Ein Blog mit Ihren Notizen, Gedichten und Bildern für die gedruckte ZEIT
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Ein Gedicht! Klassische Lyrik

Franz macht mich Dada

Von 9. Dezember 2014 um 18:00 Uhr

(nach Kurt Schwitters, »An Anna Blume«)

Oh Du, geliebtes Ding meiner 73 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir?
Du gehörst beiläufig ganz zu mir!

Wer bist Du, auserwähltes Stück, Du bist, bist Du?
Manche Leute sagen, Du wärest ein Hamburger.
Manche halten Dich für einen Franzosen.
Lass sie sagen, sie wissen nicht, wo der Hammer hängt.

Du trägst tiefe Falten im Gesicht und klebst von alle Seiten,
von allen Seiten fest klebst Du.

Halloh, Deine zimtigen Kleider, mit zärtlichen Zähnen zerkaut,
Zimtig liebe ich, Franz, so liebe ich Dir.
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —– wir?
Das wissen beiläufig auch die Bäcker nicht!
Franz, weicher warmer Franz, wie sagen die Leute?

Preisfrage:

1.) Franz isst einen Brötchen,
2.) Franz ist sexy.
3.) Welches Brötchen ist Franz.

Schwer ist der Duft Deiner goldenen Haut,
Rot ist mein Verlangen nach Franz.
Das geile Teil, ich fühle es durch die Tüte,
Du liebes, saftiges Tier, ich liebe Dir!
Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir!
Dass ich auch Deine Brüder liebe,
weiß beiläufig nur die — Bäckerin.

Franz Brötchen, Franz, F—-R—-A—-N—-Z!
Ich träufle Deinen Namen.
Dein Name tropft wie flüssiger Honig.

Weißt Du es Franz, weißt Du es schon,
Man kann Dich auch chinesisch sprechen.
Pflanz Blödchen.
Dieser Bäcker ist ein Gärtner,
der sich mit dem Lehrling zofft.
Aber Du, Du Herrlichster von allen,
Du bist französisch wie chinesisch:
verlockend und süß.
Honig träufelt GENIESSEN über meinen Rücken.
Franz Brötchen,
Du sündige Gier,
Ich——-will——-vier——–von——-Dir!

Corinna Feierabend, Hamburg

Der Grünkohlverderber

Von 4. Dezember 2014 um 15:00 Uhr

(Nach Johann Wolfgang von Goethe, »Der Erlkönig«)

Wer hat denn so spät noch zur Mitternacht
Den Kessel mit Grünkohl aufs Feuer gebracht?
Es ist der Meister der Küchenkunst,
Er werkelt geschäftig im Grünkohldunst!

Er kocht ein gar köstliches Grünkohlgericht
Und sieht wohl den Grünkohlverderber noch nicht.
Der Grünkohlverderber, mit Paprika,
Mit Curry und Minze, ist nämlich schon da!

»Oh Meister, oh Meister, komm geh mit mir!
Gar schöne Gewürze, die kauf ich dir.
Es gibt auf dem Markt einen türkischen Stand,
Der hat wohl die schärfsten Gewürze im Land.«

Der Meister sinniert, er möchte das nicht,
Was Grünkohlverderber ihm alles verspricht!
Er bleibt noch ganz ruhig, während er sinnt,
Mit den Suppenkellen klappert der Wind.

»Willst, großer Meister, du mit mir geh’n?
Auch meine Töchter, die würzen sehr schön,
Meine Töchter, die würzen je nach Bedarf,
Mal milde, mal sinnlich, mal saumäßig scharf!«

Der Meister, er schwankt und rührt nun schon schneller,
Der Morgen ergraut, und es wird langsam heller.
Dem Grünkohlverderber wird es zu bunt,
Jetzt macht er den Meister mal ordentlich rund!

»Jetzt würz ich den Grünkohl, ihm fehlt noch Gehalt
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!«
Dann geht er zum Kessel und fasst ihn an,
Jetzt hat er dem Grünkohl was angetan!

