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Deutsche Wirtschaft: kurzfristig läuft’s, längerfristig angeblich nicht

 

Was die längerfristigen Prognosen des Internationalen Währungsfonds betrifft, kann ich immer nur staunen. Am 7. Juli gab es die neueste Version: Danach wird der deutsche Konjunkturaufschwung auf kurze Sicht weitergehen. Das reale BIP dürfte 2017 gegenüber 2016 um 1,8 Prozent expandieren, im Jahr danach um 1,6 Prozent, mit der Folge, dass die ohnehin schon positive (!) Outputlücke weiter zunimmt, wodurch dann endlich auch die Rate der Kerninflation steigt. Sie liegt, wie der IWF verwundert anmerkt, trotz der hohen und steigenden gesamtwirtschaftlichen Kapazitätsauslastung, rekordniedriger Arbeitslosigkeit und der vielen offenen Stellen stabil bei nur etwa ein Prozent – die Löhne reagieren bisher nicht wie gewohnt auf die günstige Situation am Arbeitsmarkt. Von 1999, als der Euro eingeführt wurde, bis heute sind die realen durchschnittlichen Tarifverdienste nur um jährlich 0,6 Prozent gestiegen!

Grafik: Entwicklung der realen Tarifverdienste  in Deutschland

Aber schon bald wird dem Aufschwung laut IWF die Luft ausgehen. Nach Zuwachsraten von 1,4 und 1,3 Prozent in den Jahren 2019 und 2020 pendelt sich die Wachstumsrate des realen BIP im nächsten Jahrzehnt bei 1,2 Prozent ein. 1,2 Prozent! Wieso das? Ein Grund seien die anziehenden Kosten für Energie, die das Wachstum des privaten Konsums abbremsen dürften, eine erstaunliche Aussage angesichts eines globalen und offenbar dauerhaften Überangebots an Erdöl und anderen fossilen Brennstoffen. Ich bin mir sicher, dass Energie ganz allgemein wegen der neuen, nicht-konventionellen Produktionsverfahren für Öl und Gas sowie der rapiden Effizienzfortschritte und des nicht weniger rapiden Verfalls der Preise für Strom aus Wind und Sonne auf Dauer nicht teurer, sondern billiger sein wird. Diese Begründung des IWF für die künftige Wachstumsschwäche steht jedenfalls auf sehr wackligen Füßen: Sollten die relativen Preise für Energie nämlich sinken, kommt das einem Konjunkturprogramm gleich, steigert also das BIP.

Warum sollen im Übrigen „die Risiken … in der längeren Frist vorwiegend negativ“ sein? Ich lerne, dass der unzureichende Reformprozess im Euroraum demnächst wieder Stress verursachen wird, was wiederum auf’s Wachstum schlägt. Außerdem habe Deutschland Probleme mit der Alterung seiner Gesellschaft und packe seine Strukturprobleme nicht energisch genug an.

Alles ziemlich an den Haaren herbeigezogen, finde ich! Natürlich gibt es in Deutschland Strukturprobleme, wie in jedem Land, und wenn sie gelöst würden, ginge es uns allen besser. Natürlich könnten sie energischer angepackt werden, aber in einer parlamentarischen Demokratie dauern die Entscheidungsprozesse wegen der vielen Interessen, die berücksichtigt sein wollen, eben ziemlich lange. Wieso der Druck?

Dass die Alterung der Gesellschaft ein Problem sein soll, ist angesichts ziemlich stabiler Zuwachsraten der Beschäftigung von jährlich mehr als ein Prozent nicht nachvollziehbar. Seit einiger Zeit nimmt die Anzahl der Jobs deutlich rascher zu als die der Rentner! Im Mai beispielsweise gab es im Vorjahresvergleich 2,3 Prozent mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, aber nur 0,4 Prozent mehr Rentenbezieher. Das mag sich ändern, aber aus heutiger Sicht ist der Zeitpunkt noch längst nicht erreicht, an dem ein Beschäftigter gefühlt zu viele Rentner ernähren muss. Es ist zudem sehr wahrscheinlich, dass sich die Lebensarbeitszeit weiter verlängern wird und der „normale“ Rentenbezug demnächst erst im Alter von 70 Jahren beginnt, oder noch später. Wenn außerdem die Einwanderung und die Integration von Flüchtlingen besser organisiert würden, ließe sich auch von dieser Seite das Arbeitsangebot erhöhen. Millionen von Ausländern wünschen sich nichts mehr, als in Deutschland arbeiten zu dürfen. Das lässt sich nutzen.

