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Mittelfristige Wachstumsrate der US-Wirtschaft hat sich halbiert

 

In Amerika war lange Zeit zu besichtigen, wie Kapitalismus funktioniert. Eine dynamische Wirtschaft, die größten und am besten geführten Unternehmen der Welt, eine Gründerwelle nach der anderen, Aufstiegschancen für alle, der höchste Lebensstandard – kein Superlativ reichte. Auf einmal passiert jedoch etwas, was bislang als typisch für die angeblich überregulierten und zunehmend überalterten Volkswirtschaften Europas und Japans galt, dass nämlich Beschäftigung und Produktivität mit nur äußerst niedrigen Raten zunehmen.

Der Internationale Währungsfonds veranschlagt das mittelfristig mögliche Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts auf zwei Prozent, andere Analysten halten 1,75 Prozent für realistischer. Das ist die Hälfte dessen, was in den neunziger Jahren als normal galt. Bis die nach wie vor sehr große Output-Lücke geschlossen ist, es also Kapazitätsreserven gibt, kann es auch rascher vorangehen, aber dann – dann sind es eben nur noch 1,75 Prozent. Die USA sind dabei, ihren Sonderstatus zu verlieren. Vielleicht haben sie ihn sogar bereits verloren.

Im aktuellen Economist befassen sich der Leitartikel und ein Sonderkapitel mit genau diesem Thema (America’s lost oomph und Jobs are not enough). Noch nie in der Nachkriegszeit war der Aufschwung nach einer Rezession so schwach wie diesmal. Und wenn es danach mit den neuen mickrigen Zuwachsraten weitergeht, muss sich das Land darauf einstellen, dass sich der Lebensstandard nur langsam weiter verbessern wird, dass die Steuereinnahmen hinter den langfristigen Budgetplanungen zurückbleiben und dass der Schuldendienst auf viele Jahre hinaus eine schwere Bürde bleiben wird. Für den Economist wird das amerikanische Wachstumsmodell von zwei Seiten attackiert: Das Arbeitskräftepotenzial nimmt viel langsamer zu als früher, und aus unerfindlichen Gründen ist die Produktivität ins Stocken geraten, trotz der vielen Innovationen, über die täglich berichtet wird. Es lässt sich nicht mehr leugnen, auch in den USA ist die Luft raus.

In den Nachkriegsjahren stiegen die Produktivität und damit der Wohlstand in Japan und Deutschland deutlich rascher als in den USA, Mitte der neunziger Jahre, als der Aufholprozess abgeschlossen war, waren sich die Raten dann sehr ähnlich – sie lagen im Zehnjahresdurchschnitt etwa bei zwei Prozent (was sich in dem folgenden Schaubild an den Datenpunkten für 1997 ablesen lässt). Danach, im Verlauf des Clinton-Booms, übertrafen die amerikanischen die der beiden anderen Länder deutlich. Wie sich inzwischen herausstellt, war das nicht von Dauer. Mittlerweile konvergieren die Zuwachsraten in allen drei Volkswirtschaften bei Werten um ein Prozent.

Grafik: Entwicklung der Produktivität im langjährigem Durchschnitt in den USA, Japan und Deutschland

Vor allem aus zwei Gründen kam es in den USA zu diesem Rückgang: Je kapitalreicher ein Land ist, desto geringer fällt der Zuwachs an Output bei einem zusätzlichen Einsatz von Sachkapital und Software aus. Es handelt sich hier um das “Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag des Kapitals”. Ein fiktives Beispiel: Die erste Autobahn von Boston nach Washington ermöglicht durch Mauteinnahmen eine Verzinsung des eingesetzten Kapitals von, sagen wir, 30 Prozent, die zweite dann nur noch einen von 10 Prozent. Der erste Traktor löst auf den Feldern eine Revolution aus, der zweite verwaltet sie. You know what I mean.

Grund Nummer zwei ist der Rückgang der volkswirtschaftlichen Investitionsquote: Wenn die Ertragserwartungen sinken – weil schon so viel an Kapital vorhanden ist, wird weniger investiert. Die sogenannte Kapitalintensität geht zurück. Das macht sich seit einiger Zeit auch in den USA bemerkbar, obwohl es nicht so dramatisch war wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Japan.

Am beunruhigendsten ist allerdings der anhaltende Rückgang der Investitionsquote in Deutschland, denn wo nicht investiert wird, kann es auch nicht zu Wachstum kommen. Wenn der Anteil der Alten an der Bevölkerung so stetig steigt wie bei uns, kann die Last, die die Jüngeren für die Nicht-Aktiven zu schultern haben, allein durch einen rascheren Fortschritt bei der Effizienz der Arbeit abgemildert werden, und das erfordert mehr Aufwendungen für Kapitalgüter. Es geht leider in die entgegengesetzte Richtung.

