Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Autoren Archiv von Jan Freitag

Gitarre, Gesang und verliebte Flausen

Von 24. Mai 2013 um 08:42 Uhr

Zu zweit geht vieles besser. Nicht nur das, was Sie jetzt denken. Eva & Manu zeigen auf ihrem Debütalbum, das im Duo auch oft die schöneren Songs entstehen.

© Warner Music Group

© Warner Music Group

Singende Duos sind nicht gerade eine Neuentwicklung des Popzeitalters, eher schon ziemlich alte Hüte: Ike & Tina und Heintje & Peter, Bruce & Bongo und Cindy & Bert, Pepsi & Shirlie und Alan & Denise, Zweiraum & Wohnung und Rosen & Stolz. Zusammen, so glauben seit jeher viele, ist man weniger allein. Zusammen, so schließt sich dem an, wird auch das Belanglose, Beliebige, Leichte und Schnöde qua Verantwortlichenverdoppelung erträglicher. Daran hat sich bis heute wenig geändert, das Popduo ist nach wie vor einer der Königswege struktrierter Publikumsakquise. Doch da ist etwas in Bewegung geraten, so scheint es.

Am Pärchenhimmel tut sich was, etwas mit Güte und Gehalt, Sinn und Verstand, Gefühl und Kompetenz. Big Harp, ein geradezu sensationelles Singer/Songwriter-Duett aus Nebraska haben es erst im Frühjahr gezeigt, das Stuttgarter Zweierteam Sea + Air bereits im Herbst zuvor, ganz zu schweigen vom Zürich-Hamburger Gespann (ohne & im Namen) namens Boy zwölf Monate zuvor. Sie alle zeigen: Dual induzierte Musik erschließt sich nicht nur über die reine Zweisamkeit, sie kann auch ganz sachlich als Summe ihrer einzelnen Teile überzeugen. Nächstes Beispiel: Eva & Manu.

Die Finnin und ihr französischer Freund sind beide blutjung, haben gerade ihr eigenbetiteltes Debütalbum fertiggestellt, die Frucht ihrer Liebe, so heißt es träumerisch, das Ergebnis gemeinsamer Tage, Nächte, Reisen. Abgesehen solch boulevardtauglicher Genealogielegenden, wie sie nur einem Majorlabel wie Warner einfallen können, machen die zwei Verliebten allerdings tatsächlich nur Folkpop zum Verlieben: Ziemlich gefühlvoll und doch recht lässig, sprachlich voller Anteilname, aber bisweilen auch von einer Art distanzierter Getragenheit auf Stücken von Feet in the Water über Stars bis Melancholia, deren Namen nicht unbedingt von Empathiemangel oder emotionaler Kälte zeugen, und dennoch: Hier wird weder auf Herzkammer noch Tränendrüse gedrückt, sondern sehr geschmeidiges Songwriting per Doppelgesang unter die Haut geschoben.

Eva & Manu – All I can see

Sicherlich, das ist nichts für dunkle Keller, nichts für Hardrockfestivals oder Jazzfeingeister. Und wenn zwischen Evas Engelsstimme und Manus weichem Schmusetenor in If Only erst ein Cello hineinsuppt und später bei Lonely Boy auch noch die Mundharmonika jault, dürften sich Menschen fern der melancholischen Grundstimmung kurz erbrechen gehen, um derlei Sulz sodann mit Motörhead zu kontern. Aber Eva & Manu wollen schließlich keinen Sonder-Grammy für Vertracktheit gewinnen, sondern anspruchsvoll von ihrem Inneren und Äußeren künden, also im wahrsten Sinne des Wortes: musizieren.

Das tun sie in All I Can See sogar mal mit richtig schmissigem Schlagzeug, in Raise Your Head wiederum ausschließlich pianobegleitet, in jedem Fall aber tun sie es ganz bei sich, scheinbar frei von PR-Gedanken, einfach aus dem Verlangen heraus, mit Gitarre, Gesang und verliebten Flausen im Kopf vorm Wohnwagen in der Einöde zusammen kreativ zu sein. Das ist keinesfalls die Quintessenz gediegenen Indiesounds, aber auch mal ganz schön. Muss ja nicht immer alles zum Nachdenken anregen.

“Eva & Manu” von Eva & Manu ist erschienen bei Warner.

Kategorien: Pop

Der kleine Betrug am Hören

Von 17. Mai 2013 um 14:51 Uhr

Ist das bloß wieder Debattenstoff für Dubstep-Nerds? Mount Kimbie bringen das Beste aus Pop und Techno zusammen und machen die Suche nach dem Beat zum Erlebnis.