Auf längere Sicht ist es mit am wichtigsten, dass alle, die Arbeit suchen auch Arbeit finden und dass die berufliche Qualifikation der Erwerbstätigen und die Qualität der Produkte und Dienstleistungen hohen Ansprüchen genügen, vor allem im Vergleich zur internationalen Konkurrenz. Noch gibt es keine Indizien, dass hier etwas im Argen liegt: Die Arbeitslosenquote ist inzwischen auf 5,7 Prozent gefallen, nach der Definition der International Labor Organization (ILO) sogar auf 3,9 Prozent. Mit anderen Worten, es ist nicht allzu schwer, einen Job zu finden und auf diese Weise beruflich auf dem Laufenden zu bleiben. In vielen Ländern ist das nicht der Fall.

Vor allem gibt es in Deutschland nur ein vergleichsweise kleines Problem mit der Jugendarbeitslosigkeit: Nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes lag die Quote im Juni bei 6,7 Prozent. In den anderen Ländern des Euroraums betrug sie dagegen im Durchschnitt etwa 23 Prozent (zum Vergleich: USA 10,4 Prozent, Großbritannien 12,2 Prozent). Von daher braucht man sich um die Zukunft unseres Landes keine Sorgen zu machen.

Sorgen bereitet allerdings das mickrige Wachstum der Produktivität. Hier haben wir es mit dem eigentlichen Strukturproblem zu tun. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist das reale BIP je Arbeitsstunde gerade einmal um 1,1 Prozent pro Jahr gestiegen und damit deutlich langsamer als in den Jahrzehnten zuvor. Seit dem letzten zyklischen Hochpunkt im ersten Quartal 2008 beträgt die Zuwachsrate im Durchschnitt sogar nur 0,6 Prozent, was bedeutet, dass das BIP-Wachstum neuerdings vorwiegend durch mehr Arbeit und weniger durch effizientere Arbeit generiert wird.

Grafik: Produktivitätswachstum in Deutschland seit 1997

Es handelt sich um kein spezifisch deutsches Problem. Was gelegentlich als secular stagnation bezeichnet wird, betrifft alle Industrieländer. Hauptursachen sind die immer intensivere internationale Arbeitsteilung und der steigende Anteil der Dienstleistungen an der Wertschöpfung. Bei letzteren ist es nicht so leicht wie in der Industrie oder im Bau, die Produktivität zu steigern. Und die inländischen Investitionen wollen trotz des günstigen Geschäftsklimas, des unterbewerteten Euro und der rekordniedrigen Zinsen vor allem deshalb einfach nicht Fahrt aufnehmen, weil es für die Unternehmen vielfach attraktiver ist, im Ausland, in der Nähe der Absatzmärkte zu investieren. Solange die Grenzen offen bleiben, wird sich an diesen Megatrends wenig ändern. Sie werden erst auslaufen, wenn die Schwellenländer ein ähnliches Einkommensniveau erreicht haben wie wir.

Trotzdem hat der IWF recht mit einigen seiner Vorschläge, wie sich das Wachstum der deutschen Wirtschaft nachhaltig beschleunigen ließe. Er plädiert für mehr Investitionen in die physische und digitale Infrastruktur, die Kinderbetreuung, eine bessere Integration der Flüchtlinge und eine geringere steuerliche Belastung des Produktionsfaktors Arbeit. An Mitteln für solche Projekte mangelt es angesichts der Überschüsse in den öffentlichen Haushalten wahrlich nicht, eigentlich nur am Willen. Es würde auch helfen, meint der IWF, wenn der Staat den Wettbewerb in den netzbasierten und professionellen Dienstleistungen stärker fördern würde, vor allem durch den Abbau von Zugangsbarrieren.

