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Heimat ist ein Gefühl

Ist Heimat ein Haus, ein Ort, ein Land? Muss das Zuhause in der Heimat liegen? Darf die Heimat einem fremd sein? Auf jeden Fall gilt: Heimat braucht keine Definition.

Heimat ist ein Gefühl
Nikita Velikanin/Unsplash (https://unsplash.com/photos/wTCVpReyPBU)

Heimat ist schwarz-weiß, und sie ist grau, aber sie ist nicht dieses Grau, das aus der Mischung von Schwarz und Weiß entsteht. Sie ist subjektiv, sie ist die meine, und sie braucht keine Definition, weil sie kein Begriff ist; sie ist ein Gefühl. Das Schwarz-Weiß ist die Birkenrinde, ein schlechtes Klischee, das die russische Seele zu erzählen versucht. Das Grau ist das der Beton-Hochhäuser, ein Symbolbild der inhumanen Städteplanung im Osten. Um die Bedeutung dieser Bilder weiß ich, aber ich fühle sie nicht. „Ich fühle Heimat“ ist ein großer Satz, den lasse ich also beinahe weg. Heimat ist Gefühl, das darf man sagen, das Gefühl ist subjektiv, es ist privat wie intim, individuell ist es auch. Es hat eine Farbe, einen Geruch, es hat Bilder, die keines Retro-Filters bedürfen, und einen Streitwert hat es aufgrund des Persönlichen nicht.

Heimat – auch wenn der Begriff in der deutschen Sprache den etymologischen Hintergrund hat – muss mit Heim nichts zu tun haben, mehr noch, Heimat und Heim können und dürfen geradezu Antonyme sein. In meiner Heimat waren graue Hochhäuser Geborgenheit, Gemeinschaft und Gefühl, und da, wo ich zu Hause bin, werden ihnen sozialer Abstieg, Kriminalität und Trostlosigkeit angedichtet. Dass Heimat und Heim buchstäblich wie im übertragenen Sinne einander fern wie fremd sein können, ist eine ebenso persönliche These wie es jede Definition dieses Begriffs – auf eine konnte man sich im Übrigen bisher nicht einigen – seit jeher war.

Wurzeln verpflanzen?

Die Definition verfasse wie fühle ich gleichermaßen in der deutschen Sprache, einer Sprache, die nicht die meine Muttersprache, aber mein Zuhause ist. Die Sprache gehört mir: Die Worte geben sich mir hin. Wenn sie es nicht tun, so zwinge ich sie. Sie verzweifeln an mir, wie ich auch an ihnen verzweifle. Man könnte sagen, wir stehen miteinander in einer Beziehung, in einer, in der ich fliegen und fallen kann, und man könnte fragen: Ist Sprache nicht deine Heimat? Und ich würde innehalten, bestimmt. Ich würde innehalten und den Kopf schließen als Erkenntnis: Zu Hause ist, wo ich mich frei und nackt und mit allem, was ich bin, bewege. Aber zu Hause muss nicht zwingend in der Heimat liegen, und Heimat kann manchmal ganz fremd sein. Wenn ich nach Russland fahre, so fahre ich mit den Fingern über schwarz-weiße Rinde, und ich spüre Geborgenheit, wenn ich gen Himmel schaue und graue Hochhäuser mir den Blick verdecken, aber ich beschreibe beides in einer fremden Sprache, und die Art, wie ich denke, verstehen die Menschen dort nicht. Diese Ambivalenz ist, was Menschen auf Reisen schickt, denen man nachsagt, jemand begebe sich zu seinen Wurzeln. Ich weiß nicht, ob man das kann, Wurzeln verpflanzen.

Wenn etwas schwer zu fassen ist, versucht man, das Ganze gemeinhin in Einzelteile zu zerlegen. Heimat hat, wenn man diesen Versuch unternimmt, eine räumliche, eine zeitliche, eine soziale, eine emotionale und eine kulturelle Dimension. Das wirft Fragen auf: Ist Heimat ein Haus, ein Ort, ein Land? Hat Heimat somit auch Grenzen, die wer? jemand anders? gezogen hat? Ist Heimat da, wo alle die humorvollen Feinheiten meiner Sprache verstehen, ist Heimat da, wo ein Lied das Herz zur Rührung bringt? Ist Heimat, wenn Erinnerungen das Jetzt überlagern, oder ist es da, wo die wichtigen Menschen sind? Ist all diesen Dimensionen die Geborgenheit – die der Familie, der Freunde, der Sprache, der Gerüche, der Niederschlagsstärke, der Blätterfarbe an den Bäumen, der Witze, der Höflichkeitsfloskeln – immanent? Lässt sich diese Geborgenheit – wenn sie denn das verbindende Element sein sollte – regional begrenzen, einordnen oder definieren?

