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Warum die Produktivität stagniert – und was dagegen getan werden kann

 

Aus deutscher Sicht läuft es wirtschaftlich ziemlich gut, wenn wir mal von den vielen Millionen prekärer Jobs oder der ungleichen Verteilung von Vermögen und Einkommen absehen. Es gab 2016 so viele Jobs wie noch nie, 43,5 Millionen und damit ein Prozent mehr als im Vorjahr, es herrscht nicht nur nahezu Vollbeschäftigung, sondern auch Preisstabilität, der Staat erwirtschaftet seit Jahren Budgetüberschüsse, kaum ein anderes Land ist international so wettbewerbsfähig, und die Zuwachsrate des realen BIP von 1,9 Prozent, wie sie im abgelaufenen Jahr erreicht worden ist, kann sich sehen lassen.

Aber in einer Hinsicht läuft es gar nicht gut: Die Produktivität wächst seit fast zehn Jahren nur noch sehr langsamen. Der Sachverständigenrat für Wirtschaft schreibt in seinem letzten Jahresgutachten (S. 126f.), dass „die Potenzialwachstumsrate der Arbeitsproduktivität seit Beginn der 1990er-Jahre von über 2% auf 0,8% im Jahr 2009 gefallen [ist] und […] seitdem auf diesem Niveau [verharrt].“ Bei zwei Prozent im Jahr verdoppelt sich der Output pro Arbeitsstunde alle 35 Jahre, wenn es bei einer Zuwachsrate von 0,8 Prozent bleibt, dauert es 87 Jahre, also ein ganzes Menschenleben lang. Das war in der Vergangenheit viel besser. Sollte der Input an Stunden also um 0,8 Prozent jährlich zurückgehen, kann das reale BIP nicht mehr steigen. Manche halten das angesichts des demografischen Wandels für gar nicht so unwahrscheinlich. Wenn dann gleichzeitig Einkommen und Vermögen weiterhin immer ungleichmäßiger verteilt werden, ergibt sich eine politisch explosive Mixtur.

Wie die folgende Tabelle zeigt, hat die Arbeitsproduktivität im Verlauf der Zeit mit ständig niedrigeren Raten zugenommen; in den letzten zehn Jahren ist die Zuwachsrate bei 0,8 Prozent angekommen.

Tabelle: Zuwachsraten der Produktivität in Deutschland und den USA

Es wird mehr gearbeitet, gemessen an der Anzahl neuer Jobs und dem gesamtwirtschaftlichen Anstieg der Arbeitsstunden, aber pro Stunde nimmt der Output fast nicht mehr zu. Es fehlt an Effizienzgewinnen bei der Produktion der Güter und Dienstleistungen. Der größte Teil des BIP-Wachstum stammte zuletzt aus der Zunahme der Beschäftigung, nicht aus dem effizienteren Einsatz der Mittel.

Die Tabelle zeigt auch, dass es in den USA nicht viel anders war – dort hat sich die Zuwachsrate der Produktivität gegenüber der vorangegangenen Periode in etwa halbiert. Nun könnte man argumentieren, dass es so etwas immer mal wieder gegeben hatte, weil wir es bei Innovationsschüben und Investitionszyklen nicht mit stetig verlaufenden Prozessen zu tun haben, man sich also keine Sorgen zu machen braucht. Ob es sich um ein zyklisches oder ein strukturelles Phänomen handelt, lässt sich allerdings erst im Nachhinein sagen; jedenfalls wird zur Zeit wieder einmal lebhaft über die „säkulare Stagnation“ diskutiert, was bedeutet, dass viele Ökonomen den Rückgang des Produktivitätswachstums eben nicht für etwas Vorübergehendes halten. Wie kommen sie darauf und welche Therapie schlagen sie vor?

Vor Kurzem hat sich Bradford DeLong, Professor in Berkeley, in seinem Blog dazu geäußert (Three, Four… Many Secular Stagnations). Ausgangspunkt ist für ihn die Beobachtung, dass die Realzinsen sowohl am kurzen als auch am langen Ende seit Jahrzehnten rückläufig sind. Die folgende Grafik zeigt die „realen“ Renditen der zehnjährigen amerikanischen und deutschen Staatsanleihen. Bei Unternehmensanleihen ist der Trend nicht anders, nur das Niveau ist höher, soll heißen, dass Sachinvestitionen im Zeitverlauf unattraktiver geworden sind oder dass das Angebot an Ersparnissen viel stärker zugenommen hat als die Nachfrage.

