Ein Blog mit Ihren Notizen, Gedichten und Bildern für die gedruckte ZEIT
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Ein Gedicht! Klassische Lyrik

Der Fußballer

Von 22. März 2015 um 12:00 Uhr

(sehr frei nach Rainer Maria Rilke Der Panther)

Die einen (wie Ronaldo und Pele) be­-
neidet und verehrt in dieser Fußballwelt,
die anderen im Dunkel, als ob es sie nicht gäbe:
Beim Publikum zählt einer nur: der Held.

Gebroch’ne Knochen? Wer wohl nicht d’ran litte,
das bisschen Ruhm von einst ist rasch verweht.
Erinn’rung bleibt an all die Fouls und Tritte,
die Schienbeinwunden, dutzendfach genäht.

Wie schmeckt sie, diese bitter­saure Pille,
noch jung, schon alt und aussortiert zu sein?
Was nützen denn die hart verdienten Mille,
bei Kreuzbandriss und einem steifen Bein?

Kurt Wagner, Bonn

Gebet

Von 13. März 2015 um 15:00 Uhr

(nach Rainer Maria Rilke, Herbsttag)

HERR: es ist Zeit, der Horror ist so groß.
Leg deine Hände auf das Weltgeschehen,
und schicke deine Friedensboten los.

Du bist allein der Schöpfer dieser Welt;
befiehl den bösen Mächten aufzugeben.
Noch ist nur Rache, Hass und Machtbestreben,
was mancher für das Ziel des Lebens hält.

Leg deine Hände auf dein Werk, die Erde,
dass wir dich nicht verdrängen, auf dich hören;
dass unser Leben hier gerechter werde,
dring tief in aller Menschen Seelen ein.
Sonst werden wir uns selber bald zerstören,
wird außer Dunkelheit und Leere nichts mehr sein.

Dorothea Jakob, Hamburg

Das Astgedicht

Von 6. März 2015 um 18:00 Uhr

(frei nach Vicco von Bülow)

Er war mir bei des Gartens Pflege
Seit langer Zeit schon sehr im Wege.
So kam ich mit mir überein:
Am Samstagmittag muss es sein!

Und als die Amsel ging zur Ruh,
Das Käuzchen tat die Äuglein zu,
Absägte ich direkt von vorn
Den groben Ast in Wut und Zorn.

Nicht nur den Kirschbaum hat’s getroffen,
Der Apfelbaum war noch am Hoffen,
Da kam mit Werkzeug ihm ich schon entgegen
Und tat ihm Arm um Arm absägen.

Nun kann ich fröhlich wieder mähen,
Kann ganz bis hinten durch nun sehen,
Kein Ast, kein Dorn den Rücken pikt,
Da die Natur ich hab besiegt!

Martin Müller, Rockenberg, Hessen

Das Griechenröslein

Von 4. März 2015 um 12:00 Uhr

(Nach Johann Wolfgang von Goethe, »Das Heidenröslein«)

Europa sah den Tsipras steh’n,
Tsipras nach den Wahlen.
War so jung und morgenschön,
Lief sie schnell, ihn nah zu sehn;
Sah ihn und litt Qualen.
Tsipras, Tsipras, Tsipras rot,
Tsipras nach den Wahlen.

Europa sprach: Ich breche dich,
Tsipras nach den Wahlen!
Tsipras sprach: Ich ärg’re dich,
Dass du ewig denkst an mich.
Und ich zeig’s euch allen.
Tsipras, Tsipras, Tsipras rot,
Tsipras nach den Wahlen.

Und EU, die wilde, brach
Tsipras nach den Wahlen.
Tsipras wagt den Börsenkrach
Und auch jede weit’re Schmach,
Will eben nichts mehr zahlen.
Tsipras, Tsipras, Tsipras rot,
Tsipras nach den Wahlen.