Da sich der IWF nicht um deutsche Tabus scheren muss, kann er unbefangen vorschlagen, dass die Regierung in ihrer Kommunikation auf stärker und nachhaltig steigende Löhne und Preise drängen sollte. Außerdem müsste mehr gegen das Armutsrisiko getan werden. Er hat dabei natürlich den Hintergedanken, dass sich dadurch die inländische Nachfrage stimulieren ließe, was wiederum zum Abbau des Überschusses in der Leistungsbilanz beitragen und so das Wachstum in den Partnerländern beschleunigen würde. Eine gute Idee!

Dass der IWF dennoch auf längere Sicht für Deutschland nur Zuwachsraten von 1,2 Prozent erwartet, zeigt, dass er nicht erwartet, dass seine guten Ratschläge an die Wirtschaftspolitiker tatsächlich umgesetzt werden.

Ich denke, dass Deutschland insgesamt im internationalen Vergleich nur geringe Strukturprobleme hat und auch ohne größere Reformen dauerhaft höhere Wachstumsraten erreichen kann, als der IWF erwartet. Zwei Faktoren haben dafür gesorgt, dass das reale BIP inzwischen mit einer Verlaufsrate von mehr als zwei Prozent expandieren dürfte: in erster Linie der schwache Euro, und zweitens das niedrige beziehungsweise negative Niveau der Realzinsen. Die beiden folgenden Grafiken vermitteln einen Eindruck davon, wie stark dadurch vermutlich die Nachfrage stimuliert wurde.

Grafik: realer Wechselkurs Deutschlands auf Basis der Lohnstückkocten
Grafik: kurze und lange Realzinsenin Deutschland

Das eigentliche Wachstumsrisiko besteht darin, dass sich der Euro zu rasch zu stark aufwertet und dadurch Wettbewerbsfähigkeit verloren geht. Von den Fundamentalfaktoren her ist das nicht unwahrscheinlich: Der Leistungsbilanzüberschuss des Euroraums liegt bei drei Prozent des nominalen BIP, das aggregierte Defizit in den öffentlichen Haushalten 2017 voraussichtlich bei nur 1,5 Prozent, und das Wirtschaftswachstum hat sich deutlich beschleunigt. All das unterscheidet sich positiv von der Situation in den USA.

Allerdings dürfte die EZB mit Blick auf die verbliebenen Krisenländer des Euroraums (Italien!) etwas gegen einen zu festen Euro haben und sich entsprechend Zeit lassen mit dem Anziehen der geldpolitischen Zügel. Wie eingangs erwähnt, liegt die Kerninflationsrate wie festgemauert bei nur ein Prozent und es gibt keine Anzeichen, dass die Inflation demnächst ihren Zielwert erreichen, geschweige denn aus dem Ruder laufen wird. Für mindestens ein weiteres Jahr wird die europäische Geldpolitik sehr expansiv bleiben. Ob sie wirklich erfolgreich gegenhalten kann, wenn der Wechselkurs des Euro ins Rollen kommt, ist nicht ausgemacht. Wie gesagt: Ich halte den Wechselkurs des Euro für das größte mittelfristige Risiko.

Nicht vergessen werden darf, was sich an den Börsen getan hat. Seit dem Krisenmärz des Jahres 2009, seit 8,3 Jahren, ist der Aktienindex DAX im Jahresdurchschnitt mit einer Rate von 14,6 Prozent gestiegen und damit viel rascher als das nominale BIP Deutschlands (3,4 Prozent!). Er ist in die Jahre gekommen. Das durchschnittliche gewogene Kurs/Gewinn-Verhältnis der 30 Aktien im Index liegt inzwischen bei 20,3, das Kurs/Buchwert-Verhältnis bei 1,8. Mit anderen Worten: Nach der langen Rallye haben die Kurse schwindelerregende Niveaus erreicht und betteln geradezu um eine größere Korrektur.

Gemessen an den Kennziffern für den EuroStoxx50 und den amerikanischen S&P 500-Index sieht es an den anderen wichtigen Märkten ähnlich aus. Sollte das Damoklesschwert demnächst herunter sausen, dürfte die nächste globale Finanzkrise ins Haus stehen. Es wird sich zeigen müssen, ob die Sicherungsmechanismen, mit denen das internationale Finanzsystem inzwischen stabilisiert worden ist, dem Druck durch einen Crash der Vermögenspreise standhalten können.