Europa ist – ähnlich wie Heimat – ein lautes Wort. In meiner Kindheit war Europa ein Ort, ein Kontinent, um genau zu sein, ein Begriff, den ich auswendig lernte zwischen Australien und Nordamerika, einer, der übrigens nach weniger Einheit klang als die beiden anderen genannten, weil er so viele Länder unter seinem Namen versammelte. Zu den Ländern gehörten meines, in dem ich das Schwarz-Weiß der Birkenrinde und das Grau meines Zuhauses hinnahm und nicht als Heimat definieren musste, und all die anderen Länder, die unerreichbar schienen, und die ich mit Reichtum und – unerklärlicherweise – mit Erdbeben verband. Ich hatte offensichtlich ein sehr vages und sehr falsches Wissen über Seismologie, aber eine deutlich schmerzende Ahnung, wie sich politisch gezogene Grenzen anfühlen können.

Die geografischen Grenzen Europas haben sich seit meiner Kindheit nicht ein bisschen verschoben, aber umso mehr das, was der Begriff zu einen oder zu trennen meint. Wenn man von Europa spricht, so meint man eine weltweit agierende politische Kraft, eine, die zum Beispiel wahlweise als Partner oder Gegenakteur den USA an die Seite oder entgegen gesetzt wird. Man spricht von Europa als Macht und als Kraft, meint aber nur einen Teil des geografischen Konstrukts: Den, der der politischen wie wirtschaftlichen Interessengemeinschaft der EU zugerechnet werden darf. Der Graben, der meine Kindheit – und somit meinen Heimatbegriff prägte – wurde vielleicht um einige hundert Kilometer östlich verschoben, ist nach wie vor existent und trennt auch nach wie vor das geografische Europa.

Reale und eingebildete Grenzen

Wenn jemand von der anderen Seite Europas, man könnte beinahe sagen und meinen „vom anderen Ufer“, „Europa“ sagt, der prominenteste Vertreter dieser anderen Seite ein gewisser Wladimir Putin, dann hat er aber etwas anderes im Sinn: Europa, das kann auch klingen nach Feind. Wenn Politiker, aus der Gemeinschaft der Europäischen Union heraus agierend, Europa sagen, dann hat das oft auch einen normativen Klang: Als habe die Union ein Gefühl zu sein. Wir sind jetzt alle Europäer, und diejenigen, die sich lieber als Deutsche, Ungarn, Italiener bezeichnen, spüren, sie müssten, aber erspüren nicht dieses Gefühl: das Europäische. Sie müssten Europäer sein. Erspüren es nicht, weil die Verbindung zwischen Kroatien und Frankreich eine wirtschaftliche, eine politische, eine rationale, eine geschichtsbewusste und zukunftsorientierte ist, aber keine emotionale. Europa als Heimat ist, seien wir mal ehrlich, für die meisten Europäer ein Gedanke, bis sie diese Heimat verlassen. Bis sie sich tatsächlich auf einem anderen Kontinent befinden und die Heimat, die wie-auch-immer-riechende-schmeckende-geartete so weit weg erscheint, dass sie in den eigenen Augen wächst. „Ich bin Europäer“ sagt man eher in Afrika oder Südamerika, als wenn man sich hier befindet.

Die Erwartungshaltung, die in der Begriffsbezeichnung mitunter steckt, kann auch als emotional-erpresserischer Anspruch, übergriffige Fremddefinition und erzwungene Vergemeinschaftung aufgefasst werden. Wie Pubertierende, die gegen alles kämpfen müssen, was das Elternhaus ihnen vorlebt, um sich selbst zu spüren, halten große Teile aller Europäer – beängstigenderweise in zunehmenden Zahlen – an dem fest, das dem Gefühl der europäischen Heimat widerspricht: an regionalen Traditionen, nationalen Identitäten und jeder einzelnen noch real oder im Kopf existierenden Grenze. Europäische Einigkeit wird immer mehr zum Schimpfwort, lange bevor sie zur Farce verkommen kann. Man sucht nach Erklärungen für diese Entwicklung, sammelt sie mit Strichlisten und in klugen Essays und findet sich in der Verzweiflung wieder.

In diesen Zeiten wird die Heimat für so viele zu einer, die gegen andere Heimaten kämpft, eine, die nicht betreten werden darf von Fremden. Meins, schreien die Menschen, als würden sie im Sandkasten sitzen. Und sie wünschen sich eine Mauer um diesen. Heimat wird zum Kampfbegriff, zu einer dunklen Stimmung, zu einer gegen andere gerichteten Kraft. Sie hat alles Kindliche, das Gefühl der Unschuld, ihre Farben verloren. Schwarz-Weiß. Grau.