Brigitte König, Ingolstadt

Finn Guck-in-die-App

Von 24. Februar 2015 um 12:00 Uhr

(nach Heinrich Hoffmann: Die Geschichte vom Hanns Guck-in-die-Luft)

Wenn der F i n n zur Schule ging,
Stets sein Blick am Smartphone hing.
Und nach Menschen, Autos, Ampel
Schaut er nicht, der kleine Trampel.
Vor die eignen Füße dicht,
Nein, da sah der Bursche nicht.
Auch nicht, wenn ein jeder rief:
»Finn, das geht noch einmal schief!«

Kam ein Hund dahergerannt;
Finn, der schaute unverwandt
Starren Blickes auf die App.
Jemand rief: »Pass auf, du Depp!
Finn, gib acht, der Hund ist nah!«
Doch er hört nichts. Was geschah?
Rumms und krach! Da lagen zwei!
Finn und Smartphone nebenbei.

Dann ging er am Wegesrand
Mit dem Tablet in der Hand.
Lud ein neues Foto hoch,
Schaut ganz schnell ein Video noch.
Also dass er kerzengrad
Immer mehr zum Fluss hin trat.
Und die Fische in der Reih’
War’n erstaunt sehr, alle drei.

Noch ein Schritt! Und plumps!
Der Finn Stürzte in die Brühe rin! –
Die drei Fischlein, sehr erschreckt,
haben sich zuerst versteckt.

Und zum Glück da kamen zwei
Männer aus der Näh’ herbei.
Und die haben Finn mit Stangen
Aus dem Wasser aufgefangen.

Seht! Nun stand er triefend nass!
Au! Das war ein schlechter Spaß!
Wasser lief dem armen Wicht
Aus den Haaren ins Gesicht,
Aus den Kleidern, von den Armen;
Und es fror ihn zum Erbarmen.

Doch die Fischlein alle drei,
Schwammen hurtig gleich herbei.
Streckten’s Tablet aus der Flut,
Lachten voller Übermut.
Filmten frech den armen Finn,
Schickten es zu YouTube hin,
Traten’s noch per Twitter breit;
Im ganzen Fluss herrscht’ Heiterkeit.

Wolfgang Britz, Düren

Der Grantler

Von 18. Februar 2015 um 18:00 Uhr

(nach Rainer Maria Rilke: Der Panther)

Sein Stimm’ ist vor Verzweiflung, Wut und Häme
so bös geworden, dass sie nicht gefällt.
Ihm ist, als ob es nur Probleme gäbe
und außer den Problemen keine Welt.

Sein enger Geist, beleidigt, stark beschnitten,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
zeigt Stagnation nur und Tristesse mitten
in der Welt, die bunt und lebhaft ihn umweht.

Nur manchmal bringt des Lebens laute Weise
ihm den Moment –, dann holt das Glück ihn ein,
verweilet einen Augenblick, ganz leise –
und hört doch augenblicklich auf zu sein.

Stephan Pickartz, Köln

kafkas samsa

Von 14. Februar 2015 um 12:00 Uhr

(nach Ernst Jandl, »ottos mops« – ein wenig kafkaesk)

kafkas samsa plagt gram kafka:
lach mal samsa lach mal
samsa zagt: hab angst
kafka: ach quatsch
samsa: scham nagt ganz stark

kafka plant anschlag
kafka: abrakadabra ...
samsa: lass das franz lass das
kafka kappt rasch samsas a
kafka: samsa-la-bam!
sams baff: krass das war haarscharf

kafka knallhart: das a war abfall
sams japst nach lachanfall achtmal:
hahaha kafka dankbar: na das klappt ja
sams lacht: mann das macht spaß
kafka tanzt: ahaahaaha dadada

Andreas Graf, Köln

Ich weiß nicht…

Von 9. Februar 2015 um 18:00 Uhr

(nach Heinrich Heine, "Lied von der Loreley")

Ich weiß nicht, soll ich noch sparen,
Wenn übrig bleibt kein Gewinn?
Die Zinsen aus früheren Jahren,
Die gehn mir nicht aus dem Sinn.

Der Dax steigt, aber die Zinsen –
Da stellt sich kein Aufschwung mehr ein;
Erspartes geht in die Binsen,
Und Zielen stellt man ein Bein.

Den Sparer mit Tagesgeldkonto
Erfüllt es mit Ärger und Graus;
Und gibt es wirklich mal Skonto,
Dann schlägt’s bei den Zinsen aus.

Ich glaube, Renditen verblassen
Wie weiland Schiffer und Kahn.
Und das hat mit seinen Erlassen
Der Mario Draghi getan.