Grafik: reale Renditen 10jähriger Staatsanleihen in Deutschland und den USA , 1981-Jan2017

DeLong präsentiert eine Liste mit sieben verschiedenen Erklärungsversuchen:

  1. Durch die ungleiche Einkommensverteilung wird zu viel gespart – die Reichen konsumieren nicht genug (These von Hobson).
  2. Da technischer Fortschritt und Bevölkerungswachstum stagnieren, sinkt die Ertragsrate der Investitionen, so dass zu wenig investiert wird (Hansen).
  3. Bedeutende Anleger, bei denen nicht das Gewinnmotiv sondern die politischen Risiken im Vordergrund stehen, haben eine starke Nachfrage nach sicheren Assets ausgelöst und deren reale Renditen gesenkt (Bernanke und seine saving glut).
  4. Der Finanzsektor ist dysfunktional: Es gelingt ihm nicht, die Risikobereitschaft der Gesellschaft zu mobilisieren. Dadurch ist eine gewaltige Lücke zwischen der Verzinsung riskanter und sicherer Anlagen entstanden (Rogoff).
  5. Wegen der sehr niedrigen aktuellen und erwarteten Inflation ist selbst ein „sicherer“ nominaler Zins von Null zu hoch für eine Balance zwischen Investitionsvorhaben und Sparplänen bei Vollbeschäftigung. Wir hätten es mit einer Rückkehr der depression economics zu tun (Krugman, Blanchard).
  6. Die schwache Nachfrage nach Kapitalgütern zusammen mit deren raschem Preisverfall haben die Gewinnaussichten von Firmen dieses Sektors stark verschlechtert.
  7. Das ist ein Punkt, den ich nicht richtig verstehe und den ich deswegen hier mal weglasse.

Harvards Larry Summers, der die jetzige Diskussion angestoßen hat, hat sich zu all diesen Aspekten geäußert, ohne aber ein konsistentes Gesamtmodell entwickelt zu haben.

Was die Therapie angeht, herrscht unter den Ökonomen, die sich mit dem Thema „säkulare Stagnation“ befassen, Einigkeit, dass es der private Sektor allein nicht schaffen kann und der Staat daher aktiv werden muss. Summers sieht hier zwei Ansatzpunkte: Zum Einen sollte die Verteilung von Vermögen und Einkommen durch ein progressives Steuersystem und gezielte Transfers nachhaltig korrigiert werden. Zum Anderen braucht es eine expansivere Finanzpolitik mit einem Focus auf Investitionen in Human- und Sachkapital, verbunden mit Anreizen für private Investitionen.

Das trifft sich gut mit dem Paradigmenwechsel, der in der Ökonomie begonnen hat, dass es den Märkten (einschließlich der Weltmärkte) und der Geldpolitik allein nicht gelingt, Wachstum und Wohlstand zu schaffen. Ohne den Staat geht es nicht.

48 Kommentare

  1.   BMMMayr

    Die Menschheit hat in den letzten Jahrhunderten enorme Produktivitätsfortschritte gemacht, hat aber immer noch nicht gelernt damit umzugehen.

    Wenn man sich eine utopische Welt vorstellt, in der die Produktivität so hoch ist, dass für alles was die Menschheit braucht, nur 10 Minuten tägliche Arbeit notwendig wären, dann nennen das die Menschen Paradies, Schlaraffenland oder das Land in dem Milch und iPhones fließen.

    Wenn in der Realität die Produktivität so weit gestiegen ist, dass 10-25% der Arbeitswilligen nicht benötigt werden, dann steht eine Gesellschaft vor dem Abgrund und die größte Sorge ist, diese Menschen wieder in Arbeit zu bringen.

    Wenn wir es als Menschheit oder Gesellschaft nicht hinkriegen, 5 oder 30 Jahre niedriges Produktivitätswachstum zu überstehen, dann haben wir auch keine Überlebenschance mir höherem Produktivitätswachstum, das verschärft nur die Probleme, für die die Menschheit schon heute keine Lösung hat.

    Das ist kein leeres philosophisches BlaBla.
    Trump ist gewählt worden ‚to bring back jobs‘; was uns bevorsteht ist kein Krieg um Rohstoffe, darum anderen Ländern ihr Gold, Öl, Land oder sonst was wegzunehmen. Der Krieg der schon tobt, seit Japan angefangen hat dem Rest der Welt Autos und Fotoapparate zu verkaufen und jetzt mit Trump vielleicht in einen heiße Phase eintritt dreht sich darum:

    Wer darf arbeiten, wer darf produzieren und wer zieht die Arschkarte und muß untätig sein.

    Produktivitätsfortschritte sind ein rat race um die immer weniger werdende Arbeit und die damit verknüpften Fleischtöpfe der Gesellschaften, keine nachhaltige Lösung.

