Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Tanzmusik, perfekt eingeparkt

Von 25. März 2013 um 10:49 Uhr

Lieder mit Frottee-Handtuch oder quatschigen Sperenzchen: DJ Koze schafft auf Amygdala ein psychedelisches Panorama seines Könnens.

© Pampa Records

© Pampa Records

Das Berufsprofil der Amygdala ist ein unattraktives. Als Kerngebiet des Gehirns ist sie vor allem für die Empfindung von Angst und der Gefahrenanalyse zuständig. Die Wahrnehmung von Lust und Erregung gehört eher zu den Nebentätigkeiten. Dabei ist Letztere beim Genuss von DJ Kozes neuem Album besonders gefordert. Der Hamburger DJ und Produzent deutet mit dem kaleidoskopischen Album Amygdala den ersehnten Sommer an.

Erschienen ist die Platte bei Kozes eigenem Label Pampa Records, das unter anderem Künstler wie Robag Wruhme, Isolée, Ada und Dntel beheimatet und zuverlässig großartige Tanzmusik herausbringt. Selbstredend wird dort ein familiärer Umgang gepflegt, weshalb Amygdala vor allem durch gelungene Kooperationen gewinnt.

Gleich zu Beginn sichert Koze sich die samtene Stimme von Dan Snaith alias Caribou, um den Grundton des Albums abzustecken: Angenehm unaufdringlich und freundlich, wie die Stücke Track ID Anyone? und Nices Wölkchen einem da entgegenkommen. Ganz lässig und stupsend legt sich der House-Beat auf die warme Dub-Decke. Ein bisschen überrascht ist man schon aufgrund der flockigen Verschmustheit. Das soll Koze sein? Monaco Schranze, der Sänger aus St. Georg ?

Schon auf seinem Debütalbum hat Koze gezeigt, dass er Soul notfalls immer noch den harten Brettern vorzieht. Aber wo Kosi Comes Around stellenweise noch ausfranste, klingt Amygdala sofort runder und ausbalanciert. Auch der derbe Klamauk, der bisher noch den besten Koze-Track hinterrücks heimsuchte, scheint der Mann unter Kontrolle bekommen zu haben. Und das Plattencover ist, nun ja, einfach ziemlich komisch.

Man hört Amygdala in jeder Minute die Lust an, einmal ein richtig schönes Album mit allen Raffinessen zu schaffen. Kühne Umwege, rührende Momente, kleine Geschichten und immer wieder das ein oder andere quatschige Sperenzchen bringt Koze ganz selbstverständlich und zurückgelehnt zusammen, wie es ihm mit der Supergroup International Pony nicht gelingen mochte. Bei 78 Minuten Spielzeit stößt Kozes psychedelisches Panorama zwar hin und wieder an seine Grenzen, aber wer den Helm aufhat, der hat recht.

Und wer kann schon von sich behaupten, zwei echte Prinzen auf einem Lied zusammengebracht zu haben? In Das Wort stolziert der Gesang des deutschen Prince of Darkness, Dirk Von Lowtzow, während der Prince of Soul, Marvin Gaye, aus der Sample-Tiefe dazu croont. Ein großer Moment! Aber nicht jede Kombination greift: Leider trübt der exaltierte Gesang von Matthew Dear zwei ansonsten sehr schöne Stücke, die man sich noch mal in der instrumentalen Version wünscht. Dafür entschädigt dann wieder der gemeinsam mit Ada produzierte Hip-Hop-Schwoof von Homesick, einer wolkigen Coverversion der norwegischen Kuschel-Folker Kings Of Convenience.

Die klassischen Tanzboden-Füller hingegen erden die Platte: Royal Asscher Cut deutet an, was La Duquesa zwingend ausformuliert: Es geht nach vorne, und alle sollen’s wissen. Koze stellt die zwei Stücke hin wie perfekt eingeparkt. Spätestens hier läuft es richtig rund. Da kann es dann im Anschluss auch ruhig noch ein bisschen knarren und rappeln. Koze und Milosh kommen auf dem Titelstück noch einmal mit dem Frottee-Handtuch, bevor Hilde Knef den Raum betritt. Koze hat der großen Dame mit Ich schreib’ dir ein Buch einen magischen Moment geschenkt, der sich der Diva ganz ernsthaft und zart nähert. Schließlich schlummert Amygdala langsam aus, ganz sanft und in einer fremden Sprache. Wir verstehen auch so. Am Ende war das Wort: Love.

“Amygdala” von DJ Koze ist erschienen Pampa Records. Lesen Sie hier DJ Koze im Interview zum neuen Album.

Kategorien: Elektronika, House, Techno
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Der Titel ist etwas falsch gewählt. Als Tanzmusik würde ich das Ganze eher nicht betrachten wollen. Da geht nichts nach vorne und die Tracks klingen teilweise eher nach uninspiriertem Geklimper. Der Beat taugt nicht mal zum Nebenbei-Hören, da er schon beim ersten Mal teilweise echt nervig ist… ist eher eine Platte die man nicht braucht…

    • 25. März 2013 um 16:01 Uhr
    • Joker
  2. 2.

    Ziemlich gute Sache. Wo “Royal Asscher Cut” und “La Duquesa” allerdings nach vorne gehen sollen, ist mir ein Rätsel. Ist doch chill out in Reinform.

    • 25. März 2013 um 16:15 Uhr
    • noon44
  3. 3.

    “wie es ihm mit der Supergroup International Pony nicht gelingen mochte.”

    Ich koze.

    • 26. März 2013 um 11:08 Uhr
    • Daniel Grahlke
  4. 4.

    Taugt einwandfrei für nebenbei …

  5. 5.

    Den Kommentatoren 1. – 4. möchte ich widersprechen: dieses Album hat mehr Tiefe als sich beim Anhören ausnimmt.
    Es ist Kunst und kein Konsum. Lediglich das Konzept über die gesamte Spieldauer ist schwächer, die Lieder selbst aber feinsinnige Meisterwerke.

    • 27. März 2013 um 01:33 Uhr
    • Achim
  6. 6.

    hype.

    • 27. März 2013 um 22:29 Uhr
    • don´t believe the hype
  7. 7.

    Dieses Album ist wie warmer Heilschlamm in einer Wellness-Oase. Oder wie die Schokolade, die in Schokoriegel-TV-Reklame langsam auf einen Keks läuft. Sehr schön.

    • 12. April 2013 um 11:32 Uhr
    • snoek
  8. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)