Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Autoren Archiv von Jan Freitag

Diskurspop auf Hanseatisch

Von 17. April 2014 um 10:47 Uhr

Kettcar nur ohne Kettcar: Auf Marcus Wiebuschs erstem Solo-Album “Konfetti” trifft man auf die gewohnte Radiotauglichkeit mit Botschaft und Niveau. Ja, und sonst?

© Andreas Hornoff

© Andreas Hornoff

Wenn es ein Unwort der Musik gäbe, den übelsten Popbegriff ever, schlimmer als noch Easy Listening, Horst-Wessel-Lied oder Saxofonsolo – es wäre wohl: Frontmann. Im Frontmann vereint sich militaristische Alltagssprachanleihe besonders furchtbar mit unterschwelligem Sexismus zu einer Art arglosem Führerprinzip der Massenkultur.

Nun kann man Marcus Wiebusch weder bellizistische noch machistische, geschweige denn diktatorische Triebe unterstellen; der Fro… äh, Kopf, nein: Bühnenkantenmittemensch vom Hamburger Schulkollektiv Kettcar ist ja eher als seidig brummelnder Gefühlsverwalter deutschen Diskurspops bekannt. Aber irgendwie stand er eben doch sein ganzes Bandleben an dem, was man mit der passenden Streitlust als das bezeichnen müsste, was zu kriegerischeren Zeiten “Front” hieß: Zehn Jahre lange als systemfeindlicher Punkrocker von But Alive, zehn weitere als rachitischer Schmeichelbariton von Kettcar, stets im kritischen, pardon: Sperrfeuer der Gegenwehr. Immer mit Gitarre und Mikro vorneweg, stets das Gesicht in den Gegenwind, immer einer für alle mit den anderen dahinter, ganz gegen sein Naturell, wie er selbst sagt, aber musikalisch notwendig.

Jetzt jedoch dringt das “Front” am “Mann” aus Hamburg sogar noch weiter vorwärts: Marcus Wiebusch ist solo. Erstmals. Konfetti heißt sein Einzelprojekt, mit anderen Musikern, gut ein halbes Dutzend; am Ende allerdings steht er allein im Namenszug unter einer Reihe von Erfüllungsgehilfen, ja Angestellten. Einfach weil “alle musikalischen Entscheidungen von mir stammen”. Und nicht nur die.

Fast alles an Wiebusch ohne Kettcar erinnert an Kettcar mit Wiebusch. Die Texte mögen nicht immer so poetisch kodiert klingen, Sound oder Gesang zuweilen robuster, und dann wäre da ja noch dieses zornige, bitter nötige, ziemlich gelungene Schlüsselstück Der Tag wird kommen übers Coming-out eines schwulen Fußballprofis nach Hitzlsperger, aber angeblich vor ihm fertiggestellt, das bereits seit Wochen durchs Feuilleton rauscht – auch ohne sein gewohntes Umfeld bleibt Marcus Wiebusch unüberhörbar er selbst.

Kein Wunder: Zu unverwechselbar ist seine Stimme, zu diskurspoppig hanseatisch der Umgebungsklang mit feiner Gitarrengrundierung, treibendem Schlagzeug, ab und an ein paar Klavierfetzen und Samples, dazu reichlich urban poetry zwischen Haters gonna hate und Nachrichten für die Alpha-Männer. Das macht Konfetti zu klugem Indiepop aus Hamburg in der Tradition von Sterne, Blumfeld, Tomte, Kettcar, aber dank Sprechgesang, Bläsern, mehr Tempo, mehr Kraft “experimentierfreudiger” als letztere, wie Wiebusch beteuert.

Mag sein, auch dass es toll klingt für jene Ohren, die auf derlei sanft gebrochene Geschmeidigkeit stehen, Radiotauglichkeit mit Botschaft und Niveau. Aber Konfetti ist und bleibt eben nicht neu, schon gar nicht spezifisch Wiebusch. Es ist Kettcar, nur ohne Kettcar. Die, die das lieben, werden jubeln, alle anderen kotzen. So ist das an der Front des Pop.

Konfetti ist erschienen auf Grand Hotel van Cleef.

Kategorien: Pop

Glückspillen in Klangform

Von 11. April 2014 um 13:32 Uhr

Da kann keiner auf dem Sitz bleiben: Der Entertainer Todd Terje schüttelt auf “It’s Album Time” den musikalischen Aberwitz aus dem Füllhorn des Pop.