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25 Kommentare

  1. Avatar  Carl mit Zeh

    „Wir sind jetzt alle Europäer, und diejenigen, die sich lieber als Deutsche, Ungarn, Italiener bezeichnen, spüren, sie müssten, aber erspüren nicht dieses Gefühl: Das Europäische. Sie müssten Europäer sein. Erspüren es nicht, weil die Verbindung zwischen Kroatien und Frankreich eine wirtschaftliche, eine politische, eine rationale, eine geschichtsbewusste und zukunftsorientierte ist, aber keine emotionale. Europa als Heimat ist, seien wir mal ehrlich, für die meisten Europäer ein Gedanke, bis sie diese Heimat verlassen.“

    Wenn ich ehrlich sein darf, halte ich den Heimatbegriff nicht für ein Ersatzgut auf horizontaler Ebene. Als Deutscher bin ich natürlich Europäer, so wie ich als Rostocker Mecklenburger bin und damit Deutscher. Gewiss ist damit auch ein Gefühl bzw. mehrere verbunden, aber kann man das nicht einfach etwas lockerer und weniger verkrampft handhaben? Ist ja schon schlimm genug, was man auf Pegida-Veranstaltungen („Mimimi, ich darf dies und jenes nicht sagen, aber sage es ungefragt täglich (und noch nie hinderte mich jemand dran)“) zu hören bekommt? Der entspannte, nicht übertrieben kitschige Umgang ist dann etwas, was ich in unseren Gefilden sehr schätze und ja, auch deshalb sehr froh über meine Heimat bin. Woanders möchte ich nicht leben.

  2. Avatar  Schnurre64

    Eine umfassende Begriffsbeschreibung lautet:
    Heimat definiert einen symbolischen Ortsbezug.

  3. Avatar  survivre

    viele schöne worte. am ende bleibt es propaganda.

  4. Avatar  nordic82

    Heimat ist Tradition. Heimat ist Goßeltern. Heimat ist Ahnen. Heimat wird vererbt. Heimat sind Geschichten. Heimat ist für viele Haus und Hof. Heimat ist Vertrautes. Heimat sind Beziehungen. Heimat ist Metalität. Heimat sind Gesetze. Und ja Heimat kann verortet werden und zwar auch physisch. Heimat ist eben auf gar keinen Fall nur Gefühl. Alles nicht Physische hängt mit einem oder mehreren Orten zusammen und umgekehrt. Heimat ohne physischen Ort(e) gibt es nicht. Sie ist sowohl als auch und verschwindet das eine so auch irgendwann das andere. Die Manifestation dieser Dialektik sind die Vertriebenensteine als Manifestes und die Verbände als Geistiges. Und die Zeit spielt den Totengräber.

  5. Avatar  Tetesept

    Inhaltlich ein mMn interessanter und gut geschriebener Artikel, der ein schwer zu beschreibendes Gefühl recht gut wiedergibt.
    Allerdings empfand ich den Satzbau, insbesondere den inflationären Gebrauch von Nebensätzen, als sehr anstrengend zu lesen.

  6. Avatar  Florian Meyer

    Vom Flüchtling und KZ-Überlebenden Jean Amery stammt die Einsicht: „Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben.“ Selbst einige Linke wie Sarah Wagenknecht oder Jakob Augstein haben das mittlerweile erkannt. So bekannte Augstein unlängst: „Heimat ist ein Menschenrecht“. Die Linke, so Augstein, wolle sich nicht eingestehen, daß gerade für die Geringverdiener, ihr Klientel also, die Migranten Konkurrenten nicht nur um Wohnraum und Arbeitsplätze, sondern auch im Lebensstil sind. Und Augstein formulierte die für einen Linken bemerkenswerte Forderung, daß nicht nur soziale Gerechtigkeit gegen das Kapital, sondern auch Identität „gegen Migration“ errungen werden müsse (SPON vom 30.03.2017). Er hat Recht.

  7. Avatar  Freundschafter

    Menschen die keine Heimat haben, tun mir Leid. Menschen die versuchen mir einzureden was meine Heimat zu sein hat, sind meistens Menschen die selber keine Heimat haben.

  8. Avatar  Marie Noelle Chan hin

    Li Bai definierte 200 vor Christi was Heimat ist und zwar durch ein sehr kurzes Gedicht. Heimat hat man im Herzen.
    Was Europa anbelangt, Sind wir mehr Europaer als wir denken. Es ist nicht nur die Wirtschaft.
    Zum Beispiel
    Jetzt spurt jeder Brite, der in Berlin lebt wie er ein Stueck Europa I’m Herzen hat, da er bald nicht mehr dazu gehoert.
    Im Artikel wird eher erzaehlt ueber kleinkarrierte Menschen

  9. Avatar  Eine Revolution ist Mühsam

    Ich bin Internationalist und trotzdem liebe ich meine Heimat. Ich denke was viele am Multikulturalismus nicht verstehen ist, dass es nicht der Versuch ist eine Super-Kultur zu schaffen ist, sondern ein Versuch der koexistenz verschiedener Kulturen. Es macht mich nur traurig wenn meine Heimat, von „heimatliebenden“ Politikern mit Turbokapitalismus kaputtgemacht wird. Nicht die Muslime sind am Milchbauernsterben schuld!

  10. Avatar  quengo

    Bin Bayer und lebe seit langem in Südamerika, doch meìne Heimat ìst der Planet Terra auf dem ich mich überall zuhaus fühle – und fremd!

 

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