Ein Blog mit Ihren Notizen, Gedichten und Bildern für die gedruckte ZEIT
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Ein Gedicht! Klassische Lyrik

Gesundheit!?

Von 29. Januar 2015 um 18:00 Uhr

(frei nach Eugen Roth)

Herr Bert, gepeinigt von den Viren,
schleppt sich beinah auf allen vieren,
hoffend auf Medikation,
zu eines Arztes Rezeption.

»Stimmt noch die Anschrift und der Name?«,
fragt hinterm Tresen streng die Dame.
Auf einem Schildchen kann er lesen:
Schwester Irene heißt der Besen.

»Ja sicher …«, stöhnt er schmerzverzerrt,
in seinem Ohr ein Pfeifkonzert.
Von ganz weit her hört er den Satz:
»Meinetwegen, nehm’ Sie Platz !«
Mit 39,8 Grad Fieber
wär ihm zu liegen deutlich lieber.

Kaum dass er vor dem Arzte sitzt,
der ständig aus dem Zimmer flitzt.
Dabei hört er ihn lauthals jammern
und sich an die Reformen klammern.
»Bedaure, aber Grippemittel …«

– springt auf und streicht sich glatt den Kittel –
»verschreibungstechnisch sind tabu!«
Drum draußen steht Herr Bert im Nu.
Kriegt statt Rezept mit auf den Weg:
Dass ja er sich ins Bette leg!

Bereichert doch die Grippewelle
den Apotheker, so er helle!
An dessen Tür, in seiner Not,
Herr Bert nun schellt, die Wangen rot.
Und sieht – dankbar – im Fieberwahn,
schon aufgeschlossen diesen nah’n.

Bald steht er da, umringt von Pillen,
die Schnupfen und auch Husten stillen.
»Hier, für die Nase noch ein Spray,
und seh’n Sie nur: Erkältungstee!«
Erklärt wird ihm am Ende froh
der Nebenwirkung Risiko.

Nun ist die Lage gar vertrackt:
Herr Bert hat’s Geld nicht eingepackt!
Geplagt von Pein und ohne Wort,
verlässt er schlapp auch diesen Ort.

Da führt der Weg ihn geradeaus,
schnurstracks ins Bett – zu sich nach Haus.
Bekämpft dort im Familienkreis
die Grippe mit Zitrone (heiß !)
und Hühnersuppe, warmen Güssen,
bis er nicht mehr hat prusten müssen.

Und die Moral von der Geschicht?
Ob wir es wollen oder nicht …
Bist knapp an Geld du heutzutage,
bleib gleich zu Haus, üb’ Rückenlage!
Von Menschen in ’nem weißen Kittel
gibt’s jedenfalls kein Grippemittel!

Sabine Wilhelm-Osterloh, Berlin

Das neue Jahr

Von 21. Januar 2015 um 15:00 Uhr

(frei nach Erich Kästner, »Der Januar«)

Ich werde mich vom alten Jahr nun trennen.
und reiche ihm betroffen seinen Hut.
Was wird geschehn, bis wir das Neue kennen –
in Gänze es dann resümierend nennen:
chaotisch, launisch oder sogar gut?

Bei Bowle, Punsch und Blei im Kerzenschimmer
umrätseln wir der Zukunft dunkles Spiel.
Durchströmt von Lebensfreude und Gewimmer
– Wird’s angenehmer oder eher schlimmer? –
erkennen nie und nimmer wir das Ziel.

Beendet sei das große Spekulieren!
Zurück- und vorgedacht: es bringt nichts ein!
Den ganzen Tag lang Wünsche projizieren,
mit vagen Möglichkeiten wild jonglieren –
womöglich bricht’s am Ende mir das Bein!

Drum lasst uns hübsch bescheiden bleiben!
Zum Trübsalblasen reicht doch nicht die Zeit.
Wir sollten uns der Zuversicht verschreiben,
des Lebens Ernst nicht auf die Spitze treiben
in dankbar-heiterer Gelassenheit.

Vincenz Keuck, Oerlinghausen, Nordrhein-Westfalen

In Strophe drei, dritte Zeile, hieß es ursprünglich falsch: “Tagelang Wünsche projizieren”. Das war vom Verfasser so nicht intendiert und brach mit der Metrik. Wir haben die Zeile nachträglich korrigiert.

Ich will – vorerst – keine Schockolade

Von 15. Januar 2015 um 15:00 Uhr

(nach Trude Herr, »Ich will keine Schokolade«)

Neulich war bei uns Bescherung,
süße Teller, bunt und schwer;
Schokokringel, Mozartkugeln,
jedes Teil schmeckte nach mehr.
Dominosteine, Ingwerplätzchen,
Kipferl und Berliner Brot,
plötzlich sprang der Knopf vom Kragen
und ich rief in meiner Not:

»Ich will keine Schokolade,
keine Pralinees mit Gin,
keine Mandeln, keine Nüsse,
fort mit meinem Doppelkinn.«

