Ein Blog mit Ihren Notizen, Gedichten und Bildern für die gedruckte ZEIT
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Ein Gedicht! Klassische Lyrik

haralds drama

Von 22. April 2015 um 18:00 Uhr

(nach Ernst Jandl »ottos mops«)

harald mag anna
harald fragt: mag anna harald
anna lacht
harald: anna was

harald zahlt armband
harald macht lamm
harald macht salat
harald schnappt anna
anna: lass das harald lass

harald plagt gram
harald klagt: anna kalt
anna macht kaba
anna sagt: anna mag hans
harald: achannaachanna

Marion Birkenfelder-Linn, Essen

Schlüsselblumen

Von 16. April 2015 um 14:00 Uhr

(nach Johannes Kühn, »Sonnenblumen«)

Schlüsselblumen,
das sind die Lebensretterinnen
aus Kindertagen,
wenn die Nachbarin stirbt
und der Himmel gerade zuhat.
Das sind die Kussmünder des Frühlings,
von Mädchenhänden getragen
zur Maiandacht,

Glockenröcke
goldgelber Feiertage,
dampfgebügelt
aus Mutters zärtlicher Hand.

Durstlöschende Kelche
erinnern mich,
weiterzureichen
den Frieden stiftenden Wein.

Doris Franziska Franz, Andelsbuch, Österreich

Die Zeitumstellung

Von 12. April 2015 um 15:00 Uhr

(nach Friedrich Schiller, »Die Bürgschaft«)

Zum Winter, dem kalten Tyrannen, schlich
der Frühling, die Sonn im Gewande.
Doch sein Anschlag verlief leider im Sande.
»Was wolltest du mit der Sonne, sprich!«,
Fragt ihn gar finster der Wüterich.
»Die Welt von der Kälte befreien!«
»Das sollst du bei Hagel bereuen!«

»Ich bin«, spricht der Lenz, »zu frieren bereit,
Und flehte nicht um ein paar Tage,
Hätt ich nicht ’ne wichtige Frage ...
In einigen Tagen ist es so weit,
Da wechseln die Menschen zur Sommerzeit,
Und ich muss die Uhren umstellen,
Und ihnen den Abend erhellen.
Ich lass als Garant dir die Sonne,
Schmeiß sie, wenn ich fehl, in die Tonne!«

Da lächelt der listige Winter und spricht:
»Die Zeit, die will ich dir schenken,
Da habe ich keine Bedenken.
Doch erscheinst du am Morgen bis acht Uhr nicht,
So erlebt diese Erde nie wieder das Licht,
Denn dann werd ich die Sonne vernichten
Und mit Schnee alles Leben beschichten!«

Und der Lenz spricht zur Sonne: »Verzweifele nicht,
Ich erscheine pünktlich am Morgen,
Da mach dir mal keinerlei Sorgen!«
Und derweil er zu seiner Reise aufbricht,
Erfüllt die Sonn ihre Bürgenpflicht
Und bleibt bei dem Winter, dem kalten,
Um den Menschen den Lenz zu erhalten.

Und nach einigen Tagen ist es so weit,
Und es erscheinen zum nächtlichen Feste
Herbst und Sommer als fröhliche Gäste.
Sie begrüßen voll Freude die Sommerzeit,
Denn sie sind dunkle Abende elendig leid!
Und so feiern die Freunde mit Hochgenuss,
Und der Lenz vergisst, dass zum Winter er muss,
Bis die Uhr schlägt zur achten Stunde ...
Da erschallt es aus seinem Munde:
»Ach weh, ich trink auf das Morgenrot
Und bringe damit der Sonne den Tod!
Ich eile zurück, ich werde mich sputen
Und hoffe, es wendet sich alles zum Guten!«

Und der Lenz kommt zum Winter, und es ist ihm bang,
Sieht die Sonn, die am ganzen Leib zittert,
Sieht den Winter – verdutzt – ganz verbittert,
Wie er lugt um den Bettvorhang
und gähnet – heftig und lang ...
»Es ist«, spricht der Winter, »erst kurz nach sieben,
Ich hoffte, du wärest länger geblieben,
Berauscht von der nächtlichen Feier,
So nimm halt die Sonn, hol’s der Geier!«

Und das Antlitz des Frühlings sich erhellt:
»Der Depp hat noch nicht die Uhr umgestellt!«
Und er schnappt sich die Sonne und rennt und rennt,
Derweil der Winter für Monate pennt ...

