Ein Blog mit Ihren Notizen, Gedichten und Bildern für die gedruckte ZEIT
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Ein Gedicht! Klassische Lyrik

Die Fernseherin Lizzie

Von 18. April 2014 um 18:00 Uhr

(nach Matthias Claudius, »Die Sternseherin Lise«)

Ich sehe gern nach Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und keiner sonst im Hause wacht,
Mir alte Streifen an.

Sie funkeln mir ins Aug’, zerstreut
Wie Kurzschluss-Licht im Flur;
In Serie und aufgereih’t
Wie Perlen an der Schnur;

Sie flimmern alle stundenweit,
Und flackern hell und schön;
Ich schau auf meinen Flachschirm breit
Und kann nicht satt mich sehn.

Man fragt im Heft »Die Fernseh-Welt«,
Und das bewegt die Brust:
»Gibt’s Schön’res unterm Himmelszelt
Als all die Flimmer-Lust?«

Ich werf mich auf mein Boxbett hin,
Und lieg noch etwas wach,
Und denk doch über tief’ren Sinn
Nicht mehr sehr lange nach.

Lothar Schwarz, Troisdorf-Bergheim

Gesucht

Von 12. April 2014 um 15:00 Uhr

(nach Johann Wolfgang von Goethe, »Gefunden«)

Ich ging durch die Straßen
So für mich hin,
Die Stadt lag verlassen,
Und trüb war mein Sinn.

Da sah ich im Schatten
Ein Denkmal stehn,
Ein Mägdelein war es,
So wunderschön.

Ich wollte es bringen
Zu meinem Heim,
Dies tat mir gelingen,
So will es der Reim.

Ich hob sie vom Sockel,
Grub für sie ein Loch.
Sie stand wie ein Gockel
Und steht immer noch.

Ich habe gefunden,
Was stets ich gesucht:
Ein Mädchen aus Marmor,
Sie ist eine Wucht.

Gabriele Lins, Dormagen

annas wal

Von 4. April 2014 um 12:00 Uhr

(nach Ernst Jandl, »ottos mops«)

annas wal kalbt
anna: kalb, wal, kalb
annas wal hat kalb
anna: haha

anna malt wal
anna malt kalb
anna halt
anna: wal wal
anna lacht

annas wal schallt
anna: mach wal mach
annas wal macht
annas wal lacht
anna: tach wal tach

Norbert Sachs-Paulus, Buseck-Trohe, Hessen

Hatschi!

Von 27. März 2014 um 18:00 Uhr

(nach Eduard Mörike, »Er ist’s«) 

Frühling lässt den Pollenschwarm
Wieder schweben durch die Lüfte.
Ach, die edelsten der Düfte
Sind für mich nur Pein und Harm.
Schleimhaut schwillet schon,
Tränen wollen kommen.
Wär’ da nur der leise Harfenton!
Doch »Hatschi« tönt es!
Frühling! Hast’s vernommen!?

Klaus Reif, Bonn

Mein Herz, mein Herz ist alt

Von 21. März 2014 um 15:00 Uhr

(nach Heinrich Heine, »Mein Herz, mein Herz ist traurig«)

Ich sitze im Schatten vorm Hause,
Mein Herz, mein Herz ist alt,
Doch ringsum leuchtet der Frühling,
Es blühen die Kirschen bald!

Dort unten sonnt sich die Straße
In friedlicher Mittagsruh;
Ein Nachbar werkelt im Garten,
Die Nachbarin schaut ihm zu.

Jenseits erheben sich deutlich,
In vielfältig bunter Gestalt,
Landstraßen und Häuser, ein Kirchturm
Und Felder und Wiesen und Wald.

Der Höhenweg auf dem Anger –
Wie liefen wir dort so gern!
Wie nah ist er heute zu sehen –
Und ist doch so sehnsuchtsfern.

Aber möchte ich denn noch wandern?
Jetzt liegt in der Ruhe das Glück;
Die Welt überlasse ich andern,
Schau zu – und denk sinnend zurück.

