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“Der schwache Euro macht uns faul”

 

Schön, wenn man Vorurteile hat. Am Sonntag hatte Lisa Nienhaus in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Politik der EZB auf’s Korn genommen. Ihre These: Versucht eine Notenbank – wie zur Zeit die EZB mit ihrem quantitative easing – durch eine expansive Politik de facto den Außenwert der Währung abzusenken, mag das neue Arbeitsplätze schaffen und sogar höhere Löhne mit sich bringen, aber das wird überkompensiert durch ein verlangsamtes Wachstum der Produktivität, also des allgemeinen Wohlstands: “So schafft eine solche Situation Faulheit.” Statt sich anzustrengen und attraktive Produkte auf den Markt zu bringen, werden Nachteile im internationalen Wettbewerb einfach durch Preissenkungen ausgeglichen. Das ist für sie das italienische Modell, das inzwischen das Modell Eurolands geworden sei. Aus welchem Land kommt noch mal Mario Draghi?

Mark Schieritz hatte diesen Artikel schon am Montag hier im Herdentrieb kommentiert. Ihn störte, dass eine feste Währung einen stimulierenden Effekt auf die Produktivität haben solle, dass aber höhere Löhne nicht das Gleiche bewirkten – auch sie zwingen bekanntlich die Unternehmer, sich mehr anzustrengen, wenn sie sich am Markt behaupten wollen. Das Eine ist ein externer Effekt auf die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, das Andere ein interner, qualitativ gibt es keinen Unterschied.

Abgesehen davon, dass sich die nominalen handelsgewogenen Wechselkurse von Italien und Deutschland seit 1996 vollkommen synchron bewegen, Italien sein Image als Weichwährungsland schon lange nicht mehr verdient, möchte ich darauf hinweisen, dass eine schwache Währung durchaus einhergehen kann mit einem starken Anstieg der Produktivität, die These von Nienhaus daher nur in einzelnen Fällen stimmt, also falsch ist.

Grafik: NEER Germany Italy, 1992-201412
Grafik: REER Germany Italy, 1992-201412

Aus der zweiten Grafik lässt sich ablesen, dass die Lira und der “italienische” Euro seit 1996 real etwas fester waren als die D-Mark und der “deutsche” Euro. Ich denke, der reale handelsgewogene Wechselkurs ist das beste Maß, wenn eine Aussage darüber getroffen werden soll, ob wir es mit einer Weichwährung oder Hartwährung zu tun haben. Deutschland besaß danach in den vergangenen zwei Jahrzehnten eher eine weichere Währung als Italien. Und was geschah bei der Produktivität? Wenn die folgende Grafik etwas suggeriert, dann das: Eine “Weichwährung” hat positive Effekte auf die Wachstumsrate der Produktivität. Deutschland schneidet viel besser ab als Italien.

Grafik: Arbeitsproduktivität - Deutschland und Italien, 1992-2014Q1

Nienhaus räumt im Übrigen an anderer Stelle in ihrem Artikel ein, dass Deutschland seinen wirtschaftlichen Aufstieg nach dem Krieg, also sein Produktivitätswunder, nicht zuletzt einer unterbewerteten Währung zu verdanken hatte. Die “Weichwährung” war das richtige Medikament zur richtigen Zeit.

Insgesamt gibt der Wechselkurs als Determinante der Produktivität nicht viel her. Investitionen in Sachkapital und Humankapital dürften der entscheidende Faktor sein. Kräftige Zuwachsraten sind aber auch dann zu erwarten, wenn eine robuste Endnachfrage auf unterausgelastete Kapazitäten trifft, so wie es in Deutschland in den fünfziger und sechziger Jahren und vielleicht auch heute wieder der Fall ist. Der Nachfrageschub könnte diesmal durch den Einbruch der Rohstoffpreise und der Einfuhrpreise allgemein ausgelöst werden, zusammen mit der günstigen Lage am Arbeitsmarkt und dem Nachholbedarf bei den öffentlichen und privaten Investitionen.

