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Das finnische Geheimnis

 

Das Beharren auf Eigenheit muss nicht zwangsläufig den Willen nach Abspaltung nach sich ziehen. In Finnland kann man sehen, wie Europa funktionieren könnte.

© [M] ZEIT ONLINE – Frantisek Gela/CTK / AP/dpa

Sisu. Das muss man mit scharfem zweitem „s“ aussprechen. Betont auf der ersten Silbe: sisu. Klingt für deutsche Ohren zwar nach „Susi“, ist aber das finnische Geheimnis. Als solches natürlich unübersetzbar. Annäherungen sagen, es heiße Durchhaltekraft, Zähigkeit, eine Art Mut im Ertragen – sozusagen Stapfen durch Kälte und Schnee, bei karger Kost. Darauf ist man hier stolz. Darauf gründet man hier, erzählen mir die Finnen, die mich seit drei Wochen umgeben – ich bin in Helsinki – und blicken heiter-ernst. Eine bedeutende Sache, schließlich, so ein Nationalgefühl.

Und mein Gefühl? Europas Rand. Da stehe ich und schaue. Ja, es gibt Ränder im Westen, hier ist Norden. Es stimmt nicht immer, dass man eine Sache von ihren Rändern her besser versteht, aber manchmal doch. Hier ist es ruhig, kein Finn-xit droht, keine interne Abspaltung. Einer der Züge am Hauptbahnhof fährt nach Petersburg. Russen in den Straßen, im Baustil russische Einflüsse, Birkenwälder, Karelien etc. Europa, wo es halb ins Nordmeer stürzt: riesig, aber kaum besiedelt, fünfeinhalb Millionen Menschen konzentriert auf Helsinki. Ein kleiner Flughafen – fast so klein wie Tegel.

In Tampere wird die erste Straßenbahn gebaut. Die U-Bahn der Hauptstadt besteht aus einer Linie, die man immer geradeaus rauf und runter fahren kann. Alles ist teuer, vieles importiert. Mülltrennung ja, aber mäßig, nicht in dem Haus, in dem ich wohne. Biokost vereinzelt, Preise astronomisch. Exotische Früchte im Supermarkt erst seit zehn Jahren, das Angebot klein, das System denkbar kompliziert und veraltet: Alles wird einzeln vom Kunden gewogen, nicht nach Bildchen auf der Waage, sondern nach Nummern, die man sich merken muss. Am Ausgang stehen Spielautomaten, die immer besetzt sind. Man hat Zeit. In London gibt es bekanntlich eine U-Bahn, die auch ziemlich tief unter der Stadt fährt. In London sind die langen Rolltreppen schnell, auf einer Seite wird gestanden, auf der anderen gegangen, und immer ist die Gehseite, Mensch um Mensch, in dichter Bewegung. In Helsinki ist die U-Bahn ebenfalls tief, schließlich liegt die Stadt am Meer – und alles steht rechts und steht – und ich bin die Einzige, die weniger Zeit zu haben scheint und läuft.

Wo bin ich, wenn ich in Europa bin? Seit Jahren gibt es reichlich Anlass, sich dies zu fragen, dieser Tage erneut. Auf der Rolltreppe vor mir steht ein Wikinger mit einem Kumpan. Manchmal höre ich Englisch hier, es ist kaum zu erkennen. Welch Akzent. Als ich im Supermarkt junge Menschen frage (frisch gelerntes Englisch, denke ich), was Hühnchen heißt, wissen sie es nicht. Der Wikinger vor mir folgt einem Modestil, den hier öfter sehe: Tücher und Streifen. Haare unten abrasiert, die oberen Strähnen nach hinten gebündelt zu einem dünnen, geraden Zopf. Ohrringe, Ringe, Jeans. Ja, man ist stolz. Dass man nicht unterging, sich gegen jahrhundertelange Fremdherrschaften die eigene Sprache bewahrte. Sisu. Mehr und mehr Männer heißen nun auch wieder so: Sisu.

Europa und seine Ränder. Betonung der Eigenheit. So, wie man es hier macht, hat es etwas: langsam. Man macht weiter, in Ruhe. Man bewahrt sich die Esstraditionen. Ein Konzert: Es gibt Äpfel an der Kasse, gratis, kleine schrumpelige Bauernäpfel aus einer Holzkiste. Dann Musik. In der Pause werden Rübenbrot, Butter und Kaffee aufgetischt. Kaffee gibt es überall. Er ist dünn, gefiltert. Das finnische Publikum spricht reichlich zu. Diskutiert. Die Sprache isoliert. Die Menschenmenge auch. Die Stadt ist – sehr weiß.

Die Stadt hat Geschichte, aber nur wenig. Das Land besteht aus Granit, überwachsen von Moosen und Beeren. Manche so matschig, dass sie, kaum reif, zu Wasser zerfallen in der Hand. Es regnet und regnet. Die Handelsketten sind globalisiert, das Gleiche wie überall. Dazwischen gibt es Marimekko. Und getrocknetes Roggenbrot. Wie umgehen damit, wer man ist? Überall knackt es, man kaut. Ein Wikinger legt sechs weiße Eier um seinen Frühstücksteller, klopft eines nach anderem auf, beißt zu. Schinken, Kartoffeln. So weiße Eier habe ich zuletzt in meiner Kindheit gesehen.

