So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Schlechte Nachrichten für Sinnologen

Von 3. Dezember 2012 um 22:53 Uhr

Diese Auseinandersetzung wird Hans-Werner Sinn nicht gewinnen: Bekanntlich streitet er ab, dass die Krisenländer Südeuropas nennenswert an Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen hätten. Er verweist dabei auf die BIP-Deflatoren, die er als geeignetere Messinstrumente als die Lohnstückkosten hält.

Nun hat sich die Bundesbank in ihrem letzten Monatsbericht ausführlich mit der Frage nach dem passenden Indikator auseinandergesetzt. Ergebnis: Es ist nicht der Deflator (siehe dazu auch die exzellente Analyse von Gerald Braunberger).

Der Hauptgrund ist, dass eine Vielzahl von Anhebungen indirekter Steuern und administrierter  Preise zu Konsolidierungszwecken seit geraumer Zeit die Konsumentenpreise und den Deflator der Inlandsnachfrage nach oben treibt, während die Exportpreise davon kaum berührt werden. Deshalb liegt es derzeit nahe, dem Wettbewerbsindikator  auf Basis der Lohnstückkosten den Vorzug zu geben.

Und eben diese Lohnstückkosten zeigen einen erheblichen  Zuwachs an Wettbewerbsfähigkeit, wie ich hier schon vor vielen Monaten gezeigt habe (und was damals niemand hören wollte).

Hans-Werner Sinn wird das nicht anfechten. Er wird seine Argumentationslinie weiter verteidigen und irgendwann wahrscheinlich sagen, er habe es nie so gemeint. Ich bin aber gespannt, wie sich diejenigen verhalten, die seine Thesen nachplappern ohne selbst nachzudenken.

Denn meistens sind diese Leute auch auf der Seite der Bundesbank, deren Botschaften sie häufig ebenfalls ungeprüft übernehmen. Jetzt müssen sie sich entscheiden – ich glaube die Psychologen sprechen von double bind. Das wird interessant. Vielleicht müssen so machen Kommentatoren also tatsächlich selbst einmal einen Blick in die Daten werfen. Schlimm!

Kategorien: Wissen und Glauben
Leser-Kommentare
  1. 9.

    @6 Zur Klarstellung

    Die GIIPS haben einen durchaus überschaubaren Anteil von insgesamt 24 Mrd. € (15%) an dem deutschen Außenhandelsüberschuss von 158 Mrd. € in 2011. Im einzelnen: Italien 8,7%, Spanien 7,8%, Griechenland 2,0%, Portugal 1,5%, Irland -5,0% (Defizit). Selbst wenn die Überschüsse mit den “Südis” völlig wegbrächen, hätte Deutschland immer noch einen satten Außenhandelsüberschuss mit dem Rest der Welt. Und: Die Wettbewerbsfähigkeit der Südis entscheidet sich eher nicht im Vergleich mit der deutscher Unternehmen, weil deren Unternehmen auf deren Märkten kaum mit unseren konkurieren.

    Jedes Unternehmen muss mit seinen spezifischen Angeboten aus Sicht seiner Kunden in seinem Markt wettbewerbsfähig sein, damit es leben und Einkommen schaffen kann. Das gilt grundsätzlich unabhängig von dem Land, in dem es produziert. Ob eine Volkswirtschaft wettbewerbfähig ist, entscheidet sich deshalb daran, ob deren Produzenten es sind.

    Um wettbewerbsfähig zu bleiben, dürfen die Löhne relativ gesehen nicht stärker steigen als die Arbeitsproduktivität. Das heißt, die Lohnstückkosten (Relation Löhne zu Arbeitsproduktivität) muss konstant bleiben. Bleiben sie aber nie. Von 1995 bis 2003 stiegen sie um 2,6%, fielen von 2003 bis 2007 um -4,6%, um danach bis 2011 um kräftige 8,2% noch oben zu schnellen. Hier deutet sich bereits ein kommender, neuerlicher Verlust der Wettbewerbsfähigkeit an, der derzeit nur durch die für die deutsche Volkswirtschaft eurobedingt zu niedrigen Wechselkurse kaschiert wird. Die Arbeitsproduktivität ist in den letzten 5 Jahren kaum noch gestiegen und die Steigerung des Arbeitnehmerentgelt im Vergleich dazu deutlich überzogen. Hier die Veränderung der Stundenlöhne und der Arbeitsproduktivität je Stunde: 1995-2003 17,6% zu 14,7%; 2003-2007 2,6% zu 7,6% (Lohnzurückhaltung); 2007-2011 9,1% zu 0,8%.

    Um es klar zu sagen: Die Menschen in Deutschland profitieren erheblich von der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen. Und es wäre fatal, wenn diese ihre Wettbewerbsfähigkeit verlören. Sie zu halten, geht nur durch permanente Innovation und permanenten Wandel, um angebotsseitig zeitnah den jeweiligen Nachfragetrends zu folgen oder neue zu generieren und die Arbeitsproduktivität zu steigern. Nur wenn dieser Prozess erfolgreich ist, ist auch ein hohes Lohnniveau möglich.

