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Muss man die Feste feiern, wie sie fallen?

Hierzulande Karnevalsauftakt, Poppy Day und Guy Fawkes in England. Manchmal kann all die Ideologie hinter den Feiertagsritualen ganz schön auf die Stimmung schlagen.

Der November ist ein Monat des Gedenkens, nicht nur in Deutschland. Muss mit der Jahreszeit zu tun haben, und wahrlich, es wird düster, selbst auf Inseln, die sich, obgleich in Teilen von der Nordsee umspült, nicht mehr für einen Teil Europas halten. Karneval? St. Martin? Pustekuchen.

In England läuft man seit Wochen mit einer roten Mohnblume am Revers umher. Des Waffenstillstandes, der den Ersten Weltkrieg beendete, wird gedacht. Mohnblumen aus Plastik, aus Papier, eine handtellergroße an der Jacke einer älteren Frau. Selbst gehäkelt. Das Rot steht für die Mohnfelder Flanderns, dank des Schlachtens in noch tieferes Rot gefärbt. Durchaus drastisch. Ich meine: wenn man das so am Busen spazieren trägt. Die Blume erhält, wer für die Legion gespendet hat, das Sozialwerk der Soldaten, heute.

Draußen knallt es. Feuerwerk wird verkauft. Erneut staune ich. Raketen, Freudenfeuer, Guy Fawkes Night. Guy was? Meinen verwirrten Blick angesichts des Lautklumpens „Gaifowks“ quittieren die Engländer mit dezentem Lächeln: Guy Fawkes, der nächste nationale, durchaus nicht unkriegerische Novembertag. Guy Fawkes, aufsässiger katholischer Gentleman plant im November des Jahres 1605 nichts weniger als einen Staatsstreich. Sturz des schottischen, protestantischen Königs James I., Sprengung des House of Lords. Der Plan, bekannt als Gunpowder Plot, wurde nur Stunden bevor die Lunte gezündet werden sollte, von einem anderen Katholiken verraten.

Wir stehen im College-Garten von Somerville. Es regnet, wie oft an diesem Abend. Hunger haben wir nach einem Dinner aus Hot Dogs, Brownies und glasierten Äpfeln nicht, die hall war voll, ein Familienereignis, jedes Kind hier kennt Guy Fawkes. Schon im Januar 1606 beschloss das nicht in die Luft gesprengte englische Parlament, den 5.11. zum Feiertag zu erklären. Seither brennen im ganzen Land Freudenfeuer in dieser Nacht. Wie kommt es, dass sich das Ritual 400 Jahre gehalten hat? Sodass, so ein Kommentator der BBC, Guy Fawkes zu einer Art englischem Nationalfeiertag avanciert ist.

Schön und bizarr, seltsam und kommerziell, ein Ritus, ein Ventil, unserem Karneval vergleichbar. Ein durch die Jahrhunderte gewandelter Brauch, in viktorianischer Zeit als Ventil gegen den übermächtigen sozialen Verhaltensdruck, eine Zeit lang eine gute Gelegenheit, die Gartenabfälle zu verbrennen, schließlich von den Herstellern von Feuerwerk als idealer Absatzmarkt entdeckt. Und, ein wenig oder reichlich, Ideologie im Fest versteckt?

November: ein Monat der Einübung in Staatstreue und nationales Denken, historisch begründet, pragmatisch bis heute gestreckt (dank des Geldsammelns)?

Mit Freudenfeuern und Feuerwerken ist es nicht getan. Man bastelt Puppen, gern aus Stroh; ursprünglich liefen Kinder damit umher, baten um einen Penny for the guy, um sich Böller und Süßigkeiten zu kaufen. Die Puppen werden am Ende auf dem Feuer verbrannt, das ist auch heute noch so, nur dass die Puppen inzwischen Politiker oder andere Personen des öffentlichen Lebens zeigen, denen der ein oder andere eine Verbrennung wünscht. Dieses Jahr war u. a. Herr Blatter dabei. Die überlebensgroßen, häufig kunstvoll ähnlichen Figuren trägt man in einer Prozession durch die Stadt, zündet sie unter lautem Jubel an.

