bleiben wird, wenn die wirklich mal anfangen sollten aufzuholen.
    Diesen Kampf werden wir locker gewinnen – und am Ende gerade dadurch alles verlieren. Aber das ist uns ja egal, denn Export ist geil und im Besitz von Schuldscheinen zu sein ist es auch. Oder?


  7. @ SLGramann

    Leistungsbilanzüberschuss ist kein Wirtschaftsziel, wohl aber eine ausgegliche Leistungsbilanz, keine Nettoauslandsschulden, Vollbeschäftigung, hohe Produktivität, sinnvolle globale Arbeitsteilung, einhergehend mit hohen Im- und Exportvolumen. Auf diesem Weg sehe ich die Krisenländer bisher nicht und daran ist in der globlen Weltwirtswchaft Deutschland nicht schuld.

  8.   SLGramann

    Herr Klehn, ich stimme Ihnen eigentlich bei allem zu. Aber! Deutschland hat absolut keine ausgeglichene Leistungsbilanz. Und daran ist Deutschland sehr wohl schuld.
    Aber mal abgesehen von der Schuldfrage: Wie die Südis ohne Abwertungsmöglichkeit dauerhaft gegen das deutsche Trommelfeuer aus Produktivität, Lohnverzicht, Qualitätsprodukten, Technologieführerschaft und Finanzierungsvorteilen bestehen sollen, ist und bleibt ein Rätsel, dass sich nur Euro-Fans wie Herr Schieritz nicht stellen. Ich vermute, da sind wir uns einig.
    Und Fakt ist auch: Die deutsche Exportwirtschaft gönnt der Konkurrenz nicht den Dreck unter den Nägeln (was normal ist) und der deutsche Staat ist dabei ihr bedingungsloser Vollstrecker (was absolut unnormal und schädlich ist).

  9.   alterego

    @6 Zur Klarstellung

    Die GIIPS haben einen durchaus überschaubaren Anteil von insgesamt 24 Mrd. € (15%) an dem deutschen Außenhandelsüberschuss von 158 Mrd. € in 2011. Im einzelnen: Italien 8,7%, Spanien 7,8%, Griechenland 2,0%, Portugal 1,5%, Irland -5,0% (Defizit). Selbst wenn die Überschüsse mit den „Südis“ völlig wegbrächen, hätte Deutschland immer noch einen satten Außenhandelsüberschuss mit dem Rest der Welt. Und: Die Wettbewerbsfähigkeit der Südis entscheidet sich eher nicht im Vergleich mit der deutscher Unternehmen, weil deren Unternehmen auf deren Märkten kaum mit unseren konkurieren.

    Jedes Unternehmen muss mit seinen spezifischen Angeboten aus Sicht seiner Kunden in seinem Markt wettbewerbsfähig sein, damit es leben und Einkommen schaffen kann. Das gilt grundsätzlich unabhängig von dem Land, in dem es produziert. Ob eine Volkswirtschaft wettbewerbfähig ist, entscheidet sich deshalb daran, ob deren Produzenten es sind.

    Um wettbewerbsfähig zu bleiben, dürfen die Löhne relativ gesehen nicht stärker steigen als die Arbeitsproduktivität. Das heißt, die Lohnstückkosten (Relation Löhne zu Arbeitsproduktivität) muss konstant bleiben. Bleiben sie aber nie. Von 1995 bis 2003 stiegen sie um 2,6%, fielen von 2003 bis 2007 um -4,6%, um danach bis 2011 um kräftige 8,2% noch oben zu schnellen. Hier deutet sich bereits ein kommender, neuerlicher Verlust der Wettbewerbsfähigkeit an, der derzeit nur durch die für die deutsche Volkswirtschaft eurobedingt zu niedrigen Wechselkurse kaschiert wird. Die Arbeitsproduktivität ist in den letzten 5 Jahren kaum noch gestiegen und die Steigerung des Arbeitnehmerentgelt im Vergleich dazu deutlich überzogen. Hier die Veränderung der Stundenlöhne und der Arbeitsproduktivität je Stunde: 1995-2003 17,6% zu 14,7%; 2003-2007 2,6% zu 7,6% (Lohnzurückhaltung); 2007-2011 9,1% zu 0,8%.

    Um es klar zu sagen: Die Menschen in Deutschland profitieren erheblich von der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen. Und es wäre fatal, wenn diese ihre Wettbewerbsfähigkeit verlören. Sie zu halten, geht nur durch permanente Innovation und permanenten Wandel, um angebotsseitig zeitnah den jeweiligen Nachfragetrends zu folgen oder neue zu generieren und die Arbeitsproduktivität zu steigern. Nur wenn dieser Prozess erfolgreich ist, ist auch ein hohes Lohnniveau möglich.

  10.   Alex

    @M Schieritz

    ‚Denn meistens sind diese Leute auch auf der Seite der Bundesbank, deren Botschaften sie häufig ebenfalls ungeprüft übernehmen. Jetzt müssen sie sich entscheiden – ich glaube die Psychologen sprechen von double bind. Das wird interessant. Vielleicht müssen so machen Kommentatoren also tatsächlich selbst einmal einen Blick in die Daten werfen. Schlimm!‘

    Ich bin zwar nur Kommentator in diesem Blogforum hier, aber lassen Sie mich dennoch dazu einmal Stellung nehmen:

    Ich versuche gar nicht erst zu diesem Zeitpunkt zu einem Urteil zu kommen. Der Rettungskurs ist ja zunächst einmal eingeschlagen und man wird im Jahr 2013 sehen wie sich Griechenland weiter entwickelt.

    Ich würde aber folgendes zu Bedenken geben: Ich finde weder BIP-Deflator noch Lohnproduktivität die geeignete Kennzahl, die man beobachten sollte. Interessant finde ich stattdessen wie sich die Exporte Griechenlands real entwickeln – denn, um mal wieder auf den Fussball zurückzugreifen, „entscheidend is‘ auf’m Platz“. Und da finde ich den Beitrag von Braunberger sehr interessant.

    Die inländische Autonachfrage ist in Spanien jedenfalls zusammengebrochen:

    querschuesse.de/spanien-pkw-neuzulassungen-mit-203/

    Beunruhigend für ein Land in dem 35,5% der Exporte nach Braunberger durch die Autoindustrie ausgemacht werden…

    Es wird jedenfalls interessant werden die weitere Entwicklung Spaniens zu beobachten. Ich lehne das Euro-Projekt zwar ab, aber den Menschen in PIIGS-Staaten würde ich eine wirtschaftliche Genesung allemal gönnen.

    Alex