© Chris Rhodes

© Chris Rhodes

Es liegt ein Rascheln und Rauschen in der Luft, ein Flirren und ein Sirren, wenn Mount Kimbie ihre komplexen Klangkaskaden aus den Boxen wedeln wie weißes Rauschen in den Kopf. Weiter…

Kategorien: Elektronika, Pop

Man fühlt sich durchdrungen

Von 15. Mai 2013 um 10:15 Uhr

The National sind immer ein bisschen besser als erwartet. Auf dem neuen Album “Trouble Will Find Me” findet der großartige Sänger Matt Berninger ganz zu sich selbst.

© Deirdre O'Callaghan

© Deirdre O’Callaghan

Plattencover sind oft ziemlich selbstgefällig. Weitgehend abgekoppelt vom musikalischen Inhalt, transportieren sie vielleicht einen verbrämten Gestus der Künstler dahinter, das artifizielle Konzentrat dessen, was der gewünschten Aura entspricht, im Idealfall gar einen Link ins Genre, wovon all die Monster im Metal ebenso zeugen wie Autos, Weiber und Bling Bling im Rap. Visueller Austausch mit dem Akustischen jedoch, eine Art Interaktion zwischen Bild und Ton ist – zumal im Zeitalter von CD und Download – überaus selten. Umso mehr lohnt sich ein Blick aufs neue Cover von The National.

Auf Trouble Will Find Me nämlich steckt eine Frau ihren Kopf rücklings halb durch eine Spiegelwand und blickt uns linkisch mit einem Auge an, kaum spürbar, aber durchdringend wie die gesamte Kameraüberwachung am JFK-Airport. Die Farbe ist Schwarzweiß, das Ambiente düster, der gekachelte Raum kühl, fast klinisch, man fühlt sich nicht nur beobachtet, man fühlt sich durchdrungen, ohne genau zu wissen, warum. So in etwa funktioniert auch das Indierock-Quintett aus New York, so funktioniert erst recht ihr sechstes Studioalbum.

Denn mehr noch als auf den fünf vorherigen, mehr auch als auf Alligator von 2003, dass in kaum einer Liste der besten Alben des Jahrhunderts fehlt, oder High Violet, kommerziell am erfolgreichsten, dringt Trouble Will Find Me irgendwie aus dem Unsichtbaren ins Gehirn, macht sich dort breit, verschwindet wieder, hinterlässt aber Spuren wie auf einem Kontrollvideo in der Abflughalle. Und das liegt aufs Neue an Matt Berninger – dem Gründer, Kopf, Gesang von The National.

Seine weiche, hintergründige Stimme, gern ehrfürchtig als Bariton umschrieben, gräbt sich Stück für Stück tiefer ins Gemüt, um nach dem 13. wie ein wohlschmeckendes Mahl in einem höchst befriedigten Magen zu hocken und dort zu bleiben, bis der Hunger wiederkehrt. In I Should Live In Salt zum Auftakt schafft er das noch mit der lässigen Nonchalance eines Bryan Ferry, im nachfolgenden Demons verfällt der Text in den erzählerischen Duktus von Lou Reed, spätestens im wunderschönen Don’t Swallow The Cap aber landet Matt Berninger völlig bei sich selbst, dieser unvergleichlichen Fähigkeit, subkutan zu klingen und doch vordergründig, zurückhaltend und dabei ungeheuer präsent.

Das dringt um die Ecke ins Herz wie der Blick auf dem Cover, es erwischt einen beim Zuhören genau in dem Moment, da man denkt, das sei bloß eine weitere Popband mit Niveau von der Westküste, gefällig, aber durchhörbar wie Adam Green mit all den Klavierflöckchen, dem reduzierten Schlagzeug, seltenen, doch unerlässlichen Gitarrensoli, dieser geschmeidigen Gesamtkonstruktion. Dann aber kommt irgendwann gen Ende das traumwandlerische Slipped, Berninger erzählt uns darin “I’ll be a friend, a fuck, an everything / but I’ll never be, I think / you ever want me to be” und behält recht: The National sind von Singer-Songwritern über Poptitanen bis Alternativerockern und Schnulzenschreibern alles Mögliche, nur nicht das, was zu erwarten wäre. Sondern immer ein bisschen besser.

“Trouble Will Find Me” von The National ist erschienen bei 4AD.