Grafik: Investitionsquote in den USA, Japan und Deutschland seit 1960

Die amerikanischen Unternehmen, denen es ja insgesamt nicht schlecht geht, verlagern offenbar seit Langem ihre Investitionen immer mehr ins kapitalarme Ausland, wo sich höhere Renditen erzielen lassen, ähnlich wie die deutschen und japanischen das machen. Sie bilden dort Eigentum, was wiederum Einkommen für die inländischen Eigentümer dieser Unternehmen generiert. Nicht allein die inländischen Arbeitnehmer müssen daher für die Rentner schaffen, zunehmend sind es die Ausländer. Es geht aber zulasten des inländischen Kapitalstocks.

Dazu eine eindrucksvolle Zahl aus Deutschland: Die Erwerbs- und Vermögenseinkommen aus dem Ausland haben inzwischen etwa 80 Mrd. Euro pro Jahr erreicht, 3,7 Prozent des Volkseinkommens, Tendenz stark steigend. Die Schweiz macht seit Jahrzehnten vor, wie man gut von seinem Auslandsvermögen leben kann.

Noch etwas Anderes bremst das Wachstum des realen BIP in den USA: die inzwischen sehr geringe Zuwachsrate der Beschäftigung. In den vergangenen zehn Jahren ist sie auf 0,5 Prozent jährlich zurückgegangen, auf ein Viertel dessen, was in den Jahrzehnten bis Anfang der neunziger Jahre üblich war. Auch die amerikanischen Arbeitnehmer sind in dieser zunehmend globalisierten Welt der Konkurrenz ausländischer Arbeitnehmer ausgesetzt. Freihandel führt dazu, dass sich für eine breite Palette an Tätigkeiten ein einheitlicher globaler Arbeitsmarkt bildet.

Wenn Amerikaner, die für Firmen arbeiten, die im internationalen Wettbewerb stehen, nicht bereit sind, bei ihren Löhnen Abstriche zu machen, verlieren sie ihren Job. Die Unternehmen sind immer auf dem Sprung ins Ausland, wo die Märkte für ihre Produkte sind, und wo für das Personal nicht so viel zu zahlen ist. Hinzu kommt, dass es seit Nine Eleven nicht mehr so leicht ist, in die USA einzuwandern – dadurch, und weil die Baby Boomer jetzt ins Rentenalter kommen, nimmt das Angebot an Arbeit nur noch langsam zu.

Grafik: Entwicklung der Beschäftigung im langjährigen Durchschnitt in den USA, Japan und Deutschland

Am krassesten sind die Beschäftigungsprobleme allerdings in Japan: Die Gesellschaft altert rasch und Einwanderer sind nicht erwünscht. Glücklicherweise ist das in Deutschland inzwischen nicht mehr der Fall. Das Diktum – einst auch das der Gewerkschaften –, dass die Einwanderer den Einheimischen die Jobs wegnehmen, gilt nicht mehr. Wir sind ein Einwanderungsland geworden und haben die Integration der Immigranten bisher einigermaßen gut hinbekommen. Was will man mehr? In den vergangenen zehn Jahren gab es jährlich rund 0,8 Prozent mehr Jobs, während gleichzeitig die Arbeitslosenquote stetig zurückging. Mit Fremdenfeindlichkeit lassen sich glücklicherweise keine Wahlen mehr gewinnen.

Am Ende dieser tour d’horizon geht es um die Zuwachsraten des realen BIP, als Produkt von Produktivität und Beschäftigung.

Grafik: Wirtschaftswachstum im langjährigen Durchschnitt in den USA, Japan und Deutschland

Es ist frappierend, wie ähnlich sich die drei Volkswirtschaften in den vergangenen zehn Jahren geworden sind. In allen hat sich das Wachstum im Laufe der Jahrzehnte stark verlangsamt, am wenigsten in Japan – da war es schon vorher sehr niedrig – und liegt jetzt zwischen 0,8 und 1,8 Prozent. Das könnte die neue normale Wachstumsdynamik sein, also das, auf was wir uns in der Zukunft einstellen müssen, es sei denn, es gelingt wieder, die Investitionsquoten hochzuschrauben und die Qualifikation der aktuellen und potenziellen Beschäftigten zu verbessern. An einem lässt sich so schnell nichts ändern: dass es in den Jahren bis zur Finanzkrise zu massiven Fehlinvestitionen im Immobilienbereich (außer in Deutschland) und im Finanzsektor gekommen ist, die jetzt korrigiert werden. Für eine Weile dürfte das Schrumpfen dieser Sektoren noch zulasten des gesamtwirtschaftlichen Wachstums gehen.