Wenn nicht, und wenn an den Devisenmärkten eine Rallye des Euro hinzukommen sollte, könnte der IWF am Ende doch mit seiner skeptischen Langzeitprognose für Deutschland recht behalten – allerdings: right for the wrong reasons! Nicht die Strukturprobleme wären schuld, sondern die Marktkräfte, die eine Korrektur der Fehlentwicklungen und Übertreibungen erzwingen.

11 Kommentare

  1.   GrafRotz

    In keinem der großen (!) westlichen Industrieländer geht es derzeit auch nur ansatzweise so „gold“ wie in der Bundesrepublik. Wir Deutschen neigen ja sehr zum Grüblerischen und daher sind wir immer „offen“ für Unkenrufe und Mahnungen, stellenweise fallen diese ja auch etwas zu einseitig auf fruchtbaren Boden. Aber wie schon ausgeführt ist dieser Ausblick auf eine kuriose Weise verschwurbelt und unkonkret – und das von solch einer großen, internationalen Organisation! Man hat das Gefühl, als wäre dies ein letztes Aufbäumen des Neoliberalismus, der einfach nicht wahrhaben möchte, wie gut es in der Bundesrepublik läuft, obwohl seit Schröders Abwahl – also seit über einem Jahrzehnt – hierzulande „Reformstillstand“ herrscht, zumindest wenn man die gebetsmühlenartig vorgetragenen „Reformvorschläge“ der neoliberalen Ökonomie betrachtet. Mehr noch, dann wurde sogar ein Mindestlohn eingeführt! Was wurde im Vorfeld dessen nicht in beinahe hysterischen Tönen von neoliberalen Ökonomen vor einer deutschen Jobapokalypse gewarnt! Alle schon wieder vergessen?

    Mehr noch, der böse Staatsdirigismus hat uns besonders sanft durch die Krise geführt, man denke nur an die deutsche Institution „Kurzarbeitergeld“, die einen Dominoeffekt 2008/2009 verhindert und die Realwirtschaft sehr stabilisiert hat u. v. m. All das darf ja nicht sein, wenn es nach den Dogmen des Neoliberalismus geht. Und dann haben wir zwischenzeitlich auch noch den Mindestlohn eingeführt, ihn zwischenzeitlich sogar bereits wieder erhöht und trotzdem nähern wir uns der strukturellen Vollbeschäftigung.

    Wenn das so weitergeht heiraten Hunde und Katzen und der Mond verwandelt sich in Emmentaler! Verrücktes Deutschland, aus der Sicht des neoliberalen Eifelturms. Dem bleibt derzeit nichts anderes mehr übrig, als unheilvolle Andeutungen zu machen und an Ängste und Verzagtheit zu appellieren, was in Deutschland eben gewöhnlich auf offene Ohren stößt. Es erscheint mir dabei gerade jetzt wichtig, dieser Verzagtheit nicht nachzugeben.

    Die Bundesrepublik war auch historisch immer dann am erfolgreichsten, wenn wir unseren „dritten Weg“ beschritten haben. Die Sozialpartnerschaft, der aktive Sozialstaat, die soziale Marktwirtschaft, der rheinische Kapitalismus. All das wurde die letzten 20 Jahre arg gebeutelt und geprügelt und ausgehöhlt – aber es ist in den Grundfesten noch da. Und diese Grundfeste haben uns über die letzten Jahre größer Instabilität besonders sanft hindurch getragen und sind nun die Grundlage für den aktuellen Erfolg.

    Irgendwann müssen das auch die größten Dogmatiker erkennen – wobei, die Kirche hat auch über 400 Jahre damit gewartet, bis sie Galileo Galilei recht gegeben hat. Die Erde dreht sich eben doch um die Sonne – und die Neoliberalen irren sich eben doch!