Kategorien: Pop

Disco mit drei Ausrufezeichen

Von 29. April 2013 um 08:24 Uhr

Diese Band hat sich jedes ihrer !!! verdient: Besser als das amerikanische Mash-Up-Kollektiv kann man die Tanzmusik der vergangenen Jahrzehnte nicht zusammenlöten.

© Andrew Youssef

© Andrew Youssef

Lässig, lässiger, Thr!!!er, mit drei Ausrufezeichen, versteht sich. Seit knapp zwei Jahrzehnten schon gibt es die amerikanische Undergroundband mit dem absurden Namen !!!, der lautmalerisch angeblich Chk Chk Chk bedeutet Weiter…

Kategorien: Elektronika, Funk

Funk op Kölsch

Von 24. April 2013 um 10:04 Uhr

Es müssen ja nicht immer Afroperücke und Glitzerschlaghose sein. Funk ist eine Haltung, auch am Rhein. Nach ihrem gelobten Debüt veröffentlichen die PTTRNS nun ein sehr gelungenes zweites Album.

© Altin Village & Mine

© Altin Village & Mine

Funk is dead, is alive, is back, is gone, is unablässig irgendwo inbetween, aber einfach nicht unterzukriegen. Was teilweise daran liegen könnte, dass selbst Eingeweihte nicht in der Lage wären, Funk abschließend zu definieren Weiter…

Kategorien: Elektronika, Funk

Pop ganz ohne Pop

Von 22. April 2013 um 16:30 Uhr

Die singende DJane Miss Kittin flottiert zwischen Amanda Lear, Donna Summer oder Kraftwerk. Ihr vielschichtiger Wavehouse klingt technoid und handgemacht zugleich.

© Phrank

© Phrank

Wer Amanda Lear nicht kennt, ist entweder spät geboren oder früh vom Mainstream abgebogen. Wer sich an sie erinnert, muss mit offenen Ohren durch die siebziger Jahre gelaufen sein. Weiter…

Kategorien: House, Techno

580 Sekunden volles Brett

Von 17. April 2013 um 12:14 Uhr

Auf ihrem 14. Album in 22 Jahren zeigen Motorpsycho, dass es im Rock nicht auf die exakte Reproduktion historischer Epochen ankommt. Es zählt nur die Freude, sie auszuweiden.

© Kim Ramberghaug

© Kim Ramberghaug

Fast zehn Minuten, das muss man sich erst mal trauen im popformatierten Jetzt. Weiter…

Kategorien: Rock

Feiern wir den renitenten Rock!

Von 8. April 2013 um 10:52 Uhr

Zum 25. Geburtstag schenkt sich die alte Grunge-Band Mudhoney ein neues Album. Klingt wie immer, so rotzig, wie es in dem Genre eben möglich ist. Großartig.

© Emily Reiman

© Emily Reiman

Drei Sekunden, und leise kommt eine Ahnung auf. Dreißig mehr, und die Ahnung wächst zur Gewissheit. Drei Minuten, und alles erscheint fast wie früher. Dreißig weitere, und nichts ist, wie es war. Weiter…

Kategorien: Rock

Wohl zu viel Bommerlunder im Altbier

Von 27. März 2013 um 08:20 Uhr

“Scheiß Drauf” heißt ein Song auf dem neuen, miesen Album von Jeans Team. Gar nicht so einfach, denn die Enttäuschung überwiegt, schließlich war die Band mal relevant.

© Staatsakt

© Staatsakt

Es gab da kürzlich einen schönen Dokumentarfilm. Er porträtiert Die Toten Hosen, ihre Höhen, ihre Tiefen, menschlichen zumeist, musikalischen, oft beide gemeinsam, gern im kollektiven Drogenrausch. Der prägnanteste aller Abstiege zeigte sich indes nicht unter Alkoholeinfluss Weiter…

Kategorien: Pop, Schlager

Resterampenrock

Von 22. März 2013 um 08:18 Uhr

Vor zwölf Jahren haben The Strokes ihr eigenes Rockgenre begründet. Viel ist nicht mehr davon übrig, wie das traurige neue Album zeigt.

© Simone Joyner/Getty Images Entertainment

Julian Casablancas im Konzert 2011 (© Getty Images)

So ist das nun mal mit jenen, die ein neues Untergenre im alternativen Mainstream schaffen: Eher früher als später werden sie daran gemessen, ob ihr Werk auch noch die reine Lehre vertritt Weiter…

Kategorien: Rock