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Der Schweinemaul-Steck-Fall

David Cameron soll ein delikates Körperteil in ein Schweinemaul gesteckt haben. Das erzählt mehr über den englischen Humor als über den Prime Minister.

Da bin ich seit drei Wochen in England und suche ihn: den britischen bzw. englischen Humor. Die Nation lacht sich halb krank über die BBC-Back-Show am Mittwoch. Nun gut. Ende August fahre ich um kurz nach sechs an unserem Nachbarpub vorbei. Eben geöffnet. Ganz in Rot gekleidete Menschen über 50 torkeln mit den auf übliche Weise (bis zum Rand) gefüllten Biergläsern heraus. Torkeln, weil sie auf High Heels gehen: alle. Männer wie Frauen – in roten Abendkleidern, roten Boas, roten Glitzerleggins, mit angeklebten Brüsten und so weiter. Okay, denke ich. Verstehe nichts, aber offensichtlich amüsieren die sich prächtig: making fun of themselves.

Da bin ich seit drei Wochen in England und stolpere, stolpere, stolpere über documents, die mich belehren. Nein: die mir klar machen, wie hier geschossen wird, Verzeihung, ich meine: geschlossen, entschieden, verfahren. Sprich: wie die Regeln aussehen.

Was das beides mit David Cameron, Oxford und dem Schweinekopf zu tun hat?

Jede Menge. Die Zentralinsulaner wirken locker, leicht, cool und haben der Welt viel großartige, wilde Musik geschenkt. Zufällig haben sie davor Jahrhunderte lang große Teile der Welt beherrscht und ausgebeutet, sie sind Seefahrer (Disziplin, Disziplin, Disziplin) und Seekämpfer, haben dem Globus die Zeit diktiert (Greenwich Normalzeit) und pflegen ein kräftiges class system samt Restmonarchie. Die Einkommensunterscheide zwischen den Schichten waren schon immer groß und nehmen seit Jahren zu, die Zahl der Kinder, die in Großbritannien unter der Armutsgrenze lebt, ist horrend.

David Cameron: Der Schweinemaul-Steck-Fall
© Alan Davidson/WPA Pool/Getty Images

Lebensmittel, Telefon, Wasser, Müllabfuhr, Gas: teuer, sehr teuer, englisch. Sozialsystem vorhanden, doch löchrig. Gesundheitswesen vorhanden, hoffentlich besser als sein Ruf! Der Rest: Pay as you go.

Kapitalismus? Gewiss. Marketing, Cash.

Im Politgeschäft wird in den Leben der Akteure gewühlt. Versteht sich, heutzutage zumindest. Politische, finanzielle, sexuelle Verfehlungen, Drogen? Eine eben erschienene unautorisierte Biografie behauptet, dass auch der Prime Minister Marihuana geschnüffelt und Steuern nicht richtig bezahlt hat. Der Skandal-Renner aber wird – eine Studententat. David Cameron soll in seinen Oxforder Tagen einem Schweinekopf ein, wie es so schön heißt, „private member“ seines Körpers ins tote Maul gesteckt haben.

Ach, tatsächlich? Und?, sagt die Deutsche in mir.

Falsch. Das greift! Und auch ich greife zu: Endlich erwische ich sie, wenigstens am Mantelzipfel, die „britische Mentalität“.

Das pig-bashing gegen David Cameron lässt sich aus der Konstellation Sozialdruck gegen Disziplin-Hochgesellschaft doppelt verstehen. Studium in Oxford. Elite – noch immer. Prime Minister aus Oxfordbridge haben Tradition. Offensichtlich befindet sich das überkommene Werte- und Gesellschaftssystem wohlauf. Ebenso wirksam: der alte Druck. Dem, naturgemäß, eine ausgeprägte Tradition des Beäugens und Spottens gegenübersteht. Und der berechtigten Kritik.

Cameron studierte in den späten Achtzigern. Soeben hatte Maggie Thatcher im Streik der Bergarbeiter ihre eiserne Hand zur Wirkung gebracht. David Cameron ist ein Tory. Was erwartet man? Er war es schon damals, gehörte zwei sehr traditionellen Clubs an in Oxford, beide upper class. Bei einem Dinner der Oxford Dining Society dann, es-war-einmal, der Schweinemaul-Steck-Fall.

Klingt nach Lüge, Märchen, Mythos? Klingt nach einer typischen Studentengeschichte. Es geht darum, dass sie erzählt wird – wahr oder nicht wahr oder auf keinen Fall wahr, wie jeder weiß. Aber möglich, slightly shocking, ein paar Worte wert jedenfalls und vor allem lustig, im britischen Sinn.

