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Von zu viel Denken schrumpft das Hirn

Es gibt keine Fakten mehr und Lesen sollte verboten werden. Unser Autor hat ausprobiert, was passiert, wenn sich ein Schriftsteller auf den Trampelpfad gefühlter Wahrheiten begibt.

© Mauricio Lima/AFP/Getty Images

Wie lang es manchmal dauert, bis man sieht, was längst vor Augen steht. Ne lisez jamais, zum Beispiel. Lesen Sie niemals! Wann dieser seltsame Satz an die Außenmauer eines Charité-Gebäudes in Berlin gesprüht worden ist, kann ich gar nicht sagen, obwohl ich jeden Morgen daran vorbeifahre.

Eine gute Frage wäre jetzt, was die bisherige Wahrnehmungsschwelle an diesem einen Morgen so herabgesetzt hat, dass mir der Satz plötzlich ins Auge sprang. War etwa, nachdem ich gerade gestern auf mubi.com den Godard-Film Masculin –Feminin entdeckt hatte, die Leiche meiner Französischkenntnisse wiederbelebt worden? Und mit ihr die Erinnerung an den Französischunterricht? Und gleichfalls an den Französischlehrer, der immer einen vom Pferd erzählt hat, von seinem Pferd? Gut möglich.

Aber wie wir, die lächelnde, hustende, gähnende Schülerschar, dann so eine scheinheilige Neugier auf Gestüter und Geblüter aus uns hervorlockten, nur, um den alten Herrn zu weiterem Pferdegeplapper anzustacheln, damit die Stunde im Galopp verging, darum soll es hier gar nicht gehen. Stattdessen um die Frage: Was denn? Was soll ich niemals lesen? Etwa die Texte des neuen Albums von Michelle Gurevich? Aber das kann doch gar nicht sein. Schließlich ist es ja nicht das neue, sondern bloß das erste Album von Michelle Gurevich unter dem Namen Michelle Gurevich. Bei dem es übrigens so wirkt, als hätte sie die schwarze Winterschwere, die sie im Gewand ihres vorherigen Namens, Chinawoman nämlich, ausgebrütet hatte, nicht gerade zu einer altweibersommerlichen Leichtigkeit, aber doch zu einem herbstlich weichen Grau abgestuft.

Übrigens, Texte von Liedern nachzulesen, empfiehlt sich nur, wenn man sich des Zaubers der Halbverstandenheiten berauben möchte, die ja oft die schönsten Bedeutungsräume eröffnen. In meinen wenig englischen Ohren klang es beispielsweise so, als sänge sie in Party Girl, ihrem bisher vielleicht schwärzesten Stück: Pretty girl / come over here / put down your pants / I show you how it’s done. Während es tatsächlich heißt: Put down your pen. Nimmt man noch die ersten zwei dieser selbstmordförderlich geraunten Verse dazu, nämlich: It doesn’t matter what you create / if you have no fun, so liest man zusammen eine fast schon schreibschulkompatible Reflexion über den notwendigen Spaß am Schreiben.

Wo Deutungshoheiten verdampfen

Auch wenn es wenig wahrscheinlich, um nicht zu sagen, äußerst unwahrscheinlich wirkt, dass Chinawoman über Schreibschulen singt. Wenn auch nicht so unwahrscheinlich wie die Vermutung, dass der an die Berliner Straßenwand gesprühte Satz speziell das Lesen der Texte von Chinawoman verbietet. Nicht nur, weil Sätze, ebenso wenig wie Sätzeschreiber, bestimmen können, auf welche Weise Sätze gelesen werden. Was, nebenbei bemerkt, nicht heißt, dass jedes Lesen von Sätzen weise wäre. Sondern auch, weil der Satz sich mindestens so gut anschließen lässt an die Hirnverbocktheiten der postfaktizistischen Tendenzen, die derzeit so viel Lärm verbreiten.

Eigentlich war es abzusehen, dass irgendwann Leute wie Farage und Trump auf dem Trampelpfad gefühlter Wahrheiten marschieren würden, weg von den tief im Meinungsdschungel verborgenen Fakten. Wer sich gelegentlich durch das oft sehr struppige Unterholz einer Kommentarspalte kämpft, der spürt am eigenen Leib, was es heißt, dass die Deutungshoheiten medialer Autoritäten verdampfen. Nach einem anständigen Meinungsgewitter, das unzählige Links zu gegenteiligen Wahrheiten durchblitzen, schwitzt das Gehirn und sehnt sich nach Klarheit. Dann ist es leicht, sich an irgendein donnernd verkündetes Gefühl zu klammern, statt noch mehr Medien, noch mehr Meinungen, noch mehr Fakten, Fakten, Fakten zu lesen.

Könnte es nicht sein, dass von zu viel Denken das Gehirn auf Erbsengröße zusammenschrumpelt, meine lieben Wähler? Wissen Sie was? Ich habe die Lösung: Wählen Sie mich und lesen Sie niemals!

Das, zum Beispiel, wäre eine lustige, wenn auch schlecht gedachte Antwort. Und wie so oft stammt das schlechte Denken aus dem schlechten Lesen. Schließlich lesen wir ja an der Straßenwand nicht: Lesen Sie bitte keine Zeitungsartikel, Studien und Statistiken, die Ihr Selbstverständnis gefährden könnten, sondern: Lesen Sie niemals. Was natürlich einen schönen Widerspruch erzeugt – der Sinn des Satzes, das Leseverbot, erschließt sich erst durch die Befehlsmissachtung, das Lesen nämlich.

Zum Abschluss dieser oktöberlich verwirbelten Gedanken würde ich gern noch begründen, warum Literatur, aber nur die gute, die richtige, die echte, im Grunde wie im Abgrunde immer genau so funktioniert, dass sie den Widerspruch im Lesen schon mit erzeugt, aber leider fällt mir gerade keine gute Begründung ein. Obwohl ich ganz deutlich fühle, dass dies die Wahrheit ist, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Na gut, dann wische ich lieber schnell über den Bildschirm meines Telefons und höre noch einmal das schöne Album von Michelle Gurevich, das mir gleich noch besser gefällt: Give me the first six month of love / give me the first six month of love / before the truth comes spilling out.

2 Kommentare

  1. Avatar  Tim_van_Beek

    „Literatur, aber nur die gute, die richtige, die echte…“

    Wie würde man die denn definieren? Resp. erkennen und abgrenzen von nicht so guter?

  2. Avatar  golife

    Ja, wenn da zusätzlich noch stehen würde: „Und schreiben Sie auch niemals!“, — angesichts der Tatsache, dass das Geschriebene dem Gelesenen symbiotisch verbunden ist — so schreibe ich, einem buddhistischen Koan nicht unähnlich, den nicht geschriebenen Satz, um ihn nicht zu lesen: „Dein nicht gelebtes und doch so pralle Leben wird die Weisheit der Lücke zwischen dem Sein und Nichtsein offenbaren.“

 

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