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Zschäpes Brief: ein Angebot für den Richter? – Das Medienlog vom Dienstag, 23. Juni 2015

 

Ein neuer Brief von Beate Zschäpe sorgt für Aufsehen: Sie wolle möglicherweise „etwas aussagen“, schreibt sie in einer Begründung des Misstrauensantrags gegen ihre Anwältin Anja Sturm an das Gericht. Die Hauptangeklagte betont, im Falle einer Aussage hätten ihre drei Verteidiger mit einem Ende des Mandats gedroht. Bietet Zschäpe dem Gericht also Worte für die Köpfe ihrer missliebigen Anwälte an?

Sie „hält dem Gericht wie einem müden Pferd eine Mohrrübe vor die Nase“, kommentiert Annette Ramelsberger von der Süddeutschen Zeitung. Auf den Handel werde sich der Strafsenat jedoch nicht einlassen – denn für weitere Informationen werde Zschäpe wohl noch einen höheren Preis verlangen.

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Was würde passieren, parierten die Richter nach Zschäpes Willen? „Erklären sie das Vertrauensverhältnis zwischen der Hauptangeklagten und ihren Verteidigern für tief zerrüttet, ist der Prozess geplatzt“, analysiert Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online. Den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl wolle Zschäpe womöglich unter Druck setzen. Gibt er nicht nach, wäre wohl „mit weiteren Störaktionen Zschäpes zu rechnen“. Zudem sei ihr zuzutrauen, dass sie eine Aussage im Alleingang durchzieht.

Holger Schmidt vom Südwestrundfunk hält die Ankündigung Zschäpes eher für ein taktisches Manöver und fragt sich, was sie dazu bringt, „verbal derart Amok zu laufen“. Er analysiert Zschäpes Schreiben und die Erwiderung der drei Anwälte, die das Gericht am Montag an die Prozessbeteiligten verschickte. Für ihn wirke es, „als wolle Zschäpe einerseits im Kern schweigen und andererseits ihre Schäfchen ins Trockene bringen“. Dazu gehöre auch, mutmaßliche Unterstützer wie den Mitangeklagten André E. nicht zu belasten. Schmidt bringt als mögliche Helfer für Zschäpes Vorstoß auch die Verteidiger des weiteren Angeklagten Ralf Wohlleben ins Spiel.

Hier bei ZEIT ONLINE beziehen wir in die Analyse auch die Folgen mit ein, die eine eventuelle Aussage hätte. Demnach geht Zschäpe ein hohes Risiko ein, wenn sie nicht plant, sich umfassend und vollständig über ihre Rolle im NSU befragen zu lassen: „Wer sich zur Aussage entschließt, der muss die Hose herunterlassen und sie nicht nur aufknöpfen.“ Nun ist es wohl ein Machtspiel, das die Hauptangeklagte zu ihrer Mitteilung ans Gericht getrieben hat. Gleichwohl macht es den Eindruck, „als habe die Panik von Zschäpe Besitz ergriffen“ – mit dem Versuch, gegen anwaltlichen Rat einen Strategiewechsel herbeizuführen.

Auch Konrad Litschko von der taz sieht in Zschäpes Initiative „eine Art Deal“. Allerdings einen mit zweifelhaftem Nutzen: Dass die Verteidiger ausgetauscht werden, sei „unwahrscheinlich, denn mit gänzlich neuen Anwälten stünde die Beweisaufnahme vor einem Neustart“. Und diese leidet aus Sicht der Anwälte bereits im laufenden Verfahren darunter, dass die Mandantin ihren eigenen Rechtsbeiständen nur wenige Informationen hat zukommen lassen: „Offenbar wissen selbst die Verteidiger bis heute nicht, welche Rolle Zschäpe beim NSU spielte.“

Seit seiner Entdeckung 2011 hat der NSU immer neue Rätsel produziert, die Geheimdienste bloßgestellt und Fragen um das Mitwissen von Behörden aufgeworfen. Den „sieben Mysterien des NSU-Prozesses“ widmet sich Stefan Kreitewolf im Handelsblatt und greift dabei auch gängige Verschwörungstheorien auf.

Das nächste Medienlog erscheint am Mittwoch, 24. Juni 2015.

35 Kommentare

  1.   lachuma

    Wie gesagt, Frau Zschäpe ist eine „Macherin“, keine Mitläuferin. Alles was sie macht, ist irgendwie taktisch und manipulierend.

