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Keine Entlastung für Wohlleben – Das Medienlog vom Mittwoch, 4. Februar 2015

 

Am 181. Verhandlungstag hörte das Münchner Oberlandesgericht im NSU-Prozess den Zeugen Enrico R. – auf Antrag der Verteidiger des Mitangeklagten Ralf Wohlleben. Thema waren die Waffen, die in der rechten Szene kursierten. R.s Aussage sollte nach Willen der Anwälte ergeben, dass der NSU von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt für Schusswaffen nicht auf die Hilfe ihres Mandanten angewiesen war – dem wird die Beschaffung der Pistole Ceska 83 vorgeworfen, mit der neun Menschen erschossen wurden.

Die Rechnung ging jedoch nicht auf, bilanziert Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online: R. “versteckte sich, wie so viele andere Zeugen aus der rechten Szene, hinter Vergessen, Nicht-Wissen, fehlendem Interesse und Nicht-Anwesenheit”.

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R. selbst gab an, er habe keine scharfe Waffe besessen. Dem widersprach jedoch der nach ihm geladene Zeuge. Er gab auch an, Handgranaten und ein Gewehr habe R. als Schutz vor den Truppen des “Russki” besessen – “wir waren doch alle ausländerfeindlich”.

Zudem kam in der Befragung heraus, dass R. die Gruppe im Jahr 1998 nach dessen Untertauchen in Chemnitz traf. Worum es dabei ging, das wollte er heute nicht mehr wissen. Aus Selbstschutz? “Dass sich das Terrortrio in Chemnitz versteckte, war in der Neonazi-Szene ein offenes Geheimnis”, schreibt Tim Aßmann vom Bayerischen Rundfunk. Die Unterbringung der drei in Chemnitz organisierte R. zufolge der mutmaßliche Unterstützer Thomas S. Mitwisser der Flucht gab es also reichlich – während die Polizei nach Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt fahndete. Daher bleibe die Frage: “Wie konnte das alles den Behörden verborgen bleiben?”

Das Versagen der Sicherheitsbehörden an diesem Punkt ist auch für Frank Jansen vom Tagesspiegel offensichtlich: “Hätte die Polizei die Untergetauchten in Chemnitz erwischt, wäre die Serie von Verbrechen gestoppt und die grausige Eskalation verhindert worden.” Wie stark R. in den NSU-Komplex verwickelt war und ob er das Trio unterstützte, ist noch nicht abschließend geklärt: “Unklar blieb im Gericht, was Enrico R. mit Waffen zu tun hatte oder auch noch hat.”

R. saß zwischen 1994 und 1997 in Haft. Ob in der Zeit danach Waffen in der Szene kursierten, dazu konnte er nach eigenen Angaben nichts sagen. “Genau dieser Zeitraum ist aber für die Beweisaufnahme im NSU-Prozess entscheidend”, merkt Kai Mudra von der Thüringer Allgemeinen an. Im Jahr 1999 oder 2000 sollen die drei Untergetauchten die Ceska-Pistole erhalten haben.

Das nächste Medienlog erscheint am Donnerstag, 5. Februar 2015.

10 Kommentare

  1.   Karl Müller

    Behauptungen gegen “Nicht” – Behauptungen..

    Tatvorwürfe die Menge, aber wem wurde denn nun auch ein solcher Vorwurf nachgewiesen?

    Das ist bisher nicht zu erkennen, genu so wenig wie die diesbezügliche Gewissheit

    machner Prozessbeobachter!

    Woraus speist sich eigentlich diese zur Schau getragene Gewissheit?


  2. Keine Ent-lastung für Wohlleben – aber wie sieht es eigentlich in Sachen Be-lastung aus oder wie war das gleich nochmal mit der Unschuldsvermutung?

    Das TNT vorm Umzug hatte der “mutmaßliche Unterstützer Thomas S.” geliefert, der auch beim Abtauchen bzw. Umzug ins sächsiche Chemnitz half, wohin der Thüringer Wohlleben nicht vernetzt war.
    Ganz anders Thomas S.: Von seinen Chemnitzer Blood-and-Honour-Freunden hat er vermutlich das TNT bezogen und deren praktizierte Waffenliebe war sehr viel ausgeprägter als die beim Thüringer Heimatschutz.
    Könnten die sächsischen Blood-and-Honour-Leute zum reichlichen Waffenarsenal der neugewonnenen “Gäste” (d.h. Uwes) somit nicht doch wesentlich mehr beigetragen haben als der Thüringer Wohlleben mit (maximal) einer Ceska – deren Übergabe an die Uwes übrigens auch erst in der Chemnitzer Zeit erfolgte?