Dem Meister grauset’s, er betet zu Gott,
Und blickt ganz entsetzt auf den Grünkohlpott,
Er rühret und rühret in seiner Not,
Der Kohl war mal grün und jetzt ist er – rot!

Rüdiger Will, Hannover

Der Ganter

Von 28. November 2014 um 12:00 Uhr

Wiese bei Godorf, vor Martini

(Nach Rainer Maria Rilke, »Der Panther. Im Jardin des Plantes, Paris«)

Sein Geist ist vom Gewatschel neben Hecken
so wach geworden, dass ihn nichts mehr hält.
Ihn können keine tausend Hecken schrecken,
denn hinter tausend Hecken steckt die Welt.

Dem Gänsemarsch in tapsend plumpen Schritten
entflieht er, fliegt, ist jetzt kein Mastvieh mehr.
Um Fertigfutter wird er nie mehr bitten.
Der Tod kommt später, ihn zieht’s übers Meer.

Von Ferne locken laut die wilden Brüder,
sein Herz bejubelt still sein neues Sein.
Am Boden klingt das Schnattern müd und müder,
doch er schwebt stolz in langer Kette heim.

Andreas Graf, Köln

Modellwechsel

Von 7. November 2014 um 18:00 Uhr

Parodie auf »Herbsttag« von Rainer Maria Rilke

Lasst’s gut sein, Leut’! Lasst endlich Rilke ruhn!
Es war — gefühlt — zwei Dutzend Male »Herbsttag«.
… und vor den Fenstern ist doch Sommer nun.

Es freut ja sehr, dass rings in deutschen Landen
RMRs Rhythmik, Poesie und Metrik
so weit verinnerlicht, gelebt und auch »daheim« ist.
Doch macht zu viel Zitat das Original zuschanden.

Wer jetzt zu Hause lebt, ist donnerstags gespannt,
wenn raschelnd sich die ZEITenblätter schichten;
denn viele gibt’s, so scheint’s, die gerne dichten.
Ach! Nehmt Conrady* mutig nur zur Hand
und sucht nach andern reizenden Gedichten!

Peter Dittler, Perleberg, Brandenburg

* Lyriksammlung: »Der Große Conrady. Das Buch deutscher Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart«

Endspurt

Von um 15:00 Uhr

Paodie auf »Herbsttag« von Rainer Maria Rilke

Herr, es ist Zeit — der Sommer war doch Schrott!
Los, gib’s schon zu! Wir alle bau’n mal Mist,
Ob Honorarprofessor, Opa oder Gott.
Da hilft kein Wegschaun, weil es ist, wie’s ist.

Du hast ja Glück, dass trotzdem etwas reift,
Doch das liegt eher an dem guten Boden.
Ich hülle mich schon in den Winterloden,
Weil Herbstwind um die kahlen Äste pfeift.

Doch wer kein Haus hat, der ist selber schuld,
Denn wozu gibt es eine Bausparkasse?
Der irrt, vor Kälte zitternd, durch Alleen und saugt
Am Plastiktrinkhalm einer Einwegtasse.

Heidrun Pelz, Freiburg im Breisgau

Altweibersommer

Von um 12:00 Uhr

Parodie auf »Herbsttag« von Rainer Maria Rilke

Herr, gib mir Licht, der Sommer war sehr knapp.
Nimm alle Schatten meiner Seele fort,
und für den kleinen Badeort sieh von den Nebelschwaden ab.

Lass wärmer werden meinen See,
gib ihm doch noch acht südlichere Tage.
Lass ruhig reifen blaue Beeren und jage
die kalten Schauer in die ferne Höh.

Wer jetzt noch badet, fühlt Gelassenheit.
Wer jetzt sich sonnt, kann sich noch lange freuen,
mit Heidelbeergenuss die Zähne bläuen.
Sein Herz trotzt still der Winterzeit
und glüht, auch wenn ihm Stürme dräuen.