Mit anderen Worten: Freuen wir uns über den “weichen” Euro. Was seine Kaufkraft angeht, ist er im Übrigen trotz der Abwertung gegenüber Dollar, Pfund und Schweizer Franken gar nicht richtig weich. Gemessen an den Außenhandelspreisen und den Verbraucherpreisen ist er vielmehr sowohl extern als auch intern sehr fest.

102 Kommentare


  1. Willkommen in der Weichhirnwelt.

    Nienhaus spricht von einer ‘Bombe’ und befindet sich somit in der militaristischen Tradition der Dicken Bertha. Sie schreibt:

    Das alles hat mit Mario Draghi zu tun und mit seiner Geldbombe.

    So will sie insinuieren, dass unser schönes Geld zerstört wird, das wir so lieben; mehr als alles andere auf dieser Welt.

    Was sie verschweigt: Die EZB wird durch das Nichthandeln der Politik genötigt, so zu handeln, wie sie handelt. Würde sie es nicht tun, würde der Euro vermutlich ebenso abschmieren (oder wäre sogar bereits auseinander gebrochen), da die von Dieter Wermuth angesprochenen Investitionen in den letzten 7 Jahren unterblieben sind. Wie auf diese Weise eine starke Währung bewahrt werden soll, bleibt wohl das ewige Geheimnis von Nienhaus.

    Die Diskussion über Sinn und Unsinn von QE wird auch hier in einem bislang 7-teiligen Schlagabtausch geführt: wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=16258. Mit dabei: Hellwig, Issing, Neumann, Sievert…

    LG Michael Stöcker


  2. “Aus welchem Land kommt noch mal Mario Draghi?”

    Es ist doch selbstverständlich, dass er nicht gegen vermeintliche italienische Interessen handeln kann, alles andere ist naiv, wie will er sonst in die italienische Gesellschaft zurückkehren? Damit nicht Partikularinteressen überhand nehmen müssen ausgewogene Machtverhältnisse und Gewaltenteilung hergestellt werden, alles andere würde Übermenschen voraussetzen.


  3. Man kann schlechterdings die Phase nach der Wiedervereinigung als Grundlage für die Analyse der deutschen Stabilitätsmentalität der Nachkriegszeit nehmen, die uns Leistungsbilanzdefizite und Kosten von 2Bio. Euro bescherte und dieses mit einer italienischen Phase vergleichen, die darauf gerichtet ist unbedingt die Mastrichtkriterien zu erfüllen.

    Und wahrhaftig geht ein weicher Euro für uns, bei unserem eh schon vorhandenen Leistungsbilanzüberschuss in die falsche Richtung und verschärft nur die Spengkraft innerhalb der Eurozone, nämlich die Leistungsbilanzunterschiede..

  4.   Moritz

    @D.Wermuth

    So,so Italien und Deutschland haben seit 1996 in etwa den gleichen
    Wechselkurs. Falls das stimmen sollte, dann hier ein Link über die Auswirkungen
    in Italien.
    querschuesse.de/italien-arbeitslosenquote-klettert-und-klettert/

    Und hier noch ein Link zur Industrieproduktion in Italien, welche auf dem Stand
    von 1986 !!! ist.
    querschuesse.de/italien-industrieproduktion-september-2014/

    Gratuliere dem “Hartwährungsland” Italien ! Irgendwo muss es doch wohl
    zwischen Dt. und Italien Unterschiede geben bei diesen Diskrepanzen in der Arbeitslosigkeit und der Industrieproduktion. Ob der Euro etwa für Deutschland ein bisschen zu weich ist, bei ca. 200 Mrd. Leistungsbilanzüberschüssen pro Jahr ?! Und diese Überschüsse begannen mit der Einführung des Euro dynamisch zu steigen und liegen jetzt bei ca. 1800 Mrd. akkumulierten Leistungsbilanz-
    überschüssen.
    Siehe :
    querschuesse.de/deutschland-aussenhandelsdaten-november-2014/
    ( besonders den letzten Chart )

    Vielleicht haben wir in Deutschland doch eine zu weiche Währung. Auch die Schweiz hatte viel zu hohe Leistungsbilanzüberschüsse und musste Aufwerten !
    Das ist nicht nachhaltig und einen Großteil des Geldes werden wir nicht wiedersehen.