Ich denke an Deutschland, Deutschland, im Süden. Deutschland, diese von hier aus gesehen komplexe, schnelle Maschine. Das riesige Räderwerk. Diese Masse und Macht. Die so viel Wirklichkeit erzeugt, umsetzt, verteilt. Ich denke an Deutschland und das Jammern. Huh!

Mehr Sisu für Susis, schreibe ich zurück.

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13 Kommentare

  1. Avatar  Müslischüssel

    Ich mag den Schreibstil. Ich meine die Abwechslung von langen und kurzen Sätzen insbesondere. Er passt zum Leben der Finnen. Danke!

  2. Avatar  Rekitsonga

    Gut gebrüllt, Sikasuu (welch schöner Name!).

    Der Artikel bewegt sich wirklich ziemlich an der Oberfläche. Finnland ist ein hochmodernes Land (Selbstabwiegekassen mit Zahlen drauf gibt es übrigens auch in DL jede Menge), trotz – oder gerade wegen – der Gelassenheit und Ruhe seiner Bewohner. Um diese Charakterzüge zu erkennen, muss man aber mit den Menschen reden. Und dann wird man auch die finnische Gesprächskultur schätzen lernen. Hier wird erst gedacht, dann gesprochen. So sind Antwortpausen von 2 Sekunden im ernsthaften Gespräch keine Seltenheit.

    Getrocknetes Roggenbrot? Wohl in keinem anderen Land gibt es eine solche Auswahl an leckeren, kräftigen Brotsorten.

  3. Avatar  Karst

    Ich muss Sikasuu beipflichten – ich hab gespannt den Artikel angeklickt und war dann am Ende ziemlich enttäuscht.

    Ich weiß nicht, in welchem Supermarkt Sie waren, aber mit Sicherheit nicht im durchschnittlichen Supermarkt um die Ecke. Die sind nämlich erheblich besser bestückt als die meisten deutschen Supermärkte. Als ich letztes Jahr mit meiner Frau in Real (!) stand um diverses Grünzeug einzukaufen fanden wir nicht mal die Hälfte der Dinge, die wir gewöhnlich im kleinen Sale/K-Market um die Ecke kaufen. Sie hat mich irritiert gefragt, wie das denn sein kann.

    Ich weiß, wie Sie das mit der Straßenbahn in Tampere meinten, aber es liest sich ja fast so, als würde dort gerade die erste Straßenbahn in Finnland gebaut. Das ist nicht richtig, denn in der Hauptstadtregion fährt HSL eine ganze Batterie an Linien (das ist im Übrigen die Verkehrsgesellschaft, die Jahr um Jahr die Kundenzufriedenheitsrankings in der EU anführt) und das für wenig Geld.

    Generell liest sich der Text ein bisschen wie ein Bericht aus einem Land voller Hinterwäldler. Finnland ist ein Hochtechnologieland. Es hat eine öffentliche Verwaltung, die man sich in Deutschland nicht mal im Traum ausmalen kann. Jedes mal wenn ich in Deutschland Papierkram erledigen muss, fühle ich mich um zwei Generationen zurückgeworfen. Auch hier kann meine Frau jedes mal nicht fassen, wie lang Dinge dauern und wie viel Papierkram eingereicht werden muss und nicht online erledigt werden kann.

    Was allerdings stimmt, ist dass Deutschland von hier aus wie eine komplexe Maschine aussieht. Aber schnell? Eher nicht. Es gibt das Klischee des effizienten Deutschland natürlich auch hier. Aber sobald die finnischen Touristen einmal an besagten Berlin-Tegel oder mit der Deutschen Bahn unterwegs waren verpufft die Vorstellung sehr schnell. Helsinki-Vantaa mag kleiner sein als Tegel oder Düsseldorf, aber der Service, die Geschwindigkeit, die Sauberkeit sind um Welten besser. Gleiches gilt für die staatliche Bahngesellschaft.

    Und noch extra für die anderen Kommentatoren: die Wahren Finnen waren bei der letzten Wahl erfolgreich und sind dann völlig abgeschmiert, weil das wilde Gekeife, die Pöbelei und die unrealistischen Forderungen mit der Realität kollidiert sind. Das, was nach einer Abspaltung übrig geblieben ist, steht irgendwo zwischen AfD und CSU und hat keinerlei Chancen mehr auf eine Regierungsbeteiligung in der Zukunft. Der Punkt ist: Finnland hat nicht mehr und nicht weniger Probleme mit rechten Spinnern als Deutschland oder England. Und wenn man sich mal die Schwedendemokraten beim großen Nachbarn anguckt sehen die WF fast liberal aus.

    Ich wünsche Ihnen, Frau Draesner, aber noch einen schönen Aufenthalt und kann Ihnen nur empfehlen länger zu bleiben. Das Leben hier ist sehr schön und vorallem: langsamer (in gutem Sinne) und weniger stressig. Es gibt jenseits von Helsinki soviel schöne Orte, die Liste die ich machen könnte wäre endlos.

 

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