  2.   Tiefenwahn

    Ein wichtiger Punkt ist auch die immer teurer werdende Energie. Da gibt es zwar gerade eine Pause, was die Ölpreise angeht, aber auf Dauer wird es immer teurer, und braucht immer mehr Energie, um etwa ein Fass Öl zu fördern. Das erschwert zumindest auf Dauer den Ersatz von Arbeitskraft durch Maschinen. Dazu kommt, dass die Arbeitskräfte ja eher billiger werden, was die realen Kosten angeht. Da spielt der Chinafaktor eine recht große Rolle. Global gesehen verdrängen billige Arbeitskräfte aus den sich entwickelnden Ländern die teuren bei uns. Wer sich da nicht anpasst, verliert. Die Alternative sehen wir bei Trump, welcher adminstrativ und über Zölle (falls er damit Erfolg hat) versucht, die Arbeitsplätze wieder zurück zu holen, und gleichzeitig mit undurchlässigen Grenzen versucht, die Einwanderung zu verhindern.

    Das ist eben die Alternative: Politik ala Trump oder sinkende Löhne.
    Die Politik bei uns über steigende Einwanderung führt zwangsläufig zu noch schneller sinkenden Löhnen.

  3.   Frankie (f.k.a.B.)

    Ich glaube, deLong meint mit seinem Punkt 7 solche Phänomene wie Uber, amazon, AirBnb oder auch Wikipedia und online-Medien: entweder kannibalisieren sie lediglich bestehende Strukturen, ohne wirklich etwas neues zu schaffen wie uber oder airbnb, oder sie bieten nicht-kostendeckenden Service ( amazon macht mit seinen Versanddiensten bis heute keinen Gewinn, wie auch die anderen Versender wie zalando und co.), oder sie ersetzen vormals produktive Bereiche wie Enzyklopädisches oder Nachrichtendienste (Bsp.: auch die Produktion von Tönen und Bildern dürfte schon mal produktiver gewesen sein: 1991 setzte die dte. Musikindustrie 2,3 Mrd. € um, 2013 etwa 1,4 Mrd – preisbereinigt ist das noch ein Drittel! Und es werden sicher nicht weniger Töne produziert bzw. gehört).

  4.   mister-ede

    Der Grund, warum die Produktivität stagniert, ist simpel. Ich wundere mich wirklich, dass hier darüber gerätselt wird. Aber zumindest interessant, mal Zahlen dazu zu haben.

    Beste Grüße,
    Mister Ede

  5.   NIKYTOELE

    ein wichtiger Punkt wurde vergessen, die Zerstörung des Flächentarifvertrages und Entmachtung der Gewerkschaften:
    die flächendeckend ausgehandelten Löhne wirken als „Produktivitätspeitsche“ und zwingen zu mehr Produktivität oder nicht konkurrenzfähige Unternehmen gehen unter. Fehlt dieses können Firmen auch durch Lohndumping Gewinne erzielen, zwingen andere Firmen ebenfalls in Richtung Lohndumping, (Öffnungsklauseln) eine Abwärtsspirale der Löhne und Einbruch der Binnenkonjunktur wegen sinkender Nachfrage
    dieser Prozess der Produktivitätspeitsche ist weder Absicht noch Ziel der Gewerkschaft,auch nicht der Unternehmer, ist aber volkswirtschaftlich gesehen wichtig, um Wachstum und Wohlstand für alle zu schaffen
    anders ausgedrückt: was auf Betriebsebene richtig und ökonomisch sinnvoll ist kann, wenn alle dies machen zu völlig anderen Ergebnissen führen
    diesen elemataren Unterschied zwischen BWL und VWL haben Neoklassiker (Neoliberale) noch nie verstanden

  6.   BMMMayr

    @#5

    Guter Punkt!

    @#4
    „Der Grund, warum die Produktivität stagniert, ist simpel“

    Und der Grund wäre?

  7.   Dieter Wermuth

    @ NIKYTOELE (#5)

    Sie haben recht: Lohnabschlüsse im privaten Sektor, die weh tun, zwingen die Unternehmen dazu, effizienter zu produzieren. Im Idealfall gibt es einen circulus virtuosus – starke Gewerkschaften, kräftige Lohnsteigerungen, als Antwort kapitalintensivere und effizientere Produktion, so dass die Löhne zur gestiegenen Grenzproduktivität der Arbeit passen. Voraussetzung: Die Produkte der Unternehmen sind nicht sehr preiselastisch.

    Übrigens zwingt auch eine starke reale Aufwertung des Euro die Unternehmen dazu zu rationalisieren – vor allem wenn die Alternative „in andere Länder abwandern“ fehlt.