    • 4. Dezember 2012 um 22:05 Uhr
    • alterego
  2. 10.

    @M Schieritz

    ‘Denn meistens sind diese Leute auch auf der Seite der Bundesbank, deren Botschaften sie häufig ebenfalls ungeprüft übernehmen. Jetzt müssen sie sich entscheiden – ich glaube die Psychologen sprechen von double bind. Das wird interessant. Vielleicht müssen so machen Kommentatoren also tatsächlich selbst einmal einen Blick in die Daten werfen. Schlimm!’

    Ich bin zwar nur Kommentator in diesem Blogforum hier, aber lassen Sie mich dennoch dazu einmal Stellung nehmen:

    Ich versuche gar nicht erst zu diesem Zeitpunkt zu einem Urteil zu kommen. Der Rettungskurs ist ja zunächst einmal eingeschlagen und man wird im Jahr 2013 sehen wie sich Griechenland weiter entwickelt.

    Ich würde aber folgendes zu Bedenken geben: Ich finde weder BIP-Deflator noch Lohnproduktivität die geeignete Kennzahl, die man beobachten sollte. Interessant finde ich stattdessen wie sich die Exporte Griechenlands real entwickeln – denn, um mal wieder auf den Fussball zurückzugreifen, “entscheidend is’ auf’m Platz”. Und da finde ich den Beitrag von Braunberger sehr interessant.

    Die inländische Autonachfrage ist in Spanien jedenfalls zusammengebrochen:

    querschuesse.de/spanien-pkw-neuzulassungen-mit-203/

    Beunruhigend für ein Land in dem 35,5% der Exporte nach Braunberger durch die Autoindustrie ausgemacht werden…

    Es wird jedenfalls interessant werden die weitere Entwicklung Spaniens zu beobachten. Ich lehne das Euro-Projekt zwar ab, aber den Menschen in PIIGS-Staaten würde ich eine wirtschaftliche Genesung allemal gönnen.

    Alex

    • 5. Dezember 2012 um 07:49 Uhr
    • Alex
  3. 11.

    “Wer profitiert nicht gern von Subventionen, die andere bezahlen? Die deutschen Exporteure malen im Einklang mit den deutschen Euro-Politikern den Teufel an die Wand: Ohne den Euro würde Deutschland massiv aufwerten müssen, was der deutschen Volkswirtschaft großen Schaden zufüge.”

    lostineu.eu/das-china-der-eurozone/

    Ich weise darauf hin, dass Strauss und Schiller gemeinsam einmal vorgeschlagen die deutschen Exporte zu besteuern.

    Die Politik ist alles andere als machtlos.

    • 5. Dezember 2012 um 11:50 Uhr
    • Marlene
  4. 12.

    @11
    Die Argumentatiton ist Unfug. Der im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen zur Zeit unterbewertete Euro (der Kurs lag ja auch schon einmal bei >1,50 USD für einen EUR) beeinflusst die eurozoneninternen Exporte nicht, sondern nur die in den Rest der Welt. Auch deshalb wachsen die stärker. Wenn es diese unsinnig zusammnengesetzte Währungsunion unter Beteiligung schon zu ihrer Gründung nicht wettbewerbsfähiger Volkswirtschaften mit ausgeprägter Schwachwährungskultur nicht gäbe, wäre vermutlich der deutsche Exportüberschuss geringer als heute. Die Wechselkurse würden das regeln.

    Was das deutsche Auslandsvermögen schmälert, sind die Nettoauslandsschulden der öffentlichen Haushalte von > -1.000 Mrd. €, weit mehr als die nicht werthaltigen Target2-Forderungen und Schrottpapiere der Pleitestaaten bei der Bundesbank, die ich gedanklich abgeschrieben habe. Wie gut, dass die Zahlungsbilanz der deutschen Volkswirtschaft werthaltige Nettoauslandsforderungen von > + 1.000 Mrd. € aus dem Privatsektor ausweist. Wir brauchen diesen Überschuss.

    Wie gut auch, dass sich die deutsche Volkswirtschaft immer stärker von der kaputten Währungsunion abkoppelt. Das ist auch Folge ihres hohen Offenheitsgrades, also der Summe der Im- und Exporte gemessen am BIP. Er betrug 2011 95,1%. Damit hat Deutschland die “offenste” Volkswirtschaft aller G7-Staaten, offen eben auch in den Rest der Welt und in der Lage, ihn genau dort, und eben nicht in der Währungsunion, weiter wachsen zu lassen.