    Sie sieht jetzt, dass ihre Fälle wegschwimmen, jetzt werden die Verteidiger schlecht gemacht und sie versucht sich an den Richter Gölzl ranzuschleimen, ihm Vorschläge zu machen.
    So standhaft wie er bisher war, wird er es hoffentlich bleiben und den Vorschlag Zschäpes ablehnen.
    Dann hat Frau Zschäpe bestimmt keine Freude mehr mit ihren Verteidigern.


  2. „Wer sich zur Aussage entschließt, der muss die Hose herunterlassen und sie nicht nur aufknöpfen.“

    Diese missglückte, verschwiemelte Metapher musste auf jeden Fall noch einmal zitiert werden.

    [I.a.]


  3. Auf der Übersichtsseite heißt es: „Zschäpe läuft verbal Amok“. Klingt interessant, was hat sie gesagt? Im Artikel dann: Die Angeklagte hat einen Brief geschrieben und Aussagebereitschaft signalisiert. Aha. Das veranlasst einen Holger Schmidt vom Südwestrundfunk zu der Frage, was Zschäpe dazu bringt, „verbal derart Amok zu laufen“? Du meine Güte!

    Wenn ein Angeklagter mit seinen Verteidigern nicht zufrieden ist: Warum darf er die dann nicht wechseln? Warum untersagen die Anwälte ihrer Mandantin, auszusagen?

    Und überhaupt: Warum hat sich Beate Zschäpe nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt der Polizei gestellt?

  4.   Paul

    Warum es ein „zweifelhafter Nutzen“ oder gar „Amoklauf“ sein soll, erklärt keiner der Journalisten.
    Dabei bleibt unbeachtet, dass Zschäpe, egal was folgt, gewinnt.
    Entweder platzt der Prozess (Friedrichsen) oder die „Beweisaufnahme steht vor einen Neustart“ (Litschko) mit allen zu erwartenden weiteren Zweifeln und Widersprüchen etc. die nur entlastend aber nie belastend wirken können oder sie hat einen weiteren Revisionsgrund, wenn das Gericht trotz augenscheinlich zerrütteten Verhältnisses Zschäpe-Verteidigung unverändert weitermachen lässt.

    Alles eher schlecht für den schon müden „Gerichts-Gaul“ und das „Wer sich zur Aussage entschließt, der muss die Hose herunterlassen und sie nicht nur aufknöpfen.“ ist doch sehr theoretisch. Was will das Gericht den machen, wenn Zschäpe sich nur selektiv oder für sich positiv erinnert? (Gegen-)Beweise zu bringen, versucht man doch schon lange ohne nennenswerten Erfolg.

    „hohes Risiko … wenn sie nicht plant, sich umfassend und vollständig über ihre Rolle im NSU befragen zu lassen“ – Befragen lassen haben sich bislang viele Zeugen, die gemachten Aussagen sind bekannt.

  5.   Antonia

    Amüsante Vorstellung: Zschäpe sagt entgegen den Willen ihrer Anwälte etwas aus.

  6.   Antonia

    Und wenn sie erst einmal anfängt, bleibt es vielleicht nicht bei „etwas“. Zu reden würde ihr sicherlich gut tun. Es würde sie erleichtern, sie wäre nicht länger passiv, sie stünde mehr im Fokus, sie wäre weniger ohnmächtig und nicht einfach nur Zaungast, sondern aktiv Mitwirkende. Vom Typ her ist sie Macherin. Also, lasst sie!

  7.   millu

    Antwort zu 6. (Antonia)

    Am 16.6. habe ich hier geschrieben: „Beate Zschäpe äußert sich nicht zur Sache. Das ist ihr gutes Recht als Beschuldigte und sie handelt sicherlich entsprechend dem Rat ihrer Anwälte. Vermutlich ist das äußerst schwer durchzuhalten, wenn über sie in der Verhandlung spekuliert wird. […]. Sollte Frau Zschäpe ihren beiden toten Lebensgefährten gegenüber noch Loyalität empfinden, könnte das ein großes Problem sein.“
    Frau Zschäpe muss sich darüber klar sein, dass „Ein-Bisschen-Aussagen“ nicht funktionieren wird. Wenn sie anfängt, auszusagen, dann wird sie das nicht begrenzen können, sondern aus jedem Wort werden neue Fragen und Schlussfolgerungen entstehen, auf die sie wieder reagieren muss.