Beate Hugenschmidt, Freiburg im Breisgau

Begegnung

Von 2. November 2014 um 12:00 Uhr

(Frei nach Texten von Bertolt Brecht, Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse und wohl noch ein paar anderen)

Vor vierzehn Tagen traf ich eine nette Wolke,
die sah ganz ähnlich aus wie Afrika.
Sie war so halbwegs transparent wie Molke,
und auf den zweiten Blick war sie noch immer da.

Ich lag im Gras und ließ die Zeit verstreichen.
Der Sommer war sehr groß und Rilke tot.
Bald würde sich der Herbst in die Gedichte schleichen.
Die Verse würden bräunlich sein und rot.

Ich würde melancholisch durch die Gegend wandern,
Vergänglichkeit und Einsamkeit würd ich besingen:
Die Welt zerbröselt … Keiner sieht den andern …
In diesem Stil. Und keinem würd’s was bringen.

Die Wolke aber würde das nicht kümmern.
Sie hätte nach wie vor die Form von Afrika
und würde transparent wie Molke schimmern.
Und wär auch auf den dritten Blick noch da.

Paul Pfeffer, Kelkheim

Lied von der Maut

Von 27. Oktober 2014 um 18:00 Uhr

(Nach Heinrich Heine, »Lied von der Loreley«)

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Eine Nachricht aus diesen Zeiten
Die geht mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist dick, und es regnet,
Und holprig fließt der Verkehr.
Und wer sich darin begegnet,
Der lächelt schon lange nicht mehr.

Die Straßen sind schlecht und die Brücken.
Und ständig steht man im Stau.
Es gibt mehr Wagen als Lücken
Zumal bei Straßen im Bau.

Die Fahrer in ihren Autos
Sind viel Kummer gewöhnt.
Sie ärgern sich nur noch lautlos,
Als es im Radio tönt:

»Die Maut wird Besserung bringen
Und sie ist kostenlos!«
Die Fahrer beginnen zu singen
Vor Freude, fassungslos.

Sie lassen das Steuer fahren,
Sie stellen das Radio laut.
Und bums! sind sie aufgefahren
Und das nur wegen der Maut!

Johannes Kettlack, Heek, Nordrhein-Westfalen

Der Reimer

Von 23. Oktober 2014 um 16:00 Uhr

(frei nach Rainer Maria Rilke, »Der Panther«)

Sein Sucherblick hängt müd im Reimegitter,
sodass kein Finderglück ihn mehr verführt.
Es ist, als hätt stupender Klingelflitter
sein schmales Denkvermögen eingeschnürt.

Des Dämons Wunderwirken schält die Wirklichkeiten,
erzwingt dem Schmerz ein Herz, dem Brot den Tod,
übt sich im Übersehn von tausend Möglichkeiten:
Sein großer Herrscherwille bleibt devot.

Nur für Momente schweigt sein Reimgepränge,
es ordnet sich sein Hirn, besinnt sich drauf,
dass Weisheit man erkennt auch ohne Klänge.
Die Einsicht kommt –. Und hört schon wieder auf.

Peter Gronau, Hildesheim

Reiselust

Von 6. Oktober 2014 um 12:00 Uhr

(nach Johann Wolfgang von Goethe “Das Heidenröslein”)

Wollt ein Knab auf Reise gehn,
Reise um die Erden
Gab so viele Ort zu sehn,
Goldne Strände, Silberseen,
Solo und in Herden
Reise, Reise, Reise weit,
Reise um die Erden

Knabe sprach: “Ich buche dich,
Reise um die Erden”
Erden sprach: “Besuche mich
Meine Weite nur für dich
Da zum glücklich Werden”
Reise, Reise, Reise weit
Reise um die Erden

Und der wilde Knabe war
Auf Reise um die Erden
Reise machte manches klar,
Welt ist doch recht wunderbar.
Kann’s zumindest werden.
Reise, Reise, Reise weit,
Reise um die Erden

Stefan Bradl, Innsbruck, Österreich