    DW

  8.   Dieter Wermuth

    @ Frankie (f.k.a.B.) (#3)

    Meinen Sie nicht, dass Amazon einen gewaltigen Produktivitätsschub ausgelöst hat, allein weil mit einer relativ kleinen Belegschaft ein großer Teil des traditionellen deutschen Einzelhandels ersetzt wird. Das Herumkarren der Güter ist natürlich eine Produktivitätsbremse, und negative Klimaeffekte gibt es auch (die vielen Kartons), aber insgesamt müsste bei der Produktivität netto etwas Positives herauskommen. Ebenso wie bei Uber, denke ich. Also kann das so nicht gemeint sein. DW

  9.   Frankie (f.k.a.B.)

    DW #8

    Ja, möglicherweise liege ich falsch. Aber zu Amazon: 2003 arbeiteten 2,6 Mio im deutschen Einzelhandel, 2015 3,0 Mio. Es werden immer noch etwa ca. 150.000, 160.000 pro Kopf umgesetzt. Hinzu kommt der Anstieg bei den Beschäftigten der Paketdienste. Ein gewaltiger Produktivitätsschub ist nicht unbedingt zu erkennen, es werden die selben Volumina umgesetzt, die Beschäftigten bekommen halt weniger gezahlt.
    Bei der Firma Audi arbeiten schon mal 20 Ingenieure 5 Jahre lang an der Entwicklung der Beifahrertür-Armlehne. Optimaler Neigungswinkel, Oberflächenbeschaffenheit, sowas. Ich farge mich da schon, ist das Produktivität oder Verschwendung? Die Antwort ist einfach, es ist Produktivität, weil es bezahlt wird. Ich weiss nicht, ob mit Uber mehr gefahren wird, oder bloss billiger. Meine Vermutung ist, solche Phänomene sind nicht geeignet, einen Beitrag zur (statistischen) Produktivitätssteigerung zu liefern.

  10.   Babendiek

    @ Wermuth

    „Meinen Sie nicht, dass Amazon einen gewaltigen Produktivitätsschub ausgelöst hat, allein weil mit einer relativ kleinen Belegschaft ein großer Teil des traditionellen deutschen Einzelhandels ersetzt wird.“

    Großer Teil des deutschen Einzelhandels ersetzt? Keineswegs!

    2014 erzielte der deutsche Einzelhandel Umsätze von insgesamt 1,9 Billionen Euro. Hiervon entfielen 6,6 Prozent auf E-Commerce. Amazon erzielte in Deutschland gerade einmal Umsätze von 14 Milliarden Euro. Das sind also nicht einmal ein Prozent der gesamten Umsätze im Einzelhandel.

    Höhere Produktivität?

    Die Pro-Kopf-Umsätze sind bei Amazon zwar deutlich höher als beispielsweise im Buchhandel. Es müssen aber noch die ganzen Paketzusteller hinzugerechnet werden.

    Obendrein hat Amazon aufgrund der IT-Systeme, automatisierten Lagerhaltung etc. eine höhere Kapitalintensität als der klassische Einzelhandel.

    Die ARBEITS-Produktivität ist möglicherweise höher als im stationären Einzelhandel. Aber die TOTALE FAKTOR-Produktivität ist vermutlich niedriger.

    Hierauf deutet hin, dass Amazon zwanzig Jahre lang nichts als Verluste gemacht hat.

    2015 hat Amazon erstmals seit Gründung überhaupt Gewinne erzielt. Die Rendite nach Steuern betrug 0,6 Prozent.

    Zum Vergleich: Der deutsche Buchhandel kam auf 0,9 Prozent.

    Zu berücksichtigen ist hierbei, dass Amazon keine Beratung beim Buchkauf anbietet und überwiegend schlecht bezahlte Hilfskräfte beschäftigt. Im, traditionellen Buchhandel arbeiten überwiegend ausgebildete Buchhandel (die allerdings ebenfalls nicht gut bezahlt werden.)

    Auch die ganzen E-Commerce-Firmen unter dem Dach von Rocket Internet sind nicht sonderlich ertragreich bzw. erzielen zum Teil massive Verluste.

    Das Geschäftsmodell E-Commerce/Internet-Handel gibt es nun seit mehr als 20 Jahren. Wenn es immer noch keine berauschende Erfolgsstory geworden ist, taugt es vielleicht nichts.

    Jedenfalls deutet keine einzige der üblichen Kennzahlen darauf hin, dass E-Commerce ökonomisch effizienter wäre als die herkömmlichen Betriebsformen des Einzelhandels.