Karneval & Co.: Muss man die Feste feiern, wie sie fallen?
© Ben Pruchnie/Getty Images

Als ich vor 30 Jahren zum ersten Mal für eine Zeit in England lebte, war in den Erklärungen zu Guy Fawkes deutlich ein antikatholischer Ton zu hören. Guy, der Katholik, jedes Jahr auf Tausenden von Scheiterhaufen. Man tanzte, aß Würstchen, beschwor die Geister des Winters. Gute und verschiedenste Gründe also für eine Feuernacht. Die Studenten, mit denen ich darüber spreche, erinnern sich daran als harmloses Kindheitsritual. Auch die Mohnblumenspende für Soldatenfamilien ist für sie normal. Ideologie? Nationalbewusstsein? Fielen ihnen nicht auf.

Der Regen wird heftiger. Das Feuerwerk, für das sich die Butler und andere Angestellte des College verantwortlich zeichnen, tröstet darüber hinweg: Es ist professionell, bunt, herrlich anzusehen. Ich indes fühle mich verwirrt, die Geräusche und der Geruch rufen Silvester wach, die Zeit ist aus den Fugen. Über uns, im dunklen Himmel, wölben sich Kuppeln aus Lichtern auf, vielfarbig, rasch, verglühen sie und erscheinen erneut. Was wäre, wenn Guy Fawkes Gunpowderplot gelungen wäre? Vermutlich stünden wir heute ebenso hier, unter Raketenglanz, im Freudenfeuerschein, und feierten die Revolution. Wäre England anders? Möglicherweise gäbe es die anglikanische Kirche nicht. Welche Auswirkungen das für das Leben hier hätte? Wie lange, frage ich mich, wirkt Geschichte/ein geschichtliches Ereignis? Wie lange hält etwas an?

Ein Kind neben uns, es mag sieben oder acht Jahre zählen, ruft aufgeregt seinem älteren Bruder zu: „He was the first terrorist.“ Terrorist: gefangen, getötet, darüber freuen wir uns.

Das Wort „Terrorist“ in Bezug auf Guy Fawkes höre ich zum ersten Mal. Und stimmt es nicht, nach heutigem Sprachgebrauch: ein Bombenleger, der das Parlament sprengen will und der das System bekämpft. Noch dazu aus religiösen Gründen. Das Kind weiß, auf welcher Seite es steht: Den Sieg über Terroristen wünscht man sich auch für heute. Und dass alle Attentäter in Flammen aufgehen?

Dabei könnte es heilsam sein, sich daran zu erinnern, dass es auch innerhalb des Christentums über Jahrhunderte hinweg Fanatismus gab, der gewalttätig wurde (noch wird…).

Gewiss, es hängt vom Einzelnen ab, welche Aspekte von Guy Fawkes und am Remembrance Day betont werden. Auf dem Gehweg sitzt ein Obdachloser. Auch er hat eine Strohpuppe gebastelt, an ihrem Hals baumelt ein Schild: „I am not Guy Fawkes.“ Ob das „not“ wirkt? Oder ob man den Satz als latente Androhung liest: Ich könnte auch Guy Fawkes sein. Bin aber (noch) brav und wehre mich nicht. Also gebt mir was. Die Sammelschale auf der Matte, auf der Puppe und Mann im Regen sitzen, verrät nicht, ob das Kalkül aufgeht.

Menschen zu verbrennen, selbst „nur“ in Effigie, ist in Deutschland verboten. Ich spüre deutlich, mit welch unterschiedlichen Tabus und Ängsten, Empfindungen und Empfindlichkeiten wir – Engländer und Deutsche – aus den Kriegen des 20. Jahrhunderts und ihren Folgen hervorgegangen sind.

Wie lange wirkt, wohin reicht Geschichte?

Mit rotverschmiertem Mund steht meine Tochter vor mir, den Rest Toffeeapfel in der Hand. Ich frage sie, wie sie den Abend fand? Schön.

Ich auch. Im College gibt es „nur“ fireworks. Als wir durch den Regen nach Hause gehen, riecht es nach Pulver. Ich fühle mich sehr deutsch, bin es zufrieden. Ja, meine Alarmglocken schrillen. Ich will nicht sehen, dass Menschen brennen, nicht einmal als Puppen. Und das sage ich meinem Kind.