    Sie verlässt damit die bisherige Linie ihrer Verteidigung, die sie sicherlich mit ihren Anwälten entwickelt hat, vollständig – eine tiefe Brüskierung und Demotivierung ihrer Anwälte, die sich einer völlig neuen Situation gegenübersehen.

    Natürlich kann sie im Prozess einen „Brandsatz zünden“, wie sie es vermutlich in der Zwickauer Wohnung schon einmal gemacht hat. Es wird ihr kaum von Nutzen sein.

  8.   Paul

    5.
    Amüsante Vorstellung: Zschäpe sagt entgegen den Willen ihrer Anwälte etwas aus

    noch „amüsantere“ Fortsetzung: … und das Gericht meint trotzdem, dass das Vertrauensverhältnis der Angeklagten zur Verteidigung völlig in Ordnung ist und keinerlei Grund besteht dies zu bezweifeln oder irgendwas zu ändern.


  9. Warum läuft sie Amok? Sie wird einfach die Bombe platzen lassen . Ich bin gespannt wird es zur Aussage kommen, was sie zu sagen hat. Evtl etwas über Herrn T?

  10.   bekir_fr

    Zschäpe will andere (bessere) Anwälte als Preis für die Beendigung ihres Schweigens. Verständlich, weil die bisherigen ein Reden ablehnen und ihr schon daher keine große Hilfe für ein rechtlich möglichst unverfängliches Reden sein werden. Die (von Zschäpe behauptete) Drohung, das Mandat im Falle des Redens niederzulegen ist daher in Wirklichkeit ein Versprechen, dem Zschäpe aber verständlicherweise nicht traut, sondern eine verlässliche richterliche Zusage verlangt.

    Da neue Anwälte sich nicht auf die Schnelle einarbeiten können, hat sie entweder schon jemanden in petto, der sich längst heimlich warmläuft.

    Oder der schon endlose Prozess müsste wirklich von vorne beginnen. Daran will Richter Götzl bestimmt nicht schuld sein, selbst wenn er heimlich von diesem für ihn „schnellen“ Ausweg träumt – neuer Prozess heißt neuer Richter.

    Wenn das alles nur aus Zschäpes psychischer Belastung durch Prozess und Schweigen erklärt werden kann, dann wird „es“ vermutlich irgendwann aus ihr nur so herausbrechen und sprudeln, ohne Rücksicht auf Verluste. Aber nicht nur sie kann dabei verlieren: Bei den vielen amtlichen Zeugen, die ebenfalls sparsam Auskunft gaben, könnte erheblicher Nachfrage-Bedarf sich als zwingend herausstellen, wenn Zschäpe eine ganz andere Geschichte vorlegt als das wohl allerseits erwartete (Teil-?)Geständnis und diese andere Geschichte nicht auf die Schnelle mit konkreten Gegen-Argumenten als offensichtlich wahrheitswidrig zurückgewiesen werden kann.

    Dass die „drei Anwälte ihr als Reaktion einen gemeinsamen Brief (in ‚Wir-Form‘)“ geschrieben und „ihr schwere Vorwürfe gemacht“ haben sollen, „nur fragmentarisch“ ihr persönliches Wissen an die Anwälte weitergegeben zu haben, ist bemerkenswert.
    Laut Schmidt (SWR) „bedeutet das: Die Anwälte beklagen, dass sie bis heute nicht wirklich wissen, wie eigentlich die Rolle ihrer Mandantin beim ‚NSU‘ war“ – es aber angeblich wissen müssen, um sie „optimal zu verteidigen“.

    Die Strategie des Schweigens wirkt doch am besten, wenn die Anwälte alle von der Anklage kommenden Vorwürfe hinterfragen und mit dem Wissensstand von Nicht-Wissenden Beweise verlangen?
    Heimliches Wissen, wie es wirklich war, lenkt von DIESEM Job nur ab, denn sie dürften dieses heimlich Wissen ja nicht offenlegen und müssten sich ständig vorsehen, es nicht versehentlidch doch auszuplaudern (weil man spontan nicht bei all den Tausenden Details jederzeit sicher weiß aus welcher Quelle sie sind).