    Beste Grüße
    Moritz

  5.   Henry Kaspar

    Himmel hilf – man fragt sich wieviel Schwachsinn die FAZ zum Thema noch produzieren will. Als ob das Ziel der Buba kontinuierliche Aufwertung der D-Mark gewesen waere, und nicht etwa Geldwertstabilitaet. Und also ob die Buba nie konjunkturbedingt die Geldpolitik gelockert haette, oder die DM nie abgewertet haette (wie z.B. 1981-85 – um mehr als 50 Prozent gegenueber dem USD).

    Irgendwann geht die FAZ nicht mehr als serioese Quelle durch.

  6.   Dietmar Tischer

    @ Bernd Klehn # 2

    >Es ist doch selbstverständlich, dass er nicht gegen vermeintliche italienische Interessen handeln kann, alles andere ist naiv, wie will er sonst in die italienische Gesellschaft zurückkehren?>

    Wenn das so wäre, dann kann man jegliches supranationales System vergessen.

    Denn es wird immer einer das letzte Sagen haben, der aus einer bestimmten Gesellschaft kommt.

    Abgesehen davon ist der Italiener Draghi „international“ und kann z. B. nach USA zurückkehren.

    >Damit nicht Partikularinteressen überhand nehmen müssen ausgewogene Machtverhältnisse und Gewaltenteilung hergestellt werden, alles andere würde Übermenschen voraussetzen.>

    Anders (idealtypisch):

    Supranationale Systeme müssen ZUERST von den sie betreffenden Bevölkerungen in ihren wesentlichen Dimension GEWOLLT werden.

    Wenn so, kann demokratisch LEGITIMIERT ein für die Funktionalität erforderliches Regelwerk mit Institutionen für dieses System gebildet werden. Die Institutionen müssen DURCHGRIFFSRECHTE haben – und können sie auch haben, weil sie demokratisch legitimiert gewollt sind. Es wäre ein Widerspruch prinzipiell gegen etwas zu sein, was man freiwillig gewollt hat.

    Im Rahmen von Gewaltenteilung, die es auch für das supranationale System geben muss, kann anhand der Regeln ÜBERPRÜFT werden, ob es wie legitimiert funktioniert, d. h. auch das Handeln der Institutionen kann überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden. Eventuell muss man auch die Regeln ändern, wenn Regeln die Funktionalität hindern.

    Auf dieser Basis spielt die Nationalität des Führungspersonals keine Rolle.


  7. Ich finde es in gewisser Weise bewundernswert, wenn es Leute gibt die sich noch über solche FAZ Beiträge aufregen, es zeigt, dass es noch Menschen gibt, die an das Gute im Journalisten glauben.

    Was der FAZ Beitrag wieder zeigt ist, dass es bei vielen Journalisten nicht ein Abwägen von Informationen, Fakten und Ideen gibt UND DANN eine Schlussfolgerung. Sondern von Anfang an als ehern erkannte “Wahrheiten”. Die journalistische Arbeit besteht darin eine aktuelle Argumentation aufzubauen, die diese “Wahrheiten” untermauert.
    Man nennt das “vom Ende her denken” glaube ich.

    Erst wenn die Realität eklatant mit dem Geschriebenen in Konflikt gerät, wird sehr viel mehr Menschen das absurd propagandistische und realitätsresistente dieser Haltung klar und erinnert fatal an das was man bei Diktatoren im Herbst ihrer Macht beobachten kann, diese unerschütterliche realitätsferne eines Erich Honecker, Hugo Chavez oder (obwohl kein Diktator) Guido Westerwelle.