  2.   Michael Stöcker

    Lieber Herr Wermuth,

    grundsätzliche Zustimmung mit ein paar kleineren Differenzen/Ergänzungen:

    1. Risiken in der längeren Frist: Handelsbeschränkungen, Abschwächung in China und den USA sowie insbesondere die marode deutsche Infrastruktur (Internet, Brücken, Straßen, Schulen) sowie das Thema Migration: think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/eine-intelligente-betrachtung-der-deutschen-handelsueberschuesse/

    2. Das mickrige Wachstum der Produktivität sollte Ihnen grundsätzlich keine Sorgen bereiten: project-syndicate.org/commentary/productivity-growth-becoming-irrelevant-by-adair-turner-2017-07, sehr wohl aber Ihre positive Sicht auf das Thema Migration; denn dies wird die Produktivität noch viel weiter absenken, das Lohnniveau am unteren Rand der Gesellschaft weiter unten halten und somit die Demokratie destabilisieren. Für Leute wie Sie und mich sind preiswerte Dienstleister zwar durchaus vermögensstabilisierend, aber nicht für diejenigen, die dem abgehängten Prekariat zuzuordnen sind. Die Trumps dieser Welt lauern an jeder Ecke.

    3. Deutschland hat ein strukturelles Problem: Zu viel Export und zu wenige inländische Investitionen.

    4. Assetpreise: Die Zahlen der Vergangenheit sind Geschichte und werden so nicht wiederkommen. Wir befinden uns in einem neuen Zinszeitalter: frbsf.org/economic-research/publications/economic-letter/2017/june/financial-market-evidence-for-lower-natural-interest-rate-r-star/. Gehen die Zinsen gegen Null, dann können die Assets theoretisch gegen unendlich laufen. Insofern haben wir es bei vielen Assets vielleicht gar nicht mit einer Blase zu tun (siehe hierzu auch die Kapitalkontroverse zwischen von Weizsäcker und Homburg: wiwo.de/politik/deutschland/niedrige-zinsen-sind-die-sparer-selbst-schuld/13741164.html).

    Damit es zukünftig richtig gut läuft, benötigen wir eine makroökonomische Revolution: project-syndicate.org/commentary/replacement-market-fundamentalism-by-anatole-kaletsky-2017-07. Allein der Glaube fehlt mir noch: faz.net/fazit/2017/07/14/das-geldangebot-ist-kein-geheimnis-8892/.

    LG Michael Stöcker

  3.   NIKYTOELE

    In vielen Punkten kann ich zustimmen, aber
    Der IWF war schon früher für die meisten Staaten ruinös:
    Die Hauptempfehlungen wie:
    Die „Strukturreformen“, ein verseuchter Begriff für flächendeckende Lohn-, Sozial- und Rentenkürzungen schädigt nachweislich schnell die Binnenkonjunktur, lange bevor vielleicht aussenwirtschaftlich etwas gewonnen wird
    Der Freihandel, verbunden mit der Liberalisierung der Finanzmärkte schädigte vor allem in Afrika den Binnenmarkt, weil viele deren Produkte jetzt ungeschützt nicht wettbewerbsfähig waren – dazu kamen noch „Investitionen“, zutreffender Spekulationen in Lebensmittel, Rohstoffe mit der Folge systematisch falscher (extrem schwankender) Preise, was z. B. die Lebensgrundlage vieler Bauern zerstörte. Kam dann noch Währungsspekulationen dazu ging die gesamte Wirtschaft auf Talfahrt, Beispiele Ungarn, Brasilien…
    Die Länder, die nicht dem IWF folgten, die südostasiatischen Tigerstaaten stehen heute bei ähnlicher Ausgangslage deutlich besser da.
    Der größte Dumpingsünder heute ist nicht China, dessen Handelsüerschuss durch Lohnsteigerungen nur noch ca 2 % beträgt – es ist Deutschland, etwa in Form von Lohnsubventionen, auch Aufstocker genannt, wodurch deutsche Lohnstückkosten niedriger und der Handelsüberschuss dadurch bei ca 8,5% liegt….
    Ohnehin sind volkswirtschaftliche Prognosen nur für 3, maximal 6 Monate seriös, aber selbst für diesen kurzen Zeitraum lagen die Prognosen vieler Institute selbst in der Tendenz daneben. Ein Beispiel ist Griechenland, wo immer der Aufschwung herbeigeredet wurde und der jeweilige Milliardenkredit stets der letzte sein sollte.
    Für längerfristige Prognosen sollte man besser zu den Glaskugelbesitzern gehen
    noch ein Irrtum:
    Dass es Deutschland so gut geht ist nur relativ richtig : bei dem fast 25% großen Niedriglohnsektor und verglichen mit Zuständen vor 30, 40 Jahren herrscht eine sehr große Arbeitslosigkeit …. das hat mit dem Exportkanal (Überschuss) zu tun, während die Binnenkonjunktur flach bleibt. Aber nicht jedes Land kann mehr exportieren als importieren – logisch unmöglich, anders ausgedrückt: Deutschland hat sich auf Kosten der europäischen Nachbarn saniert und quasi seine Arbeitslosigkeit exportiert
    das Vorbild war Frankreich , das im 18. Jahrhundert mit dem Merkantilismus (kombination von hoher Produktivität mit niedrigen Löhnen) Gold anhäufte, erfolgreich viele Kriege führte, besonders auf Kosten der deutschen Lande ( so wurde etwa Strassburg rechtswidrig einverleibt). Als die bankrotten deutschen Staaten nichts mehr exportieren konnten wurden Untertanen (Soldaten) verkauft, so vermietete ein hessischer Fürst seine 24000 Soldaten an gegnerische Kriegsparteien… die eigenen Landeskinder durften sich dann gegenseitig totschiessen
    dieses ruinöse Wirtschaftssystem führte dann zur französischen Revolution, auch Frankreich war letztendlich ein Verlierer
    genau das erwarte ich bei Deutschland, wann und wie kann ich nicht sagen