82 Kommentare

  1.   Thomas Müller

    An sich doch nicht überraschend. Wesentliche Wachstumsdeterminante ist das Produktivitätswachstum +/- Veränderung der Erwerbspersonenzahl (oder der Stunden). Schaut man sich die Pro-Kopf BIP-Wachstumsraten an, waren die Unterschiede auch schon früehr nicht sehr ausgeprägt. Nun mit nachlassender Bevölkerungsdynamik lässt dann auch das Gesamtwachstum in den USA nach. Ich halte die 1,75% allerdings für zu pessimistisch. Ein Produktivitätswachstum von 1,5% sollte weiter möglich sein und dazu ein Wachstum der Erwerbsbevölkerung von 0,5% bis 1%, erbit eher 2% bis 2,5% reales BIP-Wachstum.

  2.   iboo

    Auch in Deutschland gab es massive Fehlinvestitionen im Immobilienbereich, deren Korrektur bis heute noch nicht abgeschlossen ist (Stichwort: Stadtumbau Ost). Aber da das in den 90ern war haben das anscheinend inzwischen alle vergessen.


  3. “Es handelt sich hier um das “Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag des Kapitals”.

    Stimmt. Also nichts wirklich Neues.

    “Das Arbeitskräftepotenzial nimmt viel langsamer zu als früher, und aus unerfindlichen Gründen ist die Produktivität ins Stocken geraten, trotz der vielen Innovationen, über die täglich berichtet wird.”

    Welche Innovationen sollen das denn bitte sein?
    Und warum sollten die nicht den “diminishing returns” unterliegen?
    Das erste Antibiotikum ist eine Revolution und sichert Hunderttausenden das Überleben. Das 25. Antibiotikum verhindert nur noch, daß dieses Jahr mehr Patienten an Multiresistenzen sterben als im letzten. You catch my drift.

    “Am beunruhigendsten ist allerdings der anhaltende Rückgang der Investitionsquote in Deutschland, denn wo nicht investiert wird, kann es auch nicht zu Wachstum kommen.”

    Wohin soll denn das ganze freilaufende Billig-Kapital investiert werden, wenn die Zocker wieder mal das schnelle Geld machen wollen mit 20% Rendite?
    In welches echte, tatsächlich produktive Projekt soll das Geld fließen?

    Warum ist das beunruhigend?
    Doch nur, weil unsere Wirtschaftstheorie, oder besser, dieser lächerliche Schamanenzauber, der seit Jahrzehnten als “Wirtschaftswissenschaften” verkauft wird, immer davon ausgeht, daß Wachstum ewig sein muß, scheiß auf die Realität, Amen!

    Alles, was da beschrieben wird von ihnen, Herr Wermuth, sieht ganz danach aus, als wäre das Ende des Wachstums eben nicht nur eine Idee irgendwelcher esoterischer Spinner, sondern die schlichte Wahrheit. Und eine, die genau jetzt da ist, nicht erst in 1000 Jahren.

    Innovation allein erschafft keine Produktivität. Geld allein ist keine wirtschaft.
    Wachstum kann auf einem begrenzten Planeten niemals ewig stattfinden, sondern wird immer ein lokales und/oder temporäres Phänomen sein.

    “Für eine Weile dürfte das Schrumpfen dieser Sektoren noch zulasten des gesamtwirtschaftlichen Wachstums gehen.”

    Es handelt sich auch nicht um das Schrumpfen einzelner Sektoren, es handelt sich um den Beginn eines völlig neuen Zeitalters. Allerdings nur dann, wenn man die letzten 200 Jahre als normal ansieht.

    Im Grunde genommen kehren wir im Moment schlicht und einfach zur Normalität zurück. Es ist halt nur nicht unsere bisherige Normalität, darum erscheint uns das möglicherweise so seltsam oder so neu.
    Solange Wirtschaft und Politik das nicht erkennen, wird das Schrumpfen weiter Erstaunen und Wehklagen hervorrufen.


  4. Während 1960 die Investitionsquote in Deutschland bei 26% vom BIP lag, war die Sozialquote in den “Goldenen Sechzigern” noch bei 18,3%.
    In den 50 Jahre bis 2010 sank die Investitionsquote auf 17,4, während die Sozialquote auf 30,6% stieg.
    Diese Korrelation ist bemerkenswert und vermutlich in allen Industriestaaten ähnlich.