© Olsen Records

© Olsen Records

Samuel Beckett hatte schon recht mit seiner Selbsteinschätzung, die mehr noch eine Fremdeinschätzung war. “Wir alle werden verrückt geboren”, schrieb der Schriftsteller vor vielen, vielen Jahren in Warten auf Godot. Manche indes, fügte er hinzu und meinte das sicher nicht despektierlich, “die bleiben es”. Todd Terje zum Beispiel. Ein Name wie ein kanadischer Holzfällerhund, ein Musiker wie ein Berserker mit Zartgefühl, ein Debütalbum, heißkalt wie ein himmlisches Fegefeuer. Beckett hat fraglos den norwegischen Alleinunterhalter vorweggenommen, als er die Randgruppe derer beschrieb, die sich den Aberwitz kindlicher Leidenschaft erhalten haben.

Terje, der nicht Todd, aber mit Nachnamen Olsen heißt, knallt dem Pop unterm wunderbar proklamatorischen Titel It’s Album Time ein Erstlingswerk vor den Latz wie eine Schale zuckersüßen Babybreis. Dafür ein Genre zu benennen ist nahezu unmöglich; irgendwas mit Elektro, Trash und Swing dürfte es wohl sein, was der geniale Bigbandbartechnopianist da zwölf Stücke lang aus dem Nichts zaubert.

Aber um Begriffe, Genres, Zuweisungen geht es ja auch gar nicht auf diesem Urknall zeitgenössischer Tanzmusik ohne R-’n'-B-Geseife. Es geht um eine Genese, die Genese des Aberwitzes aus dem Füllhorn des Pop. Es geht um ein Album, dass seinem Nest entschlüpft wie ein Vogel dem Ei und sodann in die Höhe steigt wie Phoenix und … pardon – zu dick aufgetragen? Zu viel Pathos? Zu metaphorisch?

Dann bitte einfach mal reinhören und versuchen, dabei entspannt auf dem Sitz bleiben. Viel Erfolg! Denn nach einem housigen Intro mit dem Plattentitel als gehauchte Verheißung baut Todd Terje sein Debüt auf wie eine Sandburg am Strand, die sich mit jeder Zinne ein bisschen mehr an ihrer selbst berauscht und wächst und wächst und wächst. Leisure Suit Preben etwa klingt zu Beginn noch entfernt nach einem leicht überschminkten Cover der Titelmelodien von Timm Thaler bis Captain Future, denen im anschließenden Preben Goes To Acapulco eine Prise Daft Punk und Skrillex beigemischt wird. Doch spätestens mit dem heillos überdrehten Svensk Sås nimmt das Album namens Album dann so tollkühn Fahrt auf, dass handelsüblicher Trashpop zur harmlosen Verschrobenheit verdampft.

Wie brasilianischer Samba auf 45rpm gesteigert, hetzt der Entertainer durch diesen Reigen der Klangfülle und behält das gefühlte Tempo auch die nächsten Lieder bei. Das klingt dann mal nach restauriertem Achtziger-Jahre-Bombast, mal nach beschleunigtem Sixtiesbeat, unterbrochen nur durch ein abstruses Robert-Palmer-Cover featuring Bryan Ferry. Schon das wirkt überwiegend wie ein Satz Glückspillen in Soundform – und da sind wir noch nicht mal bei Alfonso Muskedunder gelandet, dem Schlüsseltrack, der den Eindruck erweckt, hier würden sechs, sieben Scheiben zeitgleich abgespielt.

Aber Chaos? Mitnichten! Um nochmals Weltliteratur zu zitieren: “Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode”, sagt ein gewisser Polonius bei Shakespeare über eine Titelfigur, die dem Wahnsinn ja nun wirklich besondere Seiten abtrotzt. Ganz genau wie Todd Hamlet Terje Olsen.

“It’s Album Time” ist erschienen bei Olsen Records.

Kategorien: Pop

Aus Hamburgs wütendem Herzen

Von 2. April 2014 um 10:01 Uhr

Die Band Fluten spielt auf ihrem Album “Splitter” tobsüchtig mit dem Zeichensystem von Punk und Hardcore, Metal und Crossover. Ordnungsliebenden Indie-Fans wird da der Kopf dröhnen.

© Flight13/Rookie

© Flight13/Rookie

Referenzsysteme haben gemeinhin so ihre Tücken, nicht nur im Musikgeschäft, aber dort besonders. Wer sich seine Sporen darin erst verdienen muss, ist nämlich gut beraten, vorab mit ein paar griffigen Parallelen zum Bestand aufzuwarten, um nicht im luftleeren Raum des Genres zu verhallen. Zu viele der Ähnlichkeiten mit Alteingesessenen tun Neuankömmlingen aber auch selten gut. Weiter…

Kategorien: Punk

Ist er ein echtes Juwel?