    Ceska-Beschaffer (Kauf, Transport, Übergabe) war laut eigenem Geständnis der Mitangeklagte Carsten S., der für diese “Kleinigkeit” längst nicht mehr in U-Haft sitzt.
    Dieser will sich jedoch mit lückenhaft-widersprüchlichen Anschuldigungen gegen Wohlleben als von diesem angestiftetes kleines Licht präsentieren. Sehr mühsam und wenig überzeugend. Gibt es jetzt wenigstens da unabhängige Beweise gegen Wohlleben oder wieso ist er (anders als Carsten S.) noch in U-Haft?

    Falls Wohlleben doch “Anstifter” der Ceska-Beschaffung gewesen sein sollte:
    Hatte er Kenntnis der Mordpläne? Mehr als Ceska-Lieferant Carsten S. und TNT-Lieferant Thomas S.? Mehr als die anderen Waffen-Beschaffer der Uwes? Und gibt es für dieses “Mehr-Wissen” inzwischen etwas, was annähernd die Bezeichnung “Beweis” verdient und in der Gruppe der Lieferanten sein “Alleinstellungs-Merkmal” jahrelange U-Haft rechtfertigt?

    Nicht dass diese Fragen neu wären. Neu wäre nur, wenn in all den jubelnden Wahrheits-Findungs-Meldungen es mal endlich beweisfundierte Antworten auf zentrale Fragen gäbe.

  3.   Peter

    20 waffen und 1600 schuss munition und doch war man angeblich zwingend auf wohllebens vermeintliche ceska-beschaffung angewiesen?
    mit logik kommt man da nicht mehr mit, da muss man schon glauben wollen.

    zeugenaussagen ohne weitere belege von in unklarem umfang involvierten personen dürften übrigens weitgehend wertlos sein.

  4.   Aloisi Mogaryc

    Logisch: wenn Wohlleben nichts belasten, kann ihn nichts entlasten.

  5.   tacheles

    3 #
    Die Ceska deshalb wichtig um überhaupt eine Spur zu den Morden nachweisen zu können?

  6.   fliegenklatsche

    Und dann ist es ja auch die frage ob es über haut die Ceska war mit der die Morde dann begangen wurden.

    ich glaube schon das irgendwann die ganze wahrheit mal ans licht kommt, aber auch das es auf viele menschen im ersten moment suspekt wirken wird.

  7.   Karl Müller

    @6.,

    Die CZ 83 kann schon verwendet worden sein, aber es ist IMMER noch nicht nachweisbar, durch wen!

  8.   tacheles

    7@
    Welchen Wert hat eine Waffe als Beweis wenn sie einer Tat nicht eindeutig zugeordnet werden kann?
    Weil ja angeblich kein Beschusstest durchgeführt werden kann wegen hitzebedingter Deformationen?
    Auch als eventuelles Beweismittel in anderen Tötungsdelikten würde die Waffe nur taugen wenn sich verwertbare Spuren daran sichern ließen.
    Das scheint hier nicht der Fall zu sein?

  9.   Karl Müller

    @ 8.,

    Erstmal ist zumindest relativ sicher dass die bei dne Geschädigten sichergestellen Geschosse aus einer Kurzwaffe stammen.

    Nicht sicher ist, ob der aufgefundenen Schalldämpfer dafür benutzt worden ist.
    Soweit der Stand das weder an der Waffe noch am SD Spuren der mutmaßlichen Täter, am SD zudem bisher keien Spuren der Geschädigten, nachgewiesen sind. Beim unmittelbaren – und beim Nahschuss ist es aber fast ausgeschlossen das eben keine Partikel oder Körperflüssigkeiten auf (und IN!) die Waffe übertragen werden.

    Die CZ soll doch beschossen worden sein?

    Aber eben keine Spuren (könnte auch Ätzsspuren vom sauren Schweiß der Täter geben) auf Waffe, Zubehör oder Munition. Weder von den Uwes noch von der Z.

    Ansonsten beginnt mich dieses mediale Aufblasen von Nichtigkeiten langsam anzuöden.

  10.   Peter

    Wahrsage-Journalismus, der sich als Gewissheit verkauft, vom Feinsten:
    “Hätte die Polizei die Untergetauchten in Chemnitz erwischt, wäre die Serie von Verbrechen gestoppt und die grausige Eskalation verhindert worden.”

    oder eben auch nicht, sondern vielleicht auch

    Hätte die Polizei die Untergetauchten in Chemnitz erwischt, dann wären die wegen minderer Delikte kurzzeitig eingefahren, hätten sich nach dieser Erfahrung noch stärker radikalisiert und nach der Haftentlassung noch brutaler agiert.

    Aber natürlich hat Herr Jansen die gefälligere Glaskugel.