Unerbittlich ging es weiter,
Gänsebraten und Salat,
Rotkohl, Klöße, Sahnesoße,
längst schon ächzte jede Naht.
»Ich will keine Schokolade
und auch keinen Weihnachtsmann,
keine Printe, keinen Zimtstern
und kein Herz aus Marzipan.
Ich will keinen Butterstollen,
nein, ich will auch kein Konfekt!
Ich will lieber meine Taille,
wo hat sie sich nur versteckt?«

»Ich will keine Schokolade …

Lang ist so ein Heiligabend,
und es kam, was kommen muss,
der Stuhl brach unter mir zusammen,
und ich rief: »Ab jetzt ist Schluss!«
Ich will keinen heißen Glühwein,
keinen Punsch und keinen Sekt,
gebt mir acqua minerale,
auch wenn mir das gar nicht schmeckt!
Ich will erst wieder was Süßes,
wenn die Fastenzeit vorbei;
aber dann, das weiß ich jetzt schon,
gibt’s ein Riesen – Schokoei!

»Ich will keine Schokolade …

Susanne Steinhagen, Dortmund

Fragenreiche Zeit

Von 8. Januar 2015 um 18:00 Uhr

(Nach Joseph von Eichendorff, »Weihnachten«)

Markt und Kaufland füllen Kassen,
Neonlichter flackern grell,
Menschen gierig Waren fassen,
Taumelnd wie im Karussell.

Städte schlucken Blechlawinen,
Spucken sie dann dröhnend aus,
Manchmal bersten Cocktail-Minen
Hinterm Weihnachts-Waren-Haus.

Düsenjäger werfen Bomben
Für den Frieden in der Welt,
Und die Rüstungslobbyisten
Zählen grinsend Weihnachtsgeld.

Jesus trifft in Palästina
Den Propheten Mohammed,
Fragend, ob Gott oder Allah
Gnädig Wohlgefallen hätt

An den Menschen, die hier wohnen,
In den Wüsten eingeschneit,
Und sich selber künstlich klonen –
O, du fragenreiche Zeit!

Erhard Jöst, Heilbronn

Der Winter steht im Waschhaus

Von 4. Januar 2015 um 15:00 Uhr

(Nach Peter Hacks, »Der Herbst steht auf der Leiter«)

Der Winter steht im Waschhaus
und wäscht, so fest er kann,
die Farben aus der Landschaft raus,
der kalte Dunkelmann.

Er putzt und reinigt eifrig
den Wald, den Berg, das Tal.
Es ist schon alles seifig,
das hatten wir schon mal.

Die Tanne spricht zum Wintersmann
und zieht recht dumme Fratzen:
Seht euch die andern Bäume an,
die stehen da mit Glatzen!

So spricht die Tanne munter
und findet sich so fein.
Doch bald schlägt man sie runter
und lässt sie Weihnachtsbäumchen sein.

Ute Malkowsky-Moritz, Berlin

Hinter ihm Himmel und Meer

Von 26. Dezember 2014 um 18:00 Uhr

Die Schwester unserer spanischen Freundin Blanca hat ein Gedicht über ihren Nachbarn in Südspanien verfasst. Es zeichnet ein wunderbar eingängiges Bild von einem Mann, der demenzkrank ist. Ich riet Blanca, sie solle sich zusammen mit Carmen, ihrer Schwester, an eine deutsche Ü bersetzung machen. Das haben die beiden nun getan und über zwei Monate daran herumgedrechselt. Hier sind beide Varianten:

El verano que observé

Un día sintió la necesidad
de sentarse al revés
detrás quedaban mar y cielo
delante, la mirada fija
en las losas verdes del salón

dentro no ocurría nada
sin embargo él habia decidido
sin más, dar la espalda al horizonte.

El verano que observé que José María no era el mismo

Der Sommer, als ich sah

Eines Tages verspürte er den Drang,
sich andersherum zu setzen.
Hinter ihm Himmel und Meer,
vor ihm, fest im Blick,
die grünen Fliesen des Salons.

Drinnen geschah nichts,
und dennoch hatte er entschieden,
dem Horizont den Rücken zu kehren.

Der Sommer, als ich sah, dass José María nicht mehr er war.

Carmen de Castillo-Elejabeytia

Wolfgang von Renteln-Kruse, Hamburg

Fatal

Von 23. Dezember 2014 um 12:00 Uhr

(nach Ludwig Tieck, »Herbstlied«)

Hirnwärts schlug es bei mir ein,
Es zuckten Finger, Arm und Bein.
Mir sang’s in unheimlichem Ton:
Ade, du fliegest nun davon
Weit! Weit!
Reist du noch heut.

Ich horchte bang in mich hinein:
Sollt’ das die letzte Botschaft sein?
Mit grauem Schmerz, mit trüber Lust
Stieg wechselnd bald und sank die Brust,
Herz! Herz!
Brichst du in dumpfem Schmerz?

Auf einmal Ärzte um mich rum,
Da wusst ich: Ach! das Klinikum.
Neurologen, Radiologen,
Kommen um das Eck gebogen,
Und eh’ ich kann’s verwehren,
Steck ich in den Röhren.

Von rückwärts kam ein Assistent
Ziemlich locker angerennt.
Er sah mein tränend Angesicht
Und sagte: Mann, verzweifle nicht
Nein! Nein!
Es ist banal –
nur ein leichter Schlaganfall!