  4.   Dieter Wermuth

    @ NIKYTOELE (#3)

    „während die Binnenkonjunktur flach bleibt“ … Das war lange so, aber das hat sich zuletzt doch endlich geändert. Vor allem der Bau brummt (Beschäftigung dort >6% ggVj, Umsätze Feb/Mär/Apr +10,4% ggVj). In Deutschland ist es seit Jahrzehnten so, dass die Binnenkonjunktur erst anspringt, wenn es im Außenhandel für eine Weile gelaufen ist. Da die Beschäftigung um etwa 1,4% höher ist als vor einem Jahr und die Zinsen nominal und real sehr niedrig sind, möchte ich fast wetten, dass der private Konsum weiterhin ein Konjunkturmotor bleibt. DW

  5.   Dieter Wermuth

    @ Michael Stöcker (#2)

    Dass die Zinsen jetzt auf ewig in der Nähe von Null bleiben sollen, ist aus einem entscheidenden Punkt nicht wahrscheinlich – weil es eine Art internationale Arbitrage gibt. Das reale BIP der Welt scheint immer noch mit einer ziemlich stabilen mittelfristigen Rate von 3,5% zu expandieren. Angenommen, dass die globale Beschäftigung jährlich um 2% zunimmt (das Bevölkerungswachstum liegt inzwischen bei 1%), dann haben wir international eine trendmäßige Steigerung der Produktivität um 1,5%. Das ist gleichzeitig die globale Untergrenze für die (längerfristigen) Realzinsen. Kombiniert mit einer Inflationsrate von ebenfalls 2% kommen Sie auf eine Art mittelfristigen Nominalzins von 3,5%. Wenn wir in Deutschland bei 0,5% liegen, wird weiterhin Kapital in großem Stil exportiert und wird dann knapp – was seine Kosten, den Zins, in die Höhe treibt. Mit anderen Worten, bei freiem Kapitalverkehr ist unser niedriges Zinsniveau auf Dauer nicht haltbar. Es kann auch nicht durch Differenzen in den Risikoprämien erklärt werden. DW

  6.   Dietmar Tischer

    @ Dieter Wermuth

    >Wenn wir in Deutschland bei 0,5% liegen, wird weiterhin Kapital in großem Stil exportiert und wird dann knapp – was seine Kosten, den Zins, in die Höhe treibt>

    Die Frage ist: Wird es knapp?

    Wir produzieren schon jahrelang Handelsüberschüsse und exportieren Kapital in großem Stil – und trotzdem ist Kapital bei geringeren Zinsen als anderswo nicht knapp in Deutschland.

    Warum soll das anders werden in Zukunft?

    Darauf müssten Sie eine Antwort geben.