Von 26. März 2014 um 16:13 Uhr

Ryan Keen könnte ein wohlkalkuliertes Popprodukt sein, das sich in die Riege der dünnhäutigen Folksänger einreiht. Vielleicht ist er aber doch ein Meister des Understatements.

© Embassy of Music

© Embassy of Music

Understatement hat es gerade ziemlich schwer. Multitasking möglichst vieler Endgeräte dominiert unsere Mediennutzung. Dass die Kakofonie der Reizüberflutung immer wieder von stillen jungen Männern mit Gitarre durchdrungen wird Weiter…

Kategorien: Folk, Pop

Verliebt oder bekifft?

Von 7. März 2014 um 12:10 Uhr

Früher hat Joan As Police Woman dem Pop den Marsch geblasen, jetzt wird’s behaglich. Auf ihrem neuen Album zeigt sie sich so gut gelaunt, dass sie ein bisschen ihrer Widerständigkeit einbüßt.

© Shervin Lainez

© Shervin Lainez

Allzu großes Wohlbehagen ist bekanntlich oft der erste Schritt zur Selbstgenügsamkeit. Als echte Zufriedenheit vernebelt es vielen schließlich die Sinne mit eitel Sonnenschein bis Trallala. Weiter…

Kategorien: Pop, R'n'B, Soul

Ringen mit dem inneren R ‘n’ B

Von 28. Februar 2014 um 14:05 Uhr

Neneh Cherry kehrt zurück auf die große Bühne. Auf ihrem neuen Album “Blank Project” kämpft sie mit den Geistern, die sie vor 25 Jahren rief. Und sie gewinnt.

© Kim Hiorthoy/Rough Trade

© Kim Hiorthoy/Rough Trade

“Das Comeback des Jahres” ist eine der heikelsten Formulierungen im Popgeschäft. Zurückkommen könnten Foreigner schließlich ebenso wie, sagen wir, Bonnie Tyler, Chris de Burgh oder Toto. Weiter…

Kategorien: Pop, R'n'B

Die ungeheure Wucht der Stille

Von 17. Februar 2014 um 08:00 Uhr

Eremitenbart im Rampenlicht: Kaum hört man, was William Fitzsimmons wispert, und doch wollen ihn so viele erleben. Er singt Lieder für die selbstmitleidige Überflussgesellschaft.

© Groenland

© Groenland

Manche Musiker wirken so unscheinbar und dünnhäutig, dass ihr Erfolg nur ein Fehler im System sein kann. Wenn sie auch noch ein Album machen, dessen Titel so abwegig, realitätsfern, fast absurd ist wie Lions von William Fitzsimmons Weiter…

Kategorien: Folk, Pop

Heiteres Revoltieren

Von 31. Januar 2014 um 08:00 Uhr

“All cats are beautiful” statt “All cops are bastards”: Auf ihrem fünften Album singen Ja, Panik noch immer gegen den Aberwitz der Verwertungslogik an. Man kann sie damit sogar ernst nehmen.

© Gabriele Summen

© Gabriele Summen

Freiheit – schon dieses Wort. Scheußlich, grauenhaft. Und wie hohl es geworden ist. Weiter…

Kategorien: Pop

Es ist der Drummer mit dem Dackelblick

Von 22. Januar 2014 um 10:18 Uhr

Ein großer Wurf im noch jungen Popjahr: Das französische Indiequartett Griefjoy knüpft an bei Coldplay, A-Ha und Yeasayer und schafft aus vertrautem Sound eine überraschende Eigenständigkeit.

© Sony

Hinten links: Der Schlagzeuger Romain Chazaut (© Sony)

Bands, die stark von Schlagzeugern geprägt sind, schlagen meist ruppigere Töne an. Erst Tim Alexander machte den Hardcore von Primus ja jazzig und somit außergewöhnlich. Weiter…

Kategorien: Pop

Requiem der Leichtfüßigen

Von 20. Januar 2014 um 13:08 Uhr

Gäbe es zu diesem Album einen Film, er müsste wohl “Oh Girl” heißen. Warpaint aus Los Angeles trotzen den falschen Versprechungen der Moderne ganz beeindruckende Folkpopsong ab.

© Mia Kirby

© Mia Kirby

Die Suche nach dem passenden Soundtrack ist gemeinhin eine Gratwanderung. Fast jeder geigenverkleisterte Blockbuster zeugt davon, wie sie misslingen kann Weiter…

Kategorien: Folk, Pop