Lothar Rehfeldt, Lübeck

Franz macht mich Dada

Von 9. Dezember 2014 um 18:00 Uhr

(nach Kurt Schwitters, »An Anna Blume«)

Oh Du, geliebtes Ding meiner 73 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir?
Du gehörst beiläufig ganz zu mir!

Wer bist Du, auserwähltes Stück, Du bist, bist Du?
Manche Leute sagen, Du wärest ein Hamburger.
Manche halten Dich für einen Franzosen.
Lass sie sagen, sie wissen nicht, wo der Hammer hängt.

Du trägst tiefe Falten im Gesicht und klebst von alle Seiten,
von allen Seiten fest klebst Du.

Halloh, Deine zimtigen Kleider, mit zärtlichen Zähnen zerkaut,
Zimtig liebe ich, Franz, so liebe ich Dir.
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —– wir?
Das wissen beiläufig auch die Bäcker nicht!
Franz, weicher warmer Franz, wie sagen die Leute?

Preisfrage:

1.) Franz isst einen Brötchen,
2.) Franz ist sexy.
3.) Welches Brötchen ist Franz.

Schwer ist der Duft Deiner goldenen Haut,
Rot ist mein Verlangen nach Franz.
Das geile Teil, ich fühle es durch die Tüte,
Du liebes, saftiges Tier, ich liebe Dir!
Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir!
Dass ich auch Deine Brüder liebe,
weiß beiläufig nur die — Bäckerin.

Franz Brötchen, Franz, F—-R—-A—-N—-Z!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie flüssiger Honig.

Weißt Du es Franz, weißt Du es schon,
Man kann Dich auch chinesisch sprechen.
Pflanz Blödchen.
Dieser Bäcker ist ein Gärtner,
der sich mit dem Lehrling zofft.
Aber Du, Du Herrlichster von allen,
Du bist französisch wie chinesisch:
verlockend und süß.
Honig träufelt GENIESSEN über meinen Rücken.
Franz Brötchen,
Du sündige Gier,
Ich——-will——-vier——–von——-Dir!

Corinna Feierabend, Hamburg

Der Grünkohlverderber

Von 4. Dezember 2014 um 15:00 Uhr

(Nach Johann Wolfgang von Goethe, »Der Erlkönig«)

Wer hat denn so spät noch zur Mitternacht
Den Kessel mit Grünkohl aufs Feuer gebracht?
Es ist der Meister der Küchenkunst,
Er werkelt geschäftig im Grünkohldunst!

Er kocht ein gar köstliches Grünkohlgericht
Und sieht wohl den Grünkohlverderber noch nicht.
Der Grünkohlverderber, mit Paprika,
Mit Curry und Minze, ist nämlich schon da!

»Oh Meister, oh Meister, komm geh mit mir!
Gar schöne Gewürze, die kauf ich dir.
Es gibt auf dem Markt einen türkischen Stand,
Der hat wohl die schärfsten Gewürze im Land.«

Der Meister sinniert, er möchte das nicht,
Was Grünkohlverderber ihm alles verspricht!
Er bleibt noch ganz ruhig, während er sinnt,
Mit den Suppenkellen klappert der Wind.

»Willst, großer Meister, du mit mir geh’n?
Auch meine Töchter, die würzen sehr schön,
Meine Töchter, die würzen je nach Bedarf,
Mal milde, mal sinnlich, mal saumäßig scharf!«

Der Meister, er schwankt und rührt nun schon schneller,
Der Morgen ergraut, und es wird langsam heller.
Dem Grünkohlverderber wird es zu bunt,
Jetzt macht er den Meister mal ordentlich rund!

»Jetzt würz ich den Grünkohl, ihm fehlt noch Gehalt
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!«
Dann geht er zum Kessel und fasst ihn an,
Jetzt hat er dem Grünkohl was angetan!

Dem Meister grauset’s, er betet zu Gott,
Und blickt ganz entsetzt auf den Grünkohlpott,
Er rühret und rühret in seiner Not,
Der Kohl war mal grün und jetzt ist er – rot!

Rüdiger Will, Hannover

Der Ganter

Von 28. November 2014 um 12:00 Uhr

Wiese bei Godorf, vor Martini

(Nach Rainer Maria Rilke, »Der Panther. Im Jardin des Plantes, Paris«)

Sein Geist ist vom Gewatschel neben Hecken
so wach geworden, dass ihn nichts mehr hält.
Ihn können keine tausend Hecken schrecken,
denn hinter tausend Hecken steckt die Welt.

Dem Gänsemarsch in tapsend plumpen Schritten
entflieht er, fliegt, ist jetzt kein Mastvieh mehr.
Um Fertigfutter wird er nie mehr bitten.
Der Tod kommt später, ihn zieht’s übers Meer.

Von Ferne locken laut die wilden Brüder,
sein Herz bejubelt still sein neues Sein.
Am Boden klingt das Schnattern müd und müder,
doch er schwebt stolz in langer Kette heim.

Andreas Graf, Köln