Lore Bruck, Mainleus-Veitlahm, Bayern

Ein Loblied bei Regen zu singen

Von 16. März 2014 um 15:00 Uhr

(nach Matthias Claudius, »Ein Lied hinterm Ofen zu singen«)

Der Postmann ist ein rechter Mann,
kernfest und auf die Dauer.
Kommt mit der Post stets pünktlich an,
und niemals ist er sauer.

Wenn’s draußen frieret Stein und Bein
und schüttet wie aus Kübeln,
er steckt das alles lässig ein –
wem soll er’s auch verübeln?

Und nach getaner Arbeit still
geht er um zwei, drei Ecken,
setzt sich in einen Hähnchen-Grill
und lässt sich’s trefflich schmecken.

Und dräut der Winter noch so sehr,
der Postmann bleibt bei Laune,
trägt munter seine Fracht umher –
und ich, ihr Leut’, ich staune!

Hier kämen zwar noch ein,
zwei Strophen, doch lass ich’s Dichten gerne sein.
Mach’s mir behaglich hinterm Ofen,
derweil der Postmann frönt dem Hühnerbein.

Lothar Rehfeldt, Lübeck

Gespräch eines Hausse-Spekulanten mit sich selbst

Von 7. März 2014 um 12:00 Uhr

(nach Christian Morgenstern, »Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst«)

Soll i aus mein Aktien raus? Soll i aus mein Aktien nit raus? Ein bisschen raus?
Lieber nit raus?
Hausse aus?
Hausseritraus?
Haussenaus? Rauserauserauserause …

(Der Hausse-Spekulant verfängt sich in seinen eigenen Gedanken, oder vielmehr diese gehen mit ihm dermaßen durch, dass er die weitere Entscheidung der Frage erst mal verschieben muss)

Günter Kirchhain, Leverkusen

Ruhewünsche

Von 2. März 2014 um 15:00 Uhr

(nach Joseph von Eichendorff, »Wünschelrute«)

Schläft ein Lied in allen Dingen,
und besser wär’s, es wacht nicht auf,
denn würd’s jemand zum Klingen bringen,
ging zweifellos die Ruhe drauf.

Jana Lobe, Bamberg

Obacht

Von 21. Februar 2014 um 18:00 Uhr

(nach Joseph von Eichendorff, »Mondnacht«)

Es war als hätt’ der Lümmel
Die Braut mal schnell geküsst,
Dass ich im Menschgetümmel
Dies mit ihm klären müsst.

Die Nerven tobten. Scheiße!
Da hat er nur gelacht.
Mein Hirn ging dummerweise
Mal kurz auf Schicht im Schacht

Und meine Kehle sandte
Wut in die Nacht hinaus.
O Weiberwillen! Tante
Ich geh allein nach Haus!

Maria Gessler, Horb am Neckar

Die Sparschweinmörderin

Von 13. Februar 2014 um 12:00 Uhr

(nach Frank Wedekind, »Der Tantenmörder«)

Ich habe mein Sparschwein geschlachtet,
Mein Sparschwein war alt und schwach,
Mit Euros und Cents überfrachtet.
Da gab ich ihm eines aufs Dach.

Viel’ Münzen fand ich unter den Scherben,
Jedoch an Papiergeld nicht viel.
Dafür musste mein Sparschwein sterben?
Mich schüttelt’s vor Mitgefühl.

Was nutzt es, dass ich mich noch härme –
Denn auch mein Konto ist leer –
So bleibt leider nichts für die wärme-
ren Länder am Mittelmeer.

Mein Geld kann ich dorthin nicht tragen,
So schwer’s meinem Herzen auch ist.
Ich muss mir schon selbst viel versagen.
Die Euro-Krise – ihr wisst.

Ich habe mein Sparschwein geschlachtet,
Mein Sparschwein war alt und schwach.
Die Euro-Krise, sie trachtet
Selbst meinem Spargroschen nach.

Brunhild Bast, Lambsheim, Rheinland-Pfalz