Ulrich Novotny, Immenstadt im Allgäu

Gesundheit!?

Von 29. Januar 2015 um 18:00 Uhr

(frei nach Eugen Roth)

Herr Bert, gepeinigt von den Viren,
schleppt sich beinah auf allen vieren,
hoffend auf Medikation,
zu eines Arztes Rezeption.

»Stimmt noch die Anschrift und der Name?«,
fragt hinterm Tresen streng die Dame.
Auf einem Schildchen kann er lesen:
Schwester Irene heißt der Besen.

»Ja sicher ...«, stöhnt er schmerzverzerrt,
in seinem Ohr ein Pfeifkonzert.
Von ganz weit her hört er den Satz:
»Meinetwegen, nehm’ Sie Platz !«
Mit 39,8 Grad Fieber
wär ihm zu liegen deutlich lieber.

Kaum dass er vor dem Arzte sitzt,
der ständig aus dem Zimmer flitzt.
Dabei hört er ihn lauthals jammern
und sich an die Reformen klammern.
»Bedaure, aber Grippemittel ...«

– springt auf und streicht sich glatt den Kittel –
»verschreibungstechnisch sind tabu!«
Drum draußen steht Herr Bert im Nu.
Kriegt statt Rezept mit auf den Weg:
Dass ja er sich ins Bette leg!

Bereichert doch die Grippewelle
den Apotheker, so er helle!
An dessen Tür, in seiner Not,
Herr Bert nun schellt, die Wangen rot.
Und sieht – dankbar – im Fieberwahn,
schon aufgeschlossen diesen nah’n.

Bald steht er da, umringt von Pillen,
die Schnupfen und auch Husten stillen.
»Hier, für die Nase noch ein Spray,
und seh’n Sie nur: Erkältungstee!«
Erklärt wird ihm am Ende froh
der Nebenwirkung Risiko.

Nun ist die Lage gar vertrackt:
Herr Bert hat’s Geld nicht eingepackt!
Geplagt von Pein und ohne Wort,
verlässt er schlapp auch diesen Ort.

Da führt der Weg ihn geradeaus,
schnurstracks ins Bett – zu sich nach Haus.
Bekämpft dort im Familienkreis
die Grippe mit Zitrone (heiß !)
und Hühnersuppe, warmen Güssen,
bis er nicht mehr hat prusten müssen.

Und die Moral von der Geschicht?
Ob wir es wollen oder nicht ...
Bist knapp an Geld du heutzutage,
bleib gleich zu Haus, üb’ Rückenlage!
Von Menschen in ’nem weißen Kittel
gibt’s jedenfalls kein Grippemittel!

Sabine Wilhelm-Osterloh, Berlin

Das neue Jahr

Von 21. Januar 2015 um 15:00 Uhr

(frei nach Erich Kästner, »Der Januar«)

Ich werde mich vom alten Jahr nun trennen.
und reiche ihm betroffen seinen Hut.
Was wird geschehn, bis wir das Neue kennen –
in Gänze es dann resümierend nennen:
chaotisch, launisch oder sogar gut?

Bei Bowle, Punsch und Blei im Kerzenschimmer
umrätseln wir der Zukunft dunkles Spiel.
Durchströmt von Lebensfreude und Gewimmer
– Wird’s angenehmer oder eher schlimmer? –
erkennen nie und nimmer wir das Ziel.

Beendet sei das große Spekulieren!
Zurück- und vorgedacht: es bringt nichts ein!
Den ganzen Tag lang Wünsche projizieren,
mit vagen Möglichkeiten wild jonglieren –
womöglich bricht’s am Ende mir das Bein!

Drum lasst uns hübsch bescheiden bleiben!
Zum Trübsalblasen reicht doch nicht die Zeit.
Wir sollten uns der Zuversicht verschreiben,
des Lebens Ernst nicht auf die Spitze treiben
in dankbar-heiterer Gelassenheit.

Vincenz Keuck, Oerlinghausen, Nordrhein-Westfalen

In Strophe drei, dritte Zeile, hieß es ursprünglich falsch: "Tagelang Wünsche projizieren". Das war vom Verfasser so nicht intendiert und brach mit der Metrik. Wir haben die Zeile nachträglich korrigiert.