Rotraud Hellhake, Berlin

Der Frühling packt die Koffer aus

Von 2. April 2015 um 18:00 Uhr

(nach Peter Hacks »Der Herbst steht auf der Leiter«)

Der Frühling ist grad heimgekehrt
und packt die Koffer aus.
Er ist uns lieb, er ist uns wert:
Jagt doch den Winter raus!

Er füllt die kahlen Lande hier
nimmt aus den Koffern Stück für Stück:
die Blätter, Blüten, Käfertier’
und setzt sie in die Welt zurück.

Die Tanne mault den Frühling an:
»Den andern färbste zart das Laub,
doch meine Nadeln komm’ nicht dran,
bei mir, da bleibste taub!«

Des Frühlings Koffer sind bald leer,
die Welt wird wieder munter.
Das Leben ist nicht mehr so schwer,
jetzt ist es wieder bunter!

Ute Malkowsky-Moritz, Berlin

Der Fußballer

Von 22. März 2015 um 12:00 Uhr

(sehr frei nach Rainer Maria Rilke Der Panther)

Die einen (wie Ronaldo und Pele) be­-
neidet und verehrt in dieser Fußballwelt,
die anderen im Dunkel, als ob es sie nicht gäbe:
Beim Publikum zählt einer nur: der Held.

Gebroch’ne Knochen? Wer wohl nicht d’ran litte,
das bisschen Ruhm von einst ist rasch verweht.
Erinn’rung bleibt an all die Fouls und Tritte,
die Schienbeinwunden, dutzendfach genäht.

Wie schmeckt sie, diese bitter­saure Pille,
noch jung, schon alt und aussortiert zu sein?
Was nützen denn die hart verdienten Mille,
bei Kreuzbandriss und einem steifen Bein?

Kurt Wagner, Bonn

Gebet

Von 13. März 2015 um 15:00 Uhr

(nach Rainer Maria Rilke, Herbsttag)

HERR: es ist Zeit, der Horror ist so groß.
Leg deine Hände auf das Weltgeschehen,
und schicke deine Friedensboten los.

Du bist allein der Schöpfer dieser Welt;
befiehl den bösen Mächten aufzugeben.
Noch ist nur Rache, Hass und Machtbestreben,
was mancher für das Ziel des Lebens hält.

Leg deine Hände auf dein Werk, die Erde,
dass wir dich nicht verdrängen, auf dich hören;
dass unser Leben hier gerechter werde,
dring tief in aller Menschen Seelen ein.
Sonst werden wir uns selber bald zerstören,
wird außer Dunkelheit und Leere nichts mehr sein.

Dorothea Jakob, Hamburg

Das Astgedicht

Von 6. März 2015 um 18:00 Uhr

(frei nach Vicco von Bülow)

Er war mir bei des Gartens Pflege
Seit langer Zeit schon sehr im Wege.
So kam ich mit mir überein:
Am Samstagmittag muss es sein!

Und als die Amsel ging zur Ruh,
Das Käuzchen tat die Äuglein zu,
Absägte ich direkt von vorn
Den groben Ast in Wut und Zorn.

Nicht nur den Kirschbaum hat’s getroffen,
Der Apfelbaum war noch am Hoffen,
Da kam mit Werkzeug ihm ich schon entgegen
Und tat ihm Arm um Arm absägen.

Nun kann ich fröhlich wieder mähen,
Kann ganz bis hinten durch nun sehen,
Kein Ast, kein Dorn den Rücken pikt,
Da die Natur ich hab besiegt!