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9 Kommentare

  1.   Ben

    Aber auch in Detschland brennen sie, so zum Beispiel der Kölner Nubbel, der nach Karneval als Sündenbock herhalten muss und auf dem Scheiterhaufen landet. Nicht so anders als das, was in manchen Teilen Englands in der Guy Fawkes Nacht gemacht wird: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Nubbelverbrennung

  2.   FN

    Der Mohn am Revers stellt kein Gedenken an die Schlacht von Verdun dar, an der auf seiten der Entente nicht die Briten sondern die Franzosen teilnahmen, sondern an die Flandernschlachten in Belgien.

    Die Zufriedenheit mit ihrem Deutschsein ist vielleicht auch etwas voreilig, wenn man bedenkt das auch hierzulande, vor allem im Rheinland, das Verbrennen einer Strohpuppe, des „Nubbels“, zum Ritual-Kanon des Karnevals gehört. Zu Osterfeuern wid gerne auch mal ein „Judas“ mit auf den Grill geworfen. So verboten, auch „in Effigie“ ist das wohl offenstichtlich nicht.

  3.   Lupo1977

    „Ich will nicht sehen, dass Menschen brennen, nicht einmal als Puppen.“ Das dachte ich auch beim Lesen des Textes. Seltsames Fest.

  4.   Michael

    Guy Fawkes ist heute harmlose Folklore. Hier mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen ist typisch deutsch. Damit macht man sich bei Briten nicht beliebt. Dass England und Frankreich im Gegensatz zu Deutschland der Weltkriegstoten gedenken, dabei kann ich beim besten Willen nichts ideologisch verwerfliches entdecken. Aber mangelndes Geschichtsbewusstsein (mit Ausnahme des zweiten Weltkriegs natürlich), Meckern, Haare in der Suppe finden und Verkrampftheit sind halt so deutsche Eigenschaften, die, wenn man sich nicht davon losmachen kann, das Leben in England nicht gerade erleichtern.

  5.   lauriedavies2014

    Verdun? „In Flanders Fields“ written by Canadian physician Lieutenant-Colonel John McCrae.

  6.   Lduval

    Ich möchte Sie nur ungern beim sehr deutsch-fühlen stören – tiefe Gedanken, Schwermut, Herbst, Rilke fehlte noch – aber wenn ich mich richtig erinnere wird zumindest in Köln der Nubbel am Ende der Karnevalszeit verbrannt.
    Kurz gesagt: vielleicht steckt hinter der Puppenverbrennung gar mehr dahinter als ein wenig Folklore.
    Den 11. November und die Puppies (besagte Mohnblüten) sollten Sie aber nochmal überdenken und bei allem Deutschwohlsein fragen: warum feiern wir in Deutschland den 11.11. eigentlich nicht als das Ende eines mörderischen Krieges als Mahnung an sinnloses töten und sterben? So wie weite Teile Europas, die den 11. ebenfalls als Feiertag verbuchen.
    Was mir in England gefallen hat war, das beide Ereignisse mit sehr unterschiedlichen Interpretationen begangen wurden für die es auch Raum gab.

  7.   groundhog

    Guy Fawkes hatte ja schon 36 Fässer mit Schießpulver glücklich in den Gewölben von Westminster Palace deponiert, als sein Plan aufflog – und noch heute behaupten so manche Engländer, er sei der letzte Mann gewesen, der das Parlament in ehrlicher Absicht betreten habe.

  8.   Dingetuer

    Die Verbrennung von symbolischen Menschen komisch zu finden, finde ich unkomisch. Daraus aber einen Unterschied von Deutschland und England zu machen ist, glaube ich, nicht richtig. Schließlich wird in der Heimat zum Ende des Karnevals, im Februar, auch eine strohpuppe gebastelt. Ihr werden die eigenen Sünden aufgehalst, dafür wird sie schimpfend durch die Straßen getragen und dann verbrannt. Vielleicht fühlt die Autorin aber lieber, verständlicherweise, ein Unbehagen in Bezug auf den Brauch einer anderen Kultur als an dem Wesen des Menschen.

  9.   art

    Liebt Naturwissenschaften!…

    Liebt: Menschenkunde

 

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