    Interessant auch, dass der deutsche Handelsbilanzüberschuss sein historisches Maximum mit 7% des BIP in 2007 hatte. 2008 waren es noch 6,2% und in 2011 5,1%. Die Eurowechselkurse hatten in 2007 und 2008 ihr Maximum (Tageshöchstwert 1,60 je EUR)! Diese Zahlen deuten darauf hin, dass die deutsche Volkswirtschaft auch dann in der Lage sein wird, den internationalen Wettbewerbzu zu bestehen, wenn ihre Währung die 2012er Schwäche überwindet und aufwertet. Wenn das der Euro ist und die Krisenstaaten im Euro bleiben, wird das diese zusächlich belasten, weil sie, anders als Deutschland, niedrige Wechselkurse brauchen – und zwar dringend.

    Ich frage mich, was manche Zeitgenossen so meinen, wo unsere Einkommen denn herkämen, wenn in Deutschland produzierende Unternehmen ihre Güter nicht auch auf Auslandsmärkten erfolgreich anbieten und verkaufen könnten. Fast jeder vierte Arbeitsplatz (24 %) hängt direkt
    oder indirekt vom Export ab (1995: 15 %). In der Industrie ist es sogar jeder zweite (55 %); im Dienstleistungsbereich dagegen nur jeder siebte (15 %).

    • 5. Dezember 2012 um 13:33 Uhr
    • alterego
  5. 13.

    @10
    Für die Verbesserung der Nettoauslandsposition kommt es doch nicht nur auf die Exporte an. Es ist die Wettbewerbsfähikeit der Unternehmen, die darüber entscheidet, ob eine Volkswirtschaft nachhaltig wachsen und wie hoch der selbst verdiente Wohlstand sein kann. Wenn sie wettbewerbsfähig sind, können sie auf den Märkten, auf denen sie erfolgreich antreten, Importe verdrängen oder Exporte generieren bzw. ausweiten. Dementsprechend verändert sich die Nettoauslandsposition.

    Die Wettbewerbsfähigkeit ist der Schlüssel für alles. Und die hängt an der Produktivität, der Angebotsstruktur und -qualität, den Löhnen und den Wechselkursen. Die Produktivität und Qualität wiederum an der Innovationsrate und der Flexibilität der Strukturen. Die Innovationsrate am Bildungsniveau, usw. usf. – also an dem, was man allgemein “die Rahmenbedingungen” nennt und die für den Erfolg einer Volkswirtschaft höchst entscheidend sind. All das muss stimmen, damit es läuft.

    • 5. Dezember 2012 um 14:00 Uhr
    • alterego
  6. 14.

    Wenn die Exporte in den Nicht-Euro-Raum (BRIC) weiter so steigen und den Ausfall im Euro-Raum überkompensieren wie im letzten Quartal, wird es noch lange so weiter gehen können. D. h. wir können noch viel mehr Schuldscheine anhäufen.

    • 5. Dezember 2012 um 14:57 Uhr
    • CitizenK
  7. 15.

    @ Klehn & SLGramann

    weitgehende Übereinstimmung, nur eine Anmerkung: Solange Euro-Land ein Nettoschuldner ist, solange ist es sinnvoll die Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Zone zu verbessern. Und dann ist es auch sinnvoll bei den am wenigsten wettbewerbsfähigen Mitgliedern anzusetzen.

    Im Prinzip sind wir auf gar keinem schlechten Weg, die account balance der Eurozone bewegt sich in die Richtige Richtung:

    epp.eurostat.ec.europa.eu/…

    Man könnte sogar argumentieren, dass dies Folge davon ist, dass die Merkel-Knute die GIPS auf den richtigen Weg zwingt und das Rumgeeiere den Euro drückt.

    Analog zu Krugman’s Idee die FED müsste glaubwürdig vermitteln unverantwortlich zu handeln um die nötige Inflation in einer liquidity trap zu erzeugen, könnte man sagen, die Überzegung dass die europäischen Politiker völlig unverantwortlich handeln hat auch ihre guten Seiten :-)

    Wenn jetzt im Tal der Tränen noch (heimlich) zukunftsweisend investiert werden würde und Deutschland sich etwas weniger wettbewerbsmäsig verkrampfen würde, dann könnte es in einiger Zeit einen richtigen Boom geben, so wie in Deutschland, das vor gar nicht langer Zeit noch der kranke Mann Europas war.

  8. 16.

    @bmmayr

    “Solange Euro-Land ein Nettoschuldner ist, solange ist es sinnvoll die Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Zone zu verbessern. Und dann ist es auch sinnvoll bei den am wenigsten wettbewerbsfähigen Mitgliedern anzusetzen”

    Stimme dem 100% zu. In der Summe muss etwas passieren, denn eine Währungsunion mit dauerhaft starken Leistungsbilanzunterschieden ist nicht machbar. Eine Schande, dass die Volkswirte und Väter der Eurozone dieses nicht bei der Gründung der Währungsunion bedacht haben, da war Keynes mit seinem Bancor Plan viel, viel weiter.

  9. Kommentar zum Thema

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