Martin Müller, Rockenberg, Hessen

Das Griechenröslein

Von 4. März 2015 um 12:00 Uhr

(Nach Johann Wolfgang von Goethe, »Das Heidenröslein«)

Europa sah den Tsipras steh’n,
Tsipras nach den Wahlen.
War so jung und morgenschön,
Lief sie schnell, ihn nah zu sehn;
Sah ihn und litt Qualen.
Tsipras, Tsipras, Tsipras rot,
Tsipras nach den Wahlen.

Europa sprach: Ich breche dich,
Tsipras nach den Wahlen!
Tsipras sprach: Ich ärg’re dich,
Dass du ewig denkst an mich.
Und ich zeig’s euch allen.
Tsipras, Tsipras, Tsipras rot,
Tsipras nach den Wahlen.

Und EU, die wilde, brach
Tsipras nach den Wahlen.
Tsipras wagt den Börsenkrach
Und auch jede weit’re Schmach,
Will eben nichts mehr zahlen.
Tsipras, Tsipras, Tsipras rot,
Tsipras nach den Wahlen.

Brigitte König, Ingolstadt

Finn Guck-in-die-App

Von 24. Februar 2015 um 12:00 Uhr

(nach Heinrich Hoffmann: Die Geschichte vom Hanns Guck-in-die-Luft)

Wenn der F i n n zur Schule ging,
Stets sein Blick am Smartphone hing.
Und nach Menschen, Autos, Ampel
Schaut er nicht, der kleine Trampel.
Vor die eignen Füße dicht,
Nein, da sah der Bursche nicht.
Auch nicht, wenn ein jeder rief:
»Finn, das geht noch einmal schief!«

Kam ein Hund dahergerannt;
Finn, der schaute unverwandt
Starren Blickes auf die App.
Jemand rief: »Pass auf, du Depp!
Finn, gib acht, der Hund ist nah!«
Doch er hört nichts. Was geschah?
Rumms und krach! Da lagen zwei!
Finn und Smartphone nebenbei.

Dann ging er am Wegesrand
Mit dem Tablet in der Hand.
Lud ein neues Foto hoch,
Schaut ganz schnell ein Video noch.
Also dass er kerzengrad
Immer mehr zum Fluss hin trat.
Und die Fische in der Reih’
War’n erstaunt sehr, alle drei.

Noch ein Schritt! Und plumps!
Der Finn Stürzte in die Brühe rin! –
Die drei Fischlein, sehr erschreckt,
haben sich zuerst versteckt.

Und zum Glück da kamen zwei
Männer aus der Näh’ herbei.
Und die haben Finn mit Stangen
Aus dem Wasser aufgefangen.

Seht! Nun stand er triefend nass!
Au! Das war ein schlechter Spaß!
Wasser lief dem armen Wicht
Aus den Haaren ins Gesicht,
Aus den Kleidern, von den Armen;
Und es fror ihn zum Erbarmen.

Doch die Fischlein alle drei,
Schwammen hurtig gleich herbei.
Streckten’s Tablet aus der Flut,
Lachten voller Übermut.
Filmten frech den armen Finn,
Schickten es zu YouTube hin,
Traten’s noch per Twitter breit;
Im ganzen Fluss herrscht’ Heiterkeit.

Wolfgang Britz, Düren

Der Grantler

Von 18. Februar 2015 um 18:00 Uhr

(nach Rainer Maria Rilke: Der Panther)

Sein Stimm’ ist vor Verzweiflung, Wut und Häme
so bös geworden, dass sie nicht gefällt.
Ihm ist, als ob es nur Probleme gäbe
und außer den Problemen keine Welt.

Sein enger Geist, beleidigt, stark beschnitten,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
zeigt Stagnation nur und Tristesse mitten
in der Welt, die bunt und lebhaft ihn umweht.

Nur manchmal bringt des Lebens laute Weise
ihm den Moment –, dann holt das Glück ihn ein,
verweilet einen Augenblick, ganz leise –
und hört doch augenblicklich auf zu sein.

Stephan Pickartz, Köln