    Meine ist folgende:

    Wenn in Deutschland die durchschnittliche Kapitalnachfrage weiterhin geringer ist als anderswo wegen geringeren Wachstums und gleichzeitig das Sicherheit der Kapitalanlage, die Wahrscheinlichkeit des Kapitalerhalts höher ist als anderswo, können wir über genügend Kapital verfügen, ohne dass die Zinsen hierzulande internationales Niveau haben müssen.

    Die Zinsarbitrage als ALLEINIGE Determinante des Zinsniveaus anzusehen, halt ich jedenfalls für falsch.

  7.   NIKYTOELE

    *4 DW
    meine Kernaussage war, der IWF lag schon früher mit seinen Prognosen meist falsch bzw diese waren unseriös, die angewandeten Rezepte waren vor allem in Afrika ruinös
    einen Nebenaspekt korrigieren Sie richtig, seit ca 2 Jahren steigen die deutschen Reallöhne und damit die Binnenkonjunktur
    Emprisch falsch ist die Aussage, die Binnenkonjuntur sprint an (folgt) einem positiven Außenhandel – zwischen 2000 – 2010 blieb die Binnenkonjuntur flach wie ein Brett, während der Aussenhandel stetig wuchs mit wachsendem Exportüberschuss.
    Auch theoretisch sehe ich keinen Zusammenhang, eine Binnenkonjuntktur wird vom privaten Konsum getragen, wo aber Lohnstagnation herrschte, anders als der Staat kann sich ein Privathaushalt nicht einfach verschulden (Immobilienkreditblase in den USA), der Staat frönte der Schuldenbremse, die Unternehmer investierten wenig in Folge geringer Nachfrageerwartung, dann bleibt nur noch der Außenhandel für sich allein.
    Derzeit von einem Konjunkturmotor des privaten Konsums zu sprechen halte ich für Wunschdenken, eine leichte Belebung, zutreffend besonders im Baubereich wegen der Flüchtlinge ist vorhanden, mehr nicht
    und der Lohndruck nach unten durch Deutschland setzt sich europaweit fort (innere Abwertung, da eine externe Abwertung im Euroraum nicht möglich ist) mit klar deflationären Tendenzen, so liegt auch hier in Bulgarien die aktuelle Preissteigerung laut BNR bei ca. – 0,4

  8.   Dieter Wermuth

    @ Dietmar Tischer (#6)

    Natürlich wird es wegen der Unterschiede beim Risiko und der Liquidität der Bonds auch Unterschiede in den nominalen und realen Renditen geben. Für das gute Rating und die Größe unseres Marktes bekommen wir gewissermaßen von den Anlegern ein Geschenk. Das ändert nichts daran, dass die Kapitalmärkte der Welt wie kommunizierende Röhren miteinander verbunden sind. Es geht nicht, dass die Realzinsen hierzulande bei Null sind, im Rest der Welt bei 3 oder 4%. DW

  9.   Dieter Wermuth

    @ NIKYTOELE (#7)

    Stimmt schon, was Sie über die Leistungsbilanzüberschüsse der Jahre 2000 bis 2010 sagen. Die Beschäftigung begann aber erst seit dem Sommer 2006 zuzunehmen, was dann in der Krise von 2009 unterbrochen wurde. Jetzt steigen endlich die Reallöhne, und die Beschäftigung expandiert weiterhin sehr kräftig, und die Hypothekenzinsen sind immer noch sehr niedrig. Warum soll der private Konsum nicht zur Abwechslung mal zum wichtigsten Konjunkturmotor avancieren? DW

  10.   Dietmar Tischer

    @ Dieter Wermuth # 8

    Es ist schon richtig, dass wir uns nicht VOLLSTÄNDIG vom Zinsniveau anderer Kapitalmärkte entkoppeln können.

    Das habe ich auch nicht behauptet.

    Allerdings entkoppeln wir uns ganz erheblich, wenn unsere Wirtschaft eine derartig herausragende Position wie die aktuelle halten kann UND es ansonsten deutlich düsterer bis kritisch aussieht, speziell in der Währungsunion.

    Bei einer solchen Konstellation erhält der Risikoaspekt eine ihm normalerweise nicht zukommende Bedeutung, was sich auch in der Kapitalknappheit widerspiegelt.

    Ich wollte nur darauf hinweisen.