Ein Blog mit Ihren Notizen, Gedichten und Bildern für die gedruckte ZEIT
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Ein Gedicht! Klassische Lyrik

Verflogen

Von 7. September 2014 um 18:00 Uhr

(nach Johann Wolfgang von Goethe, »Gefunden«)

Ich saß am Teiche
So vor mich hin,
Und nicht zu baden,
Das war mein Sinn.

Aus heiterem Nichts
(Es ging auf vier),
Tanzt’ plötzlich ein
Insekt vor mir.

Flog auf und nieder,
Vor und zurück,
Schien was zu suchen.
War’s das Glück?

Ich fragt’ die Libelle.
Sie sagte fein:
Ich finde hier den Ausgang nicht,
Hab’ mich verflogen in dies Gedicht!

Stumm wies ich mit der Hand nach oben,
Libellchen ist davongeflogen.
Was lehrt uns so der kleine Brummer?
Meidet die Teiche, hier droht Kummer!

Fritz Nötzel, Lohmar

Morgenlied

Von 1. September 2014 um 12:00 Uhr

(nach Matthias Claudius’ Abendlied »Der Mond ist aufgegangen«)

Der Tag hat sich erhoben,
Am Himmel ganz weit oben
Glüht rosagoldner Schein;
In morgenkühler Ferne
Verlöschen letzte Sterne,
Bald schwebt die Sonnenkugel ein.

Auf Wassern liegt ein Flimmer
Von sanftem Tagesschimmer,
Tanzt hell und wunderbar;
Lautlose Federschwingen,
Die frühen Vögel singen
In feinem Nebel unsichtbar.

Wind geht durch Gras und Bäume,
Weht über Land und Träume,
Licht weckt die Schläfer auf;
Tau lächelt unter Tränen,
Ich spür ein tiefes Sehnen,
Und meine Seele geht mir auf.

Sabine Ludwigs, Lünen

Er schafft’s

Von 27. Juni 2014 um 12:00 Uhr

(nach Eduard Mörike, »Er ist’s«)

Fußball lässt sein ledern Rund
wieder fliegen durch Arenen,
macht die Taschen voll all jenen,
die sich laufen Hacken wund,
doch auch Manager
können hier verdienen.
– Horch, hier klingt es kaum nach Freude
mehr!
Fußball, ja du schaffst’s,
Liebe zu verminen.

Jörg Schwenzfeier-Brohm, Monheim am Rhein

Effi Briest Easy Reader

Von 21. Juni 2014 um 18:00 Uhr

(nach Theodor Fontane »Effi Briest«)

Kuss.
Genuss.
Erguss.
Verdruss
Schuss.
Schluss.

Andreas Graf, Köln

heidekonzert

Von 3. Juni 2014 um 18:00 Uhr

immen summen
hummeln brummeln
grillen geigen

grillen geigen
immen summen
hummeln brummeln

hummeln brummeln
grillen geigen
immen summen

oh wie köstlich hermann löns
klingt uns dein naturgedöns

Jürgen Maruhn, Marburg

Der Dater

Von 28. Mai 2014 um 18:00 Uhr

(nach Rainer Maria Rilke, »Der Panther«)

Sein Klick ist von vorüberziehenden Profilen
so müd geworden, dass ihn nichts mehr hält.
Ihm ist, als gäb’s der Singles viele,
doch hinter tausend Fotos keine Welt

Die große Zahl gefällig schöner Frauen,
die sich vor seinem Auge zeigt,
scheint wie ein Auftrag, endlich sich zu trauen,
sonst wär die Chance vielleicht vergeigt

Nur manchmal tut sich die Fassade
ganz sachte auf, dann geht ’ne Nachricht ein.
Er liest und denkt sich: spannend,
schön und süß wie Schokolade
und hofft, die Frau ließ’ doch sich auf ihn ein

Philipp Kuhn, München

annas ananassalat

Von 24. Mai 2014 um 15:00 Uhr

(nach Ernst Jandl, »ottos mops«)

anna fragt: macht
ananas an
papa sagt: ananas
macht krank
mama sagt: ananas
macht alt
adam sagt: quatsch

anna mag adam
anna macht adam
ananassalat
adam mag annas
ananassalat
ananas macht adam an

adam: ach, anna, ach
anna: mach was, adam
adam macht was
anna: ah ja ja

Paul Pfeffer, Kelkheim

Frühling

Von 15. Mai 2014 um 18:00 Uhr

(nach Eduard Mörike, »Er ist’s«)

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder knattern durch die Lüfte.
Treibstoff! Wohlbekannte Düfte
Streifen abgasvoll das Land.
Fahrradfahrer träumten schon,
Wand’rer wollten kommen.

– Horch, von fern ein Martinshorn!
Frühling, ja das ist dein Ton!
Dich hab ich vernommen.

Claudia Kufeld, Kierspe, Nordrhein-Westfalen

Roboter, 2020

Von 9. Mai 2014 um 18:00 Uhr

(nach Rainer Maria Rilke, »Gott im Mittelalter«)

Und sie planten seine Konstruktion
und sie wollten, dass er sie entlaste,
und sie bauten schließlich eine Taste
(zu verhindern eine Fehlfunktion)

in die Mitte seines Steuerschaltpults
auf dem Rücken. Und er sollte nur
rastlos, als Triumph des Technikkults,
dienend kreisen und in einer Tour

Sklave sein bei ihrem Tun und Walten.
Aber plötzlich kam er ganz in Gang,
und die Forscher, die das nie gedacht,

ließen weitergehn ihn, hilflos bang,
kopflos, ohne den RESET zu schalten,
und entflohn vor seiner kalten Macht.

Klaus Graeff, Hennef

Nicht! Nicht mehr!

Von 26. April 2014 um 15:00 Uhr

(frei nach Kurt Tucholsky)

Ein leichter Schock umnebelt die Gedanken:
Verdammt! Was soll der kalte Wind?
Die Winterreifen sind
in der Garage, seit dem letzten Tanken.

Was wehen jetzt des Winters Lüfte,
und die Natur steht wieder still?
Auch der April
verweigert die gewohnten Düfte.

Du lieber Gott, da ist doch nichts dahinter,
wenn dieser Bär sich murrend schleckt
weil wieder aufgeweckt?
So zieh ich mich zurück aus Angst vorm Winter.

Das hab ich nun. Ich muss am Ofen hocken,
die Animalität war zu früh wach.
Ich werde schwach.
Den Apfelblütenregen will ich, keine Flocken!

Joseph Rossa, Weerberg, Österreich