  5.   Nina P.

    <<< … Aufstiegschancen für alle, der höchste Lebensstandard – kein Superlativ reichte. Auf einmal passiert jedoch etwas, was bislang als typisch für die angeblich überregulierten und zunehmend überalterten Volkswirtschaften Europas und Japans galt, dass nämlich Beschäftigung und Produktivität mit nur äußerst niedrigen Raten zunehmen. <<<

    Seit wievielen Jahrzehnten(!) gehen die Masseneinkommen in den USA nun zurück, damit sich die dekadente Oberschicht über bis zu 2-stellige Wachstumsraten des eigenen Vermögens freuen kann? 3 oder 4 Jahrzehnte?
    Aber hey, sonst ist alles bestens, Kapitalismus funktioniert für alle prima, weitermachen!

  6.   Erdenmond

    Der vorletzten Abschnitt reißt den Artikel/Blog ziemlich runter. “Glücklicherweise”, “Was will man mehr?”, zeugt wenig von objektiver Betrachtungsweise. Ein klarer Vorteil gegenüber Japan zeigt sich nicht. Vielen Arbeitnehmern fiele zudem eine Menge von dem ein, was man mehr haben will.
    Von Wachstum das man auf mehr Köpfe verteilen muss hat man zudem wenig.

  7.   Irgendwas

    Zeigt Grafik 1 wirklich, dass waehrend des Clinton-Booms die Produktivitaet in den USA staerker wuchs als in Deutschland?
    Begann der Clinton-Boom nicht eher in den fruehen 90ern, aber die Grafik zeigt Deutschland bis etwa 1998, also 6 Jahre nach der Wahl Clintons. Die groesste Differenz zwischen den Kurven fuer Deutschland und den USA scheint mir ca. 2005 zu bestehen, also zu einer Zeit als in den USA die Hauspreise durch die Decke gingen (und in Deutschland die Produktivitaet durch die Hartz Reformen schwaechelte, die schlecht qualifizierte Arbeitslose in die Statistik gebracht haben).

  8.   Irgendwas

    Auch die Interpretation bei den Kapitalanlageninvestitionen ist aus meiner Sicht nicht ganz richtig.
    In Deutschland sinkt die Zahl der Menschen im Primaerarbeitsalter, in den USA waechst dieser Anteil. Die Differenz duerfte in etwa 1% sein. Wenn das gesamte Produktivkapital 300% bis 400% des BIP ausmacht, dann ist bei gleicher Kapitalintensitaet in Deutschland und den USA ein Unterschied von 3%-4% bei den Investitionen zu erwarten. Wegen der abnehmenden Grenzproduktivitaet ergibt es keinen Sinn einfach mehr Geld in Deutschland zu investieren, sondern die Ersprarnisse dahin zu bringen, wo die Kapitelertraege am hoechsten sind. Entsprechend haben die USA ein Aussenhandelsdefizit und Deutschland einen Aussenhandelsueberschuss. Gespart wird mehr in Deutschland.

  9.   Sandale

    Amerika steht sich selbst im Wege – in so vielen Bereichen.

    Beispiel:
    Das es in den USA keinen Anteil, und sei er noch so klein, an der Produktion des iPhones hat, ist bezeichnend. Das ist sicher nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

    In den USA boomen Banken, Versicherungen und Anwaelte – an einem kranken Finanz-und Rechtssystem. Ob das reicht eine Nation satt und friedlich zu halten wird sich zeigen.


  10. tja – Patentschutzklagen sind halt keine Innovationen – sondern behindern andere beim Erfinden (auch wenn sich ein paar Anwälte dran dumm und dämlich verdienen)

    auch die zunehmende Konkurenz der Billiglöhner untereinander in USA/DE/Polen und wer weiß wo ist kein Naturgesetz sondern das Resultat billiger umweltverschmutzender Transporte und von Freihandelsabkommen die Zollschranken zum Schutz der eigenen Wirtschaft unmöglich machen. Es ist keine Innovation sondern lediglich die Verlagerung der vom Volk erwirtschafteten Gewinne zu einigen wenigen

    Für die Wirtschaft ist es übrigends besser, wenn 100 Harz 4 Empfänger so “reich” werden, dass sie sich einen Golf leisten können, als wenn ein Milliardär sich einen 2te Ferrari kauft

    Wovor ich viel mehr Angst habe ist, dass Russland und China eine eigene gemeinsame Alternative zum $ schaffen zusammen mit den BRICS Staaten. Wenn Amerika nicht mehr in der Lage ist andere zum Aufkauf der eigenen Schulden zu zwingen, weil man um den $ nicht herum kommt, dann wird das wahrscheinlich zu einem tödlichen Wirtschaftscrash führen in den Vereinigten Staaten. Steht dann die Frage ob diese dann erhobenen Hauptes unter gehen oder mit einem großen Knall abtreten.