Britische Ventilregel: Wer oben steht, muss auch dumm dastehen können. Ein Königsspross (Camerons Familie leitet sich von Wilhelm IV. ab, und selbstverständlich hat er auch entsprechend königlich geheiratet), verbunden mit einer Idiotie in Form eines Schweinekopfes. Wer sich unter den Druck beugt, den man als Spross, Etonschüler und Oxfordstudent immer wieder fühlen darf, der muss oder darf über die Stränge schlagen, um nicht als vollkommener bore zu gelten.

Interessant der zweite Schritt, heute: Die Geschichte wird gestreut, Englands Yellow Press jubelt. Kopf samt member sind aber auch herrliches Futter, speist die Geschichte sich doch gleich aus mehreren britischen Traditionen. Erstens: Jeder kann sie verstehen. Zweitens: Jeder hat seine (Vor-)Urteile zu Oxbridge und seinen Old Boys Clubs. Vorurteile zur Arroganz der Oberschicht.

Endlich das Ventil: Einer, der ganz oben steht, steht dumm da.

Mit im wahrsten Sinn heruntergelassener Hose. Ziemlich menschlich, immerhin. Und kein bore!

Das scheint mir an allem das Wichtigste. Cameron und das Schweinemaul: Man kann schreien, fuchteln, lachen. Am Ende ist man – beruhigt. Der Prime Minister ist kein Langweiler.

Schon sehe ich meine rotgewandeten Pubfreunde auf High Heels ins nächste Wahllokal wackeln. Ventil! Und das, I promise, sind nur die ersten Falten des intrikaten britischen Humors. Ja, intricate. Schön, wenn man ihm nachhört: zwischen delikat, privat und Intrige. Wenn das kein passendes Wort dafür ist, fress‘ ich ein Stück totes Schwein.

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14 Kommentare

  1.   W.-D. Kaufmann

    Wenn man einem Schweinekopf „sein Ding“ ins – tote – Maul schiebt, impliziert das ein erigiertes Glied, denn ein schlaffes kann man schwerlich „schieben“.
    Sollte die Geschichte stimmen, und das kann man wohl voraussetzen, dann ergibt sich daraus eine ganz einfache Frage: Möchten Sie sich von einem Bundeskanzler regieren lassen, der Sodomie mit einem toten Schwein treibt?

  2.   waldemar p.

    „David Cameron soll ein delikates Körperteil in ein Schweinemaul gesteckt haben.“

    Das klingt eigentlich nach einer Erfindung von Monty Phyton. Schöne Story und ich versuche mir ein Bild davon zu machen, wenn John Cleese, nur er käme dazu in Frage als Darsteller, sich ans Schein ran macht…

  3.   Am_Rande

    Da hat Herr Cameron ja Glück, dass er im liberalen England lebt.
    In Deutschland würde man ihm daraus einen juristischen Strick drehen.

  4.   Allison

    Oxfordbridge – heißt eigentlich Oxbridge!

    Interessant wäre noch zu erfahren, welches der tiefere Sinn dieser Aktion war – die Gefahr des Zuschnappens bestand wohl nicht mehr… Cameron hat sich wohl mit dieser Aktion die Mitgliedschaft in irgendeinen obskuren Oxford-Klub erkauft… sieh Jeeves und Wooster…

  5.   Dave G.

    Der germanische Sinn für Humor…der angelsächsische und der sächsische…ist schwierig für die Welt zu verstehen.

    Together as cousins, the English and the Germans are not the funniest people on the face of the planet.

  6.   weltoffener.realist

    Das eigentlich Interessante ist für mich, dass solche Stories überhaupt so breite Beachtung finden und das Publikum in Erregung versetzen. In meiner Welt könnte Cameron das jeden Abend auf Ansage wiederholen und ich würde kaum mit der Wimper zucken.

    In dem Sinne: Es lebe der frivole Tabubruch..

  7.   wed right

    @weltoffener.realist Hochkarätig besetzter Boulevard geht doch immer.

  8.   Columba livia

    Die Idiotie liegt wohl eher bei dem Herrn königlicher, aber eben nicht geistesadliger Herkunft als bei dem missbrauchten Tier.

  9.   Jasiu

    Wer einmal Engländer auf Junggesellenabschied in Polen erlebt hat, findet das harmlos.

  10.   Ist das jetzt ...

    … nur die englische Leitkultur oder auch unsere?

 

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