  8.   Dietmar Tischer

    @ bmmayr # 7

    >Was der FAZ Beitrag wieder zeigt ist, dass es bei vielen Journalisten nicht ein Abwägen von Informationen, Fakten und Ideen gibt UND DANN eine Schlussfolgerung. Sondern von Anfang an als ehern erkannte “Wahrheiten”. Die journalistische Arbeit besteht darin eine aktuelle Argumentation aufzubauen, die diese “Wahrheiten” untermauert.>

    So ist es.

    So ist es, sagen wir, von „Natur aus“.

    Niemand will gern seine Überzeugungen ändern. Denn das ist anstrengend und verunsichert (es sei denn, man ist konditioniert dafür, die Änderung von Überzeugungen als unvermeidbare Kosten für Erkenntnisgewinn anzusehen). Für einen Journalisten ist es darüber hinaus auch noch rufschädigend – ihn Lesende erwarten Bestätigung der eigenen Überzeugungen. Und dann fallen möglicherweise auch noch die Anhänger ab.

    Es ist also nichts, worüber man sich aufregen müsste.

    Es kommt auf das NIVEAU der Argumentation an.

    Was das betrifft, ist die FAZ meiner Einschätzung nach zwar nicht homogen sehr gut, aber unterm Strich immer noch eine herausragende Zeitung in Deutschland.

    Falls das etwas mit „seriöse Quelle“ zu tun, wie H. K. meint, dann nur, wenn „Gläubige“ die FAZ für die BESTÄTIGUNG ihrer Meinungen lesen.

  9.   Alex

    @DW

    “Mark Schieritz hatte diesen Artikel schon am Montag hier im Herdentrieb kommentiert. Ihn störte, dass eine feste Währung einen stimulierenden Effekt auf die Produktivität haben solle, dass aber höhere Löhne nicht das Gleiche bewirkten – auch sie zwingen bekanntlich die Unternehmer, sich mehr anzustrengen, wenn sie sich am Markt behaupten wollen. Das Eine ist ein externer Effekt auf die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, das Andere ein interner, qualitativ gibt es keinen Unterschied.”

    Manchmal komme ich mir von Neokeynesianern und Co. doch etwas veralbert vor. Höhere Löhne => Höhere Preise => Schwächere Währung => Kein höherer Druck zur Produktivität. Interne Effekte werden extern immer kompensiert. Das ist elementar, oder? Man kann höchstens fragen, wie schnell die externe Anpassung vor sich geht.

    Wichtig ist außerdem, dass das Ganze in der anderen Richtung eine Spiralwirkung hat. Also:
    Zu niedrige Produktivität => reale Lohnsenkung => KEINE Preissenkung, sondern schlimmstenfalls stagnierende Preise => Aufwertung => zu niedrige Produktivität, etc.

    In der Phase zwischen Lohnanpassung und Aufwertung sind die eigenen Produkt unterbewertet. Stellt sich die Frage wie lange solche Phasen sind und welche Gewinne eine Volkswirtschaft daraus ziehen kann.

    Alex


  10. @8

    Ich reg mich nicht auf. Es scheint allerdings unterschiedliche Ansichten zu geben, was man von einer Zeitung, bzw von Menschen erwarten darf deren Beruf es ist die Realität wie sie abläuft wahrzunehmen, zu beschreiben und zu interpretieren.

    Ich lese keine Zeitungen bei denen überwiegend nicht zwischen Bericht von Fakten und Meinung unterschieden werden kann. Beides hat ihren Platz in einer Zeitung, aber es sollte klar erkenntlich sein, was was ist.

    Es ist selbstverständlich OK sich im Meinungsteil an einem bestimmten Platz des Spektrums zu verorten. Wenn aber die Meinung weitgehend faktenresistent werden, dann soll man sich nicht wundern, wenn man sich dann auf dem Niveau und der journalistischen Relevanz von Bayernkurier oder Russia Today wiederfindet.

    tl;dr

    Wieso soll man eine Zeitung lesen, wenn man, egal was in der Welt passiert, eh schon weiß was drin steht?